Wolfgang Urach

Weggebombt

Es klopft jemand an die Fensterscheibe des VW-Bullis. Erstaunt drückt der BGS-Mann die Schiebetür auf. „Ja bitte?“
„Ich bin Frau R.“
„Soso.“ Der Polizist kann mit der Dame Mitte Fünfzig nichts anfangen.
Frau R. scheint nervös, aufgeregt fragt sie: „Sie stehen doch hier zum Personenschutz von Herrn N.?“
Der Beamte nickt.
„Ich bin eine Nachbarin von Herrn N. Man soll doch auffällige Fahrzeuge oder Personen melden.“
„Sicher.“
„Sehen Sie dort den Busch da vorne?“ Die Frau weist auf einen Holunder in einem Vorgarten auf der anderen Seite der Stichstrasse.
„Mmh.“
„Dahinter sitzt ein verdächtiger Mann“, erklärt die Anwohnerin.
„Wie bitte?“
„Jemand hat sich dort versteckt“, beharrt sie.
Der BGS-Mann greift sich sein Talkie-Walkie: „Heinz?“
Es knackt und rauscht. Dann antwortet der Kollege: „Ja?“
„Bist du auf dem Posten?“
„Natürlich. Was ist?“
„Schon gut.“ Der BGS-Mann wendet sich an die aufmerksame Nachbarin: „Keine Sorge, Frau R., das ist einer von uns.“


G. steuert im Schritttempo seinen Opel Kadett durch die Wohnsiedlung. An jeder Querstrasse bremst er leicht ab. Grosse Reihenhäuser mit kleinem Vorgarten hinter Holzzaun gibt es hier und auch kleine Villen mit großem Garten hinter Hecke; hier leben Besserverdienende.
G. erreicht die Stichstrasse, in der Herr N. wohnt.
Wieder bremst G. ab. Er kann weit in die Sackgasse einblicken. Am Ende der Strasse ist ein Zugang zum Wald. Geht da nicht ein weißhaariger Herr mit einem Hund, einem Terrier, in Richtung Wald? G. will schon am Lenkrad drehen, als er den grünen VW-Bulli halbverdeckt im Wendehammer entdeckt.
G. legt die Kupplung wieder ein und beschleunigt. Er fährt weiter. Der Opel Kadett wendet ein paar Hundert Meter weiter und verlangsamt bis zum Stillstand. Der Fahrer macht den Motor aus und wartet.
Es vergeht eine Viertelstunde, dann wirft G. den Opel wieder an, fährt zurück zur Stichstrasse von Herrn N., kontrolliert und biegt diesmal ein. Der Wendehammer ist leer.
G. fährt eine Runde und verlangsamt vor einem allein stehenden Bungalow hinter einem alten Holzzaun. Hier wohnt Herr N.


Herr N. ist nicht sehr groß, vielleicht 1,70 Meter. Anfang Sechzig. Schlohweißes Haar, sauber nach hinten gekämmt.
Seine fast viereckige, silberne Brille ist eher unauffällig, so wie er selbst.
Wenn man ihn auf der Strasse träfe, könnte man ihn mit dem Briefträger oder mit Herrn Kaiser von der Frankfurt-Mannheimer verwechseln. Dieser Mann besticht durch seine Arbeit, nicht durch sein Äußeres. Seitdem mehrere RAF-Terroristen in diesem Jahr in Ostdeutschland verhaftet worden sind, ist Herr N. zur Zielscheibe geworden. Er ist der verantwortliche Staatssekretär für Terrorismusbekämpfung. Er ist Zielscheibe Nr. 1.
„Herr S.“, Herr N. spricht langsam und ruhig am Telefon, „bemühen Sie sich nicht; ich fahre die kurze Strecke selbst.“
„Gibt es ein Problem?“, will seine Ehefrau wissen. Frau N. ist ängstlich.
Ihr Mann hängt ein. „Aber nein. Ich habe nur dem Chauffeur gesagt, dass ich selbst zum Ministerium fahre.“


G. sitzt hinter dem Lenkrad seines Kadetts.
Er wartet.
Die Strasse liegt vor ihm.
Herr N. wird kommen.
G. ist vorbereitet.


Frau R. muss einundzwanzig Schritte bis zu ihrem Briefkasten machen, der in ein kleines Gartenmäuerchen eingelassen ist.
Sie ist erst drei Schritte gelaufen, da hört sie in der Garage ihres Nachbarn den BMW anspringen.
Sie geht weiter, zögert dann. Auf der Strasse ist nichts zu sehen. Sie ist noch zwei Schritte vom Briefkasten entfernt, da läuft ein behelmter BGS-Mann von der anderen Straßenseite auf sie zu: „Runter!“
„Was?“
„Runter, gehen Sie in Deckung!“ Der Polizist macht eine brüske Abwärtsbewegung mit der rechten Hand.
Schließlich kniet sich Frau R. neben dem Gartenmäuerchen hin.
In diesem Moment schleicht der BMW aus der Garagenausfahrt, biegt in die Strasse ein, nimmt dann rasche Fahrt auf.
„Sie können wieder hochkommen, wir brauchten freies Schussfeld.“
„So?“, fragt Frau R., immer noch zitternd.
„Der Moment, an dem der Wagen aus der Garage kommt, ist leider der beste für ein Attentat.“
„Soso.“ Frau R. holt die Post aus dem Briefkasten und wendet sich wieder der Haustür zu.


Auch Herr N. ist schon wieder ganz woanders. Dieser Firlefanz der BGS-Leute geht ihm wirklich gegen den Strich.
„So ein überflüssiger Blödsinn“, denkt er, und seine Gedanken wandern weiter zu der Koordinationssitzung der Innenminister, die er leitet. Er seufzt; in den letzten Monaten kommt er gar nicht mehr aus der Arbeit heraus.
Er blinkt rechts, um die Nordausfahrt der Stadtautobahn zu nehmen. Er bremst ab.
G. lächelt. Er schaltet den Zündsatz scharf.
Herr N. fährt an der Lichtschranke vorbei.
Die Explosion zerfetzt den BMW.
Die Luft ist erfüllt von Staub, Lärm, herumschwirrenden Metallteilen.
G. lächelt und nickt.
Auftrag ausgeführt.


Frau N. hört jemanden an der Haustür. Der Eindringling bewegt sich durch die Eingangshalle.
„Ist da jemand?“, ruft sie aus dem Wohnzimmer.
Keine Antwort.
Sie geht zum Eingang.
Keiner da.
Sie hört ein Knarren aus dem Schlafzimmer.
Zögernd geht sie dem Geräusch nach.
Die Tür ist angelehnt. Sie drückt sie auf.
„Du?“ Sie schaut auf ihren Mann, der sich ein anderes weißes Hemd anzieht. „Ich dachte, Du wärest im Ministerium.“
„Bin ich ja gleich auch wieder.“
Auf dem Bett liegt ein blutbeflecktes Hemd.
„Was ist denn das?“
„Ein herumfliegendes Metallteil hat mich am Arm getroffen.“
„Aber?“ Sie sieht das Pflaster am Arm ihres Manns.
„Gottseidank habe ich dem Fahrer abgesagt“, Herr N. spricht leise, ruhig, fast wie zu sich selbst, „der Zündsatz ist auf der Beifahrerseite explodiert, wo ich normalerweise sitze.“
„Aber…“
Ohne weitere Erklärungen hastet Herr N. aus dem Haus. Die Strasse steht voll mit BGS-Fahrzeugen. Der Staatssekretär wird in wenigen Momenten am Tatort ein Interview geben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.08.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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