Petra Wilhelmi

Axion Esti

Axion Esti

Sarah flattert aufgeregt durch ihre kleine Wohnung. Sie ist eine ältliche Dame, festlich gekleidet. Heute trägt sie einen engen schwarzen Rock mit seitlichem Schlitz und darüber eine goldgelbe Seidenbluse. In fünf Minuten wird ihre Freundin Katharina zu ihr kommen. Mit Katharina verbindet sie eine langjährige tiefe Freundschaft. Sie ist vor vielen Jahren entstanden, als sie entdeckten, dass sie beide gern in Konzerte gehen. Sie hatten sich damals bei Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ kennen gelernt. Heute werden sie etwas ganz besonderes erleben dürfen. Mikis Theodorakis kommt zu den Gewandhausfesttagen nach Leipzig und führt sein Oratorium “Axion Esti” zum ersten Mal in Deutschland auf. Es war schwierig, dafür Karten zu ergattern. Sarah ist hochgestimmt, bald wird sie im Rund’ der Konzerthalle sitzen.

 Hab’ ich alles? Tasche, Taschentuch, Geld und die Konzertkarten? Sie überlegt: Kamm und Parfüm sollte ich auch noch in meine Tasche stecken.

Es klingelt. Sarah stürzt zur Tür. „Katharina, da bist du ja.“ Beide Frauen umarmen sich warmherzig. Sarah zieht schnell ihren schwarzen Blazer über und schließt die Wohnungstür ab. Beide Frauen eilen zur nächsten Taxi-Haltestelle.

„Sarah, ich freue mich so sehr auf das Konzert.“ „Ja, ich auch Katharina.“

Sie steigen in das Taxi. Ziel: Gewandhaus. Nach kurzer Fahrt stehen sie vor dem luftigen Bau. Warmes Licht strömt aus der verglasten Vorderfront nach außen und gibt den Blick auf das riesige Gemälde von Sighard Gille frei. Sarah und Katharina streben dem Eingang zu. Sie kennen das Bild, lassen sich nicht davon aufhalten, gehen durch die Tür und stehen im Konzerthaus. Eine erwartungsvolle, festliche Stimmung breitet sich in ihnen aus und lässt ihre Herzen höher schlagen.

"Sarah, holst du noch ein Programmheft?“ „Ja, ja, ich kaufe gleich eins.“

Beide Frauen streben ihren Plätzen zu. Sie sitzen weit oben. Von dort haben sie einen einzigartigen Blick auf das Geschehen. Das Rund des Konzertsaales ist einem Amphitheater nachempfunden. Unten ist ein kleines Podium, wo die Musiker Platz nehmen werden, wo Mikis Theodorakis stehen wird. Die Freundinnen schauen geradeaus, zur großen Schuke-Orgel gegenüber. Es ist ein besonders schönes, majestätisches Instrument mit hervorstehenden spanischen Trompeten und glockenhellem Klang. Wie sagt Katharina immer: „Der Klang lässt Engelherzen schmelzen.“

Die beiden Frauen stecken die Köpfe zusammen und blättern im Programmheft: AXION ESTI VON MIKIS THEODORAKIS NACH TEXTEN VON NOBELPREISTRÄGER ODYSSEAS ELYTIS.

„Katharina, lies vor, was drinnen steht.“ „ Aber ja, Sarah, ich lese es dir vor.“

Hier steht: Axion Esti ist geschaffen im Gedenken an die Opfer des Bürgerkrieges nach dem zweiten Weltkrieg.

„Sarah, weiß du noch, damals in den 60er Jahren, als Mikis Theodorakis von der griechischen Militärjunta auf eine Gefängnisinsel verschleppt worden war und seine Musik verboten wurde?“

„Du, ich hatte damals auf einer Karte seine Freilassung gefordert und die dorthin geschickt. Er hatte sogar viele davon erhalten. Darüber war ich sehr erstaunt“, erwiedert Sarah.

„Die armen Menschen zu jener Zeit, wie haben sie doch leiden müssen“, seufzt Katharina. Ich hatte übrigens auch eine Karte geschickt. Und seit dieser Zeit höre ich die Musik von Theodorakis besonders gern.“

 „Stimmt, mir geht es auch so, Katharina.“

Das Licht wird gedimmt, die Musiker nehmen ihre Plätze ein, die murmelnde Menge verstummt, es ist ganz still. Ein herunterfallendes Blatt wäre ein Donnerschlag gewesen. Da erscheint er. Aus einem Seitengang betritt Mikis Theodorakis das Podium, Achtung gebietend und stark. Die Stille entlädt sich in brausendem Beifall, der plötzlich wieder abebbt und einer tiefen Konzentration Platz macht.

Die Instrumente spielen leise auf. Sie klingen wirr durcheinander, als ob sie sich einstimmen wollten, vereinen sich dann zu einem mächtigen Klang: Genesis. Ein Wechselspiel zwischen Sänger, Chor und Orchester, kolossal, kraftvoll. Die Gottesmutter erschafft Griechenland aus der Sonne, dem Meer, Felsen und Olivenbäumen. Suggestive Klänge ziehen Sarah und Katharina in die Handlung des Oratoriums, lassen sie in die Lithurgie eintauchen.

 „ DIESE WELT, DIE KLEINE, DIE GROSSE“, skandiert der Erzähler und wird von lyrischen, schmeichelnden Klängen der Musik abgelöst. Der Sänger malt mit sanften melodischen Tönen die Schönheit und Erhabenheit der Landschaft.
„DIESE WELT, DIE KLEINE, DIE GROSSE.“

Abwechselnd zwischen Melodie und Sprechgesang, Chor und Sänger wird die Passion vor den Zuhörern ausgebreitet. Dazwischen eindringliche Texte über den Schrecken des Krieges.

Sarah legt Katharina die Hand auf den Arm. Beide Frauen schauen sich wissend an.

Der Volkssänger, begleitet von Buzzukiklängen, preist als Mensch die Schöpfung, unterstützt vom klangvollen Chor. „ALS MEIN GOTT DIE ERDE SCHUF, SAH MAN IHN DURCH FLIEDER WEHN.“

Wunderschöne poetische Bilder, wechseln sich mit eindringlichen Textpassagen ab. Ein Marsch an die Front wird in seiner ganzen Grausamkeit geschildert, die Gewalt des Gemetzels bis zum großen Exodus, wo entfesselte kriegerische Kräfte Tod und Verderben speien.

Sarah und Katharina wenden sich einander zu, ihre Augen sind feucht, sie sind von der Wucht der Leidensgeschichte gefangen und berührt.

Dort vorn steht er, der Meister, Mikis Theodorakis, groß, füllig gebaut, dunkle lockige kaum gebändigte Haare. Er dirigiert mit voluminösen ausladenden Armbewegungen, sein Oberkörper beschreibt den Takt, er singt mit, er stirbt mit, er leidet mit, er hat alles am eigenem Leib erfahren. Sein Credo ist in dieser Musik.

Die Spannung wird in der Weissagung aufgelöst: VERBANNTER DICHTER, WAS SIEHST DU IN DEINEM JAHRHUNDERT?

Beide Frauen seufzen, sind gefangen von den Worten.

Großartig und gewaltig braust das „Lobgepriesen sei“ in den Himmel. … Lobgepriesen sei das Licht, das lebensspendende, der Garten, mit Blumen gefüllt, die griechischen Inseln mit ihren weißen Häusern und die Menschen, die Frauen, Bewahrerinnen des Lebens und der Traditionen… Die Musik, der Chor, der Sänger, alles strebt dem Höhepunkt entgegen, steigert sich ins Unermessliche in ihrer Kraft und Gewaltigkeit.

Sarah und Katharina werden mitgerissen. Ihre Münder sind leicht geöffnet, sie atmen schwer, ihre Augen sind groß, rund und tiefgründig. Sie leben mit diesem „Lobgepriesen sei“.

JETZT die Verleumdung göttlichen Seins,
JETZT die geopferten Menschen,
JETZT ist das Nichts,
aber EWIG ist die kleine Welt, die große.

In einem langen melodischen Bogen klingt langsam das Oratorium aus: ABER EWIG IST DIE KLEINE WELT, DIE GROSSE.

Die Musik schweigt, kein Laut, kaum ein Luftholen. Sekunden, außerhalb unseres Seins.

Sarah und Katharina wachen aus dem Klangrausch auf. Sie springen von ihren Sitzen. Die Kraft und Leidenschaft, die diese Musik vermittelte, die sie in ihren Bann gezogen hatte, löst sich in donnerndem Beifall auf.

Sarah ruft: „Bravo!“ Katharina ist zurückhaltender. Sie ist noch benommen von dem berauschenden Erlebnis.

Vorn auf dem Podium verbeugt sich ein erschöpfter und glücklicher Mikis Theodorakis.

Beide Frauen klatschen und klatschen. Sie können kein Ende finden. Ihre Hände tun weh, sie hören nicht auf. In ihrem Innern klingt die Musik noch nach: „WO NUR WOHNT MEINE SEELE, JENE BLATTGLEICHE TRÄNE.“ Eine Hochstimmung breitet sich in ihren Körpern aus, ein wohliges Gefühl.

Dann ist alles vorbei. Mikis Theodorakis und seine Musiker haben das Podium verlassen. Die Lichter im Konzertsaal strahlen wieder hell.

Sarah und Katharina gehen still aus dem großen Haus. Sie haben sich untergehakt, laufen noch ein bisschen die hell erleuchteten Straßen entlang, die die Dunkelheit der Stadt durchbrechen. Beide müssen das Gehörte verarbeiten. Ein unsichtbares Band verbindet sie, geknüpft bei den Klängen von Axion Esti. Es darf nicht durch überflüssige Worte zerstört werden. Der Zauber bleibt in der Stille wirksam. Beide Frauen schauen sich nur in die Augen und wissen, was die andere von ihnen fühlt und denkt. Sie gehen langsam zum Taxistand.

Sarah bricht kurz das Schweigen: „Wir telefonieren morgen miteinander. Morgen kann ich in Worte fassen, was wir heute erlebt haben.“ „Ja Sarah, Morgen, nicht heute.“

Katharina drückt Sarah kurz und herzlich an sich.

Die Frauen nehmen in einem Taxi Platz und fahren nach Hause, jede für sich allein. Beide wissen, dass ihnen heute etwas unermesslich Schönes, Bereicherndes widerfahren ist.

AXION ESTI – LOBGEPRIESEN SEI!

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.08.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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