Friederike Fischer

After eight

 
Gefrustet und zugegebener Maßen etwas angetrunken schlenderte ich durch die Stadt. Mein Kopf fühlte sich an, als hätte jemand darauf eingeschlagen. Aber genau das war ja auch der Fall. Dieser Typ in der Bar war scheinbar ohne Grund auf mich losgegangen, hatte mich in eine Ecke gedrängt und für mich hatte es nicht die geringste Chance gegeben seinen Schlägen zu entgehen. Später sagte er, er habe mich verwechselt. Dafür konnte ich mir auch nichts kaufen, oder?
Jetzt lief ich alleine, mit einem pochenden Kopf und mit durch den Zigarettenqualm verätzten Atemwegen um drei Uhr nachts nach Hause. Meine Eltern würden begeistert sein, aber das war mir egal. Ich war immerhin 18 und hatte genug andere Probleme. Na ja, das war vielleicht etwas übertrieben, aber ein großes Problem hatte ich trotzdem: vor zwei Wochen hatte ich mich von meinem Freund getrennt. Von Treue in einer Beziehung hatte er allem Anschein nach noch nicht sonderlich viel gehört und mit jeder weiblichen Person geschlafen, die ihm über den Weg gelaufen war. Wahrscheinlich waren es nicht einmal nur Frauen gewesen.
Mit der Trennung kam er jedoch weniger zurecht als ich.
„Liebe dich doch, Sandy!“, sagte er immer und immer wieder.
„Das hättest du dir überlegen müssen, bevor du mich weiß was ich wie oft betrogen hast!“
Je öfter ich ihm das sagte, desto weniger wollte er es akzeptieren. Nicht selten wartete er nach der Schule auf mich, entschuldigte sich mit den üblichen Geschenkchen und wollte einfach nicht verstehen, dass ich ihm seine Untreue nicht vergeben und nie wieder eine Beziehung mit ihm führen würde. Seit einer Woche hatte ich ihn nun nicht mehr gesehen und hoffte, dass er es endlich verstanden hatte und mich wieder mir selbst überlassen würde.
Heute Abend war ich in die Bar gegangen, weil ich gehofft hatte einen netten, süßen Jungen kennenzulernen, der sich mit einer Freundin begnügen könnte. Aber wahrscheinlich war ich das einzige Exemplar auf diesem Planeten und dachte viel zu romantisch. Ich hatte nie das Bedürfnis mit jemandem zu schlafen, den ich nicht liebte.
Wenigstens hatte ich eine Weile keine Schule, denn die Sommerferien hatten gerade erst begonnen. Der Schulstress wäre wohl nur noch der berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hätte.
Die Innenstadt hatte ich längst hinter mir gelassen und lief nun durch eine ruhige Wohngegend. Um zehn Uhr gingen hier spätestens überall die Lichter aus. Nur die Straßenlaternen und der Vollmond beleuchteten meinen Weg, doch das störte mich nicht. Im Gegenteil: in der Dunkelheit fühlte ich mich unbeobachteter, es war still und die Luft war klar. In dieser Nacht war es jedoch sehr kühl und nachdem es auch noch anfing zu regnen und der Wind scharf über meine Haut strich, dauerte es nicht sehr lange bis ich am ganzen Körper zitterte.
„Hey, du!“
Erschrocken drehte ich mich um. Hinter mir, im Lichtschein einer Laterne, stand ein Junge, etwa in meinem Alter, mit dunkelblonden Haaren, so weit ich das bei der Nässe beurteilen konnte.
„Warum läufst du so schnell, da kommt man ja kaum hinterher.“
„Keiner zwingt dich mir hinterher zu laufen. Mir ist kalt“, sagte ich genervt, doch das schien ihn keineswegs zu beeindrucken.
„Das sieht man. Komm mal her.“
Ich weiß nicht warum, aber ich tat, was er mir sagte. Er zog seine Jacke aus und legte sie mir um die Schultern.
„Danke, aber jetzt frierst du doch.“ Verwirrt sah ich ihn an. So etwas gibt es doch nicht!
„Ich kann mit Kälte gut umgehen und du zitterst wie Espenlaub.“
Er machte zögernd einen Schritt auf mich zu und nahm mich in den Arm. Sein T-Shirt roch leicht nach Rauch, offensichtlich kam auch er von einer Party, und sein Körper war tatsächlich ganz warm. Seine Hände strichen über meinen Rücken, um mich zu wärmen, doch meine Gänsehaut wurde dadurch noch stärker. Warum war er mir gefolgt, fragte ich mich, während die Hände meines Gegenübers auf meinen Hüften zur Ruhe kamen, sein Gesicht sich meinem näherte und seine Lippen sanft meine berührten.
Sehr zaghaft und scheu war dieser erste Kuss im Regen. Von Kälte war nicht mehr die Rede, denn das schnelle Schlagen meines Herzens verteilte genug warmes Blut in meinem Körper, um diese zu vertreiben. Aus der vorsichtigen Berührung zwischen zwei Fremden, wurde daher auch schon bald mehr. Ein Versprechen, dass wir nie laut aussprachen, aber wussten, dass es da war. Ein Versprechen zwischen zwei Liebenden, die einander fanden, als niemand damit rechnete. Zusammengeführt durch das Wohlwollen des Schicksals und vielleicht durch eine winzige Zugabe von Glück.
„Du schmeckst nach After eight“, sagte ich lächelnd, während ich in das Gesicht des Menschen sah, dem ich bis an mein Lebensende sagen würde: „Ich liebe dich!“
 

Ich gebe zu, dass der Inhalt dieser Kurzgeschichte sehr unrealistisch ist, und dass das wahre Leben wahrscheinlich ganz anders aussieht. Aber warum soll man sich immer an das Realistische, Wahrscheinliche halten? Träume und Wünsche machen das Leben doch erst lebenswert und sollten, wenn sie schon nicht wahr werden können, wenigstens in irgendeiner Art und Weise erhalten bleiben. Das Geschichtenschreiben ist nur eine von vielen Möglichkeiten und ich hoffe, dass einige meine Geschichte lesen und nachvollziehen können warum ich sie geschrieben habe.
Viel Spaß beim Lesen und vielleicht auch beim Schreiben! Alles Liebe!
Friederike Fischer
Friederike Fischer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.07.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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