Die
Kurzgeschichte "Skrupellos" spielt sich auf dem Gelände des Schlosses
Herberstein nahe Graz in der Steiermark ab und ist natürlich in jeder Hinsicht
frei erfunden. Dieses wunderschöne Schloss, auf einer Anhöhe über der
Feistritzklamm gelegen, ist ein richtiges Juwel und verfügt über den
beschriebenen Tierpark, den ich bereits viele Male begeistert besucht habe.
*
Ein schriller Laut voller
Todesangst durchschnitt jäh die Stille der bis eben noch so friedlichen Nacht
in der Feistritzklamm, mit letzter Kraft versuchte das Opfer seinem Schicksal
noch zu entkommen.
„Verdammt“, -keuchte der
Mörder, holte mit dem schweren Vorschlaghammer aus, und schlug noch einmal mit
voller Kraft zu. Diesmal zerbarst der Schädel unter der Wucht des Hiebes. Er
packte den nun leblosen Körper und warf ihn über die Umzäunung in das
Wolfsgehege. Während er lautlos wie ein Schatten zum Schloss zurück eilte, und
ungesehen sein Versteck erreichte, hatten sich die Wölfe schon mit einem
infernalischen Geheule auf die unverhoffte Beute gestürzt. Im Schloss der
Grafen von Herberstein flammten überall Lichter auf, aufgeregte Rufe erklangen,
und schließlich eilten die Bediensteten in nur notdürftig übergeworfenen
Kleidern an ihm vorbei um im nahe gelegenen Tierpark nach dem Rechten zu sehen.
Die Geräusche verklangen in der Ferne und er schlüpfte entschlossen durch das
Tor des Gesindehauses. Niemand war mehr hier, ganz wie er es geplant und
erhofft hatte, und auch den Zugang zum alten Keller fand er schnell. Nachdem er
die alte Kellertür sorgfältig hinter sich geschlossen hatte, eilte er im
schwachen Schein seiner kleinen Stirnlampe nach unten in das uralte, bereits
seit langem unbenutzte Gewölbe. Über die vereinzelt herumstehenden
Gerätschaften hatte sich bereits der Staub von Jahren gelegt, und auch die
alten Regale waren großteils leer und unbenutzt. Nur vergilbte Zeitungen aus
den sechziger Jahren lagen überall herum.
„Die Queen besucht
Deutschland“, stand da in großen Lettern auf der ersten Seite, und, „die
britische Königin Elisabeth II und ihr Mann Prinz Philipp trafen zu einem
Staatsbesuch in Deutschland ein.“
„Blaublütiges Pack“, knurrte er abfällig, und
begann ohne zu zögern mit seiner Arbeit.
*
Johannes Landschad
steuerte den schweren Rolls Royce bedächtig über die schmale Landstraße. Als
enger Vertrauter des Grafen Siegmund von Reichenstein oblagen ihm nicht nur die
Pflichten eines Dieners, er fungierte bei Bedarf auch als dessen Chauffeur. Die
Einladung der Gräfin von Herberstein sie auf ihrem Schloss zu besuchen, bot
ihnen eine willkommene Gelegenheit wieder einmal durch die wunderschöne
Landschaft der Oststeiermark zu fahren.
„Wir werden bald ankommen
Herr Graf“, meinte Johannes. Ein Motorradfahrer, welcher bereits seit einiger
Zeit hinter ihnen ungeduldig auf eine Möglichkeit zum Überholen gewartet hatte,
brauste mit Vollgas knapp an ihnen vorbei. Sein wunderschöner, rot lackierter
Helm blitzte kurz auf im tief stehenden Licht der Abendsonne.
„Ha, noch so ein
Organspender!“ -schimpfte Johannes ungehalten, hielt sich aber mit weiteren
Anspielungen vornehm zurück, er kannte ja die Vorliebe des Grafen für schwere
Motorräder. Ein prüfender Blick in den Rückspiegel im Wageninneren zeigte ihm
aber nur das unbewegte Gesicht seines Herrn, dessen dunkle Augen gleichmütig
die anmutigen Hügel zu beiden Seiten der Straße betrachteten. Johannes
beneidete ihn wegen seines blendenden Aussehens, groß, schlank und ein Gesicht
welches ihn in seiner Kühnheit immer an einen Raubvogel erinnerte.
Das Schloss der Grafen von
Herberstein, wunderschön auf einer Anhöhe über einem kleinen Fluss gelegen,
tauchte auf der linken Seite der Straße auf. Der davor liegende Tierpark war
auch noch zu dieser späten Stunde gut besucht. Sie wurden beim Schloss bereits
ungeduldig erwartet. Graf Siegmunds Cousine, Christina Gräfin von Herberstein,
eine Frau von geradezu makelloser Schönheit, begrüßte sie als willkommene Gäste
auf ihrem Schloss.
Etwas später am Abend, bei
einem kurzen gemeinsamen Spaziergang durch den historischen Rosengarten,
vertraute sich die Gräfin ihrem Cousin an, und erzählte ihm von den
unheimlichen Vorfällen welche seit Tagen hier für große Unruhe sorgten.
„Von den bedauernswerten
Opfern haben wir nur mehr die zerschmetterten und abgenagten Knochen gefunden!“
–meinte sie erschaudernd.
„Moment!“, meinte Siegmund
erschrocken, „von welchen Opfern reden wir hier eigentlich?“
„Nun, zuerst war das ein
wertvolles Bennett Känguruh“, seufzte sie, „ja und vor kurzem jetzt auch eine
Zwergziege.“
„Ach so“, schnaufte der
Graf erleichtert, „ich dachte schon...“
„Wer macht nur so etwas“?
Die Gräfin schüttelte sich angewidert. „Die Polizei war natürlich bereits hier,
konnte aber kaum Spuren finden. Na ja, der Max, der findet ja nie etwas!
Ein bereits etwas älterer
Mann mit einem hellen, ehemals vielleicht schneeweißen Sakko, Panamahut und nur
leicht ergrauten Haaren kam ihnen auf dem Spazierweg entgegen.
„Cousin, ich möchte Ihnen
jemanden vorstellen“, die Gräfin zog Siegmund eifrig mit sich. „Guten Abend
Joe, das ist mein Cousin, Graf Siegmund von Reichenstein. Vielleicht wollen Sie
ja auch ein Portrait von ihm malen? Siegmund, das ist Joe Hauser, ein absolut
begnadeter Maler und alter Freund der Familie!“
Joe Hauser streckte dem
Grafen freundlich seine Hand zum Gruß entgegen. Mit dem dichten Vollbart sah er
wirklich so aus wie man sich landläufig einen Künstler vorstellt.
*
Die Nacht hatte die
Umgebung des Schlosses in grauschwarzes Dunkel gehüllt, nur ab und an waren
noch Geräusche aus den Stallungen der Tiere zu hören. Sepp Gruber, der Leiter
des Tierparks der Grafen von Herberstein, wartete bereits mehr als eine Stunde
vor dem alten Schuppen, der als Lager für allerlei Krimskrams diente. So spät
im Herbst waren die Nächte doch schon ziemlich kalt, er wippte fröstelnd von
einem Fuß auf den anderen, und zog die Kapuze seiner dunklen Jacke über seine
hellblonden, kurzen Haare. Der neue Hilfstierpfleger, der Gregor Langmann, hatte
sein Interesse geweckt. Der Kerl schien zwar irgendwelchen perversen Neigungen
nachzugehen, aber auf der anderen Seite auch einem amourösen Abenteuer nicht
abgeneigt zu sein. Endlich, schattenhaft und zögernd tauchte eine schwarz
gekleidete Gestalt aus dem Dunkel auf.
„Gregor, mein Liebster,
warum hast du mich nur so lange warten lassen?“ -säuselte Sepp Gruber, bemüht,
sich den Ärger über die lange Wartezeit nicht anmerken zu lassen.
Gregor Langmann wusste und
akzeptierte, warum er zu dieser späten Stunde hier sein sollte. Er knurrte
etwas Unverständliches und ließ es schließlich widerwillig zu dass er von
Gruber betatscht wurde. Im Gegenzug dafür würde sein Chef eben seine Augen
verschließen wenn er wieder einmal des Nachts unterwegs war. Gregor Langmann
war mit seinen Gedanken bereits bei seinem nächsten Opfer.
*
„Fakten, mein lieber
Johannes, das sind alles Fakten!“ Graf Siegmund hatte sich vor seinem Freund
und Diener aufgebaut, welcher wie immer ungerührt den Ausführungen seines Herrn
folgte. „Seitdem dieser Hilfstierpfleger, der Gregor Langmann hier eingestellt
wurde, hat man ihn schon mehrere Male beobachtet wie er Tiere quält, was für
Beweise brauchen Sie denn sonst noch?“
Johannes ließ sich Zeit
mit seiner Antwort. „Irgendetwas stimmt da aber nicht, mein linkes Ohr juckt
wieder, und Sie wissen...“
„Ach Johannes, Sie mit
Ihrem linken Ohr, kommen Sie mir doch nicht damit!“ Siegmund massierte sich den
ausgeprägten Höcker seiner Nase, wie immer, wenn er sich ärgerte. „Ich werde
den Kerl jedenfalls im Auge behalten, und dann werden wir ja sehen wer Recht
hat.“
Johannes blieb ungerührt,
diese zornigen Ausbrüche des Grafen kannte er mittlerweile zur Genüge. Er würde
jedenfalls seine eigenen Ermittlungen anstellen, da steckte mehr dahinter, das
fühlte er, nicht nur an seinem linken Ohr! Es war beinahe Mitternacht, „Zeit
für einen letzten Absacker“, wie sich Graf Siegmund so salopp ausdrückte.
Johannes mixte ihm einen Wodka Ice Lemon, und sie setzten sich wortlos und in
Gedanken versunken an den schönen offenen Kamin, wo einige hell brennende
Holzscheite den Raum mit einer angenehmen Wärme versorgten. Während Graf
Siegmund nachdenklich an seinem Trink nippte, schlich der unheimliche
Tiermörder bereits wieder durch die Dunkelheit um die Mauern des Schlosses
Herberstein.
*
Nachdenklich und zutiefst
enttäuscht setzte er sich auf die Bank im Rosengarten.
Der Robert Granditz, der
Verwalter des Schlosses, hatte ihm während einer gemeinsamen Sauftour diese
Geschichte von einem sagenhaften Schatz erzählt, und, nachdem er ihm ein wenig
gefällig gewesen war, auch noch den alten Plan des Schlosses besorgt. Darauf
war zwar auf den ersten Blick nichts Interessantes zu sehen gewesen, aber
schließlich hatte eine unscheinbare Skizze sein Interesse geweckt. „Alter
Saufkopf“, grinste er. Nun, ihm konnte es nur Recht sein wenn der Robert zu
dumm dazu war den Schatz selbst zu finden. Es war recht einfach gewesen in dem
alten Keller ein Loch in die Wand zu stemmen, und tatsächlich befand sich
dahinter ein riesiger Hohlraum. Sein Herz hatte wild gepocht vor Aufregung, als
er durch das enge Loch gekrochen war. Im Schein der Lampe war aber dann nur ein
total verstaubter alter Gang zum Vorschein gekommen, ein längst vergessener
Fluchtweg aus dem Schloss wahrscheinlich. Er hatte die ganze Länge des Ganges
sorgfältig abgesucht, aber da war nichts gewesen, keine Kisten oder ähnliches.
War
etwa der Schatz bereits gefunden, und der Finder damit über alle Berge?
Er würde diesen alten
Tunnel auf alle Fälle nochmals untersuchen, da er nun auch den versteckten
Ausgang unten in der Klamm kannte, konnte er jederzeit dorthin zurückkehren,
ohne den riskanten Weg über das Gesindehaus und durch den alten Keller nehmen
zu müssen.
*
Seit Einbruch der
Dunkelheit bereits lagen Graf Siegmund und sein Diener Johannes in der Nähe des
Tierparks gemeinsam auf der Lauer.
„Da, sehen Sie!“ –Johannes
meinte auf dem dunklen Spazierweg zum Schloss etwas gesehen zu haben.
„Sie haben Recht, da ist
jemand!“ -flüsterte Siegmund, und schlich der Person, die sie gerade noch so
eben im schwachen Licht des Mondes erahnen konnten, möglichst leise hinterher.
Johannes wollte gerade folgen, als er ein eigenartiges Geräusch nahe den
Stallungen der Haustiere hörte. Sein linkes Ohr juckte wieder wie verrückt.
„Gehen Sie alleine“,
murmelte Johannes, und ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich in Richtung
der Stallungen.
Graf Siegmund musste dem
Verdächtigen also alleine folgen. Die schattenhafte Gestalt vor ihm war
schließlich in einem alten Schuppen verschwunden, es blieb Siegmund nichts
anderes übrig als zu versuchen, ob er durch einen Spalt in der Türe, oder durch
eines der Fenster etwas sehen konnte. Zu seiner grenzenlosen Enttäuschung blieb
es in dem Schuppen aber stockdunkel. Er kauerte sich nieder um erst mal
abzuwarten, war aber nach einer Weile unversehens eingeschlafen. Graf Siegmund
begann zu träumen, er träumte von Mord und Totschlag, hörte jemanden kreischen
und jammern, bis ihm schließlich bewusst wurde dass hier tatsächlich jemand
kreischte und jammerte! Schlagartig wachte er vollends auf. Diese Klagelaute
kamen aus dem Schuppen vor ihm! Er nahm allen Mut zusammen, und warf sich mit
voller Wucht gegen die Türe. Krachend zersplitterten die alten, morschen
Bretter, er stürzte mitsamt den Resten der Türe in den dunklen Raum. Helles
Licht flammte gleißend auf, und zwei Augenpaare starrten ihn fassungslos an.
Der Graf brauchte einige Augenblicke um zu erkennen dass er anscheinend einen
furchtbaren Fehler gemacht hatte. Vor ihm lag ein nacktes Pärchen in einem
zerwühlten Bett. Eine ausnehmend attraktive, junge Frau, welche verzweifelt
versuchte ihre Blöße zu bedecken, und ein großer, bärenstark aussehender Mann
mit einem kolossalen Schnauzbart.
"Wos wüllst,
Oarschloch?" Der Große sprang drohend aus dem Bett, ohne darauf zu achten
dass er splitternackt war.
"Bei allen
Göttern..." -stammelte Siegmund, "äh, tut mir leid guter Mann!"
Überstürzt verließ er den Schuppen, "wie konnte ihm das nur
passieren?" Fassungslos über den peinlichen Vorfall eilte er zurück zu der
Stelle, wo sich Johannes von ihm getrennt hatte. Erst konnte er niemanden
sehen, aber nachdem er einige Zeit weitergesucht hatte, ließ ihn ein Geräusch
erschauern. Ein Schnaufen und Wimmern drang aus dem Dunkel eines Verschlages zu
ihm.
„Oh nein, nicht schon
wieder! Sind die hier etwa alle des Nachts heimlich am Vögeln?“ Er nahm sich
vor diesmal nicht so überzureagieren, schlich vorsichtig näher und stolperte
schließlich über eine verkrümmt am Boden liegende Gestalt von der die
Klagelaute kamen.
„Hallo, was ist passiert?“
Er drehte den Körper vorsichtig auf den Rücken, und sein Herzschlag setzte für
den Bruchteil einer Sekunde aus. Es war sein Diener Johannes.
Nachdem man den übel
zugerichteten Johannes Landschad in das Landeskrankenhaus nach Graz gebracht
hatte, traf auch bald die Polizei im Schloss ein um den Vorfall zu untersuchen.
Ein großes Holzscheit, mit dem der Diener des Grafen offensichtlich
niedergeschlagen worden war, und ein zerfetzter Ärmel einer schwarzen Jacke
wurden als Beweisstücke sichergestellt.
Graf Siegmund konnte
danach nicht schlafen, und hatte sich in die Bibliothek des Schlosses
zurückgezogen. Sein Diener hatte also offenbar den irren Tiermörder gestellt
und war dabei beinahe ums Leben gekommen. Er konnte nur hoffen dass bei den
folgenden Ermittlungen der Täter entlarvt, und schnell aus dem Verkehr gezogen
wurde. Siegmund blätterte in Gedanken versunken in den alten Büchern. Eine
Familien-Chronik erregte sein Interesse. Bereits im Jahre 1290 hatte demnach
die Familie Herberstein das Schloss erworben, welches dazumal allerdings nur
aus einem zweigeschossigen Steinhaus und einem Bergfried bestand. Ein
Namensvetter von ihm, ein ‚Siegmund Freiherr von Herberstein’, war anscheinend
der bedeutendeste Vertreter des Geschlechtes der Herbersteiner. Als Diplomat,
in Diensten von Kaisern und Königen, war er kreuz und quer durch Europa
gereist. Er hatte sich auch sehr erfolgreich als Schriftsteller betätigt, seine
‚Moscovia’, die im Zuge seiner Reisen nach Osteuropa entstand, und von der es
hier in der Bibliothek noch eine Ausgabe aus dem Jahre 1557 geben sollte, war
lange ein Maßstab an dem spätere Autoren gemessen wurden. Etwa zu dieser Zeit
war das Schloss großzügig nach Süden erweitert, und mit einem Kanonenturm
versehen worden.
„Bei allen Göttern, was
ist das?“ -Siegmund wollte seinen Augen nicht trauen. Aus dem wertvollen alten
Buch waren offensichtlich einige Seiten einfach herausgerissen worden!
*
Die Bewohner des Schlosses
und alle Angestellten waren zur polizeilichen Vernehmung in die große
Empfangshalle gebeten worden.
„... und dann kummt der
Depp, der depperte mitsaumt da Tür ins Zimma eini“, -fluchte der Große mit dem
riesigen Schnauzbart und deutete anklagend auf Graf Reichenberg.
„Tun sie sich mäßigen,
Herr...“ Der dicke Polizist sah bedächtig in seine Unterlagen, „Herr Rauberer.
Sie ham ja scho ghört dass es a folscha Irrtum war, net wahr?“
„Jo Kruzitürkn no amol,
hot ma denn goar ka Intimität mehr?“ Martin Rauberer wollte sich nicht mäßigen,
schließlich hatte ihn der ‚blede Blaublütler’ um eine heiße Liebesnacht mit der
Marianne gebracht.
„Holtn´s an Mund Rauberer.
I
sog´s net noamol.” Max, der Polizist war nahe
daran seine Beherrschung zu verlieren. ‚Er hatte schließlich das Sagen hier!’
„Können´s die G´schicht a
so bestätigen Fräulein Hupfauf?“
Marianne Hupfauf errötete
vor Scham, konnte aber glücklicherweise die Geschichte bestätigen, und so
konnte man sich endlich mit dem eigentlichen Vorfall beschäftigen.
Graf Siegmund war mit
wachsendem Erstaunen dem Dialog zwischen den Einheimischen gefolgt, eigentlich
hatte er so gut wie nichts verstanden, er musste sich das meiste
zusammenreimen.
„Alsdann“, sprach Max
Sackmann, „alsdann, gemma´s an.“ Max war der mit Abstand erfolgreichste
Polizist der ganzen Gegend, was allerdings großteils daran lag, dass er eben
auch der einzige Ordnungshüter hier war, er hatte sich also ganz fest
vorgenommen den ‚Kriminalfall’ schnell und lückenlos zu lösen. Zuhause sollte
es heute sein Leibgericht zum Mittagessen geben, ‚Schweinsbraten mit
Sauerkraut’, und, wie man allgemein wusste, hätte er dafür notfalls sogar seine
Seele verkauft!
„Ihren Diener konnte man
schon befragen Herr Graf.“ –begann er.
Der Polizist konnte sich
also auch verständlich ausdrücken, wie Graf Reichenstein erleichtert
feststellte.
„Er hat ausg´sagt dass er
den Gregerl, also, dem Gregor Langmann dabei erwischt hat, wie der grad dabei
war ein Hausschaf zu mißbrauchen.“ Max hielt verblüfft einige Sekunden inne, er
konnte nicht so ganz glauben was da im Vernehmungsprotokoll stand.
„Ja leckt´s mi am A...“
-gerade noch rechtzeitig verbiss er sich einen hier sehr gebräuchlichen
Kraftausdruck.
Die anwesenden Zeugen und
Beteiligten sahen den Polizisten mit ungläubigem Entsetzen an.
Schließlich fuhr er fort,
„Herr Graf, ihr Diener hat also den Gregor erwischt und zur Rede g´stellt und
da ist der mit einem Holzscheit auf ihn los´gangen. Jetzt liegt also ihr
Diener…, wie heißt der? Landschad? - Also Namen gibt´s! - Jetzt liegt der also,
grün und blau g´schlagn am ganzen Körper, im Landeskrankenhaus in Graz, net
wahr?“ Er hörte auf im Zimmer auf und ab zu gehen, und versuchte erfolglos
seine heruntergerutschte Hose über seinen beeindruckenden Bauch zu ziehen.
„Was is’n jetzt mit´n, ah,
mit dem Gregor?“ -stotterte Sepp Gruber.
„Den hobm ma scho, der is
eh scho ein´gsperrt, und murgn sitzt a scho im Kriminal“, -verkündete Max euphorisch.
„Wie war das jetzt, wo
sitzt der?“ -Graf Siegmund hatte wieder einmal kaum etwas verstanden.
„Na, wie schon g´sagt, wir
haben ihn eing´fangen, und eing´sperrt, und morg´n schon wird er nach Graz in
die Strafanstalt gebracht.“ Er hielt erschöpft inne. So ein schönes Deutsch zu
sprechen strengte ihn enorm an.
„Hat er denn auch alles
zugegeben?“ -meldete sich nun auch die Gräfin Herberstein zu Wort.
„Glaub schon, aber er wird
noch verhört“, meinte Max zufrieden, und versuchte nochmals erfolglos seine
Hose hochzuziehen, er brauchte wirklich dringend Hosenträger. „Wir ham ja die
Tatwaffe mit sein´m Blut dran“, fuhr er fort, „er hat´se, ah, also, er hat sich
beim Zuschlagen dran verletzt, net wahr.“
Eigentlich wollte er sich
nur mehr hinsetzen und ein großes Bier trinken. Wegen diesen ‚Blaublütlern’
musste er in einer für ihn total ungewohnten Sprache sprechen. Auf diese
außerordentliche Belastung würde er in seinem Bericht an die Kriminalpolizei in
Graz ausdrücklich hinweisen! Er, der Max Sackmann, er also hatte ganz alleine
mit seiner überragenden Intelligenz den Fall schnell und vollständig gelöst.
Seine Kumpel in der Gastwirtschaft würden Augen und Ohren aufreißen!
„Alsdann die Herrschaften,
dankschön, es is eh olles geklärt, net wahr, und ah, jo, weitermachen!“
-verkündete er schließlich sichtlich zufrieden. Er holte seine neueste
Errungenschaft, ein mobiles Telefon, aus der Hosentasche und versuchte seine
Frau zu erreichen.
“Schatzi? I bin´s, jo i,
da Max. Jo du, i kumm jetz´n ham, jo? Kaunst scho herricht´n des
Schweinsbrat´l. Host mi? Jo? Servas. Bussi!“
*
Graf Siegmund schlenderte
durch die Arkadengänge im Innenhof des Schlosses und betrachtete nachdenklich
die zahlreichen Touristen, die hier schwatzend auf die nächste Schlossführung
warteten.
„Also er hatte doch Recht
gehabt, der Gregor Langmann war also der irre Tiermörder, und pervers noch
obendrein“. Graf Siegmund war froh dass die jüngsten Vorfälle so schnell
aufgeklärt werden konnten. Er erinnerte sich wieder an das Buch mit den
herausgerissenen Seiten. Er eilte in die Bibliothek um das Buch zu holen.
„Das ist ja eine
Katastrophe!“ Christina sah ihren Cousin fassungslos an.
„Haben Sie eine Idee was
hier herausgerissen wurde?“ –erkundigte sich Siegmund.
„Soweit ich mich erinnere,
waren da Details über Anbauten an die alten Gebäude verzeichnet. Also eine Art
Bauplan des Schlosses.“ Die Gräfin blätterte etwas ratlos und gedankenverloren
in der Chronik. „Ach ja, da war ja auch noch diese Geschichte von einem
vergrabenen Schatz, aber es ist natürlich niemals etwas gefunden worden.“
„Wer hat Zugang zur Bibliothek,
können da auch Fremde hinein?“
„Nein, eigentlich nicht,
nur wir und die Bediensteten, allerdings...“
„Allerdings was?“ -wurde
Siegmund neugierig.
„Nun ja, das ist
sicherlich Unsinn, aber...“ die Gräfin zögerte weiterzusprechen, „mein Freund
der Maler, Sie wissen schon, der Joe Hauser, Sie haben ihn bereits kennen
gelernt, er hat mich vor einiger Zeit gebeten ihm Zugang zur Bibliothek zu
gewähren. Er wollte sich Inspiration holen, wie er sich ausdrückte.“ Sie sah
ihren Cousin verblüfft an.
„Na, dann wollen wir dem
Guten einige Fragen stellen. Wie können wir ihn erreichen?“
„Er wohnt vorübergehend
hier im Schloss, in einem Seitentrakt…“
*
Der Schatzsucher musste
sich beeilen, den Gregor hatte man verhaftet, und der würde die Sache mit den
getöteten Tieren sicherlich nicht auf sich nehmen. Man würde also bald wissen
dass auf Schloss Herberstein noch immer eigenartige Dinge vor sich gingen. Wenn
der Schatz noch hier war, dann musste er ihn bald finden. Die Nacht war bereits
angebrochen und aus dem Wolfsgehege war noch vereinzelt ein Knurren und Bellen
zu hören. Die üblichen Revierkämpfe im Rudel, nichts Außergewöhnliches. Alle
benötigten Geräte hatte er im Rucksack verpackt, und es konnte losgehen. Im
Schutz der Dunkelheit machte er sich auf den Weg, den er mittlerweile so gut
kannte dass er auf eine Beleuchtung verzichten konnte. Als er an der Südseite
des Schlosses ankam, dort, wo der Fußweg zum Fluss tief unten in der Klamm
führt, blitzte vor ihm plötzlich das Licht einer Taschenlampe auf.
„Na, was machen sie denn
da?“ -flüsterte jemand, den er hinter dem Strahl des hellen Lichtes nicht
erkennen konnte.
„He, he! Wer ist da?“
-stammelte der Schatzsucher, „leuchten Sie mir nicht direkt ins Gesicht, ich
kann ja nichts sehen!“ Seine Hand krampfte sich nervös um den Griff des kleinen
Spatens den er im Rucksack nicht mehr untergebracht hatte.
„Das tut nichts zur Sache
lieber Herr“. -raunte der Unbekannte. „Ich weiß was Sie suchen, ich habe
nämlich die Chronik auch gelesen, noch bevor die Seiten mit dem Bauplan
verschwunden sind. Haben Sie die herausgerissen? Aber wie auch immer, wir
sollten zusammenarbeiten, meinen Sie nicht auch?“
Dem Schatzsucher wurde
schlagartig klar dass er aufgeflogen war, sollte alles umsonst gewesen sein?
Das durfte nicht sein! Ohne dass es ihm wirklich bewusst wurde, holte er mit
dem Spaten plötzlich aus und hieb ihn mit voller Wucht in Richtung auf den Kopf
des Unbekannten. Das war so schnell gegangen dass dieser nicht einmal in der
Lage gewesen war einen Schmerzenslaut auszustoßen, der Getroffene sackte
zusammen und kollerte über die steile Böschung hinunter zum Fluss.
„Ah, verflucht!“ Was
hatte er da nur angerichtet? Der Schatzsucher tastete nervös den Boden ab
und fand schließlich die Taschenlampe seines Opfers. Sie funktionierte aber
nicht mehr, so kramte er in seinem Rucksack nach seiner Stirnlampe. Im
schwachen Schein der kleinen Lampe tastete er sich langsam den Weg hinunter zum
Fluss, aber trotz gründlichster Suche konnte er den Körper des
Niedergeschlagenen nicht finden. Fieberhaft überlegte er was er tun sollte und
konnte. Wenn der Kerl nun gar nicht tot war? Dann war er sicherlich
schon dabei die Polizei zu alarmieren, sollte er ihn aber tödlich getroffen
haben, dann würde man ihn im Tageslicht bald finden. Panik erfasste ihn, er
musste sich verstecken, am Besten im Tunnel, dort war er sicher! Er watete in
den Fluss und zwängte sich durch die Wurzeln eines mächtigen alten Baumes
hindurch in den alten Stollen.
*
Der Hieb mit dem Spaten
hatte Joe Hauser den Hut vom Kopf gerissen, sein linkes Ohr gestreift, und war
dann mit voller Wucht auf seiner Schulter gelandet. Geschockt war er zu Boden
gegangen und anschließend etliche Meter in die Tiefe gestürzt. Irgendwie hatte
er es aber doch geschafft sich aufzuraffen und seitlich in den Büschen zu
verbergen.
„Teufel noch einmal, tut
das weh!“ Sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren und er konnte seinen linken
Arm kaum bewegen. „Dieses Schwein hat tatsächlich versucht mich umzubringen“,
-stöhnte er. Ein schwacher Lichtschein der sich von ihm langsam entfernte
zeigte ihm die Position seines Gegners, er wartete bis dieser offenbar die
Suche aufgab, und dem Flusslauf unten in der Klamm zustrebte. Behutsam schlich
er dem Lichtschein nach und stellte schließlich konsterniert fest, dass dieser
urplötzlich verschwunden war. Ohne seine Taschenlampe konnte er kaum etwas
sehen, daher übersah er auch die Gestalt im Regenmantel welche den Schatzsucher
und Joe Hauser interessiert beobachtet hatte.
Währenddessen war der
Schatzsucher bereits durch den geheimen Gang bis zur mächtigen Schlossmauer
hochgestiegen. Dort, wo er zuallererst durch den Keller gekommen war, genau
dort wollte er mit der Suche beginnen. Der Tunnel schien ja vollkommen leer zu
sein, wenn es etwas zu finden gab, dann musste es vergraben, oder hinter den
Mauern versteckt sein. Mit einem Metalldetektor der modernsten Bauart hoffte er
bald fündig zu werden. Das Magnetfeld der Suchspule konnte bis zu einem Meter
tief durch Boden und Wände dringen, sobald etwas Metallisches in dieses Magnetfeld
geriet, würde sich der gleichmäßige Suchton des Gerätes ändern. Die
ausgeklügelte Elektronik war sogar in der Lage ihm die Art des Fundes, etwa
Gold oder Silber auf einem kleinen Bildschirm anzuzeigen. Er verband die
Suchspule über eine kleine Teleskopstange mit dem Elektronikteil, dann legte er
den Hauptschalter um. Eine Leuchtdiode flammte rubinrot auf und ein
schnarrendes Geräusch aus dem eingebauten Lautsprecher zeigte ihm dass der
Detektor einwandfrei arbeitete. Er musste nur noch die Lautstärke des Suchtones
regeln, dann fuhr er mit der linken Hand, an der er einen goldenen Ring trug,
in das Magnetfeld unter der Spule. Der Detektor reagierte sofort mit einem, wie
ihm zumindest schien, höchst erfreuten Aufheulen, sowie der Anzeige von
"GOL".
Fieberhaft begann er
sofort mit der Suche, dass er vor kurzem höchstwahrscheinlich jemanden ermordet
hatte, das hatte er beinahe schon vergessen.
*
Graf Siegmund von
Reichenstein klopfte energisch an die Tür. „Hauser? Sind Sie da? Machen Sie
bitte auf!“ Doch in der Wohnung war nichts zu hören. Er sah seine Cousine
fragend an.
„Er scheint nicht hier zu
sein.“ -meinte diese, „nun ja, der Schaden ist ja bereits angerichtet,
versuchen wir es eben morgen früh noch einmal…“
Ein lauter Donnerschlag
ließ beide zusammenzucken. Der Himmel öffnete seine Schleusen und strömender
Regen setzte ein. Während sie zurück in ihre Gemächer gingen, schwoll unten in der
Klamm die sonst so harmlose Feistriz rasch zu einem reißenden Fluss an. Die
Strömung wurde schnell stärker und begann den Wurzelstock des alten Baumes,
hinter dem sich der Ausgang des alten Tunnels befand, auszuwaschen. Joe Hauser
war bereits total durchnässt, als die Morgendämmerung allmählich die Dunkelheit
vertrieb. Gerade als er schweren Herzens beschloss die Suche abzubrechen,
verlor der alte Baum endgültig seinen Halt in der vollkommen aufgeweichten
Uferböschung. Die dichte Baumkrone neigte sich abrupt zur Seite, der mächtige
Stamm verdrehte sich mit einem stöhnenden Geräusch, und schließlich stürzte der
alte Riese krachend in das reißende Wasser, wo er sich mit den dicken Ästen am
Grund verkeilte. Dort, wo sein Wurzelstock soeben noch gewesen war, war nun
eine tiefe Grube, und dahinter konnte man im ersten Morgenlicht den Eingang zu
einer Art Höhle sehen. Nachdem er seine Überraschung überwunden hatte, rutschte
Joe kurz entschlossen in die bereits knietief mit Wasser gefüllte Grube, und
verschwand rasch in der dunklen Öffnung.
*
Sepp Gruber arbeitete wie
im Fieber, mehrere Male bereits hatte der Detektor Metall angezeigt, aber es
waren nur verrostete alte Eisenteile gewesen, dann aber hörten sich die Signale
plötzlich ganz anders an. Er konnte es kaum glauben was er auf dem kleinen
Display sah: ‚Sil Coin’ stand da. Silbermünzen! Hier, hinter der Mauer mussten sich
Silbermünzen befinden, ein wahrer Rausch ergriff ihn.
Mit einem irren Lachen
begann er mit seinem Brecheisen Steine aus der Mauer zu reißen, ohne darauf zu
achten dass die Stabilität des Mauergewölbes darunter zu leiden begann. Ein
großer Stein löste sich und hätte ihm beinahe den Fuß zerquetscht, doch er
machte unerschütterlich weiter, löste Stein um Stein, und schließlich wurde ein
Hohlraum sichtbar. Was er sah verursachte ihm vor lauter Aufregung beinahe
Übelkeit. Eine kleine eisenbeschlagene Truhe stand in der vormals zugemauerten
Nische. Mit bebenden Händen hob er sie heraus, und stellte sie andächtig vor
sich auf den Boden.
„Ha! Da ist er! Ich hab
ihn wirklich gefunden den Schatz!“ -jauchzte er laut, und überhörte so das
bedrohliche Knirschen in der Wand über ihm. Die Truhe war verschlossen, den
verrosteten Verschluss konnte er allerdings leicht mit dem Brecheisen
aufbrechen. Er öffnete mit bebenden Händen den Deckel, aber nur hunderte von
kleinen, schwarzen und viereckigen Metallblättchen kamen zum Vorschein. Keine
Spur von dem erhofften Glänzen und Glitzern eines Schatzes! Grenzenlose
Enttäuschung machte sich in ihm breit, doch dann wurde ihm klar was er gefunden
hatte, "das war ja Silber, nur eben im Laufe von Jahrzehnten oder gar
Jahrhunderten bereits total verwittert!" Er nahm eines der Metallblättchen
und polierte es mit dem Ärmel seines Hemdes, eine Umlaufschrift wurde
undeutlich sichtbar. "Da pacem nobis, domine", konnte er entziffern,
‚Herr, gib uns Frieden.’ Das waren
anscheinend sogenannte „Klippen“, oder „Ulmer Gulden“ aus dem 16. Jahrhundert.
Hastig verschloss er die
Truhe wieder, und begierig suchte er mit dem Metalldetektor die Wand nach
möglichen weiteren Schätzen ab.
Einer der Deckensteine des
Gewölbes hatte sich durch den jetzt fehlenden Druck der angrenzenden Steine
gelockert. Ein kurzes schleifendes Geräusch, und ein dumpfer Knall, als der
schwere Stein seinen Kopf zertrümmerte, waren das Letzte das Sepp Gruber in
seinem Leben hörte. Seine bereits leblose Hand umkrampfte noch einige
Augenblicke den Detektor, dann stürzte er zu Boden. Die uralte Tunneldecke, nun
vollends jeder Stabilität beraubt, krachte auf einer Länge von vielen Metern in
sich zusammen und begrub den skrupellosen Schatzsucher unter sich. Durch die
neu entstandene Öffnung in der Decke drang Tageslicht ein und erhellte die
schaurige Szenerie.
*
Joe Hauser tapste in
totaler Dunkelheit durch den Geheimgang, irgendwo hier drinnen musste er sein,
der Sepp Gruber, auf der Suche nach dem Schatz. Ein fernes Rumpeln und Krachen
ließ ihn aufhorchen, er konnte sich aber keinen Reim daraus machen. Bedächtig
ging er weiter, bis schließlich unerwartet ein Lichtschein vor ihm auftauchte.
Als er näher kam, sah er dass vor ihm die Decke eingestürzt war, er konnte
nicht mehr weiter. Nicht nur Tageslicht, sondern auch dichter Regen drang
herein und verwandelte den Staub und Schutt in eine schlammige Masse.
Lag
der Sepp da etwa unter den Trümmern?
In den verkeilten Steinen
und all dem Dreck konnte er aber erst nichts finden. Als er bereits aufgeben
wollte, kam eine Ecke einer verbogenen, eisenbeschlagenen Truhe zum Vorschein.
Jo begann aufgeregt die Steine wegzuräumen, schließlich konnte er den Deckel
mühelos öffnen. Er wusste sofort was er da vor sich hatte, ohne sich weiter um
Sepp Gruber zu kümmern nahm er die kleine Truhe und machte sich eilig auf in
Richtung zum Ausgang.
Inzwischen hatte der
weiterhin sehr starke Regen den Fluss zu Rekordhöhe ansteigen lassen, der alte
Baum hatte sich mit seinen starken Ästen immer noch im Flussbett verkeilt, aber
braunes, schlammiges Wasser staute sich bereits machtvoll drückend an der im
Wasser liegenden Baumkrone und gewann mehr und mehr die Überhand.
Joe hatte mit dem Schatz
den Ausgang erreicht, mühsam und schwer atmend, beinahe schon bis zur Brust im
Wasser stehend, schob er die Schatztruhe auf die Uferböschung.
„Geschafft!“ -ächzte er,
und wollte sich eben auch aus der Grube ziehen, als ihn wie aus heiterem Himmel
ein heftiger Schlag auf den Kopf traf. Besinnungslos stürzte er hinterrücks in
das schlammige Wasser, und wurde sofort unter den umgestürzten Baum getrieben
wo er sich in den Ästen verfing.
Der Mann im Regenmantel
warf den schweren Stock in seiner Hand in die reißende Strömung und sah
ungerührt zu wie Joe Hauser starb. Er machte sich mit der Schatztruhe davon als
der alte Baum der übermächtigen Kraft des Wassers nachgab und schnell abtrieb.
*
Die Gräfin hatte nochmals
erfolglos versucht Joe Hauser zu finden, aber ihr Freund der Maler schien sich
einfach in Luft aufgelöst zu haben. Außerdem wurde ihr berichtet dass der
Leiter des Tierparks, der Sepp Gruber, nicht zum Dienst erschienen sei. Laut
seiner Mutter war er bereits am Vortag nach der Arbeit nicht nach Hause
gekommen. Gräfin Christina von Herberstein meldete tags darauf beide Personen
bei der Polizei als vermisst.
Wochen später wurde der
eingestürzte Tunnel am Abhang zum Fluss gefunden weil eine neugierige Ziege in
das Loch gefallen war, und anschließend jämmerlich um Hilfe meckerte. Eine
Baufirma wurde beauftragt den alten Tunnel abzusichern und möglichst
originalgetreu wieder herzustellen. Die Gräfin von Herberstein war der Meinung
dass ein ehemals geheimer Gang sehr gut zu den abenteuerlichen Besichtigungen
durch die alten Gewölbe des Schlosses passen würde, welche seit kurzem für die
Besucher angeboten wurden. Im Zuge der Aufräumungsarbeiten unter der Leitung
des Schlossverwalters wurde die bereits stark verweste Leiche von Sepp Gruber
gefunden. Der von der örtlichen Polizei -in Gestalt von Max Sackmann-
vorsorglich herbeigerufene Amtsarzt bescheinigte einen einwandfreien Unfalltod,
und so wurde das unglückliche Opfer zur Beerdigung freigegeben. Nachdem der Polizist von der
Gräfin erfuhr dass Sepp Gruber wahrscheinlich während der Suche nach einem
sagenhaften Schatz verschüttet worden war, schrieb er folgendes in seinen
Bericht:
„Tödlich verletzt auf der
Suche nach einem Schatz der aber gar nicht da war, und weil ihm dabei auch noch
die Decke auf den Kopf gestürzt ist.“
Max Sackmann
verabschiedete sich frohgemut, und zupfte begeistert an seinen neuen
Hosenträgern.
Als man der Gräfin von
Herberstein wenig später die traurige Nachricht überbrachte, dass Joe Hausers
Leiche im Fluss gefunden worden war, entschied Robert Granditz, der Verwalter
des Schlosses Herberstein, dass es an der Zeit sei seine Stellung zu kündigen
und sein weiteres Leben in Zukunft nur mehr der Suche nach verborgenen Schätzen
zu widmen. Der Silberschatz in seinem Rucksack war genügend wert um einige
Jahre davon zu leben. Er verabschiedete sich fröhlich von seinen
Arbeitskameraden, setzte sich auf sein schweres Motorrad, und brauste einem
unbekannten Ziel entgegen. Sein Helm mit der prächtigen roten Lackierung
leuchtete wunderbar im Licht der aufgehenden Sonne.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.08.2006.
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