Sabine Gabriel

~ Einkaufen mit Erwin ~

 

Es war an einem Samstag, als Erwin und ich beschlossen, noch ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Also gingen wir los. Zuerst gingen wir bei mir vorbei und an der Eisdiele gleich nebenan, wo wir als Wegzehrung noch ein Eis mitnahmen. Gleich neben der Eisdiele bogen wir ab in die kleine Gasse, durch die im 16. Jahrhundert die Marktleuthener Wasserleitung verlief. Marktleuthen besaß im 16. Jahrhundert tatsächlich schon eine Wasserleitung, deren Wasser in den Rathausbrunnen fast vor meinem Fenster lief. Und der absolute Hit dieser Wasserleitung war: das Wasser kam aus einem sumpfigen Waldstück namens Waffel, das zum Kirchenlamitzer Stadtgebiet gehörte und noch gehört. Es gab einige Streitereien zwischen den Städten, bis die Marktleuthener ihre Wasserleitung endlich bauen konnten. Da die Waffel jenseits am anderen Egerufer lag, hat man die Wasserleitung zu der damaligen Zeit UNTER der Eger hindurch geführt, was ich für eine absolut bemerkenswerte Leistung halte.

 

Nun gingen wir also durch diese Gasse hindurch zur Kaisergasse, durch den versteckten Eingang zum Spielplatz über den Spielplatz – nicht ohne noch eine Runde zu schaukeln – und dann zum Pestilenzsteig, einem Trampelpfad, der hinter dem Friedhof fast an der Eger entlang zum Alters- äh Seniorenheim führt.

 

Der Pestilenzsteig verlief früher außerhalb der Stadt tatsächlich an der Eger entlang. Im Jahre 1963 wurde die Eger i m Rahmen von Flurbereinigung und angeblichem oder tatsächlichem Hochwasserschutz kanalisiert, so dass die vielen Windungen, die man auf alten Stadtplänen von Marktleuthen noch erkennen kann, nicht mehr existieren und die Eger also nicht mehr bis zum Pestilenzsteig und zur Friedhofsmauer heran reicht.

 

Im Garten des Seniorenheims befindet sich gleich am Egerufer mein Lieblingsfischteich, weniger wegen der Fische, sondern wegen der wunderschönen blauen und roten Libellen, die dort im Sommer herum fliegen – jetzt natürlich noch nicht. Jetzt lief gerade mal erst das Wasser ein, das den Winter über abgelassen worden war.

 

Hinter dem Garten war nun das Ziel unserer Sehnsüchte, der Supermarkt, wo wir „a weng“, wie es hier heißt, Käse, eine Tüte Nüsse, eine Dose Fisch, einen Bund Kugelrettich und ein Stück Butter kauften. Da das Wetter so schön war, zog uns noch nix Richtung Heimat, also kehrten wir zurück zum Pestilenzsteig und wanderten weiter egerabwärts bis zum Steg, der über die Eger und das Egerüberschwemmungsgebiet führt. Die Überschwemmung war bereits wieder völlig zurück gegangen, die Eger floss wieder in ihrem normalen Bett, und da wir ja ewig Zeit hatten, betrachteten wir noch das Wasser von der Brücke aus. Ihr glaubt ja gar nicht, was für eine interessante Beschäftigung das ist!

 

Auf der einen Seite bildet sie vor einer Art natürlichem Wehr aus Granitblöcken oder so, die unter dem Steg liegen, eine ruhige Oberfläche fast wie bei einem See, allerdings erkennt man schon, dass sie fließt. Interessant sind da die Schlieren, die sie bildet und die so ähnlich aussehen wie diejenigen, die ich mal in einem Tümpel gesehen habe, wo aus drei Quellen Wasser an die Oberfläche sprudelte. Hier sind es aber wohl eher Unebenheiten auf dem Grund, die zu diesen immer wieder kehrenden Schlieren führen.

 

Auf der anderen Seite ist die Eger schon „a weng“ reißender, da sie über diese Granitblöcke gesprudelt kommt und auch schneller weiter fließt, da sie ja nirgends mehr gestaut wird. Im Winter kann man stundenlang hier den Enten zugucken, wie sie an einer Stelle immer wieder gegen die Strömung schwimmen und sich dann mit dieser wieder egerabwärts treiben lassen. Das Ganze muss den Enten solchen Spaß machen, dass sie sich immer wieder lieb und brav in die Reihe der wartenden Enten anstellen. Es gibt immer nur eine Ente, die „gleichzeitig“ gegen die Strömung schwimmt, während die anderen warten. Dies passiert allerdings nur im Winter, wenn es auch wirklich kalt ist, und so konnten wir dieses Schauspiel nicht mehr beobachten. Da ich das auch woanders schon beobachtet habe, vermute ich, die Enten machen das, um sich im Winter warm zu halten.

 

Langsam gingen wir weiter Richtung Bahnhofstraße und bogen nach links ab, wieder egeraufwärts zurück gen Heimat. Auf der rechten Straßenseite steht noch das alte Marktleuthener Elektrizitätswerk, das heute eine Tuningwerkstatt enthält und die Arche des Künstlers Andreas Tschinkl s.( http://www.marktleuthen.de/leute/index.html). Auf dem Gartenzaun stehen viele merkwürdige Figuren, auf dem Gartentürchen was von Zeiten, wann man das Ganze besichtigen kann, aber meistens wirken Haus und Garten total verlassen. Diesmal aber sah alles nach Leben aus, und wir dachten, wir könnten uns das Ganze vielleicht endlich mal ansehen. Aber leider, leider war der Künstler gerade nicht zuhause. Also gingen wir wieder weiter.

 

An der Kreuzung mit der Straße Richtung Selb bogen wir links ab, wieder egeraufwärts, und dann noch einmal nach links in die kleine Siedlung direkt am Egerufer. Wir gingen geradeaus bis direkt an die Eger, wo vor kurzem noch der grasbewachsene Pfad unter Wasser stand. Aber – o Wunder! – der Weg war schon so getrocknet, dass man trockenen Fußes und ohne im Matsch auszurutschen direkt an der Eger entlang gehen konnte, was mir sehr gefallen hat. Nach Siedlung und Feuerwehr gelangten wir an die Autobrücke, für die man 1963 im Zuge der Flurbereinigung und Egerkanalisierung die schöne alte mehrbogige Brück abgerissen hatte. Durch die Kanalisierung verschwand leider auch die Egerfurt neben der Brücke, die wohl der Grund war, warum man Marktleuthen mal gegründet hatte. Die wichtigen Handelsstraßen des Mittelalters und aus noch früheren Zeiten liefen hier zusammen, weil man hier bequem die Eger überqueren konnte.

 

Da Marktleuthen auf Granit liegt, konnte das Wasser nicht so tief in die Erde eindringen und das Umland versumpfte nicht so sehr wie an anderen stellen, so dass das Gewässer sehr breit und flach wurde. Granit ist nicht wasserdurchlässig und bot aufgrund seiner Härte den idealen Untergrund, dass Menschen, Tiere und Wagen nicht im Matsch versumpften und stecken blieben.

 

An dieser bedeutenden historischen Stätte also unterquerten wir die neue Brücke und liefen weiter über die Wiese an der Eger entlang, bis der reguläre Weg wieder anfing. Wir kamen vorbei an Fischkästen im Wasser, wo die Fischteichbesitzer im Winter ihre Fische drin aufheben und sich da wohl auch mal den einen oder anderen zum Verspeisen raus holen. Wie sie da – vor allem bei Hochwasser – dran kommen, ist mir allerdings ein Rätsel …

 

Wo der Weg anfängt, ist auch wieder ein Steg Richtung Heimat. Wären wir hier schon heim gegangen, wären wir so einmal im Kreis durch Marktleuthen oder um Marktleuthen herum gegangen. Aber es gibt ja immer wieder Leute, die den Hals nicht voll kriegen, und außerdem war es nicht mehr weit bis zum Haus von Hugo, der etwas weiter im Wald Fischteiche und Bienenstöcke hat. Als wir letztens bei seinem Haus vorbei gekommen waren, um ihn zu fragen, ob er vielleicht „a wenig“ Honig für uns hätte, trafen wir nur seine Katze an, die sich willig und hingebungsvoll von uns kraulen und streicheln ließ.

 

Also entschlossen wir uns zu einem weiteren Versuch. Diesmal waren weder er noch die Katze da. Aber vielleicht war er ja bei seinen Bienen oder Teichen. Also wanderten wir weiter egeraufwärts an der Eckenmühle vorbei, die am anderen Egerufer an der kleinen Straße Richtung Neudorf liegt. Wir wanderten weiter am Waldrand entlang, überquerten dann die Eger an einer ganz romantischen Stelle und gelangten an Fischteiche, nicht die von Hugo allerdings. Dort lud eine Sitzgruppe direkt am Wasser zum Rasten ein Picknicken ein. Unseren „Großeinkauf“ hatten wir ja immer noch bei uns, und so guckten wir mal, was sich von unseren Schätzen für ein zünftiges Picknick verwerten ließe. Rettich mit Nüssen und einer Scheibe Käse sind unter solchen Umständen ein hervorragendes Mahl.

 

Der Platz lag schon fast an der Straße kurz vor Neumühle, wo wir jetzt lang gehen mussten, weil es keine andere Alternative dort gibt. Wir kamen vor bei am Hirschsprung, wie all die aufeinander gestapelten Ganitblöcke heißen, von denen angeblich oder tatsächlich der Hirsch gesprungen ist. Andernorts gibt es sogar Hirschsprünge, auf denen eine große Hirschfigur steht – hier allerdings nicht.

 

Nach einem Linksknick von Eger und Straße führen die Straße links nach Neudorf und ein Wander- und Forstweg geradeaus zu Hugos Fischteichen und Bienenstöcken. Inzwischen war der Weg dorthin wieder einigermaßen begehbar, die Matsche mehr oberflächlich und nicht so tief wie beim letzten Ausflug hierher, und so erreichten wir die Teiche ohne irgendwo zu versinken.

 

Hugo war natürlich nicht da, und von den Bienen war auch noch nix zu sehen. Aber Frösche gab es im Teich. Das war sehr interessant, da sie vergeblich versuchten, ein Weibchen zu bespringen. Nachdem uns das zu langweilig wurde – sie ließ sie nicht – gingen wir weiter. Eigentlich wollten wir um die Teiche herum wieder auf den Wanderweg zurück, der über den nahen Galgenberg heim führt. Als wir aber fast ganz herum waren, versperrten uns Matsche und Sumpf und riesige Pfützen den weg. Was nun? Den ganzen Weg wieder zurück auf den Wanderweg war ja langweilig. Nach rechts, in die falsche Richtung also, war der Weg super, und auf einem kleinen Umweg käme man von da ja auch wieder zur Föhre auf dem Galgenberg und dann nur noch bergab heim.

 

Gesagt, getan, wir gingen los, immer weiter und weiter in den Wald hinein, immer weiter und weiter fern der  Heimat. Und dann fing es an zu grummeln: Gewitter in Weißenstadt, nicht weit von uns. Bedrohlich schwarze Wolken zogen am Himmel auf ….

 

Im Gegensatz zum Epprechtstein war ich die Ruhe selbst. Viel zu oft hatte ich erlebt, dass Gewitter Marktleuthen meiden. Überall blitzt und donnert es um die Stadt herum, aber in der „City“ sitzt man im Trockenen und betrachtet das Schauspiel drum herum in Sicherheit. Allerdings wenn es denn doch einmal Marktleuthen erwischt, dann aber richtig – auch das hatte ich schon erlebt, wenn auch nur ein einziges, unvergessenes Mal …

 

Also: ich war die Ruhe selbst und vertraute darauf, dass es in Marktleuthen nicht gewittert, höchstens mal a wenig regnet.

 

Inzwischen hatten wir die Kreuzung erreicht, wo wir auf einem anderen Weg zum Galgenberg gelangen sollten, der genau an der allein stehenden Föhre, der einzigen Kieferart, die hier im Fichtelgebirge wächst, auskommt. Genau an der Stelle wollten wir eigentlich kein Gewitter erleben ….

 

Während wir also langsam und gemächlich – mir war absolut nicht nach Hetzen zumute in diesem wunderschönen Wald – donnerte und blitzte es ab und an mal links von uns Richtung Weißenstadt und Kirchenlamitz. Dann Pause. Oder schon Ende? Jedenfalls hörten wir eine Weile nicht mehr, bevor dann rechts von uns weit weg das Gewitter wieder einsetzte. Bei uns regnete es mal wieder nur – Glück gehabt! Die Föhre brauchten wir dann auch nicht mehr zu fürchten, leicht durchweicht kamen wir dann zuhause an.

 

Das war also mein Einkaufsbummel mit Erwin ….

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.08.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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