Karl-Heinz Fricke

Manitoba-vierter Teil-Thompson

 

Endlich gegen Ende Mai 1962 und fünf Monate nach meinem Eintreffen in dem Bergwerksort, schien es endlich Frühling zu werden. Der Schnee war geschmolzen, aber die umliegenden Seen in ihrer wilden Schönheit waren noch immer nicht eisfrei. Ich wartete sehnlichst in den fast unberührten Gewässern meiner Angelleidenschaft zu fröhnen. Leider war durch den fast täglichen 12 Stundendienst meine Freizeit sehr beschnitten und außerdem hatte ich noch kein Fahrzeug, um

die Seen zu erreichen. So war ich auf Kollegen angewiesen, die alte Klapperkisten ihr eigen nannten. Ich hatte ja noch nicht einmal einen Führerschein zu der Zeit und meine Fahrkünste reichten nur für ein Fahrrad aus, und auch ein solches hatte ich nicht. Erst zwei Jahre später bot mir ein Kollege einen 12 Jahre alten Chevrolet an, der wohl hunderte Male durch alle Schlaglöcher in den Straßen der näheren Umgebung gefahren war. Das Öl in der Übersetzung musste fast täglich nachgefüllt werden. Es leckte wie ein defekter Wasserhahn und auf meinem damaligen Parkplatz

könnte inzwischen ein Ölbohrgerüst stehen. Jedenfalls war es mir nun möglich zu dem 25 Kilometer entfernten See zu fahren und vom Ufer schöne Zander zu fangen, die sehr unseren Küchetisch bereicherten. Später kam noch ein kleines Motorboot dazu, und mein Glück war vollkommen. Aber wie gesagt, meine Freizeit war sehr bemessen, und ich war eigentlich länger auf der Arbeit als zu Hause. Meine zwei Kinder wuchsen sozusagen ohne mich auf.

Nachdem ich im Mai im Ort eine Neubauwohnung in einem Wohnblock ergattert hatte, konnte meine Frau und unsere beiden Kinder nach Thompson kommen. Unser Hab und Gut wurde auf dem Schienenweg ebenfalls auf die lange Reise geschickt. Die Wohnung im Untergeschoss war wohl groß genug für uns, aber bereits nach kurzer Zeit fing meine Frau zu husten an. Es wurde ein Dauerhusten, aber unser Arzt konnte keine Krankheit feststellen. Es wurde so schlimm, dass sie nach Winnipeg flog, um dort einen Arzt zu konsultieren. Merkwürdigerweise hörte der Husten in Winnipeg schlagartig auf, und als sie wieder in unsere Wohnung kam fing er prompt wieder an.Wir wussten nun mit Bestimmtheit, dass es sich um eine Allergie handelte, die in der Wohnung ausgelöst wurde. Sofort beantragten wir in eine andere Wohnung umzuziehen. Im Nachbarblock war gerade eine solche im 1. Stock freigeworden und so trugen wir unsere Einrichtung hinüber. Es stellte sich heraus, dass Hildegards Husten dort nicht fortgesetzt wurde. Inzwischen waren in dem großen Wohnkomplex von 190 Wohnungen auch Indianer eingezogen, und weil jeder der 10 Blöcke wie ein Ei dem anderen glich, kam es immer wieder vor, dass sich betrunkene Rothäute nicht nur in der Haustür, sondern auch in der Wohnungstür irrten. Während ich im Dienst war, wollte ein großer Indianer unbedingt in unsere Wohnung. Hildegard konnte durch das kleine Auge in der Tür den Kerl sehen, der dann heftig gegen die Tür schlug und trat. Die benachrichtigte Polizei musste den Betrunkenen gewaltsam entfernen. Einem anderen Indianer war es allerdings gelungen nachts irrtümlichweise in eine fremde Wohnung einzudringen. Die Wohnungstür war nicht verschlossen, und der Bursche legte sich in das Bett einer schlafenden Frau, deren Mann auf Nachtschicht im Werk war. Ihr Schreckensschrei war weithin zu hören.Es kam nicht selten vor, dass wir, um in unsere Wohnung zu gelangen, über Indianerleiber steigen mussten, die sich im Treppenhaus breit gemacht hatten. Es waren Besucher der Wohnungsinhaber aus dem Reservat, die sie allerdings außerhalb ihrer Wohnung kampieren ließen. Der Aufenthalt in unserer Wohnung sollte allerdings nicht von großer Dauer sein.

Deutsche Freunde, die gegenüber in einem Bungalow wohnten, riefen an und berichteten, dass dicker schwarzer Rauch aus dem Keller unseres Blocks käme. Als ich die Korridortür öffnete, konnte ich nicht die Hand vor Augen sehen. Ich hielt den Atem an und lief schnell die Treppe hinunter ins Freie. Um Hildegard nicht dem Rauch auszusetzen, half ich ihr aus dem Fenster des Wohnzimmers herunter. Glücklicherweise waren die Kinder noch in der Schule. Kurz darauf traf die Feuerwehr ein und löschte den Kellerbrand. Die Wände des Treppenhauses und fluchtartig verlassene Wohnungen, bei denen Korridortüren nicht geschlossen wurden, waren stark rauchgeschwärzt. Die Untersuchung ergab, dass Fünfjährige im Keller mit Streichhölzern gespielt hatten. Unser Kellerverschlag, in dem wir Fahrräder und Bettzeug gelagert hatten, brannte vollkommen aus. Die meisten Bewohner des Blockes, die die Türen nicht zugemacht hatten, zogen unverzüglich in andere Wohnungen um, nur eine Familie und wir blieben. Da unsere Wohnung keine Rauchschäden hatte, wollten wir nicht auch umzuziehen. Die ewige Packerei hatten wir bis oben hin satt. Das wäre immerhin unser fünfter Umzug innerhalb kurzer Zeit. So hofften wir, dass die Flurwände und Wohnungen in Ordnung gebracht würden. Der Vermieter hatte allerdings andere Pläne, die darin bestanden, dass auch wir in eine andere Wohnung ziehen müssten. Die Wohnung, die man uns zuwies, war ungefähr hundert Meter entfernt und zudem in der obersten Etage. Das war zu viel um alles hinzutragen, außerdem fehlte uns die Zeit, denn inzwischen hatte Hildegard eine Bürostelle bei einem Rechtsanwalt angetreten, und ich war täglich 13 Stunden fort. Als wir uns hartnäckig weigerten umzuziehen, drohte man uns, Strom und Wasser abzuschalten. Weil es wegen der Entfernung nötig geworden war einen Möbelwagen zu benutzen, wurde es eine Frage, wer die Kosten zu übernehmen hatte. Da wir keine Schuld an dem Brand hatten, sahen wir auch nicht ein, den verlangten Umzug zu bezahlen, der mehrere hundert Dollar kosten sollte, die wir nicht hatten.

Der Vermieter lehnte die Gestellung eines Möbelwagens ab. Glücklicherweise hatte der Rechtsanwalt, bei dem Hildegard arbeitete, mit dem Vermieter ein Hühnchen zu rupfen, denn er hatte das Bedürfnis dieses kostenlos für uns zu tun, da wir mit Mietszahlungen nicht im Verzug waren Der Rechtsanwalt drohte mit einer Klage zu der es der Vermieter nicht kommen ließ. Wir bekamen den Möbelwagen und Packer, die unser Hab und Gut in die entfernte Wohnung transportierten. Als ich nach 12 Dienststunden nach Haus kam, war alles unter Dach und Fach. Wenige Monate später zogen wir jedoch noch einmal um. Ein schöner Bungalow war ganz in unserer Nähe mit einem Verkaufsschild versehen, und somit zögerten wir nicht, dieses Haus zu kaufen. Das Haus war von einem hohen Bretterzaun umgeben und wir erfüllten uns einen großen Wunsch.Wir kauften einen Schäferhund. Sechs Wochen alt, zog Lana von Ark in unser Leben ein.

Im Dienst hatte ich mich vollkommen eingearbeitet, und ich versah meinen Dienst gewissenhaft, wie ich es beim Zoll gewohnt war. Immer wieder gab es Ereignisse im Lager, von denen ich einige zum Besten gegeben möchte. Einer der Kollegen hieß Pete Turko. Er bekleidete eine Sonderstellung in unserer Einheit. Als früherer Berufsfootballspieler der Winnipeg Blue Bombers hatte er als Sportsdirektor die Aufgabe im Lager für die Freizeitgestaltung zu sorgen. Im Winter gab es eine Eishockey Liga. In der Turnhalle wurde geboxt und gerungen, und im Sommer gab es eine Fussball Liga mit fünf Mannschaften nach europäischem Muster. Da ich selbst Fussball spielte, bat man mich, eine weitere Mannschaft aus Lagerinsassen zu gründen, über die später noch etwas zu sagen gibt. Vorerst jedoch den Fall Pete Turko. Er war ein bulliger Kerl von etwa 130 Kilo. Seine Sonderstellung erlaubte es ihm zu kommen und zu gehen, wie es ihm beliebte. Seine Rolle spielte er mit Perfektion, er war allgemein beliebt, und genoss das Ansehen, das ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde. Leider änderte sich für Pete alles, als sein Bruder Joe als Bergmann nach Thompson kam. Joe verbrachte seine Freizeit meistens in der großen Bierhalle in der Stadt in der auf unkultivierte Art nur gequatscht und gesoffen wurde. Wenn Joe einiges intus hatte, begann er seine Mittrinker auf gröbliche Weise anzustänkern. Eines Tages geriet er an einen Falschen und wurde in eine Rauferei verwickelt. Solche Auftritte waren eigentlich an der Tagesordnung, und um für Ordnung zu sorgen, waren die Kellner gleichzeitig auch die Raußschmeißer und demensprechend von körperlicher Stärke. Einer dieser Kellner schnappte sich Joe am Klafittchen und beförderte ihn unsanft mit einem Fußtritt auf die Straße. Wütend beschwerte dieser sich beim großen Bruder Pete. Dieser fühlte sich so sicher in seiner Position, dass er etwas tat, was seinen unrühmlichen Abgang einleitete. Pete beschloss, dem Kellner eine Lektion zu erteilen. Wenn er das in der Bierhalle, oder auf der Straße getan hätte, wäre er vielleicht mit einem blauen Auge davongekommen und es hätte keine größeren Kreise nachsich gezogen. Pete machte jedoch den Fehler des Kellners Haus zu betreten, ins Schlafzimmer einzudringen, den Mann aus dem Bett zu ziehen, um ihn vor den Augen seiner Frau jämmerlich zu verprügeln. Der Kellner erstattete Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Körperverletzung. Peter wurde verhaftet und eingesperrt. Nun muss ich hier einflechten, dass weder die Polizei noch der Magistrat, der auch als Friedensrichter fungierte, eine Entscheidung in diesem Falle fällte. Thompson war das Erzeugnis des Nickelwerkes und dort wurden alle Entscheidungen getroffen, die die Stadt betrafen.Das war ein ungeschriebenes Gesetz. Der Richter war mit seinem Schreibwarengeschäft zudem wirtschaftlich auf das Werk angewiesen, dem er seinen beginnenden Reichtum verdankte. Im Falle Turko entschied das Werk, ihm eine Geldstrafe von $50 aufzubrummen und ihn unverzüglich aus Thompson auszuweisen. Vieles wurde unter den Teppich gekehrt und vertuscht. Die lokale Presse wurde aufgefordert, die Sache nicht zu erwähnen. Man war nicht daran interessiert, dass Thompson einen noch schlechteren Ruf bekam als es ohnehin schon besaß. Normalerweise wäre Turko für längere Zeit ins Gefängnis gewandert. Er kehrte nach Winnipeg zurück und wurde dort Nachtclub Entertainer, denn singen und scherzen konnte er auch.

Ein paar Wochen später kam Dave Jinks als Ersatz für Pete Turko in unsere Einheit. Man war allerdings darauf bedacht, dass Dave auch regulären Dienst versah. Dave war kompakt aber als Judo Experte sehr beweglich und sportlich auf vielen Gebieten. Ich arbeitete gern mit ihm und wir verstanden uns gut. Auf unseren nächtlichen Runden durch das Lager hatten wir viele gemeinsame Erlebnisse, die das Erzählen wert sind. Dave wurde auch ein Spieler in meiner gegründeten Fußballmannschaft, den Nordsternen. Wir wurden im ersten Spieljahr zwar nur fünfter, hatten aber viel Spass. Die besten Spieler waren bereits in den anderen Mannschaften. Es waren zwei deutsche , eine englische, eine irische, die Mannschaft einer Baufirma und wir. Ich wurde mehrmals aufgefordert Spiele zu pfeifen, und so war ich dann auch Schiedsrichter des Endspiels, das von der deutschen Elf, die Olympics, und der Baufirmamannschaft ausgetragen wurde. Als kurz vor dem Abpfiff der deutsche Mittelstürmer im Strafraum gelegt wurde und ich auf den Elfmeterpunkt zeigte, war die Hölle los. Ich wurde beschimpft und bedroht. Erst als der Ligavorsitzende einschritt, wurde der Elfmeter siegreich verwandelt. Kurz darauf begann meine Lagerstreife. Natürlich war die deutsche Mannschaft schwer am feiern. Ich warnte sie, dass nach Mitternacht Ruhe zu herrschen habe. Als ich jedoch, die Streife mit meinem Partner nach Mitternacht machte, war die Party lauter als bevor. Wir lösten sie auf, und sie gingen ohne Theater in ihre Zimmer bis auf einen, der mit mir boxen wollte. Er konnte kaum auf den Beinen stehen und torkelte hin und her. Um ihn aus dem Zimmer herauszubekommen, schlug ich vor, den Kampf im geräumigen Waschraum zu beginnen. Dort angekommen stellte er sich schwankend in Boxer-Positur und holte zu einem Schlag aus, der sein Ziel gewaltig verfehlte. Ich gab ihm einen leichten Stoß vor die Brust, er fiel zurück und setzte sich in ein Urinal das etwa einen Meter über dem Boden angebracht war. Als er sich erheben wollte, gelang es nicht. Er war fest eingeklemmt. Das Wasser lief immer frei am Hinterteil herunter, und das ernüchterte ihn etwas. Er schrie und verlangte ihn herauszuheben, auch das misslang. Wir wussten nicht, was wir machen konnten, höchstens das Porzellan-Becken zu zertrümmern, aber das wollten wir auch nicht. Die nachfolgende Streife erschien und ich war froh, dass Dave dabei war. Der wusste auch Rat. Er versetzte dem Betrunkenen einen Kinnhaken, der ihn ins Land der Träume beförderte. Danach hob er ihn wie eine Puppe aus dem Urinal heraus. Dave erklärte im bewusstlosen Zustand erschlaffen die Muskeln. Der Kampfgeist des Kerls war auch gebrochen, und er schlich sich, eine Wasserfährte hinterlassend, wie ein Gestrandeter davon.

Damit beendige ich dieses Kapitel. Die Geschichte wird weiter fortgesetzt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.08.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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