Michael Mews

Der Aufzug

 

 

 

Um 20:31 Uhr verließ ich das Büro, schloss die Tür ab, stellte die Alarmanlage scharf und drückte auf den Aufzugsknopf. Es dauerte eine weile, bis der Aufzug kam, da ich mich in der obersten Etage befand. Endlich öffneten sich die Teleskoptüren, ich stieg ein, drückte auf den Knopf „EG“ und sah zu, wie die Türen sich schlossen.

 

 

Der Aufzug fuhr nach unten und auf der Anzeige über der Tür konnte ich ablesen, in welcher Etage er sich gerade befand. Er war sehr klein, gerade mal 80 / 80 cm. Also hatte dieser Aufzug einen großen Vorteil: umfallen konnte man in ihm nicht.

 

 

Gerade als er das Erdgeschoss erreichen sollte wurde er langsamer, sehr langsam und blieb dann plötzlich stehen, ohne dass sich die Türen öffneten.

 

„Das darf doch nicht wahr sein“, sagte ich und merkte, dass ich plötzlich nervös wurde und mich sehr eingeengt in dieser Blechkiste fühlte. Ich drückte auf den Knopf, neben dem das Wort „Notruf“ stand. Eine helle Tonbandstimme meldet sich mit: „Dieser Notruf wurde weitergeleitet“. Ratlos drückte ich nun mehrmals den Notrufknopf und hörte jedes Mal den gleichen Satz:

 

 

„Dieser Notruf wurde weitergeleitet“.

 

 

Auch vor vier Monaten blieb der Aufzug stecken, zum Glück ohne meine Anwesenheit, aber es dauerte drei Tage, bis ein Monteur kam, um ihn zu reparieren. Sollte ich mich darauf einstellen, drei Tage im Aufzug eingesperrt zu sein?

 

 

Und soll ich bei einer nächsten Aufzugsfahrt, falls es noch eine für mich geben sollte, immer darauf achten, dass ich auch Getränke, etwas zum Essen und ein spannendes Buch zur Ablenkung dabei habe? Soll ich laut rufen, fragte ich mich, dachte aber dann daran, dass ich zu dieser späten Uhrzeit sicher der einzige in diesem Bürogebäude war und heute ist Freitag. Man würde also erst am Montag die beiden Defekte bemerken, den am Aufzug und den anderen, den ich dann haben werde. Außer der Tonbandstimme habe ich niemanden, mit dem ich sprechen könnte.

 

 

„Aber besser als gar nichts“, würde jetzt mein Sohn sagen, wenn er hier wäre.

 

 

Dann kam mir eine rettende Idee. Ich griff in meine Hosentasche, holte das Handy um jemanden um Hilfe anzurufen, merkte dann aber, dass ich im Aufzug keinen Empfang hatte. Langsam wurde meine Laune so, wie es in dieser Blechkiste war: ungemütlich.

 

 

Alles Negative hat auch etwas Positives in sich, dachte ich nun. Ich habe Glück, dass nicht noch mehr Personen sich in dem kleinen, engen Aufzug befinden. Sicherlich könnte man sich dann unterhalten und kennen lernen, vielleicht sogar als Beginn einer wundervollen Freundschaft?

 

 

Ob das öftere Steckenbleiben des Aufzuges vielleicht Absicht ist, um das gegenseitige Kennenlernen der Schicksalsgenossen zu fördern? Als Kommunikationskatalysator?

 

 

Während diese Gedanken mir durch den Kopf schwammen, umklammerte ich mit einer Hand meinen Schlüsselbund, der sich in der Jackentasche befand. Ohne lange zu überlegen, holte ich ihn aus der Tasche, nahm einen Schlüssel, drückte ihn in die schmale Fuge der Teleskoptüren, drehte ihn um und sah, wie sich die Tür einen Spalt breit öffnete. Schnell steckte ich die Finger einer Hand in diesen Spalt, legte die Schlüssel in die Jackentasche, steckte die Finger der anderen Hand (zum Glück habe ich zwei Hände) auch in diesen Spalt und stemmte die Türen etwas auseinander.  Der Spalt hat sich nun auf 30 cm vergrößert, ich quetscht mich durch den Spalt, hoffte, dass der Aufzug sich nicht plötzlich weiter bewegte und sprang 150 cm auf das tiefer liegende Podest. Nun fühlte ich mich wie ein Löwe, der aus seinem Käfig ausgebrochen ist. Glücklich und frei.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.09.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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