Die Mittagssonne strahlte glühend heiß von einem wolkenlosen Himmel auf die alten Häuser von Venedig, das wie so oft schier vor Touristen überquoll. Geri Becker schob sich energisch unter Zuhilfenahme seiner Ellbogen durch die Menschenmassen vor dem Bahnhof Santa Lucia.
Er konnte sich nur schwer einen Weg in die überfüllte Wartehalle bahnen, fand aber zu seiner Überraschung sofort einen freien Sitzplatz. Schwitzend und dankbar für die etwas kühleren Temperaturen im Inneren der Halle ließ er sich erleichtert auf die harte Sitzbank fallen. Sein Blick wanderte über die Leute die hier auf die Abfahrt ihres Zuges warteten, oder die gerade in Venedig ankamen.
Geri hatte Zeit, er wusste dass sie alle hier sein würden, und keiner von ihnen ahnte dass er sie bereits gnadenlos im Visier hatte. Nur kurz stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen, dann begann er konzentriert seine Umgebung abzusuchen. Ein blendend aussehender junger Mann mit einem Hüftleiden erregte kurz sein Interesse, aber mit dem konnte er sich später beschäftigen. Er zog einen dicken Notizblock aus der Außentasche seiner Trekking Hose, und noch während er seine Beobachtung notierte, sah er sein erstes Opfer.
Der Dicke mit der unförmigen Säufernase und dem schreiend bunten Hawaihemd sah eigentlich wie ein normaler Tourist aus, aber Geri wusste es besser. Das war Kommissar Matteo Vasconi aus Mailand, in geheimer Mission unterwegs um den Drahtzieher einer Bande von Mädchenhändlern zu enttarnen. Der dicke Kommissar betrachtete anscheinend gelangweilt das Schaufenster eines kleinen Buch und Zeitschriftenladens, es war aber offensichtlich, dass er in Wirklichkeit aufmerksam einen muskulösen Mann mit Glatze beobachtete der in seiner Nähe stand, und sich immer wieder nervös umsah. Geri blätterte hastig in seinen Aufzeichnungen.
Volltreffer!
Der Glatzkopf konnte nur Karlheinz Winkelmann sein, ein nach außen hin eher unauffällig wirkender Geschäftsmann aus Düsseldorf, der aber eine entscheidende Rolle in diesem komplizierten Kriminalfall spielte.
In der Wartehalle wurden einige Plätze frei nachdem die baldige Abfahrt des Zuges nach Rom angekündigt wurde, aber wenig später waren sie schon wieder besetzt, unter anderem von drei unentwegt schwatzenden Damen.
Geri beobachtete sie misstraurisch, sie waren schon etwas älter, so an die fünfzig Jahre, eine von ihnen war groß und spindeldürr, die andere klein und schlank, die dritte dagegen ziemlich fett, und alle schienen sie einem guten Schluck nicht abgeneigt zu sein. Ein Flachmann mit hochprozentigem Inhalt machte permanent unter viel Gelächter die Runde, und bald zog die Dicke eine Flasche Rotwein aus ihrer Reisetasche die sie sofort gekonnt entkorkte.
Aber auch wenn die drei Damen rührend bemüht waren einen möglichst harmlosen Eindruck zu machen, Geri konnten sie doch keinen Moment lang täuschen. Das waren drei trickreiche Detektivinnen aus Wien, sie waren genauso wie Kommissar Vasconi hinter Karlheinz Winkelmann her.
Geris Kugelschreiber tanzte über die Seiten seines Notizblockes und füllte ihn eifrig mit seinen Beobachtungen. Der junge Mann mit dem Hüftleiden schleppte sich wieder mit griesgrämiger Miene durch die Halle und blieb vor den Fahrkartenautomaten stehen. Während er wie beiläufig an den Tasten des Automaten herumspielte, ließ auch er den Glatzkopf nicht aus den Augen.
Geri versuchte den jungen Mann einzuordnen, war das etwa Pierluigi Favero aus Mailand, der Freund eines dieser bedauernswerten Mädchen die bereits in die Fänge der gnadenlosen Mädchenhändler geraden waren?
Karlheinz Winkelmann hatte sich inzwischen unauffällig einem zauberhaften und gertenschlanken jungen Mädchen mit langen schwarzen Haaren genähert, die Geri als Susana Rovelli aus Mailand identifizieren konnte.
Es war die übliche Geschichte, ihre reichen und immer gestressten Eltern hatten versucht Susanas Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit mit viel Geld auszugleichen, bald aber war das arme reiche Mädchen aus ihrem goldenen Käfig ausgebrochen und letztendlich in die Drogenszene abgerutscht. Ein perfektes Opfer für einen gewissenlosen Schurken wie Winkelmann!
Geri sah mit Besorgnis wie dieser gestenreich auf Susana Rovelli einredete, obwohl das Mädchen anscheinend keinerlei Interesse an einem Gespräch hatte, und schließlich gipfelte die Situation in einem wilden Streit. Susana hatte dem Mann einen heftigen Schlag ins Gesicht verabreicht, und der war drauf und dran brutal zurück zu schlagen.
Geri musste jetzt entscheiden ob er eingreifen sollte, oder doch einfach nur abzuwarten wie sich die Situation entwickelte. Alle hatten dem Streit zwischen Susana Rovelli und Karlheinz Winkelmann interessiert zugesehen, die Detektivinnen aus Wien, der junge Mann mit dem Hüftleiden und Kommissar Vasconi, aber keiner machte irgendwelche Anstalten dem Mädchen zur Hilfe zu eilen.
Geri dachte fieberhaft nach wie er die Situation zu seinem Vorteil ausnützen könnte, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter spürte.
"Na du?" -flüsterte jemand hinter ihm. Seine Nackenhaare sträubten sich vor Schreck.
"Bist du schon wieder am Geschichten erfinden, oder hast mich schon vergessen du Schuft?"
Geri sprang wie elektrisiert aus seinem Sitz hoch und zog die hübsche Frau vor ihm leidenschaftlich an sich.
"Hanni! Entschuldige, aber du weißt ja, wenn ich an einem neuen Roman arbeite dann..."
Während Hanni Bellheim und Geri Becker eng umschlungen zum Canale Grande schlenderten um sich eines dieser Wassertaxis zur Piazza San Marco zu nehmen, nahm auch das Leben von Geris Opfern wieder ihren normalen Lauf.
Der Glatzkopf versöhnte sich wieder mit seiner Freundin, die drei Freundinnen aus Wien waren mittlerweile so betrunken dass sie beinahe ihren Zug versäumt hätten, und der dicke Kommisar, in Wirklichkeit Comisario Altretti von der örtlichen Polizei in Venedig, schob sich schimpfend mit der neuesten Ausgabe des 'Corriere della Sera' durch die Menschenmassen. Trotz seines luftigen Hawaihemdes schwitzte er erbärmlich in der Hitze dieses Sommertages.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.08.2006.
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