Friederike Fischer

Endlich Frühling Teil 5

Kapitel 8
 
Ryan schien meine Mutter zu mögen, denn sie unterhielten sich und lachten viel, während wir in der Küche am Tisch saßen. Doch würde er sie auch noch mögen, wenn ich ihm von der geplatzten Urlaubsplanung erzählt hatte?
Nachdem wir unsere Teller geleert und noch etwa eine halbe Stunde geredet hatten, wollte ich Ryan wieder nur für mich haben, schließlich blieb uns nicht mehr viel Zeit. Ich stand auf, nahm meinen Teller, stellte ihn in die Spüle und bemerkte, dass Ryan mein Zeichen glücklicherweise verstanden hatte, ebenfalls seinen Teller vom Tisch nahm und sich bei meiner Mutter für das Essen bedankte.
Ich musste es ihm jetzt sagen, es wäre nicht fair ihn länger in dem Glauben zu lassen, dass wir uns bald wiedersehen würden.
Wir gingen wieder zurück nach oben und ließen uns rücklings nebeneinander aufs Bett fallen.
„Ich mag deine Mutter, sie ist sehr nett.“
Ich schluckte. „Ja, aber“
„Nichts aber. Solange sie uns nicht wieder stört, werde ich meine Meinung nicht ändern.“
Er beugte sich nun über mich und küsste mich, mit dem Effekt, dass ich die Kontrolle über meinen Körper und meine Gedanken verlor. Nein! Das geht nicht! Ich muss es ihm sagen! Doch Ryan schien in nächster Zeit nicht von mir ablassen zu wollen. Sein Kuss dauerte an und ich hatte zu wenig Willenskraft ihn zu beenden. Nur einen Moment noch!, dachte ich, aber als ich erneut seine Hände auf meinem Oberkörper spürte, nahm ich all meinen Mut zusammen und drehte mich zur Seite weg.
„Was ist denn? Was hast du?“, fragte er und sah mich mit einem verständnislosen Blick an. „Hey, nicht doch!“ Er nahm mich in den Arm. Wahrscheinlich hatte er bemerkt, dass meine Augen glasig geworden waren.
„Ich muss dir was sagen“, schniefte ich.
„So schlimm?“
Ich nickte.
„Du magst mich nicht mehr?“
„Nein, das ist es nicht. Ich liebe dich!“
„Wirklich?“ Er hob meinen Kopf an, sodass sich unsere Blicke trafen und schenkte mir ein strahlendes Lächeln.
„Dann kann es aber nicht so schlimm sein, denn ich liebe dich doch auch!“
Er machte es mir wirklich nicht besonders leicht und ich wurde zunehmend unsicherer. Doch es führte kein Weg daran vorbei, er musste es erfahren und zwar genau in diesem Augenblick!
„Es tut mir Leid“, begann ich, „aber ich darf in den Ferien nicht zu dir fahren.“
„Aber wieso nicht?“
„Meine Mutter versteht nicht, dass wir so aneinander hängen, wie auch?!“
„Weißt du was, Dan?“
Ängstlich sah ich ihn an und zuckte zusammen als er seine Hand hob. Doch er strich mir nur über die Wange und fuhr mir dann, wie schon vor dem Essen, mit den Fingern durch die Haare. Ich liebte diese Geste, sie beruhigte mich, ließ mein Herz jedoch schneller schlagen.
„Jetzt liebe ich dich nur noch mehr.“
Wie bitte?
„Dachtest du, dass sich meine Gefühle ändern, nur weil wir uns vielleicht ein paar Monate nicht sehen? Warst du deshalb so aufgelöst?“
„Ich wusste nicht wie du reagieren wirst.“
„Und? War meine Reaktion zufriedenstellend?“
Ich nickte glücklich und lehnt mich an seine Schulter.
„Na siehst du, dann sind wir jetzt quitt.“
„Quitt?“
„Ja. Wir haben uns beide unnötig Sorgen gemacht wie der Andere auf eine Beichte reagieren könnte."
„Stimmt.“
So hatte Ryan sich also gefühlt. Tatsächlich kam mir meine Sorge im Nachhinein auch überflüssig vor.
„Also, wenn das alles war, darf ich dich dann jetzt küssen?“
„Nein.“
„Wie nein?“ Er hatte sich schon vorgebeugt und sah mich jetzt entsetzt an.
„Dieses Mal küsse ich dich!“
„Na warte!“
Schnell sprang ich auf und lief zur anderen Seite des Zimmers, bevor er mich festhalten konnte. Getrennt durch das Bett sahen wir einander grinsend an, dann kam Ryan um das Bett gelaufen, aber ich wich erneut aus, diesmal über das Bett. Er lief mir hinterher und so dauerte diese Verfolgungsjagd eine Weile an, bis Ryan mich schließlich doch noch fing. Lachend lagen wir auf dem Bett, Ryan hielt mich mit seinem Körper auf der Matratze und endlich küsste ich ihn. Nichts hätte mich in dem Moment von ihm trennen können, das wusste er auch und doch zog er mich noch dichter an sich. Da ich jedoch nie nahe genug bei ihm sein konnte, schlang ich meine Arme um ihn und versank gänzlich in den leidenschaftlichen Abendstunden dieses Tages, die für uns vorerst die letzten sein würden.
Noch lange nachdem sich die Straßenlaternen draußen angeschaltet hatten und es in meinem Zimmer schon Nacht geworden war, lagen wir im Bett dicht aneinander gekuschelt, Hand in Hand und mochten weder die Augen öffnen, noch sprechen, aus Angst diesen Traum verlassen zu müssen. Wir lagen nur da und genossen die Dunkelheit, die es einfacher machte sich auf das Gefühl, nicht auf die Umgebung zu konzentrieren. Den Augenblick des Abschieds wollten wir so lange wie möglich hinauszögern. Wahrscheinlich konnte sich Ryan ebenso wenig vorstellen, dass wir bald für lange Zeit getrennt sein würden, wie ich. Er wandte mir sein Gesicht zu und ich konnte darin eindeutig diese Traurigkeit und Verzweiflung sehen, die auch mich beschäftigte. Es war einfach nicht fair! Wieso musste Ryan ausgerechnet jetzt wieder umziehen? Ja, genau! Wieso musste er mit seinen Eltern zurück nach England? Er war doch 20 Jahre alt, seine Eltern konnten nicht mehr verlangen, dass er bei ihnen wohnt. Warum also fuhr er mit? Eine Weile rätselte ich, ohne zu einer möglichen Antwort zu kommen und dann brach ich schließlich das Schweigen zwischen uns.
„Warum fährst du mit deinen Eltern nach England? Du bist doch längst volljährig!“
„Wenn das so einfach wäre! Ich würde niemals umziehen, wenn es sich verhindern ließe!“
Er seufzte und zeichnete mit den Fingern mein Schlüsselbein nach, als wollte er von seinem plötzlich aufgetretenen Zorn ablenken und sich beruhigen. Wenn ja, schien es zu funktionieren, denn als er wieder sprach war seine Stimme viel sanfter.
„Meine Eltern bezahlen mein Studium, und wenn ich in Deutschland bleiben würde, müsste ich alles selbst finanzieren. Sie wollen mich bei sich haben und nutzen es aus, dass ich mein Studium auf keinen Fall abbrechen will.“
„Aber das ist Erpressung! Wollen deine Eltern denn nicht, dass du glücklich bist?“
„Sie denken, dass ich in England glücklicher wäre.“
„Und, dass du hier bleiben willst interessiert sie überhaupt nicht?“
„Nein.“
Unglaublich! Diese Verständnislosigkeit kam mir sehr bekannt vor, aber meine Eltern haben mich immerhin nicht zu etwas gezwungen, das ich nicht wollte. Sie haben mir nur etwas verboten, das ich wollte und das war mir schon genug!
„Sie wissen ja nichts von dir“, fügte er hinzu und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
„Kommt mir bekannt vor.“ Aha! Er hatte ihnen also nichts gesagt.
Wieder lagen wir eine Weile still nebeneinander, bis dann doch der Moment gekommen war, den wir die ganze Zeit vor uns her geschoben hatten.
„Ich muss los.“
„Ich weiß“, sagte ich und seufzte laut.
Er stand auf, suchte seine Kleidungsstücke zusammen und zog sich wieder an. Ich beobachtete ihn vom Bett aus und versuchte jede seiner Bewegungen zu speichern, um sie später, wenn ich wieder alleine war, erneut verfolgen zu können. Doch für diese lange Zeit, in der ich Ryan nicht sehen würde, hätte ich viel mehr Erinnerungen sammeln müssen, um nicht vollkommen zu verzweifeln und ihn nicht allzu sehr zu vermissen. Wie viel hatte ich denn schon gesammelt! Höchstens genug für eine Woche! Lange nicht so viel, wie ich für ein paar Monate benötigen würde!
„Willst du da liegen bleiben?“, fragte er, als er sich gerade das T-Shirt und danach den Pullover über den Kopf zog.
„Ja. Bis du wieder zu mir kommst.“
„Das geht nicht. Es ist jetzt schon zu spät.“
Ich sah ihn mit einem aufgesetzten Schmollmund an und klopfte mit der Hand neben mich auf die Matzratze.
„Ich hab wirklich keine Zeit.“ Doch dann lächelte er mich an. „Wenn du jetzt aufstehst, bekommst du noch einen Kuss.“
„Na gut. Aber den Kuss hätte ich auch so bekommen.“
„Wenn du meinst.“
Er setzte sich aufs Bett und beugte sich zu mir hinunter, um mich zu küssen. Doch wie es zu erwarten war, wollte ich mich nicht mit diesem Kuss zufrieden geben. Ich wollte ihn ein letztes Mal neben mir liegen haben, also legte ich meine Hände in seinen Nacken und zog ihn zu mir nach unten. Er wehrte sich nicht gegen meine Umarmung, im Gegenteil. Er küsste nun auch noch meinen Hals und Oberkörper, wie er es schon während unserer ersten Nacht getan hatte. Dann gab er mir noch einen langen Kuss auf den Mund.
„So, jetzt ziehst du dich aber an. Das war sogar mehr als ich dir versprochen hatte.“
„Ok“, sagte ich grinsend und stieg aus dem Bett.
Nachdem wir nun beide angezogen waren, verließen wir mein Zimmer und gingen hinunter, wo Ryan sich seine Jacke und Schuhe anzog.
„Wie kommst du nach Hause?“, fragte ich als er die Haustür öffnete.
„Mit dem Taxi. Ich hab es heute morgen schon bestellt.“
Deshalb hatte er es auf einmal so eilig gehabt.
„Es müsste bald da sein.“
„Wann hast du deine ersten Semesterferien?“
„Im Februar.“
„Das ist zu lange! Ich vermisse dich jetzt schon!“
Betrübt stellte ich fest, dass bis dahin noch gut zwei Monate waren. In der Zwischenzeit hatte ich nur einmal eine längere Zeit schulfrei und das waren die Weihnachtsferien. Das bedeutete, dass wir uns erst in zwei bis drei Monaten wiedersehen würden.
„Ich dich auch, aber es geht nun mal nicht anders!“
Ich ging auf ihn zu, legte meine Hände auf seine Schultern und gab ihm einen Kuss, der für knapp ein viertel Jahr halten musste, damit es einigermaßen erträglich sein würde Ryan nicht jeden Tag zu sehen. Es war in dem Moment egal, ob uns meine Eltern oder irgendjemand sonst sah, einfach egal. Stirn an Stirn gelehnt standen wir vor der Haustür und Ryan strich mir ein letztes Mal durch die Haare.
„Ich liebe dich!“, flüsterte er. „Mehr als alles Andere!“
„Ich liebe dich auch!“ Tränen stiegen mir in die Augen und Ryan nahm mich in den Arm, als auch schon das Taxi kam und vor der Einfahrt hielt.
„Hey, du steckst mich noch an“, sagte er und schenkte mir ein schwaches Lächeln. „Pass auf dich auf!“
„Du auch!“, schluchzte ich.
Dann ließ er mich los, ging zum Taxi und öffnete die Tür. Bevor er einstieg, warf er mir noch eine Kusshand zu und deutete auf seine Jackentasche. Wie konnte er mir immer wieder etwas zustecken, ohne dass ich es bemerkte? Ich steckte meine Hand in die Tasche und fand tatsächlich wieder einen gefalteten Zettel darin. Als ich wieder aufsah, hatte Ryan die Wagentür bereits zugezogen und das Taxi fuhr gerade an. Er winkte mir aus dem Fenster zu, ich winkte zurück und sah noch lange danach in die Richtung, in der das Taxi verschwunden war.
Schließlich ging ich wieder ins Haus, zog Jacke und Schuhe aus, stieg die Treppe hinauf, öffnete meine Zimmertür, warf mich aufs Bett, entfaltete den kleinen Zettel und fing augenblicklich an zu weinen. Jetzt war es endgültig! Ryan zog zurück nach England und hatte mir nur einen Zettel mit seiner neuen Anschrift, Telefonnummer und E-Mail-Adresse dagelassen. Doch da stand noch etwas auf dem Zettel:
„Ich liebe dich!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.07.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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