Würde man nun durch dieses Fenster in den Klassenraum sehen, so würde man nicht nur die vielen Schreibtische, und die dazugehörenden Stühle erblicken, sondern auch ein Buch, dass nahe am Fenster lag und dessen Seiten durch den Wind hin und her geblättert wurden. Es war ein Märchenbuch, das eines der Kinder am letzten Schultag, wohl vor lauter Vorfreude auf die Ferien, liegen ließ.
Der Wind blätterte inzwischen so heftig in diesem Buch, dass einige Märchenfiguren aus dem Buch auf den Boden geweht wurden. Da standen sie nun auf dem Fußboden und schauten sich erstaunt an.
„Ich schlage vor“, sagte einer von ihnen, „dass wir uns alle vorstellen. Vielleicht ist das der erste Schritt zu einer wundervollen Freundschaft. Also, ich bin Hänsel und da drüben steht meine Schwester Gretel. In dem Wald, in dem wir uns immer verlaufen müssen, kennen wir inzwischen jeden Baum und jeden Stein. Und unsere Tante muss sich immer als Hexe verkleiden, wenn wir sie besuchen. Natürlich rufen wir sie vorher mit unserem Handy an, damit sie sich auf unseren Besuch vorbereiten und rechtzeitig verkleiden kann“.
„Ich bin Rotkäppchen“, sagte das Mädchen neben Hänsel. „Hänsel vergaß zu erwähnen, dass seine Tante sich nicht nur als Hexe verkleidet, sondern auch als Großmutter, die bei uns mitspielt. Und der böse Wolf ist mein Hund Willi. Es ist ein sehr lieber Hund und ich brauchte sehr lange dazu, ihn so zu dressieren, damit er wie ein böser Wolf erscheint. Und Pizza essen wir beide am liebsten, es braucht sich also keine Großmutter vor uns zu fürchten.“
Gerade wollte Rumpelstilzchen, der zwischen Hans im Glück und dem tapferen Schneiderlein stand, sich vorstellen, da bemerkten sie, wie jemand, mitten in der Nacht, leise und langsam die Türklinke von der Klassenzimmertür runter drückte. Knarrend und langsam öffnete sich die Tür und vom Flur fiel Licht in das Klassenzimmer.
„Vielleicht ist das ein Märchenräuber?“, flüsterte Gretel und alle versteckten sich schnell hinter einem großen Papierkorb. Jemand sagte leise:
„Ach, wie gut dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“.
Ein Mann trat in das Klassenzimmer und ging zu dem offenen Fenster, um es zu schließen. Als er sich umdrehte, um aus dem Raum zu gehen, sahen sie, dass auf dem Rücken von seinem Hemd das Wort „Hausmeister“ stand. Er schloss von außen die Tür ab und seine Schritte entfernten sich, immer leiser werdend.
Die Turmuhr schlug drei und die kleine erschrockene und ängstliche Gesellschaft hinter dem Papierkorb spürte nun die nächtliche Müdigkeit und ging schlafen, um dann am nächsten Morgen das Vorstellungsgespräch weiter zu führen und die begonnene Freundschaft feiern zu können.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.09.2006.
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