Friederike Fischer

Tränen aus Eis Teil 1

Prolog

Wenn mich jemand fragt wie ich mich fühle, sage ich immerzu: „Kalt und leer.“
 
Am 31. Oktober des letzten Jahres, an Halloween, hat alles seinen Anfang genommen. Es ist jetzt fast genau ein Jahr her. An jenem Tag schlossen sich sie Wolken zu einem dichten Teppich zusammen, der die Sicht auf den Himmel verdeckte und die Sonne daran hinderte zu scheinen. Dunkel war es und kalt. Ich erinnere mich noch sehr gut an die enttäuschten Gesichter der Kinder aus meiner Nachbarschaft, als Millionen kleiner, weißer Schneeflocken vom Himmel herab schwebten und sich lautlos auf der Erde niederließen. Schnell war die Laune getrübt, doch der alljährliche Spaziergang am Abend, wenn an den Haustüren geklingelt und gierig nach etwas Süßem verlangt wird, fand trotz der unerwarteten Wetterveränderung statt. Einmal mehr hat sich gezeigt, dass der Wille eines Kindes nicht zu brechen ist. Und genau dieser Tatsache habe ich es zu verdanken, dass ich heute hier auf dem Sofa sitze, aus dem Fenster schaue und mich mit jeder fallenden Schneeflocke ein wenig schlechter fühle. Es gab einmal eine Zeit, in der ich mich am Schnee nicht satt sehen konnte und jeden kleinen Schneekristall fasziniert betrachtete. Ich bewunderte ihre zarte und zerbrechliche Struktur, die sich durch die Wärme meiner Hand auflöste und nur einen unspektakulären Wassertropfen zurückließ. Doch diese Faszination ist dieses Jahr beim ersten Schnee ausgeblieben. Für mich ist das kristalline Netz aus Eis nur noch eine Art Spinnennetz, in dem sich schmerzhafte Erinnerungen zu verfangen scheinen und auf der Terrasse und dem Fensterbrett liegen bleiben. Schmerzhafte Erinnerungen? Ja. Doch nicht nur die. Viel unangenehmer ist der Schauer, der über meinen Körper jagt und das Kribbeln im tiefsten Inneren, während ich sehnsüchtig an etwas denke, das ich für immer verloren habe. Sehnsucht. Ja. Das ist das Schlimmste!
 
 
Kapitel 1
 
Eines der Kinder aus meiner Nachbarschaft, ihr Name ist Peggy, bestand darauf, dass ich sie und ihre Freunde auf ihrer Süßigkeitenjagt begleitete. Einmal in die flehenden Augen dieses acht Jahre jungen Mädchens gesehen, war es unmöglich nein zu sagen und ich wurde am Abend von Bibi Blocksberg, Wickie und Mona, dem kleinen Vampir zu Hause abgeholt. Nachdem die große Enttäuschung über meine fehlende Verkleidung überwunden war, konnte unser Marsch durch die Kälte beginnen.
An drei Haustüren klingelte man vergebens und ein einziges Mal wurden wir geradezu vertrieben und als Unruhestifter beschimpft, aber es war trotzdem ein lustiger und erholsamer Abend. Zumindest war er das, bis wir uns Haus Nummer 30 näherten. Nichts ahnend folgte ich Peggy beziehungsweise Mona, die eine Auffahrt hinauf rannte, und bekam den größten Schrecken meines Lebens, als urplötzlich jemand aus dem Schatten der Rhododendrenbüsche sprang und „Buh!“ rief. Ich war wie gelähmt, mein Pulsschlag schien sich zu überschlagen, während mein Gegenüber scheinbar liebend gern im Boden versunken wäre. Regungslos standen der Fremde und ich uns eine Weile gegenüber.
„Es... es“, setzte er einige Male an, brachte den Satz jedoch nicht zu Ende.
Das Knirschen der Kiesel auf der angrenzenden Straße ließ uns beide erschrocken zurückweichen.
Erleichtert atmeten wir auf, als wir erkannten, dass es nur ein kleiner Junge war, der sich als Batman verkleidet hatte und kichernd auf uns zu kam.
„Hast du mich erschreckt, Tim!“, sagte der Fremde.
„Ja, und du mich!“, sagte ich.
„Ich weiß, es tut mir Leid. Ich habe dich mit ihm verwechselt.“ Er deutete auf den kleinen Batman, der nun direkt neben ihm stand.
„Schon okay. Jetzt bin ich immerhin wieder wach.“
„Bist du auch mit so einem Anhängsel unterwegs?“
„Sogar mit dreien.“
„Sind das deine Kinder?“, fragte er.
„Ich bin erst 19. Da hätte ich früh anfangen müssen. Ist das denn dein Sohn?“
„Nein, auch nicht. Ich bin auch erst ein Jahr älter als du. Darf ich fragen wie du heißt?“
„Sicher.“
„Also?“
„Iva. Und du?“
„Joe.“
Kurz darauf kamen auch meine drei „Anhängsel“ wie Joe es genannt hatte zurück. Tim war offensichtlich sehr von Peggys Kostüm begeistert und starrte sie eine ganze Weile schüchtern an. Den Rest des Abends verbrachten unsere beiden Gemeinschaften zusammen und somit hatten Joe und ich die Gelegenheit uns etwas zu unterhalten, während die Kinder eifrig Schokolade und andere Leckereien sammelten. Viel zu schnell verging die Zeit und irgendwann kam, was kommen musste. Unsere Wege trennten sich.
„Sehen wir uns vielleicht irgendwann mal wieder?“, fragte Joe scheinbar nebenbei und schenkte mir ein schüchternes Lächeln. In seinen Augen konnte ich sehen, dass er mit einer Absage rechnete, die Hoffnung aber noch nicht gänzlich aufgegeben hatte. Schon nach dieser kurzen, gemeinsam verbrachten Zeit, konnte ich mich in ihn hineinversetzen und hatte das Gefühl zu wissen wer er war. Ein wenig unangenehm war dieser Gedanke für mich, da ich nicht einmal mich selbst richtig zu kennen schien.
Fünf Gesichter waren mir zugewandt und sahen mich erwartungsvoll an. Scheinbar warteten alle nur darauf, dass ich endlich ja sagte.
„Ja, gerne.“
Verwirrt und tief in meinen Gedanken versunken lief ich wenige Minuten später neben Peggy und kehrte erst wieder aus diesem Trancezustand zurück als sie an dem Ärmel meines Mantel zupfte.
„Iva? Magst du Joe?“
„Ja. Warum fragst du?“
„Weil ich ihn mag.“
Ich denke, das war die Art eines Kindes mir zu sagen, dass ich das Richtige getan hatte, und dass sie sich für mich freute. Wenn mir noch ein Zeichen gefehlt hatte, das war es. In der Hinsicht vertraute ich dem siebten Sinn dieses Kindes und sah glücklich zum Himmel hinauf, der seine Schleusen noch nicht geschlossen hatte und die Erde weiterhin mit kleinen, weißen Flocken benetzte.
Was ist aus daraus geworden? Habe ich mich vielleicht getäuscht, und das „Zeichen“ war gar keines?
Verzweifelt versuche ich diese Gedanken zu vertreiben, doch es will mir einfach nicht gelingen. Mit getrübten Blick sehe ich mich in meinem Wohnzimmer um, bis er an der kleinen Kommode neben der Terrassentür hängen bleibt. Darauf steht ein Foto von Joe. Ich nehme es in die Hand, streiche über sein Gesicht. Eine Träne läuft über meine Wange, tropft auf das Bild und lässt es verschwimmen. Lass los!, höre ich etwas in mir flüstern.
 

Denjenigen, die sich wundern, warum diese Geschichte in der Kategorie "Liebesgeschichten" erschienen ist, möchte ich sagen, dass sie ebensogut als Drama bezeichnet werden kann. Da man hier allerdings nur eine Kategorie auswählen kann, habe ich mich für diese entschieden, weil es doch haupsächlich um die Liebe zwischen Iva und Joe geht und diese auch zum größten Teil beschrieben wird. Außerdem gebe ich zu, dass es einfacher für mich ist, weil auch meine anderen Geschichten in dieser Kategorie erschienen sind. Es ist einfach übersichtlicher.
Für eventuell aufgetretene Fehler möchte ich mich an dieser Stelle schon einmal im Voraus entschuldigen.
Ich hoffe ihr habt Spaß beim Lesen!
Alles Liebe!
Friederike Fischer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.08.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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