Klaus-D. Heid

Ruhestörung

Ich finde es, ehrlich gesagt, überaus unangenehm, in einem Sarg liegen zu müssen, der mir nicht mal ausreichend Bewegungsfreiheit lässt, mich auf die Seite zu drehen. Schon als ich noch lebte, hasste ich es, immer im Bett auf dem Rücken zu liegen. Mir gefällt es auch nicht, dass es keine Beleuchtung im Sarg gibt, obwohl ich ohnehin nicht in der Lage bin, ein Buch so zu halten, dass ich darin lesen könnte. Außerdem hat man vergessen, mir ein Buch mit in den Sarg zu legen.

Zu eng, zu dunkel – und extrem gesundheitsgefährdend feucht. Genau das ist die kurze Zusammenfassung meines Eindrucks, den ich in meinem Sarg gewann. Ganz besonders die Feuchtigkeit stört mich. Feuchtigkeit ist nicht gut für die Knochen. Feuchtigkeit macht krank! Die Nässe, die mich überall umgibt, zieht in meine Glieder und sorgt dafür, dass ich mich noch erkälten werde.

Als Toter und Begrabener sollte ich eigentlich froh sein, dass man mich nicht verbrannt hat, oder? Im falle meiner Verbrennung würde ich zwar nicht über Dunkelheit und Feuchtigkeit klagen, aber ich wäre auch garantiert nicht glücklich damit, als Häufchen Asche eine Keramik-Urne bewohnen zu müssen. So gesehen, will ich nicht übermäßig klagen. Richtig zufrieden ist man ja wohl nie. Egal, ob man begraben oder verbrannt wurde – man meckert immer über dieses oder jenes kleine Wehwehchen.

Irgendwann werde ich mich schon an die Umgebung gewöhnen. Ich werde es wohl auch müssen, da die Alternativen nicht vorhanden sind. Ebenso werde ich ein einvernehmliches Agreement mit den zu erwartenden Würmern und anderen Insekten treffen müssen, die mir in Kürze Gesellschaft leisten werden. Ich finde, dass gerade ein Toter zusehen sollte, dass er sich nicht so zimperlich anstellt, wenn’s um ein erträgliches Miteinander geht. Man muss sich arrangieren. Man muss eine doch sehr lange zeit miteinander auskommen, ohne sich ständig anzumisten oder anzugiften. Tote haben ihre Lebensberechtigung genauso, wie Würmer, Käfer und alle anderen Krabbel- und Schleimtiere.

Ich gebe zu, dass ich es besser ertragen würde, angeknabbert zu werden, wenn ich nebenbei ein nettes Büchlein lesen könnte. Lesen lenkt ab. Wenigstens ein bisschen Musik hätte man mir mit in den Sarg packen können. Früher, bei den Ägyptern, war es üblich, dass die Pharaonen all ihre Lieblingssachen mit in die Grabstätten gelegt bekamen. Und heute? Ein bisschen billiger Stoff an den Sargwänden – und dass war’s dann! Kein Radio, keine Bücher und schon gar kein Licht. Waschen kann man sich auch nicht. Denkt eigentlich niemand daran, dass auch Tote ein gewisses Bedürfnis nach Hygiene haben?

Da ist etwas an meinem Fuß! Es juckt! Es juckt sogar verdammt intensiv. Wenn ich mich doch bloß kratzen könnte. Wahrscheinlich hat’s der erste Wurm durch die brüchige Sargwand geschafft. Es geht also los! Na Bravo! Und ich hatte gehofft, dass ich noch ein oder zwei Monate meine Ruhe vor diesen lästigen kleinen Mistviechern hätte. Wahrscheinlich kommen sie bald in Scharen, um in meine Ohren, Nasenlöcher und...

Bloß nicht dran denken!

Ob ich’s mal mit Kommunikation versuche? Ich könnte ja zumindest den Versuch starten, meinen Standpunkt dazulegen, oder? Ich könnte den Krabbeltieren zu erläutern versuchen, dass ich noch ein wenig Zeit brauchte, um meine Körperöffnungen auf derartige Attacken einzustellen. Wenn ich Glück habe, lassen die mit sich reden. Wenn ich allerdings Pech habe, dürfte mein Hintern in Bälde Gesellschaft bekommen.

Habe ich mich verhört – oder kann es sein, dass über mir gebuddelt wird? Was soll das denn jetzt? Hat man noch nicht mal seine Ruhe, wenn man tot ist? Ich will jetzt niemanden sehen! Ich bin nicht auf Besuch vorbereitet! Wenn man ein halbes Jahr im Sarg lag, kann man unmöglich Besuch empfangen. Ich bin ja noch nicht einmal gekämmt...

Tatsache! Da wird doch wirklich die Erde über meinem Sarg abgetragen. Ich höre jetzt schon die Schaufeln, die am Sargdeckel kratzen. Es ruckelt. Es wackelt. Offensichtlich hebt man nun den Sarg an. Was soll denn das Hämmern und Schlagen? Ich höre Stimmen. Stimmen!

„Ich hasse Exhumierungen, Herr Kommissar! Meinen Sie wirklich, dass man den armen Teufel vergiftet hat?“

„Ich denke schon, Schulze. Wenn der Gerichtsmediziner die Leiche erst mal gründlich auseinander genommen hat, werden wir’s genau wissen!“

Seid Ihr wahnsinnig geworden? Auseinander nehmen? Mich? Jetzt – wo ich mich gerade eingelebt habe?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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