Miriam Kraft

Sinja Teil 1 - Das Wunder des Regens

 

Sinja Teil 1 – Das Wunder des Regens

 

 

 

Platsch! Ein dicker Tropfen fiel mitten in die kleine Pfütze vor Sinjas Füßen. Fröstelnd zog sie die Füße an und presste sich noch fester gegen die Hauswand. Drinnen hörte sie die erregten Stimmen ihrer Eltern. Sie stritten wieder einmal. Irgendetwas fiel klirrend zu Boden. Wahrscheinlich hatte die Mutter etwas nach dem Vater geworfen. Eine heiße Träne rann Sinja die Wange herunter. Sie fror in ihrem dünne, völligdurchnässten Kleid, doch sie wollte nicht nach drinnen gehen. Der Sturm trieb ihr Regentropfen ins Gesicht, wie tausend kleine Nadeln. „Darf ich mich zu dir setzen?“ Sinja hob den Kopf und blickte in das Gesicht eines Jungen. Was wollte er von ihr? Und wie kam er in den Garten ihrer Eltern? Aber irgendetwas sagte ihr, dass es gut war, dass er hier war. Sie nickte. Er ließ sich neben sie fallen.

„Was tust du hier, so allein?“, fragte Sinja.

„Das könnte ich dich auch fragen.“

„Sie streiten oft, aber so schlimm war es noch nie ... meine Eltern meine ich.“

Der Junge nickte. Er sprach nicht, doch schien es Sinja, als würde allein diese kleine Bewegung ihr Herz erwärmen und ihr wieder Hoffnung zu geben.

„So, jetzt weist du, warum ich hier bin und nun kannst du ja auch meine Frage beantworten, warum du bei diesem Wetter hier draußen bist.“, sagte sie.

„Ich sehe mir den Regen an.“

„Aber wieso das? Regen ist kalt und nass, mehr nicht.“, meinte Sinja erstaunt.

„Aber nein“, sagte er, „komm ich zeig es dir!“

„Was denn?“

„Na das Wunder des Regens!“, er nahm ihre Hand und stand auf.

„Warte!“

„Worauf denn?“

Dazu wusste Sinja keine Antwort mehr. „Na gut, aber dann sag mir wenigstens deinen Namen.“ Er lachte. „Ich habe viele Namen, aber du kannst mich Elias nennen.“

So gingen sie los. Elias führte Sinja vorbei an ihrem Haus, in dem noch immer die Eltern stritten, heraus aus dem Garten, auf die Straße.

„Schau!“, rief er und zeigte nach oben. Sinja folgte seinen Hand und hielt den Atem an, vor so viel Schönheit. Abertausenden winzigen Diamanten gleich fielen die Tropfen herab, so unermesslich viele, dass ihr ganz schwindlig wurde.

„Das ist ... wunderschön!“, hauchte sie. Er lächelte und führte sie weiter, entlang an der Straße. Hier und da fuhr ein Auto vorbei uns Wasser spritze hoch. Dann wurde eine Gischt aus winzigen, funkelten Edelsteinen hoch geschleudert und funkelte einen Moment in der Luft, bevor sie wieder zurück auf den kalten, schwarzen Beton regneten. Vor ihnen und hinter ihnen und rechts und links kamen Tropfen auf, zersträubten sich und rannen in kleinen Bächen vor ihren Füßen.

Nach einer Weile bog Elias von der Straße ab und führte sie auf eine Wiese. Das hohe Gras war vom Regen nass, doch es machte Spaß hindurch zu waten.

„Siehst du sie?“, fragte der Junge.

„Wen?“, Sinja sah sich um.

„Sie“, er blieb weiter hin rätselhaft. Doch als Sinja genauer hinschaute, erkannte sie seltsame Gestalten. Sie tanzten auf der Wiese, leicht wie feine Nebelschleier. Immer deutlicher konnte sie sie nun erkennen. Zarte Gestalten, ihre Gewänder schienen aus feinen Wolken zu bestehen, ihr langes Haar funkelte im Regen und bei jeder Drehung spritze ein Reigen glitzernder Regentropfen um sie.

„Es sind die Regengeister“, sagte Elias. Die beiden Kinder setzten sich ins Gras und schauten. Sinja hatte nachher keine Ahnung, wie lange. Die Tropfen fielen immer weniger, bis sie schließlich ganz auf hörten. Mit ihnen verschwanden die zarten Gestalten, lösten sich auf wie Nebelschleier und nachher war es Sinja fast so, als hätte sie alles nur geträumt.

Langsam erhob Elias sich und auch sie stand auf. Er führte sie weiter zu der Wiese. Über ihnen leuchtete ein Regenbogen. Sinja hatte oft schon welche gesehen, doch noch nie solch einen. „Komm, wir steigen hinauf!“, sagte Elias.

„Aber das weiß doch jeder, dass das nicht geht. Es ist doch nur ein Trugbild!“, protestierte Sinja.

„Und was war mit den Regengeistern?“, fragte er zurück. Nun wusste sie keine Antwort mehr und folgte ihm, über die Wiese, bis zum Anfang des Regenbogens. Dabei hatte Sinjas Lehrerin doch erklärt, dass es gar kein Ende von einem Regenbogen gab! Dem, so beschloss sie, wollte sie später noch einmal auf den Grund gehen, aber inzwischen hatte sie keine Zeit sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Elias zog seine Schuhe aus und begann vorsichtig auf den Regenbogen zu klettern. Sinja rieb sich die Augen, doch sie träumte nicht: Der Junge stand tatsächlich auf dem schillernden Band!

„Na komm schon!“, rief er zu ihr herunter.

Langsam streifte sie ihre Schuhe ab und tat es ihrem Begleiter gleich. Was für ein seltsames Gefühl! Der Regenbogen war weder hart, noch weich, er war irgendetwas dazwischen. Ihre Füße wurden nass, wie von Tau, doch es war kein unangenehmes Gefühl. Endlich hatte Sinja Elias erreicht und wagte nun auch einen Blick nach unten. Zu ihren Füßen lag das Land. Kleine Spielzeugautos fuhren unter ihnen hin und her und die Menschen waren kaum noch erkennbare Pünktchen.

Hätte zu diesem Zeitpunkt irgendjemand zum Himmel aufgeschaut, hätte er zwei kleine Gestalten erkennen können, die Hand in Hand dort auf einem schillernden Band aus Farben standen. Doch es gab viel zu tun und kaum jemand fand die Zeit dazu.

 

 

 

Sinja schlug die Augen auf. Es hatte zu regnen aufgehört, die ganze Welt um sie herum triefte vor Nässe. Hatte sie alles nur geträumt? Es war so gegenwärtig gewesen!

Drinnen stritten die Eltern. Die Mutter schrie den Vater an, der Vater die Mutter. Eine Tür knallte. Langsam erhob sich Sinja und ging hinein. Niemand bemerkte sie, als sie hinauf in ihr Zimmer schlich. Leise legte sie sich auf das Bett. Sie wünschte Elias wäre hier, doch er war bestimmt nur ein Traum gewesen. Eine Träne rann ihr die Wange herab.

Die Geschichte habe ich für meine kleine Cousine geschrieben. Es folgen (wahrscheinlich) noch andere Teile nach.Miriam Kraft, Anmerkung zur Geschichte

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Miriam Kraft).
Der Beitrag wurde von Miriam Kraft auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.09.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Heimat ist ein Paradies von Viktor Streck



Ein 17-jähriger Junge kommt in seine historische Heimat, nach Deutschland. Kein gewöhnlicher Junge, sondern einer, der bereits in den ersten Wochen so manches in der beschaulichen Kurstadt durcheinander bringt. Ein spannender Roman zu den hochaktuellen Themen unseres Lebens.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Zauberhafte Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Miriam Kraft

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Sinja Teil 2 - Lindengrün von Miriam Kraft (Zauberhafte Geschichten)
DIE GLÜCKSBRINGER von Christine Wolny (Zauberhafte Geschichten)
Erinnerungen an 1944 (Erster Teil) von Karl-Heinz Fricke (Wahre Geschichten)