Friederike Fischer

Endlich Frühling Teil 6

Kapitel 9
 
„ Hey, lächle doch mal wieder. Für mich“, sagte Jerry als wir am nächsten Tag nach der Schule auf dem Weg zu ihm waren. Ich wollte zu Hause nicht alleine sein. Meine Eltern arbeiteten heute beide bis abends, also hatte ich Jerry gefragt, ob ich nicht mit zu ihm kommen könnte. Er hatte nichts dagegen und so liefen wir nun schweigend nebeneinander her. Na ja, ich schwieg und Jerry unternahm einige erfolglose Versuche mich aufzumuntern, so wie diesen.
„Mir ist einfach nicht danach. Das wäre nur ein unechtes Lächeln.“
„Auch gut, aber mach oder sag etwas. Irgendwas!“, flehte er.
Ich überlegte kurz, doch mir fiel nicht ein, was ich Jerry sagen könnte. Was konnte ich ihm schon Neues berichten? Er wusste ja alles und meine Gefühle kannte er wahrscheinlich auch viel besser als ich selber. Aber Moment! Hatte Jerry irgendwann einmal jemanden so sehr geliebt, dass er diese Person immer neben sich wissen wollte? War ihm dieses Gefühl nicht vollkommen fremd?
„Daaaan?“
„Ja?“ Überrascht sah ich auf.
„Wir sind da. Willst du nicht reinkommen?“
Jerry stand im Flur seines Hauses und wartete, die Türklinke in der Hand, darauf, dass ich eintrat. Ohne etwas zu sagen ging ich an ihm vorbei ins Haus, doch ich schaffte es ein kleines Lächeln hervorzubringen.
„Na siehst du!“, rief Jerry strahlend und klopfte mir etwas zu stark auf die Schulter.
„Okay, ist ja gut“, sagte ich keuchend, doch Jerry war bereits singend in der Küche verschwunden.
„Was willst du trinken?“
„Wodka?“, sagte ich und wartete ab, was nun geschehen würde. Tatsächlich erschien Jerrys Kopf kurz darauf in der Küchentür. Er sah mich verdutzt an und schien nicht recht zu wissen, was er darauf entgegnen sollte.
„Jerry, das war ein Scherz.“
„Na... gut. Uns was willst du wirklich trinken?“
„Einen Kaffee, bitte.“
„Kommt sofort.“ Und schon war er wieder aus meinem Blickfeld verschwunden. Da hatte ich dem Guten anscheinend einen großen Schreck eingejagt.
Wenige Minuten später saßen wir im Wohnzimmer auf dem Sofa. Auf DEM Sofa! Ich vermisste eindeutig eine gewisse Person neben mir. Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, sprach Jerry auf einmal genau dieses Thema an.
„Wie überstehst du die Zeit ohne Ryan?“
„Muss ja.“
„Du schaffst das schon. Es  ging ja vorher auch.“
„Ja, aber seit ich Ryan kenne, möchte ich nicht mehr so leben wie vorher.“ Es war mir ja schon vorher klar, dass Jerry dieses Gefühl nicht nachvollziehen konnte, aber es jetzt auch noch so direkt aus seinem Mund zu hören, war doch ein bisschen schockierend für mich.
„Du siehst ihn doch wieder.“
„Ja“, schnaufte ich. „Aber wann? Jerry darf ich dir mal eine Frage stellen?“
„Klar.“
„Warst du schon einmal richtig verliebt?“
Verwirrt sah er mich einen Augenblick an und rang sich dann doch zu einer Antwort durch.
„Ja, ich denke schon.“
„Auch so sehr, dass du keine Sekunde ohne sie sein wolltest?“
„Ja“, sagte er und senkte seinen Blick. Zuerst huschte ein belustigtes Lächeln über sein Gesicht, dann schlug es genau ins Gegenteil um. Woher kam jetzt diese Traurigkeit? Hatte ich ihn an etwas erinnert, das er bis zu diesem Zeitpunkt verdrängt hatte? Aber dann musste er mich doch eigentlich verstehen.
„Jerry, habe ich etwas Falsches gesagt?“
„Nein, aber ich weiß worauf du hinaus willst.“
„Nämlich auf was?“
„Du bist der Meinung, dass ich dich in dem Fall verstehen müsste, nicht wahr? Und Dan, das kann ich auch, aber...“ Wieder zeigte sein Gesicht einen Wandel von Gefühlen, als kämpfte in ihm die Traurigkeit gegen Belustigung oder was auch immer das Lächeln ausdrückte. Vollkommen hilflos saß ich neben ihm, ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich tun sollte. Irgendetwas, das mir früher nie aufgefallen war, löste in Jerry ein unglaubliches Unbehagen aus.
„Was ist denn los mit dir?“, fragte ich, doch im selben Moment war mir bewusst, dass ich keine Antwort erhalten würde. Jerry war viel zu verschlossen, als dass er mir von seinem Inneren berichtet hätte.
„Hey.“ Ich stupste ihn leicht an, schenkte ihm ein Lächeln und hoffte, dass ich ihn dadurch wieder aus seinen Gedanken und zurück in die Gegenwart holen konnte. Tatsächlich schien es irgendeine Wirkung zu haben, denn seine Augen fanden ihren Glanz wieder und auch seine Gesichtszüge entspannten sich. Was auch immer da gerade ans Tageslicht gelangt war, Jerry hatte es nun wieder unter Kontrolle.
„Ich verstehe dich schon, Dan, aber denk daran, dass du auf jeden Fall jemanden hast, den du wiedersehen wirst und der dich auch wiedersehen möchte. Das ist sehr viel wert.“
„Ich weiß, aber ich fühle mich einfach nicht vollständig ohne Ryan. Es ist wie man sagt: mir fehlt die bessere Hälfte.“
„Natürlich, aber ich sag´s dir noch mal: du wirst ihn wiedersehen, denn er liebt dich wirklich, Dan. Das weiß ich ganz genau.“
„Danke Jerry.“ Zufrieden lehnte ich mich zurück. Er hatte Recht! Er hatte vollkommen Recht! Ich würde Ryan wiedersehen! Der Gedanke verbreitete eine angenehme Wärme in meinem Körper, doch kurz darauf wurde die friedliche Stimmung durch das Knurren meines Magens gestört. Ich hatte nach der Schule noch nichts gegessen.
„Oh Gott! Sorry Dan, ich habe total vergessen das Essen zu machen.“
„Du willst kochen?“ Ich setzte eine gespielt angeekelte Mine auf und spürte sofort den Schlag gegen meine Rippen, zu dem Jerry augenblicklich ausgeholt hatte.
„Du hast gewonnen, ich gebe auf. Ich weiß doch, dass du ein klasse Koch bist.“ Das war keinesfalls gelogen, Jerry zauberte die unglaublichsten Dinge auf den Tisch. Da seine Eltern jeden Tag erst spät nach Hause kamen, hatte er lernen müssen sich sein Mittagsessen selbst zuzubereiten. Mit Erfolg!
„Was gibt´s denn?“ Lechzend und wirklich sehr sehr hungrig folgte ich Jerry in die Küche, wobei ich ihm beinahe in die Hacken getreten wäre.
„Hey! Du darfst den Sicherheitsabstand gerne einhalten.“ Er hielt mir das Kochbuch vor die Augen und deutete auf ein Bild. Der Titel der Seite lautete: ‚Hühnerbrustfilet in Erdnusssoße‘.
„Wow, heute mal asiatische Küche!“ Ich las mir das Rezept durch und stellte entsetzt fest, dass das Huhn eine Stunde vorgekocht werden musste und dann noch das Fleisch von Knochen und Knorpel zu befreien war. Das würde sicherlich eine Ewigkeit dauern.
„Dan, kannst du das Gemüse schneiden? Dann kann ich schon mal die Soße anrühren.“
„Ja, mach ich, aber was ist mit dem Huhn?“
„Das ist schon fertig.“ Er öffnete den Kühlschrank und hervor kam ein mit kleinen Hühnerstückchen gefüllter Teller. Erleichtert atmete ich aus. Der Rest dürfte nicht mehr allzu lange dauern.
Eine halbe Stunde später nahm Jerry die fertige Pfanne von der Herdplatte und stellte den Abzug aus. Endlich!, dachte ich, denn dieses laute Pusten war mir allmählich auf die Nerven gegangen. Die nun eingetretene Stille war mir hundertmal lieber. Jerry nahm zwei Teller und Besteck aus dem Schrank und wir füllten uns beide einen großen Berg von diesem köstlich duftenden Mahl auf.
„Was würde ich nur ohne dich machen?“, fragte ich.
„Verhungern und immer noch Trübsal blasend in deinem Zimmer hocken.“
„So deutlich wollte ich das gar nicht wissen.“
„Dann habe ich deine Erwartung also übertroffen?“
„Nein, so habe ich das nicht... ach, ich geb´s auf mit dir. Du bist ein Quatschkopf ohne Aussicht auf baldige Genesung, der mir immerzu das Wort im Mund umdrehen muss.“
„Oh, danke vielmals.“
„Gerne.“
Nach dieser überaus wertvollen Unterhaltung stürzten wir uns geradezu auf das Essen. Es war köstlich und ich konnte mich gerade noch davon abhalten ein drittes Mal nachzunehmen.
„Morgen stehe ich dann wieder vor der Tür und bestehe auf mein Mittagessen.“
„Wenn es dich glücklich macht.“
Verwirrt sah ich Jerry an und suchte in seinem Gesicht nach Hinweisen darauf, dass das eben Gesagte nur ein Scherz war. Doch auch beim genaueren Hinsehen war nichts zu erkennen. Auf eine weitere Nachfrage von meiner Seite verabredeten wir uns tatsächlich für den nächsten Tag und mir lief bei dem Gedanken, was mich Morgen erwarten könnte, schon das Wasser im Mund zusammen.
„Und was gibt es dann morgen?“
„Hmm, mal sehen. Wie wär´s mit Tiefkühlpizza?“
Ich zog eine Augenbraue hoch und sah Jerry finster von der Seite an.
„Ich sehe schon. Du willst ein Fünf-Sterne-Menü.“
„Schon eher“, sagte ich nickend.
„Also schön, ich werde mir etwas einfallen lassen. Wie immer.“
Das tat er dann auch und ich war mit dem Ergebnis höchst zufrieden, denn am nächsten Tag sagte mir ein Blick auf das aufgeschlagene Kochbuch, dass es heute Kartoffelgratin mit frischem Salat geben sollte. Jerry kannte meine Schwäche für Kartoffeln und Salat und hatte somit genau die richtige Wahl getroffen. Wie schon am Tag zuvor standen wir gemeinsam in der Küche und trafen die letzten Vorbereitungen, bevor wir uns, erneut ausgehungert wie junge Wölfe, das Essen auf die Teller füllten.
„Perfekt!“, lobte ich den Koch. „Waff mafft du morgen?“, fragte ich mit halbvollem Mund. Einen Moment sah mich Jerry wie versteinert an, dann füllten sich seine Augen langsam mit Tränen und schließlich konnte er den Drang nicht länger unterdrücken und fing laut an zu lachen. Dabei unternahm er den nicht sehr sorgfältig überdachten Versuch seine Salatsoße während des Einatmens hinunterzuschlucken, was unweigerlich einen starken Hustenkrampf und Tränenfluss zur Folge hatte. Keuchend saß er mir gegenüber und sah mich mit einem vorwurfsvollen Blick an, was ich jedoch nur mit einem frechen Grinsen kommentierte. Immerhin hatte er sich verschluckt, da er den Unterscheid zwischen Luft- und Speiseröhre offensichtlich nicht ganz verstanden hatte und dafür fühlte ich mich nun wirklich nicht verantwortlich.
„Du bekommst nichts mehr von mir!“
„Aber, aber...“ Ich sah ihn mit großen traurigen Kulleraugen an und war erfreut ein Grinsen auf Jerrys Gesicht zu entdecken. Also morgen auf ein Neues!, dachte ich mir. Von einem plötzlichen Anfall von Freude und Dankbarkeit überwältigt, stand ich auf, ging um den Tisch herum und fiel Jerry um den Hals.
„Danke für alles!“
Überrascht und wahrscheinlich auch ein wenig geschockt von meinem Sentimentalitätsausbruch saß Jerry kurz vollkommen regungslos da, schloss mich dann jedoch ebenfalls in seine Arme. Ein wohlbekanntes Gefühl breitete sich in mir aus. Wie hatte ich mich seit vorgestern nach diesem Gefühl gesehnt, das man Geborgenheit nennt! Beinahe hätte ich vergessen, dass es nicht Ryan war, den ich im Arm hielt, also brachte ich wieder etwas Abstand zwischen Jerry und mich.
„Wofür war das jetzt?“
„Dafür, dass es dich gibt. Ich wüsste nämlich wirklich nicht, was ich ohne dich machen würde.“
„Du gefällst mir noch besser seit du schwul bist, weißt du das?“
„Jerry! Ich meine das ernst!“
„Ich auch. Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen, aber du hast dich verändert. Du bist etwas sentimentaler, aber auch erwachsener und wie ich finde sogar noch liebenswerter geworden.“
„Jetzt hör auf, das ist ja peinlich.“
„Wieso denn? Frag doch Ryan, der wird dir das bestätigen, wenn du es mir nicht glauben willst.“
Ich schwieg, denn ich wusste keine Antwort, die zu dieser Situation gepasst hätte. Meine Gedanken waren durch die Erwähnung dieses Namens  auch ohnehin in eine etwas andere Richtung gelenkt worden.
„Fang jetzt nicht wieder an dich in deinen eigenen Gedanken zu verirren. Das hat in letzter Zeit auch gut ohne funktioniert, oder nicht?!“
„Du hast Recht. Schon wieder. Ich werde mich jetzt auf den Rückweg machen. Die Hausaufgaben erledigen sich schließlich nicht von alleine.“
„Na gut. Ach so, wegen morgen, da kann ich leider nicht. Wir fahren nach Lüneburg zu meinen Großeltern, weil sie ihre goldene Hochzeit feiern, aber du kannst am Freitag gerne wieder mitkommen.“
„Ok, dann werde ich morgen mal wieder ein bisschen was für die Schule tun. Bis dann.“
Goldene Hochzeit! Das bedeutete, sie würden ihren fünfzigsten Jahrestag feiern. Ob sie jeden gemeinsam verbrachten Tag dieses halben Jahrhunderts genießen konnten? Waren sie je getrennt worden?
Auf dem Weg nach Hause fanden meine Gedanken, trotz Jerrys Abraten, wieder zu Ryan und ich beschloss ihn noch am selben Abend anzurufen. Vorfreude kam in mir auf und ich beschleunigte das Tempo meiner Schritte.
Grinsend öffnete ich die Haustür und lief sofort ins erste Stockwerk, in mein Zimmer und schloss dir Tür hinter mir.
Ich wählte die Nummer und wartete auf das klicken in der Leitung. Und da war es!
„Hallo? Dan bist du das?“
„Ja, hi.“ Bei dem Klang seiner Stimme spürte ich viele Stiche, wie kleine Stromstöße, an meinem ganzen Körper und fing leicht an zu zittern. Es war ein wunderschönes Gefühl, vergleichbar mit dem Eintauchen ins heiße Badewasser an einem bitterkalten Wintertag. In Sekundenschnelle war ich ihm verfallen und hatte nur noch einen Wunsch: jetzt bei ihm zu sein.
„Schön, dass du anrufst. Ich vermisse dich!“
„Und ich dich erst! Seid ihr gut angekommen?“
„Ja, einigermaßen. Das Haus ist wirklich schön, aber wir müssen noch alles einrichten und das braucht nun mal seine Zeit. Aber es gibt Schlimmeres.“
„Und das wäre?“ Ich wusste, oder zumindest hoffte, was die Antwort sein würde.
„Ich habe etwas in Deutschland vergessen.“
„Oh.“ Enttäuscht sah ich zu Boden und zählte die Fusseln, die sich dort gesammelt hatten.
„Brauchst du es denn dringend?“
„Ja, es war das wichtigste von allem.“
„Aha, und was soll das gewesen sein? Soll ich es dir schicken, oder ist es dafür zu groß?“
„Das auch, ja, aber es sprechen auch noch genug andere Gründe dagegen.“
„Welche denn?“
„Unsere Eltern zum Beispiel.“ Langsam ging mir ein Licht auf und ich beschloss mich auf das Spiel einzulassen.
„Und was machen wir da?“
„Schmuggeln?“
„Tolle Idee!“, schnaufte ich, denn die Vorstellung, dass ich im Laderaum eines Flugzeugs in einer Kiste reisen sollte war einfach zu komisch.
„Nicht wahr?!“ Ich konnte ihn mir bildlich vorstellen wie er sich die Telefonschnur, falls vorhanden, um den Finger wickelte und ein schelmisches Grinsen aufgesetzt hatte. Was hätte ich nicht alles gegeben, um dieses Lächeln zu sehen.
„Na ja. Da muss wohl noch eine andere Idee her, du Scherzkeks.“
„Allerdings.“
„Ryan?“
„Hm?“
„Ich liebe dich!“
„Ich liebe dich auch, mein Kleiner!“ Das war zu viel für mich! Ein Fieberthermometer wäre sicherlich geplatzt bei den Temperaturen, die in meinem Körper aufstiegen.
Scheinbar genauso ruhig und gelassen wie noch vor wenigen Augenblicken, sprach Ryan weiter.
„Und was machst du den ganzen Tag? Gibt es etwas neues?“
„Nein, es gibt nichts neues. Ich war bis jetzt jeden Tag bei Jerry, da komme ich auch gerade her.“
„Das hört sich nach einigen gemütlichen Nachmittagen an. Grüß ihn von mir.“
„Mache ich.“
„Hat er dir was gekocht?“
„Was glaubst du warum ich zu ihm gehe!“
„Aha, daher also.“
„Ja, genau. Aber es ist auch eine gute Ablenkung.“
„Mit was lenkt er dich denn ab?“
„Bist du etwa eifersüchtig?“
„Bei Jerry kann man da doch nie sicher sein.“
„Aber Jerry ist ja nicht schwul. Du brauchst dir keine Sorgen machen, auch nicht wegen irgendwelcher anderen Typen. Ich will nur dich!“ Typisch! Ich will immer das, was ich nicht haben kann, zumindest nicht in diesem Moment. Aber ich vermisste ihn so sehr, seine Berührungen, seine Küsse, sein Lächeln. All dies fehlte mir unendlich und das musste ich noch eine Ewigkeit aushalten.
„Da bin ich ja beruhigt.“ Er hatte sich tatsächlich ernsthafte Sorgen gemacht, diese Seite war mir vorher nie an ihm aufgefallen. Das erinnerte mich an einen anderen Punkt, den ich unbedingt noch ansprechen musste.
„Jerry hat gesagt, ich hätte mich verändert und du würdest mir das bestätigen, stimmt das?“
„Ja.“
„Wie ja?“
„Ja wie ja.“
„Aber du kennst mich doch noch gar nicht so lange.“
„Das reicht schon. Der Unterschied zwischen Jerrys Geburtstag und heute ist schon deutlich, aber man selber bemerkt eine solche Veränderung meistens nicht.“
„Scheint so. Jerry hat mich damit ganz schön überrumpelt.“
„Kann ich verstehen. Du, Dan, ich muss Schluss machen, wir haben noch so viel Krimskrams hier herumliegen, das nur darauf wartet in die Regale und Schränke gestellt zu werden.“
„Okay.“
„Ich melde mich bei dir.“
„Ja, ist gut. Schlaf schön.“
„Wird schwierig ohne dich.“
„Wem sagst du das?!“
„Bis bald. I love you!“
„I love you, too!“
Mit einem erneuten Klicken in der Leitung war unser Gespräch beendet. Ich legte ebenfalls auf, starrte noch einen Moment Löcher in die Luft und machte mich schließlich an die verbliebenen Hausaufgaben.
 
 
Kapitel 10
 
„Ist das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, dass du so strahlst?“, fragte mich Jerry am Freitag nachdem wir unser Mittagessen beendet und uns im Wohnzimmer niedergelassen hatten.
„Ein gutes. Ich habe gestern Abend mit Ryan telefoniert.“
„Ah, das erklärt natürlich alles. Gibt es denn etwas Neues bei ihm?“
„Nein, eigentlich nicht. Ich soll dich von ihm grüßen.“
„Danke. Ist ja wieder typisch für ihn. Er kann mir das natürlich nicht selber sagen.“
„Na ja, er hat sehr wenig Zeit, weil der Umzugsstress noch nicht ganz vorbei ist. Deshalb konnten wir auch nur etwa eine viertel Stunde miteinander sprechen.“
„Na gut, ich kenne ihn ja schon länger und bin das bereits gewohnt. Sonst hat er nichts erzählt?“
„Nur, dass er das Wichtigste hier vergessen hat.“ Ein verlegenes Lächeln huschte über mein Gesicht, so dass Jerry nicht lange nachdenken musste.
„Da kann man ja glatt eifersüchtig werden.“
„Wie meinst du das?“
„Ach, nur so.“
„Du hast schon Recht, das war wirklich süß von ihm“, seufzte ich und nippte an meinem Kaffee. „Am liebsten würde ich mich ins nächste Flugzeug setzen und zu ihm fliegen, aber leider ist das vollkommen unmöglich.“
„Dann fehlt euch eindeutig beiden die bessere Hälfte. Nur gut, dass ich mir nur dein Genörgel anhören muss.“
„Hey!“ Reflexartig schnappte ich mir das nächstgelegene Kissen und warf es Jerry entgegen, der leider viel zu schnell reagierte und es kurz vor seinem Gesicht abfing.
„Stopp, stopp! Ich mache dir einen Versöhnungsvorschlag.“
„Nämlich?“ Neugierig sah ich ihn an und entschied, das zweite Kissen vorerst nicht nach ihm zu werfen.
„Ich lade dich in ‚dein Café ‘ ein.“
„Echt?“
„Na klar. Und danach können wir noch ein bisschen durch die Stadt bummeln, wenn es dir recht ist. Wir haben immerhin Wochenende und müssen uns um keinerlei Hausaufgaben kümmern.“
„Das ist eine sehr gute Idee, Jerry! Du bist der Beste!“
„Ich weiß. Also, lass uns gehen.“
Wir fuhren mit dem Fahrrad, um die frische Luft und die Sonnenstrahlen, die in den vergangenen Tagen leider ausgeblieben waren, zu genießen. Der Wind, der von hinten kam und uns die Fahrt somit erleichterte war angenehm kühl und ließ die Natur lebendig erscheinen. Die feinen Äste der kahlen Bäume und Sträucher sowie die Gräser wiegten sich leicht hin und her, erstarrten in einer der kurzen windstillen Augenblicke und begannen ihren Tanz erneut. Keine Wolke bedeckte den Himmel und uns wurde dadurch ein freier Blick auf diese strahlend blaue Fläche gewährt, die sich in der Unendlichkeit zu verlieren schien. Es war einer dieser Tage, an denen man sich innerhalb eines Gebäudes nicht lange wohlfühlt und den Drang verspürt etwas draußen in der Natur zu unternehmen. Auch aus diesem Grund war ich sehr froh über Jerrys Vorschlag gewesen, doch um sich außerhalb des Cafés an einen Tisch zu setzen, war es jedoch leider zu kühl. Nachdem wir unsere Fahrräder nahe des Cafés angeschlossen hatten, betraten wir dieses , gingen zielstrebig in die hintere Ecke des verwinkelten Raumes und stellten begeistert fest, dass unser Stammtisch noch nicht belegt war. Gerade hatten wir uns gesetzt und die Jacken über unsere Stuhllehnen gehängt, als auch schon der Kellner an den Tisch trat und unsere Bestellung aufnehmen wollte.
„Guten Tag! Ein Eiscafé und ein Mokka?“
„Ja, stimmt genau.“
Ohne sich etwas zu notieren wandte er sich ab und ging in Richtung Küche.
„Es ist doch immer wieder lustig“, sagte Jerry grinsend und ich konnte ihm nur zustimmen.
Obwohl wir nicht an der frischen Luft sitzen konnten, verbrachte ich einen entspannten Nachmittag mit meinem besten Freund in meinem Lieblingscafé und dachte nicht ein einziges Mal an den großen Verlust, der mich für gewöhnlich den ganzen Tag beschäftigte.
Die Zeit verging wie im Flug und als wir den letzten Schluck aus unseren Gläsern genommen hatten, war es bereits dunkel geworden, doch die Stadt war beleuchtet von vielen Lichterketten, die an Häusern, Laternenpfählen und in Bäumen hingen. Mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass Weihnachten, das Fest der Liebe, immer näher rückte, ja geradezu greifbar nahe war. Die Lichterketten, die Schokoladenweihnachtsmänner in den Geschäften, die Heiterkeit, aber auch der Stress, der durch die Weihnachtseinkäufe aufkam, all dies kündigte schon seit einiger Zeit das große Event an. Es war einfach alles an mir vorübergegangen. Nicht einen Gedanken hatte ich bisher an Weihnachten verschwendet. Wozu auch?! Ryan war in England, Jerry verreiste wie jedes Jahr und ich würde die drei Feiertage zu Hause mit meinen Eltern verbringen. Die letzten Jahre hatte mir das auch vollkommen ausgereicht, ich war immer glücklich und zufrieden gewesen, aber jetzt, da etwas Besonderes in mein Leben getreten war, reichte das Gewöhnliche nicht mehr aus.
Jerry räusperte sich und setzte sein Glas geräuschvoll auf dem Tisch ab.
„Wo bist du denn jetzt schon wieder?“
„Weihnachten“, nuschelte ich in den Kragen meines Pullovers.
„Ach komm schon! Den ganzen Tag hast du nicht daran gedacht, warum jetzt?“
„Du hast Recht! Aber dann musst du mich ablenken.“
„Sehr witzig der Herr! Womit denn?“
„Dir fällt schon etwas ein.“ Zuversichtlich sah ich Jerry an und wartete auf eine Reaktion, doch uns beiden schien der Gesprächsstoff in den letzten zwei Stunden ausgegangen zu sein.
„Den Bummel durch die Stadt können wir glaube ich vergessen“, bemerkte ich.
„Stimmt, die Läden schließen bald, oder sind sogar schon zu. Schade! Dann müssen wir das wohl verschieben.“
„Sieht so aus. Was machen wir stattdessen?“
„Mal sehen... Wir könnten uns einen Film ausleihen und es uns bei mir gemütlich machen.“
„Gut. Machen wir das.“
Jerry winkte dem Kellner zu und bezahlte unsere beiden Getränke. Fünf Minuten später verließen wir das Café, schlossen unsere Fahrräder ab und machten uns auf den Rückweg, nachdem wir bei der Videothek gehalten und uns einen Film ausgesucht hatten. Meinen Eltern sagte ich telefonisch Bescheid, dass ich auch über Nacht bei Jerry bleiben würde und folgte diesem anschließend in sein Zimmer. Seine Eltern sahen sich unten im Wohnzimmer einen Film im Fernsehen an, daher mussten wir es uns oben gemütlich machen. Sehr schwer war das nicht, denn Jerrys Zimmer bestand geradezu aus den bequemsten Sitzgelegenheiten. Ich entschied mich wie immer für die Hängematte, die etwa in der Mitte des Zimmers hing und Jerry legte sich bäuchlings auf sein Bett, nachdem er die DVD angeschaltet hatte. Wir hatten uns für den Film „Interview mit einem Vampir“ entschieden, da man ihn, um Jerry zu zitieren, ‚mindestens dreimal gesehen haben muss‘. Als ich ihm gesagt hatte, dass ich den Film nicht ein einziges Mal gesehen hatte, war er sofort mit der DVD zur Kasse gegangen, ohne mich nach meinem Einverständnis zu fragen.
Erschöpft von der anstrengenden letzten Woche lag ich nun in der Hängematte und kämpfte gegen die Müdigkeit, die sich mit jeder Sekunde weiter in mir ausbreitete. Oft fielen mir die Augen zu, doch ich schaffte es, mir den Film bis zum Ende anzusehen. Während der letzten Szene wurde ich von einem lauten Schnarchen aufgeweckt und stellte belustigt fest, dass Jerry den Kampf gegen die Müdigkeit verloren hatte. Der letzte Satz in dem Film war gesprochen und Jerry schlief bereits, also schaltete ich den Fernseher aus, legte mich zurück in die Hängematte und war innerhalb weniger Sekunden ebenfalls eingeschlafen. Ich hatte mich vorher weder umgezogen, noch mir die Zähne geputzt, doch da Jerry auch noch seine Tageskleidung trug, störte es mich nicht. Allerdings war das Schlafen dadurch nicht sonderlich bequem und in Folge dessen wachte ich mitten in der Nacht auf. Ich beschloss mir die Jeans und den Pullover auszuziehen und eines der Sofakissen zusätzlich unter meinen Kopf zu legen. Viel besser! So würde ich bis zum nächsten Morgen durchschlafen können. Zumindest dachte ich das, bis ich ein leises Brummen und Murmeln vernahm, das eindeutig aus Jerrys Richtung kam. Ich setzte mich auf und sah grinsend zu ihm hinüber. Auch wenn es sehr verlockend war Jerrys Monolog zu lauschen, entschied ich mich dagegen, da ich nichts über Jerry erfahren wollte, was er mir bisher verschwiegen hatte. Wenn es etwas gab, das er mir nicht erzählt hatte, dann sollte er selbst den Moment wählen, an dem er es mir sagen wollte. Etwa einen Atemzug später änderte ich meine Meinung. Leise und kaum hörbar flüsterte Jerry ein einziges Wort, nur ein Wort, aber eben dieses ließ mich die letzten Stunden der Nacht wachliegen.
Ryan.
So sanft und liebevoll sprach er diesen Namen aus, dass ich eine Gänsehaut bekam. Nur dass dies ausschließlich die Folge meiner Angst und Eifersucht war, wie ich sie niemals zuvor verspürt hatte. Doch das Schlimmste war der sehnsüchtige Klang in seiner Stimme, der meine Gefühle der letzten Tage besser wiedergab, als ich sie jemals hätte mit Worten beschreiben können. Unfähig mich zu bewegen starrte ich Jerry an und hoffte innerlich, dass er aufwachen und alles erklären würde. Konnte es sein? Konnte es sein, dass Jerry ebensoviel für Ryan empfand wie ich? Hätte es mir in dem Falle nicht auffallen müssen? Fragen über Fragen und doch fand ich keine Antwort, nicht mal eine.
„Guten Morgen“, gähnte Jerry am nächsten Morgen, nachdem er seine Bettdecke zurückgeschlagen hatte.
„Morgen.“
„Hast du gut geschlafen?“
„Teilweise ja.“
„Ist ja auch etwas ungemütlich in der Hängematte. Du hättest doch auch auf dem Sofa schlafen können.“
„Die Hängematte war nicht das Problem.“ Sollte ich ihn direkt auf die letzte Nacht ansprechen? Vielleicht war es alles nur ein Missverständnis und ich würde Jerry zu Unrecht beschuldigen, doch auf der anderen Seite wollte ich eine Antwort. Was sollte ich tun?
Ich beschloss, ihn darauf anzusprechen, um mir weitere Grübeleien zu ersparen. Außerdem hatte sich Jerry schon am Dienstag sehr merkwürdig verhalten und es konnte ja immerhin sein, dass  da eine Verbindung bestand.
„Sondern?“
„Du.“
„Ich? Habe ich so laut geschnarcht?“ Er fing an zu lachen, verstummte jedoch als er mein ernstes Gesicht bemerkte. „Was ist denn los mit dir?“
„Du hast im Schlaf gesprochen.“
„Ach, und deshalb konntest du nicht schlafen?“
„So in etwa.“
„Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen! Was ist so schlimm daran, dass ich im Schlaf gesprochen habe? Habe ich dich beleidigt?“
„Nein.“
„Was ist dann?“
Jetzt musste es raus! Doch wie sollte ich anfangen?
„Weißt du noch, was du geträumt hast?“
„Nein, wieso?“
„Ich weiß es. Du hast von Ryan geträumt. Kannst du mir erklären warum?“
Stille. Jerry sah zu Boden und in diesem Moment wusste ich, dass zumindest ein Teil meiner Vermutungen der Wahrheit entsprach.
„Jerry, warum?“ Ich war weder wütend, noch in irgendeiner anderen Art verärgert, sondern einfach enttäuscht.
„Wahrscheinlich hast du Recht. Es wäre nicht fair, es dir länger zu verheimlichen.“
Jetzt wurde mir sehr mulmig in der Magengegend. Wollte ich das wirklich wissen?
„Du musst mir aber glauben, was ich dir sage, auch wenn es dir wahrscheinlich sehr schwer fallen wird."
„Okay.“
„Ich... ich war vor etwa drei Jahren... in Ryan verliebt, wie du jetzt.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.07.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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