Gerhard Wetz

Skrupellos

Die Kurzgeschichte "Skrupellos" spielt sich auf dem Gelände des Schlosses Herberstein nahe Graz in der Steiermark ab und ist natürlich in jeder Hinsicht frei erfunden. Dieses wunderschöne Schloss, auf einer Anhöhe über der Feistritzklamm gelegen, ist ein richtiges Juwel und verfügt über den beschriebenen Tierpark, den ich bereits viele Male begeistert besucht habe.

 

*

 

Ein schriller Laut voller Todesangst durchschnitt jäh die Stille der bis eben noch so friedlichen Nacht in der Feistritzklamm, mit letzter Kraft versuchte das Opfer seinem Schicksal noch zu entkommen.

„Verdammt“, -keuchte der Mörder, holte mit dem schweren Vorschlaghammer aus, und schlug noch einmal mit voller Kraft zu. Diesmal zerbarst der Schädel unter der Wucht des Hiebes. Er packte den nun leblosen Körper und warf ihn über die Umzäunung in das Wolfsgehege. Während er lautlos wie ein Schatten zum Schloss zurück eilte, und ungesehen sein Versteck erreichte, hatten sich die Wölfe schon mit einem infernalischen Geheule auf die unverhoffte Beute gestürzt. Im Schloss der Grafen von Herberstein flammten überall Lichter auf, aufgeregte Rufe erklangen, und schließlich eilten die Bediensteten in nur notdürftig übergeworfenen Kleidern an ihm vorbei um im nahe gelegenen Tierpark nach dem Rechten zu sehen. Die Geräusche verklangen in der Ferne und er schlüpfte entschlossen durch das Tor des Gesindehauses. Niemand war mehr hier, ganz wie er es geplant und erhofft hatte, und auch den Zugang zum alten Keller fand er schnell. Nachdem er die alte Kellertür sorgfältig hinter sich geschlossen hatte, eilte er im schwachen Schein seiner kleinen Stirnlampe nach unten in das uralte, bereits seit langem unbenutzte Gewölbe. Über die vereinzelt herumstehenden Gerätschaften hatte sich bereits der Staub von Jahren gelegt, und auch die alten Regale waren großteils leer und unbenutzt. Nur vergilbte Zeitungen aus den sechziger Jahren lagen überall herum.

„Die Queen besucht Deutschland“, stand da in großen Lettern auf der ersten Seite, und, „die britische Königin Elisabeth II und ihr Mann Prinz Philipp trafen zu einem Staatsbesuch in Deutschland ein.“

 „Blaublütiges Pack“, knurrte er abfällig, und begann ohne zu zögern mit seiner Arbeit.

 

*

 

Johannes Landschad steuerte den schweren Rolls Royce bedächtig über die schmale Landstraße. Als enger Vertrauter des Grafen Siegmund von Reichenstein oblagen ihm nicht nur die Pflichten eines Dieners, er fungierte bei Bedarf auch als dessen Chauffeur. Die Einladung der Gräfin von Herberstein sie auf ihrem Schloss zu besuchen, bot ihnen eine willkommene Gelegenheit wieder einmal durch die wunderschöne Landschaft der Oststeiermark zu fahren.

„Wir werden bald ankommen Herr Graf“, meinte Johannes. Ein Motorradfahrer, welcher bereits seit einiger Zeit hinter ihnen ungeduldig auf eine Möglichkeit zum Überholen gewartet hatte, brauste mit Vollgas knapp an ihnen vorbei. Sein wunderschöner, rot lackierter Helm blitzte kurz auf im tief stehenden Licht der Abendsonne.

„Ha, noch so ein Organspender!“ -schimpfte Johannes ungehalten, hielt sich aber mit weiteren Anspielungen vornehm zurück, er kannte ja die Vorliebe des Grafen für schwere Motorräder. Ein prüfender Blick in den Rückspiegel im Wageninneren zeigte ihm aber nur das unbewegte Gesicht seines Herrn, dessen dunkle Augen gleichmütig die anmutigen Hügel zu beiden Seiten der Straße betrachteten. Johannes beneidete ihn wegen seines blendenden Aussehens, groß, schlank und ein Gesicht welches ihn in seiner Kühnheit immer an einen Raubvogel erinnerte.

Das Schloss der Grafen von Herberstein, wunderschön auf einer Anhöhe über einem kleinen Fluss gelegen, tauchte auf der linken Seite der Straße auf. Der davor liegende Tierpark war auch noch zu dieser späten Stunde gut besucht. Sie wurden beim Schloss bereits ungeduldig erwartet. Graf Siegmunds Cousine, Christina Gräfin von Herberstein, eine Frau von geradezu makelloser Schönheit, begrüßte sie als willkommene Gäste auf ihrem Schloss.

Etwas später am Abend, bei einem kurzen gemeinsamen Spaziergang durch den historischen Rosengarten, vertraute sich die Gräfin ihrem Cousin an, und erzählte ihm von den unheimlichen Vorfällen welche seit Tagen hier für große Unruhe sorgten.

„Von den bedauernswerten Opfern haben wir nur mehr die zerschmetterten und abgenagten Knochen gefunden!“ –meinte sie erschaudernd.

„Moment!“, meinte Siegmund erschrocken, „von welchen Opfern reden wir hier eigentlich?“

„Nun, zuerst war das ein wertvolles Bennett Känguruh“, seufzte sie, „ja und vor kurzem jetzt auch eine Zwergziege.“

„Ach so“, schnaufte der Graf erleichtert, „ich dachte schon...“

„Wer macht nur so etwas“? Die Gräfin schüttelte sich angewidert. „Die Polizei war natürlich bereits hier, konnte aber kaum Spuren finden. Na ja, der Max, der findet ja nie etwas!

Ein bereits etwas älterer Mann mit einem hellen, ehemals vielleicht schneeweißen Sakko, Panamahut und nur leicht ergrauten Haaren kam ihnen auf dem Spazierweg entgegen.

„Cousin, ich möchte Ihnen jemanden vorstellen“, die Gräfin zog Siegmund eifrig mit sich. „Guten Abend Joe, das ist mein Cousin, Graf Siegmund von Reichenstein. Vielleicht wollen Sie ja auch ein Portrait von ihm malen? Siegmund, das ist Joe Hauser, ein absolut begnadeter Maler und alter Freund der Familie!“

Joe Hauser streckte dem Grafen freundlich seine Hand zum Gruß entgegen. Mit dem dichten Vollbart sah er wirklich so aus wie man sich landläufig einen Künstler vorstellt.

 

*

 

Die Nacht hatte die Umgebung des Schlosses in grauschwarzes Dunkel gehüllt, nur ab und an waren noch Geräusche aus den Stallungen der Tiere zu hören. Sepp Gruber, der Leiter des Tierparks der Grafen von Herberstein, wartete bereits mehr als eine Stunde vor dem alten Schuppen, der als Lager für allerlei Krimskrams diente. So spät im Herbst waren die Nächte doch schon ziemlich kalt, er wippte fröstelnd von einem Fuß auf den anderen, und zog die Kapuze seiner dunklen Jacke über seine hellblonden, kurzen Haare. Der neue Hilfstierpfleger, der Gregor Langmann, hatte sein Interesse geweckt. Der Kerl schien zwar irgendwelchen perversen Neigungen nachzugehen, aber auf der anderen Seite auch einem amourösen Abenteuer nicht abgeneigt zu sein. Endlich, schattenhaft und zögernd tauchte eine schwarz gekleidete Gestalt aus dem Dunkel auf.

„Gregor, mein Liebster, warum hast du mich nur so lange warten lassen?“ -säuselte Sepp Gruber, bemüht, sich den Ärger über die lange Wartezeit nicht anmerken zu lassen.

Gregor Langmann wusste und akzeptierte, warum er zu dieser späten Stunde hier sein sollte. Er knurrte etwas Unverständliches und ließ es schließlich widerwillig zu dass er von Gruber betatscht wurde. Im Gegenzug dafür würde sein Chef eben seine Augen verschließen wenn er wieder einmal des Nachts unterwegs war. Gregor Langmann war mit seinen Gedanken bereits bei seinem nächsten Opfer.

 

*

 

„Fakten, mein lieber Johannes, das sind alles Fakten!“ Graf Siegmund hatte sich vor seinem Freund und Diener aufgebaut, welcher wie immer ungerührt den Ausführungen seines Herrn folgte. „Seitdem dieser Hilfstierpfleger, der Gregor Langmann hier eingestellt wurde, hat man ihn schon mehrere Male beobachtet wie er Tiere quält, was für Beweise brauchen Sie denn sonst noch?“

Johannes ließ sich Zeit mit seiner Antwort. „Irgendetwas stimmt da aber nicht, mein linkes Ohr juckt wieder, und Sie wissen...“

„Ach Johannes, Sie mit Ihrem linken Ohr, kommen Sie mir doch nicht damit!“ Siegmund massierte sich den ausgeprägten Höcker seiner Nase, wie immer, wenn er sich ärgerte. „Ich werde den Kerl jedenfalls im Auge behalten, und dann werden wir ja sehen wer Recht hat.“

Johannes blieb ungerührt, diese zornigen Ausbrüche des Grafen kannte er mittlerweile zur Genüge. Er würde jedenfalls seine eigenen Ermittlungen anstellen, da steckte mehr dahinter, das fühlte er, nicht nur an seinem linken Ohr! Es war beinahe Mitternacht, „Zeit für einen letzten Absacker“, wie sich Graf Siegmund so salopp ausdrückte. Johannes mixte ihm einen Wodka Ice Lemon, und sie setzten sich wortlos und in Gedanken versunken an den schönen offenen Kamin, wo einige hell brennende Holzscheite den Raum mit einer angenehmen Wärme versorgten. Während Graf Siegmund nachdenklich an seinem Trink nippte, schlich der unheimliche Tiermörder bereits wieder durch die Dunkelheit um die Mauern des Schlosses Herberstein.

 

*

 

Nachdenklich und zutiefst enttäuscht setzte er sich auf die Bank im Rosengarten.

Der Robert Granditz, der Verwalter des Schlosses, hatte ihm während einer gemeinsamen Sauftour diese Geschichte von einem sagenhaften Schatz erzählt, und, nachdem er ihm ein wenig gefällig gewesen war, auch noch den alten Plan des Schlosses besorgt. Darauf war zwar auf den ersten Blick nichts Interessantes zu sehen gewesen, aber schließlich hatte eine unscheinbare Skizze sein Interesse geweckt. „Alter Saufkopf“, grinste er. Nun, ihm konnte es nur Recht sein wenn der Robert zu dumm dazu war den Schatz selbst zu finden. Es war recht einfach gewesen in dem alten Keller ein Loch in die Wand zu stemmen, und tatsächlich befand sich dahinter ein riesiger Hohlraum. Sein Herz hatte wild gepocht vor Aufregung, als er durch das enge Loch gekrochen war. Im Schein der Lampe war aber dann nur ein total verstaubter alter Gang zum Vorschein gekommen, ein längst vergessener Fluchtweg aus dem Schloss wahrscheinlich. Er hatte die ganze Länge des Ganges sorgfältig abgesucht, aber da war nichts gewesen, keine Kisten oder ähnliches.

War etwa der Schatz bereits gefunden, und der Finder damit über alle Berge?

Er würde diesen alten Tunnel auf alle Fälle nochmals untersuchen, da er nun auch den versteckten Ausgang unten in der Klamm kannte, konnte er jederzeit dorthin zurückkehren, ohne den riskanten Weg über das Gesindehaus und durch den alten Keller nehmen zu müssen.

 

 

 

*

 

Seit Einbruch der Dunkelheit bereits lagen Graf Siegmund und sein Diener Johannes in der Nähe des Tierparks gemeinsam auf der Lauer.

„Da, sehen Sie!“ –Johannes meinte auf dem dunklen Spazierweg zum Schloss etwas gesehen zu haben.

„Sie haben Recht, da ist jemand!“ -flüsterte Siegmund, und schlich der Person, die sie gerade noch so eben im schwachen Licht des Mondes erahnen konnten, möglichst leise hinterher. Johannes wollte gerade folgen, als er ein eigenartiges Geräusch nahe den Stallungen der Haustiere hörte. Sein linkes Ohr juckte wieder wie verrückt.

„Gehen Sie alleine“, murmelte Johannes, und ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich in Richtung der Stallungen.

Graf Siegmund musste dem Verdächtigen also alleine folgen. Die schattenhafte Gestalt vor ihm war schließlich in einem alten Schuppen verschwunden, es blieb Siegmund nichts anderes übrig als zu versuchen, ob er durch einen Spalt in der Türe, oder durch eines der Fenster etwas sehen konnte. Zu seiner grenzenlosen Enttäuschung blieb es in dem Schuppen aber stockdunkel. Er kauerte sich nieder um erst mal abzuwarten, war aber nach einer Weile unversehens eingeschlafen. Graf Siegmund begann zu träumen, er träumte von Mord und Totschlag, hörte jemanden kreischen und jammern, bis ihm schließlich bewusst wurde dass hier tatsächlich jemand kreischte und jammerte! Schlagartig wachte er vollends auf. Diese Klagelaute kamen aus dem Schuppen vor ihm! Er nahm allen Mut zusammen, und warf sich mit voller Wucht gegen die Türe. Krachend zersplitterten die alten, morschen Bretter, er stürzte mitsamt den Resten der Türe in den dunklen Raum. Helles Licht flammte gleißend auf, und zwei Augenpaare starrten ihn fassungslos an. Der Graf brauchte einige Augenblicke um zu erkennen dass er anscheinend einen furchtbaren Fehler gemacht hatte. Vor ihm lag ein nacktes Pärchen in einem zerwühlten Bett. Eine ausnehmend attraktive, junge Frau, welche verzweifelt versuchte ihre Blöße zu bedecken, und ein großer, bärenstark aussehender Mann mit einem kolossalen Schnauzbart.

"Wos wüllst, Oarschloch?" Der Große sprang drohend aus dem Bett, ohne darauf zu achten dass er splitternackt war.

"Bei allen Göttern..." -stammelte Siegmund, "äh, tut mir leid guter Mann!" Überstürzt verließ er den Schuppen, "wie konnte ihm das nur passieren?" Fassungslos über den peinlichen Vorfall eilte er zurück zu der Stelle, wo sich Johannes von ihm getrennt hatte. Erst konnte er niemanden sehen, aber nachdem er einige Zeit weitergesucht hatte, ließ ihn ein Geräusch erschauern. Ein Schnaufen und Wimmern drang aus dem Dunkel eines Verschlages zu ihm.

„Oh nein, nicht schon wieder! Sind die hier etwa alle des Nachts heimlich am Vögeln?“ Er nahm sich vor diesmal nicht so überzureagieren, schlich vorsichtig näher und stolperte schließlich über eine verkrümmt am Boden liegende Gestalt von der die Klagelaute kamen.

„Hallo, was ist passiert?“ Er drehte den Körper vorsichtig auf den Rücken, und sein Herzschlag setzte für den Bruchteil einer Sekunde aus. Es war sein Diener Johannes.

 

Nachdem man den übel zugerichteten Johannes Landschad in das Landeskrankenhaus nach Graz gebracht hatte, traf auch bald die Polizei im Schloss ein um den Vorfall zu untersuchen. Ein großes Holzscheit, mit dem der Diener des Grafen offensichtlich niedergeschlagen worden war, und ein zerfetzter Ärmel einer schwarzen Jacke wurden als Beweisstücke sichergestellt.

Graf Siegmund konnte danach nicht schlafen, und hatte sich in die Bibliothek des Schlosses zurückgezogen. Sein Diener hatte also offenbar den irren Tiermörder gestellt und war dabei beinahe ums Leben gekommen. Er konnte nur hoffen dass bei den folgenden Ermittlungen der Täter entlarvt, und schnell aus dem Verkehr gezogen wurde. Siegmund blätterte in Gedanken versunken in den alten Büchern. Eine Familien-Chronik erregte sein Interesse. Bereits im Jahre 1290 hatte demnach die Familie Herberstein das Schloss erworben, welches dazumal allerdings nur aus einem zweigeschossigen Steinhaus und einem Bergfried bestand. Ein Namensvetter von ihm, ein ‚Siegmund Freiherr von Herberstein’, war anscheinend der bedeutendeste Vertreter des Geschlechtes der Herbersteiner. Als Diplomat, in Diensten von Kaisern und Königen, war er kreuz und quer durch Europa gereist. Er hatte sich auch sehr erfolgreich als Schriftsteller betätigt, seine ‚Moscovia’, die im Zuge seiner Reisen nach Osteuropa entstand, und von der es hier in der Bibliothek noch eine Ausgabe aus dem Jahre 1557 geben sollte, war lange ein Maßstab an dem spätere Autoren gemessen wurden. Etwa zu dieser Zeit war das Schloss großzügig nach Süden erweitert, und mit einem Kanonenturm versehen worden.

„Bei allen Göttern, was ist das?“ -Siegmund wollte seinen Augen nicht trauen. Aus dem wertvollen alten Buch waren offensichtlich einige Seiten einfach herausgerissen worden!

 

 

 

*

 

Die Bewohner des Schlosses und alle Angestellten waren zur polizeilichen Vernehmung in die große Empfangshalle gebeten worden.

„... und dann kummt der Depp, der depperte mitsaumt da Tür ins Zimma eini“, -fluchte der Große mit dem riesigen Schnauzbart und deutete anklagend auf Graf Reichenberg.

„Tun sie sich mäßigen, Herr...“ Der dicke Polizist sah bedächtig in seine Unterlagen, „Herr Rauberer. Sie ham ja scho ghört dass es a folscha Irrtum war, net wahr?“

„Jo Kruzitürkn no amol, hot ma denn goar ka Intimität mehr?“ Martin Rauberer wollte sich nicht mäßigen, schließlich hatte ihn der ‚blede Blaublütler’ um eine heiße Liebesnacht mit der Marianne gebracht.

„Holtn´s an Mund Rauberer. I sog´s net noamol.” Max, der Polizist war nahe daran seine Beherrschung zu verlieren. ‚Er hatte schließlich das Sagen hier!’

„Können´s die G´schicht a so bestätigen Fräulein Hupfauf?“

Marianne Hupfauf errötete vor Scham, konnte aber glücklicherweise die Geschichte bestätigen, und so konnte man sich endlich mit dem eigentlichen Vorfall beschäftigen.

Graf Siegmund war mit wachsendem Erstaunen dem Dialog zwischen den Einheimischen gefolgt, eigentlich hatte er so gut wie nichts verstanden, er musste sich das meiste zusammenreimen.

„Alsdann“, sprach Max Sackmann, „alsdann, gemma´s an.“ Max war der mit Abstand erfolgreichste Polizist der ganzen Gegend, was allerdings großteils daran lag, dass er eben auch der einzige Ordnungshüter hier war, er hatte sich also ganz fest vorgenommen den ‚Kriminalfall’ schnell und lückenlos zu lösen. Zuhause sollte es heute sein Leibgericht zum Mittagessen geben, ‚Schweinsbraten mit Sauerkraut’, und, wie man allgemein wusste, hätte er dafür notfalls sogar seine Seele verkauft!

„Ihren Diener konnte man schon befragen Herr Graf.“ –begann er.

Der Polizist konnte sich also auch verständlich ausdrücken, wie Graf Reichenstein erleichtert feststellte.

„Er hat ausg´sagt dass er den Gregerl, also, dem Gregor Langmann dabei erwischt hat, wie der grad dabei war ein Hausschaf zu mißbrauchen.“ Max hielt verblüfft einige Sekunden inne, er konnte nicht so ganz glauben was da im Vernehmungsprotokoll stand.

„Ja leckt´s mi am A...“ -gerade noch rechtzeitig verbiss er sich einen hier sehr gebräuchlichen Kraftausdruck.

Die anwesenden Zeugen und Beteiligten sahen den Polizisten mit ungläubigem Entsetzen an.

Schließlich fuhr er fort, „Herr Graf, ihr Diener hat also den Gregor erwischt und zur Rede g´stellt und da ist der mit einem Holzscheit auf ihn los´gangen. Jetzt liegt also ihr Diener…, wie heißt der? Landschad? - Also Namen gibt´s! - Jetzt liegt der also, grün und blau g´schlagn am ganzen Körper, im Landeskrankenhaus in Graz, net wahr?“ Er hörte auf im Zimmer auf und ab zu gehen, und versuchte erfolglos seine heruntergerutschte Hose über seinen beeindruckenden Bauch zu ziehen.

„Was is’n jetzt mit´n, ah, mit dem Gregor?“ -stotterte Sepp Gruber.

„Den hobm ma scho, der is eh scho ein´gsperrt, und murgn sitzt a scho im Kriminal“,  -verkündete Max euphorisch.

„Wie war das jetzt, wo sitzt der?“ -Graf Siegmund hatte wieder einmal kaum etwas verstanden.

„Na, wie schon g´sagt, wir haben ihn eing´fangen, und eing´sperrt, und morg´n schon wird er nach Graz in die Strafanstalt gebracht.“ Er hielt erschöpft inne. So ein schönes Deutsch zu sprechen strengte ihn enorm an.

„Hat er denn auch alles zugegeben?“ -meldete sich nun auch die Gräfin Herberstein zu Wort.

„Glaub schon, aber er wird noch verhört“, meinte Max zufrieden, und versuchte nochmals erfolglos seine Hose hochzuziehen, er brauchte wirklich dringend Hosenträger. „Wir ham ja die Tatwaffe mit sein´m Blut dran“, fuhr er fort, „er hat´se, ah, also, er hat sich beim Zuschlagen dran verletzt, net wahr.“

Eigentlich wollte er sich nur mehr hinsetzen und ein großes Bier trinken. Wegen diesen ‚Blaublütlern’ musste er in einer für ihn total ungewohnten Sprache sprechen. Auf diese außerordentliche Belastung würde er in seinem Bericht an die Kriminalpolizei in Graz ausdrücklich hinweisen! Er, der Max Sackmann, er also hatte ganz alleine mit seiner überragenden Intelligenz den Fall schnell und vollständig gelöst. Seine Kumpel in der Gastwirtschaft würden Augen und Ohren aufreißen!

 

„Alsdann die Herrschaften, dankschön, es is eh olles geklärt, net wahr, und ah, jo, weitermachen!“ -verkündete er schließlich sichtlich zufrieden. Er holte seine neueste Errungenschaft, ein mobiles Telefon, aus der Hosentasche und versuchte seine Frau zu erreichen.

“Schatzi? I bin´s, jo i, da Max. Jo du, i kumm jetz´n ham, jo? Kaunst scho herricht´n des Schweinsbrat´l. Host mi? Jo? Servas. Bussi!“

 

*

 

Graf Siegmund schlenderte durch die Arkadengänge im Innenhof des Schlosses und betrachtete nachdenklich die zahlreichen Touristen, die hier schwatzend auf die nächste Schlossführung warteten.

„Also er hatte doch Recht gehabt, der Gregor Langmann war also der irre Tiermörder, und pervers noch obendrein“. Graf Siegmund war froh dass die jüngsten Vorfälle so schnell aufgeklärt werden konnten. Er erinnerte sich wieder an das Buch mit den herausgerissenen Seiten. Er eilte in die Bibliothek um das Buch zu holen.

 

„Das ist ja eine Katastrophe!“ Christina sah ihren Cousin fassungslos an.

„Haben Sie eine Idee was hier herausgerissen wurde?“ –erkundigte sich Siegmund.

„Soweit ich mich erinnere, waren da Details über Anbauten an die alten Gebäude verzeichnet. Also eine Art Bauplan des Schlosses.“ Die Gräfin blätterte etwas ratlos und gedankenverloren in der Chronik. „Ach ja, da war ja auch noch diese Geschichte von einem vergrabenen Schatz, aber es ist natürlich niemals etwas gefunden worden.“

„Wer hat Zugang zur Bibliothek, können da auch Fremde hinein?“

„Nein, eigentlich nicht, nur wir und die Bediensteten, allerdings...“

„Allerdings was?“ -wurde Siegmund neugierig.

„Nun ja, das ist sicherlich Unsinn, aber...“ die Gräfin zögerte weiterzusprechen, „mein Freund der Maler, Sie wissen schon, der Joe Hauser, Sie haben ihn bereits kennen gelernt, er hat mich vor einiger Zeit gebeten ihm Zugang zur Bibliothek zu gewähren. Er wollte sich Inspiration holen, wie er sich ausdrückte.“ Sie sah ihren Cousin verblüfft an.

„Na, dann wollen wir dem Guten einige Fragen stellen. Wie können wir ihn erreichen?“

„Er wohnt vorübergehend hier im Schloss, in einem Seitentrakt…“

 

 

*

 

Der Schatzsucher musste sich beeilen, den Gregor hatte man verhaftet, und der würde die Sache mit den getöteten Tieren sicherlich nicht auf sich nehmen. Man würde also bald wissen dass auf Schloss Herberstein noch immer eigenartige Dinge vor sich gingen. Wenn der Schatz noch hier war, dann musste er ihn bald finden. Die Nacht war bereits angebrochen und aus dem Wolfsgehege war noch vereinzelt ein Knurren und Bellen zu hören. Die üblichen Revierkämpfe im Rudel, nichts Außergewöhnliches. Alle benötigten Geräte hatte er im Rucksack verpackt, und es konnte losgehen. Im Schutz der Dunkelheit machte er sich auf den Weg, den er mittlerweile so gut kannte dass er auf eine Beleuchtung verzichten konnte. Als er an der Südseite des Schlosses ankam, dort, wo der Fußweg zum Fluss tief unten in der Klamm führt, blitzte vor ihm plötzlich das Licht einer Taschenlampe auf.

„Na, was machen sie denn da?“ -flüsterte jemand, den er hinter dem Strahl des hellen Lichtes nicht erkennen konnte.

„He, he! Wer ist da?“ -stammelte der Schatzsucher, „leuchten Sie mir nicht direkt ins Gesicht, ich kann ja nichts sehen!“ Seine Hand krampfte sich nervös um den Griff des kleinen Spatens den er im Rucksack nicht mehr untergebracht hatte.

„Das tut nichts zur Sache lieber Herr“. -raunte der Unbekannte. „Ich weiß was Sie suchen, ich habe nämlich die Chronik auch gelesen, noch bevor die Seiten mit dem Bauplan verschwunden sind. Haben Sie die herausgerissen? Aber wie auch immer, wir sollten zusammenarbeiten, meinen Sie nicht auch?“

Dem Schatzsucher wurde schlagartig klar dass er aufgeflogen war, sollte alles umsonst gewesen sein? Das durfte nicht sein! Ohne dass es ihm wirklich bewusst wurde, holte er mit dem Spaten plötzlich aus und hieb ihn mit voller Wucht in Richtung auf den Kopf des Unbekannten. Das war so schnell gegangen dass dieser nicht einmal in der Lage gewesen war einen Schmerzenslaut auszustoßen, der Getroffene sackte zusammen und kollerte über die steile Böschung hinunter zum Fluss.

„Ah, verflucht!“ Was hatte er da nur angerichtet? Der Schatzsucher tastete nervös den Boden ab und fand schließlich die Taschenlampe seines Opfers. Sie funktionierte aber nicht mehr, so kramte er in seinem Rucksack nach seiner Stirnlampe. Im schwachen Schein der kleinen Lampe tastete er sich langsam den Weg hinunter zum Fluss, aber trotz gründlichster Suche konnte er den Körper des Niedergeschlagenen nicht finden. Fieberhaft überlegte er was er tun sollte und konnte. Wenn der Kerl nun gar nicht tot war? Dann war er sicherlich schon dabei die Polizei zu alarmieren, sollte er ihn aber tödlich getroffen haben, dann würde man ihn im Tageslicht bald finden. Panik erfasste ihn, er musste sich verstecken, am Besten im Tunnel, dort war er sicher! Er watete in den Fluss und zwängte sich durch die Wurzeln eines mächtigen alten Baumes hindurch in den alten Stollen.

 

 

*

 

Der Hieb mit dem Spaten hatte Joe Hauser den Hut vom Kopf gerissen, sein linkes Ohr gestreift, und war dann mit voller Wucht auf seiner Schulter gelandet. Geschockt war er zu Boden gegangen und anschließend etliche Meter in die Tiefe gestürzt. Irgendwie hatte er es aber doch geschafft sich aufzuraffen und seitlich in den Büschen zu verbergen.

„Teufel noch einmal, tut das weh!“ Sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren und er konnte seinen linken Arm kaum bewegen. „Dieses Schwein hat tatsächlich versucht mich umzubringen“, -stöhnte er. Ein schwacher Lichtschein der sich von ihm langsam entfernte zeigte ihm die Position seines Gegners, er wartete bis dieser offenbar die Suche aufgab, und dem Flusslauf unten in der Klamm zustrebte. Behutsam schlich er dem Lichtschein nach und stellte schließlich konsterniert fest, dass dieser urplötzlich verschwunden war. Ohne seine Taschenlampe konnte er kaum etwas sehen, daher übersah er auch die Gestalt im Regenmantel welche den Schatzsucher und Joe Hauser interessiert beobachtet hatte.

 

Währenddessen war der Schatzsucher bereits durch den geheimen Gang bis zur mächtigen Schlossmauer hochgestiegen. Dort, wo er zuallererst durch den Keller gekommen war, genau dort wollte er mit der Suche beginnen. Der Tunnel schien ja vollkommen leer zu sein, wenn es etwas zu finden gab, dann musste es vergraben, oder hinter den Mauern versteckt sein. Mit einem Metalldetektor der modernsten Bauart hoffte er bald fündig zu werden. Das Magnetfeld der Suchspule konnte bis zu einem Meter tief durch Boden und Wände dringen, sobald etwas Metallisches in dieses Magnetfeld geriet, würde sich der gleichmäßige Suchton des Gerätes ändern. Die ausgeklügelte Elektronik war sogar in der Lage ihm die Art des Fundes, etwa Gold oder Silber auf einem kleinen Bildschirm anzuzeigen. Er verband die Suchspule über eine kleine Teleskopstange mit dem Elektronikteil, dann legte er den Hauptschalter um. Eine Leuchtdiode flammte rubinrot auf und ein schnarrendes Geräusch aus dem eingebauten Lautsprecher zeigte ihm dass der Detektor einwandfrei arbeitete. Er musste nur noch die Lautstärke des Suchtones regeln, dann fuhr er mit der linken Hand, an der er einen goldenen Ring trug, in das Magnetfeld unter der Spule. Der Detektor reagierte sofort mit einem, wie ihm zumindest schien, höchst erfreuten Aufheulen, sowie der Anzeige von "GOL".

Fieberhaft begann er sofort mit der Suche, dass er vor kurzem höchstwahrscheinlich jemanden ermordet hatte, das hatte er beinahe schon vergessen.

 

*

 

Graf Siegmund von Reichenstein klopfte energisch an die Tür. „Hauser? Sind Sie da? Machen Sie bitte auf!“ Doch in der Wohnung war nichts zu hören. Er sah seine Cousine fragend an.

„Er scheint nicht hier zu sein.“ -meinte diese, „nun ja, der Schaden ist ja bereits angerichtet, versuchen wir es eben morgen früh noch einmal…“

Ein lauter Donnerschlag ließ beide zusammenzucken. Der Himmel öffnete seine Schleusen und strömender Regen setzte ein. Während sie zurück in ihre Gemächer gingen, schwoll unten in der Klamm die sonst so harmlose Feistriz rasch zu einem reißenden Fluss an. Die Strömung wurde schnell stärker und begann den Wurzelstock des alten Baumes, hinter dem sich der Ausgang des alten Tunnels befand, auszuwaschen. Joe Hauser war bereits total durchnässt, als die Morgendämmerung allmählich die Dunkelheit vertrieb. Gerade als er schweren Herzens beschloss die Suche abzubrechen, verlor der alte Baum endgültig seinen Halt in der vollkommen aufgeweichten Uferböschung. Die dichte Baumkrone neigte sich abrupt zur Seite, der mächtige Stamm verdrehte sich mit einem stöhnenden Geräusch, und schließlich stürzte der alte Riese krachend in das reißende Wasser, wo er sich mit den dicken Ästen am Grund verkeilte. Dort, wo sein Wurzelstock soeben noch gewesen war, war nun eine tiefe Grube, und dahinter konnte man im ersten Morgenlicht den Eingang zu einer Art Höhle sehen. Nachdem er seine Überraschung überwunden hatte, rutschte Joe kurz entschlossen in die bereits knietief mit Wasser gefüllte Grube, und verschwand rasch in der dunklen Öffnung.

 

*

 

Sepp Gruber arbeitete wie im Fieber, mehrere Male bereits hatte der Detektor Metall angezeigt, aber es waren nur verrostete alte Eisenteile gewesen, dann aber hörten sich die Signale plötzlich ganz anders an. Er konnte es kaum glauben was er auf dem kleinen Display sah: ‚Sil Coin’ stand da. Silbermünzen! Hier, hinter der Mauer mussten sich Silbermünzen befinden, ein wahrer Rausch ergriff ihn.

Mit einem irren Lachen begann er mit seinem Brecheisen Steine aus der Mauer zu reißen, ohne darauf zu achten dass die Stabilität des Mauergewölbes darunter zu leiden begann. Ein großer Stein löste sich und hätte ihm beinahe den Fuß zerquetscht, doch er machte unerschütterlich weiter, löste Stein um Stein, und schließlich wurde ein Hohlraum sichtbar. Was er sah verursachte ihm vor lauter Aufregung beinahe Übelkeit. Eine kleine eisenbeschlagene Truhe stand in der vormals zugemauerten Nische. Mit bebenden Händen hob er sie heraus, und stellte sie andächtig vor sich auf den Boden.

„Ha! Da ist er! Ich hab ihn wirklich gefunden den Schatz!“ -jauchzte er laut, und überhörte so das bedrohliche Knirschen in der Wand über ihm. Die Truhe war verschlossen, den verrosteten Verschluss konnte er allerdings leicht mit dem Brecheisen aufbrechen. Er öffnete mit bebenden Händen den Deckel, aber nur hunderte von kleinen, schwarzen und viereckigen Metallblättchen kamen zum Vorschein. Keine Spur von dem erhofften Glänzen und Glitzern eines Schatzes! Grenzenlose Enttäuschung machte sich in ihm breit, doch dann wurde ihm klar was er gefunden hatte, "das war ja Silber, nur eben im Laufe von Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten bereits total verwittert!" Er nahm eines der Metallblättchen und polierte es mit dem Ärmel seines Hemdes, eine Umlaufschrift wurde undeutlich sichtbar. "Da pacem nobis, domine", konnte er entziffern, ‚Herr, gib uns Frieden.’  Das waren anscheinend sogenannte „Klippen“, oder „Ulmer Gulden“ aus dem 16. Jahrhundert.

Hastig verschloss er die Truhe wieder, und begierig suchte er mit dem Metalldetektor die Wand nach möglichen weiteren Schätzen ab.

Einer der Deckensteine des Gewölbes hatte sich durch den jetzt fehlenden Druck der angrenzenden Steine gelockert. Ein kurzes schleifendes Geräusch, und ein dumpfer Knall, als der schwere Stein seinen Kopf zertrümmerte, waren das Letzte das Sepp Gruber in seinem Leben hörte. Seine bereits leblose Hand umkrampfte noch einige Augenblicke den Detektor, dann stürzte er zu Boden. Die uralte Tunneldecke, nun vollends jeder Stabilität beraubt, krachte auf einer Länge von vielen Metern in sich zusammen und begrub den skrupellosen Schatzsucher unter sich. Durch die neu entstandene Öffnung in der Decke drang Tageslicht ein und erhellte die schaurige Szenerie.

 

*

 

Joe Hauser tapste in totaler Dunkelheit durch den Geheimgang, irgendwo hier drinnen musste er sein, der Sepp Gruber, auf der Suche nach dem Schatz. Ein fernes Rumpeln und Krachen ließ ihn aufhorchen, er konnte sich aber keinen Reim daraus machen. Bedächtig ging er weiter, bis schließlich unerwartet ein Lichtschein vor ihm auftauchte. Als er näher kam, sah er dass vor ihm die Decke eingestürzt war, er konnte nicht mehr weiter. Nicht nur Tageslicht, sondern auch dichter Regen drang herein und verwandelte den Staub und Schutt in eine schlammige Masse.

Lag der Sepp da etwa unter den Trümmern?

In den verkeilten Steinen und all dem Dreck konnte er aber erst nichts finden. Als er bereits aufgeben wollte, kam eine Ecke einer verbogenen, eisenbeschlagenen Truhe zum Vorschein. Jo begann aufgeregt die Steine wegzuräumen, schließlich konnte er den Deckel mühelos öffnen. Er wusste sofort was er da vor sich hatte, ohne sich weiter um Sepp Gruber zu kümmern nahm er die kleine Truhe und machte sich eilig auf in Richtung zum Ausgang.

 

Inzwischen hatte der weiterhin sehr starke Regen den Fluss zu Rekordhöhe ansteigen lassen, der alte Baum hatte sich mit seinen starken Ästen immer noch im Flussbett verkeilt, aber braunes, schlammiges Wasser staute sich bereits machtvoll drückend an der im Wasser liegenden Baumkrone und gewann mehr und mehr die Überhand.

Joe hatte mit dem Schatz den Ausgang erreicht, mühsam und schwer atmend, beinahe schon bis zur Brust im Wasser stehend, schob er die Schatztruhe auf die Uferböschung.

„Geschafft!“ -ächzte er, und wollte sich eben auch aus der Grube ziehen, als ihn wie aus heiterem Himmel ein heftiger Schlag auf den Kopf traf. Besinnungslos stürzte er hinterrücks in das schlammige Wasser, und wurde sofort unter den umgestürzten Baum getrieben wo er sich in den Ästen verfing.

Der Mann im Regenmantel warf den schweren Stock in seiner Hand in die reißende Strömung und sah ungerührt zu wie Joe Hauser starb. Er machte sich mit der Schatztruhe davon als der alte Baum der übermächtigen Kraft des Wassers nachgab und schnell abtrieb.

 

*

 

Die Gräfin hatte nochmals erfolglos versucht Joe Hauser zu finden, aber ihr Freund der Maler schien sich einfach in Luft aufgelöst zu haben. Außerdem wurde ihr berichtet dass der Leiter des Tierparks, der Sepp Gruber, nicht zum Dienst erschienen sei. Laut seiner Mutter war er bereits am Vortag nach der Arbeit nicht nach Hause gekommen. Gräfin Christina von Herberstein meldete tags darauf beide Personen bei der Polizei als vermisst.

 

Wochen später wurde der eingestürzte Tunnel am Abhang zum Fluss gefunden weil eine neugierige Ziege in das Loch gefallen war, und anschließend jämmerlich um Hilfe meckerte. Eine Baufirma wurde beauftragt den alten Tunnel abzusichern und möglichst originalgetreu wieder herzustellen. Die Gräfin von Herberstein war der Meinung dass ein ehemals geheimer Gang sehr gut zu den abenteuerlichen Besichtigungen durch die alten Gewölbe des Schlosses passen würde, welche seit kurzem für die Besucher angeboten wurden. Im Zuge der Aufräumungsarbeiten unter der Leitung des Schlossverwalters wurde die bereits stark verweste Leiche von Sepp Gruber gefunden. Der von der örtlichen Polizei -in Gestalt von Max Sackmann- vorsorglich herbeigerufene Amtsarzt bescheinigte einen einwandfreien Unfalltod, und so wurde das unglückliche Opfer zur Beerdigung  freigegeben. Nachdem der Polizist von der Gräfin erfuhr dass Sepp Gruber wahrscheinlich während der Suche nach einem sagenhaften Schatz verschüttet worden war, schrieb er folgendes in seinen Bericht:

 

„Tödlich verletzt auf der Suche nach einem Schatz der aber gar nicht da war, und weil ihm dabei auch noch die Decke auf den Kopf gestürzt ist.“

Max Sackmann verabschiedete sich frohgemut, und zupfte begeistert an seinen neuen Hosenträgern.

 

Als man der Gräfin von Herberstein wenig später die traurige Nachricht überbrachte, dass Joe Hausers Leiche im Fluss gefunden worden war, entschied Robert Granditz, der Verwalter des Schlosses Herberstein, dass es an der Zeit sei seine Stellung zu kündigen und sein weiteres Leben in Zukunft nur mehr der Suche nach verborgenen Schätzen zu widmen. Der Silberschatz in seinem Rucksack war genügend wert um einige Jahre davon zu leben. Er verabschiedete sich fröhlich von seinen Arbeitskameraden, setzte sich auf sein schweres Motorrad, und brauste einem unbekannten Ziel entgegen. Sein Helm mit der prächtigen roten Lackierung leuchtete wunderbar im Licht der aufgehenden Sonne.

   

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.08.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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