Jennifer Brieskorn

Selbstmord?!

Er saß alleine vor dem Fenster und schaute hinaus in eine trostlose Welt. Eine Welt, die vom Wind und regen beherrscht wurde. Grau war sie, wie die Wolken, und früh wurde es finster wie seine Gefühlslage. Seine Augen hatten diese Leuchten, dass er noch vor ein paar Jahren hatte völlig verloren und sein Lebensmut was am Tiefpunkt angelangt. Es passte alles zusammen, zu dem Brief, den er auf seinem Schreibtisch liegen hatte. Auch dort hatten sich die Wolken verdunkelt und Unheil heraufbeschworen. Er nahm den Brief wieder in die hand und las ihn noch einmal durch, wie schon häufiger zuvor. Und doch änderte sich nichts an dem Text. Der Inhalt blieb trostlos. Ihm kamen die Tränen: Wie soll es nur weitergehen, fragte er sich.

 

Die letzten Jahre hatten ihn gezeichnet, ihn, den nichts umwerfen konnte, der eine gute Zukunft vor sich hatte und nun am Ende war. Seelisch und körperlich. Seit er vor gut acht Jahren von seinem Arzt die Diagnose „ Multiple Sklerose“ mitgeteilt bekommen hatte, fiel seine heile Welt zusammen. Langsam verkümmerten seine Muskeln, er musste seine Firma verkaufen und wurde immer mehr an seinen Rollstuhl gefesselt. Seine Füße wurden immer dicker, sodass er angefertigte Schuhe brauchte und sein Haus behindertengerecht umbauen ließ. All das hatte er mit Würde überstanden und trotz heftiger Kämpfe mit den Krankenkassen alles bekommen. Doch dies war ein schwerer Kampf, und es raubte ihn die letzten Kräfte. Und nun das: Wieder einmal wollte die Krankenkasse nicht bezahlen, wieder einmal sollte er darum kämpfen. Doch er war müde und gezeichnet von den letzten Kämpfen. Er hatte keine Lusten mehr auf so ein Leben.

Er schaute raus, der Regen hatte aufgehört und die Dunkelheit kam über die Kleinstadt. Er fuhr seinen Elektroroller aus der Nische in der sein Schreibtisch stand, holte seine Jacke, zog sie an und fuhr hinaus auf die Straße. Ein kräftiger kühler Wind fegte durch sein Gesicht. Dies war versteinert und sein Blick verriet feste Entschlossenheit. Er fuhr die Straße hoch und sein Ziel lag drei Kilometer von seinem Haus entfernt. Als er am Bahnhof ankam, hatte der Regen wieder eingesetzt und ihn völlig durchnässt. Doch er bekam das gar nicht mit. Er fuhr durch die Bahnhofshalle hinaus auf den Bahnsteig. Dann fuhr er bis zum Ende des Bahnsteiges und hielt dort an. Er war sich und seiner Umgebung leid und er wollte nicht mehr. Er wollte nicht mehr betteln, er wollte so nicht mehr leben, als eine Eisenkugel an die Gesellschaft gekettet und von ihr nicht wahrgenommen sondern nur noch als Krebsgeschwür betrachtet zu werden.  So wartete er auf den Zug, um für immer „Auf Wiedersehen“ sagen zu können, für diese ach so „gerechnete Welt“. Was er nicht bemerkte, waren die Jugendlichen, die auf einer Bank hinter seinem Rücken saßen und ihn genau beobachteten. Einer von ihnen, ein Hagener 18 jähriger, stand auf und ging zu ihm. „Hey, Alter. Haste ´ne Zigarette für uns?“ fragte er ihn. „Verschwinde“, zischte er genervt zurück. Doch leider wollte genau dies der Halbstarke nicht hören. „Hey, Leute. Kommt doch mal her, der Alte hier muckt ganz schön auf“, rief er seinen Freunden zu. Die ließen sich nicht bitten und kamen zu ihnen rüber. „Hey, Alter. Ich fragte dich, ob du eine Zigarette hast“, fragte der halbstarke noch ein einmal. „ich sagte doch gerade – verschwinde“. „Genau das wollte ich nicht hören“, der Halbstarke umrundete ihn und sah in sein Gesicht. Er sah einen mageren Mann der mit seinem leben abgeschlossen hatte, doch dies begriff der Junge nicht. „Mann, wenn du keine Kippen hast, dann haste vielleicht Geld für uns“, schrei ein anderer von den inzwischen um ihn herumstehen Jugendlichen. „Ich habe gar nichts und jetzt verschwindet“, zischte er den Jungen entgegen. Doch diese gaben nicht auf sondern wollten es genau wissen. Einer griff ihn von hinten an und hielt ihn fest, während ein anderer von vorne kam um ihn zu durchsuchen. Doch dieser bekam einen Faustschlag mitten ins Gesicht. Mit einem lauten Aufschrei torkelte er zurück und hielt sich  die blutende Nase. „Verflucht der hat mir die Nase gebrochen“, schrei er. „Lasst uns ihn fertig machen“, schrei ein andere und landete auch schon eine Faust in seinem Gesicht. Und dann wieder eine und noch eine. Er schrie auf vor Schmerzen und er konnte sich kaum wehren. Aus dem Augenwinkel sah er wie die bahn kam. Während die Jugendlichen auf Ihn eindroschen, suchte er mit der rechten Hand den Fahrknüppel seines Rollstuhles. Er fand ihn, die Jugendlichen hörten nicht auf, seine Nase blutete und musste wahrscheinlich schon gebrochen sein. Die Lippen waren aufgeplatzt und er schmeckte das warme Blut auf seiner Zunge. Dann gab er gas. Der vor ihm Stehende wurde von ihm umgefahren, und er hörte nichts mehr um sich. Vernebelt war sein Blick, dann kippte er um und als letztes hörte er nur das Quietschen von einer Lokomotive. Ein Außenstehender, der alles beobachtet hatte und die Polizei über Handy anrief, schaute fassungslos auf das Drama, das vor seinen Augen ablief. Er sah wie die Halbstarken erschrocken  da standen und sich dann wie ein Schwarm Bienen davonmachten. Vom Rollstuhlfahrer war nichts mehr zu sehen, und der Zug kam erst ein paar Meter später zum Stehen. Das kann er nicht überleben, war der einzige Gedanke, den der zeuge im Moment hatte.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.09.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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