Elke Kemna

Was bleibt ...?



Ein großer mannshoher schmutziggrüner Container steht vor unserer Wohneinheit, Haus Nr. 12. Vier Männer in blauen Overalls, mit hochgekrempelten Ärmeln, verwaschene Tätowierungen auf den leicht ausgezehrt wirkenden Unterarmen, fahlgrau-braun, hohlwangig und unrasiert die Gesichter, steigen aus einem daneben geparkten Kombi mit Planenanhänger. Tagelöhner, Packer, vom Arbeitsamt für einen Tag vermittelt.

Die Doppelflügel-Haustüren werden beidseitig geöffnet und arretiert. Hustend, rauchend, vor sich hin räuspernd, verschwinden die Männer im Hausflur und dann im Fahrstuhl. Eine Kiste mit Halblieterflaschen Bier steht neben dem Container. Flüssiges Frühstück!

Eine Weile später kommen die zwei Kräftigsten keuchend, eine Waschmaschine tragend, aus dem Fahrstuhl. Der weitgeöffnete Container empfängt das erste Geschenk. Die beiden Träger ihre ersten Biere.

Weitere folgen. Biere, wie auch Geräte.

Kisten mit Büchern, stapelweise CD's und Fotoalben, ein altes verblasstes Schwarzweißbild in dunkelbraunem Holzrahmen: Ein Hochzeitspaar, sie mit altmodischer Hochsteck-Frisur, er mit gezwirbeltem Bart und wunderbar gewelltem Haar. - Alles findet den Weg in den unersättlichen Bauch des rostigen Ungetüms. Es folgen viele Säcke mit Wäsche, Kisten mit Geschirr entladen sich klirrend. Dann werden Möbel einer komplett eingerichteten Zwei-Zimmer-Wohnung die Rampe heraufgewuchtet.

Mittgspause. Eine Flasche kreist. Wodka. Die gutgemeinte Kaffespende einer Nachbarin wird dankend abgelehnt.

Zerfledderte Teppichböden-Abschnitte decken zum Schluss gnädig die Gegenstände eines 15-jährigen Lebens in unserer Anlage zu.

Es beginnt zu nieseln.

Die Männer leeren rauchend, hustend und rülpsend die letzen Biere. Witze reißend schauen sie sich dabei ein altes samtiges grünkarriertes Fotoalbum an. Dann fliegt es in hohem Bogen auf den Container, über die Längsflachte hinweg, auf der anderen Seite wieder herunter. Kleine bunte Bildchen flattern umher. Ich sammel alles auf und nehme das Album samt der herausgelösten Fotos an mich.

Hermann ist tot.

Gestorben einen schleichenden Tod, verursacht durch eine kontinuierliche täglichen Dosis Alkohol. Hermann war erst 56 Jahre alt. Ich habe ihn nicht gemocht.

Manchmal schlief er betrunken auf der Wiese hinter dem Haus. Er fiel auch schon mal mittags die Kellertreppe hinunter, oder vom Fahrrad. Überhaupt, das Fallen und nicht mehr aufstehen können, war sein größtes Problem. Irgendwann hinkte er nur noch an dunkelblauen Plastik-Krücken zum Kiosk oder Supermarkt um die Ecke. Schwerbeladen mit einem von Flaschen klirrenden Rucksack kam er zurück.

Nun, schon nüchtern derart gehbehindert, trank er nur noch in seiner Wohnung. ...

Abends schaute ich mir das Fotoalbum an. So viele, teils noch nicht herausgelöste, liebevoll untertextete Fotos! Schultütenbilder, Geburtstagsfeiern, Weihnachtsbäume mit Silberlametta und roten Kerzen, davor ein Junge mit leuchtenden Augen. Klein-Herrmann!
Das schönste Bild auf der vorletzten Seite: Herrmann, sympatisch, braungebrannt und atraktiv in einer Schornsteinfeger-Kluft. Lachend, über das ganze Gesicht strahlend, dem Fotografen zuprostend eine Flasche Bier hebend. Darunter ein mit schwarzem Filzstift geschriebener Text:

"Gesellenprüfung 1968 - Nun beginnt das Leben wirklich!"

Ich habe geweint. - Herrmann ist tot und niemand wird ihn vermissen.



(c) Elke Kemna
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.08.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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