Norbert Wittke

Muschi

 

 
Ich weiß nicht mehr genau den Tag, da ich sie das erste Mal traf.
Sofern ich mich noch erinnere, war es ein Nachmittag, aber kein
gewöhnlicher, - einer, der sich durch sein besonders  prächtiges
Wetter unter den anderen unzähligen hervorhob. Der Himmel war
azurblau, und die Sonne, die durch keine einzige Wolke verschattet
war, traf die Erde mit ihrer vollen Wärme.
 
Wie ich es an solch bezaubernden Tagen zu tun pflege, ging ich
auch dieses Mal die Treppen hoch in den Garten, um mich dort,
in dem saftig grünen Gras liegend, zu sonnen. Ich durchschritt
das fußhohe Gras, um in dem leicht verwilderten Garten den
geeigneten Platz zu finden, als sie plötzlich in ihrer wilden Schönheit
vor mir stand.
 
Ihr seidenglänzendes rotblondes Fell versetzte mich sofort in ein
Stadium des Entzückens. Sie katzbuckelte und fauchte mich an,
womit sie offenkundig ihre ihr angeborene Wildheit zur Schau trug.
Trotz ihres stark abemagerten Zustandes hatte sie noch etwas
majestätisches an sich, das wahre Ehrfurcht vor der Kreatur Gottes
in mir aufsteigen ließ. Beide gleichermaßen erschrocken und erstaunt
starrten wir uns eine Weile an, versuchten einander zu ergründen.
 
Nachdem sich ihre Erregung etwas gelegt hatte, tat ich den ersten
Schritt zu unserer später sehr großen Freundschaft. Ich trat sanft
auf sie zu, ließ meine Hand sachte durch ihren dichten, samtweichen
Pelz gleiten, während sie langsam ihre Wildheit ablegte und auch für
mich Sympathien zu hegen begann. Sie legte mir dieses offen dar,
indem sie sich mit großer Wonne gegen meine Beine schmiegte.
Ein Schälchen Milch, das ich aus dem Hause holen ging, tat sein
weiteres, ihr Vertrauen zu mir zu vergrößern und brachte mir einen
liebevollen Blick ein, während sie heißhungrig mit ihrem reizenden
Zünglein die Schale ausleckte.
 
Dieses war der erste Tag einer später sehr langen Freundschaft.
Sie legte dabei großen Wert, nie ihre Freiheit aufzugeben
und ich respektierte das. Ich nannte sie zärtlich Muschi, während
sie sich behaglich schnurrend an mich legte. So trafen wir uns Tag
um Tag, bei jedem Wetter, bei jeder Jahreszeit. Sobald sie mich von
weitem sah oder meine Stimmer hörte, kam sie pfeilschnell heran-
geschossen und kletterte an mir empor, sorgsam darauf bedacht,
mich mit ihren scharfen Krallen nicht zu verletzen, wobei mich ihr
liebkosender Blick traf.
 
Doch an jenem gewissen Tage, den ich nie vergessen werde,
wurde unserer Freundschaft ein jähes Ende gemacht. Ich ging
wie an jedem anderen Tage in den Garten, um sie zu besuchen,
ihr etwas Nahrung zu bringen. Ahnungslos schritt ich durch das
Gras, wunderte mich nur darüber, dass sie mir nicht wie gewohnt
entgegentrat. Laut rufend suchte ich den Garten nach ihr ab.
Als sie nun nicht auftauchte, überkam mich eine gewisse Unruhe.
Ich suchte und suchte, hinter jedem Strauch, hinter jedem Baum.
Ich fand sie...........Doch was ich jetzt sah rief großes Entsetzen
in mir wach. Ich muss offen gestehen, Tränen wilden Hasses
stiegen in meine Augen. Sie lag hinter einem Strauch, die Pfoten
weit von sich gestreckt, ihre Augen gebrochen, das Fell wild
zerzaust. Ihr ehemals gütiges Antlitz war grausam verzerrt.
 
Ich weiß nicht mehr wie lange ich so dastand. Ihre beinahe her-
vorquellenden Augen starrrten mich an, die Menschheit anklagend,
die mit einer solchen kalten Berechnung teuflisch morden kann,
morden, um die Mordlust an einem solch ahnungslosen zutraulichen
Lebewesen zu befriedigen.
 
Ich verrichtete ihr den letzten Dienst, den ich ihr noch erweisen
konnte. Hinter dem großen Apfelbaum liegt sie nun begraben.
Ich war der einzige Trauergast an ihrem Grabe, ich ihr einziger
Freund.

12.06.2006       Norbert Wittke
 
 
 
 
 
 
 
 

 

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