Sandra Lenz

Stürmisches Herz - Teil I

~ Stürmisches Herz ~


Irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts ...



Sie stürmte aus der Gartentür hinaus, vorbei an der großen Steinskulptur die einen mächtigen imposanten Löwen darstellte, durch den kleinen Rosengarten hinaus auf die grüne Wiese. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Immer diese gesellschaftlichen Zwänge, die einem die Luft zum Atmen nahmen. Das konnte doch ein halbwegs vernünftiger Mensch nicht lange aushalten. Schon gar nicht, wenn man ein freiheitsliebendes Wesen wie Ashley besaß. Da musste irgendwann die Seele streiken und ausbrechen. Und genau das war jetzt passiert. Und das nun ausgerechnet, wo die Brandleys bei ihren Eltern zum Essen eingeladen waren und sie eigentlich das wohlerzogene Mädchen hätte spielen müssen. Aber das war Ashley in diesem Moment vollkommen egal. Sie hatte die Nase voll und war einfach aufgesprungen von ihrem Platz und hinausgestürmt, angewidert von der ganzen Heuchelei die ihr die heile Welt ihrer Eltern vorgaukelte.
Sie stürmte über die Wiese Richtung Pferdestall. Sie konnte und wollte jetzt nur die Anwesenheit ihres geliebten Araberhengstes Stormy Wind ertragen. Dieses Tier hatte sie von ihrem geliebten Großvater geschenkt bekommen. Es war ein sehr stolzes Tier und ließ sich von niemand anderem reiten als von ihr. Pechschwarz war es mit einem kleinen Fleck auf der Stirn. Fast sah dieser Fleck so aus, als ob ein Herz von einem Dreieck durchkreuzt werden würde. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Ihre Phantasie war schon immer sehr ausgeprägt gewesen und ihr Großvater hatte sie immer seine kleine Träumerin genannt. Sie vermisste ihren geliebten Großvater ganz schrecklich, seit er letzten Sommer gestorben war. Er hatte sie und ihre Probleme immer verstanden und war nie so schrecklich konservativ gewesen, obwohl auch er immer für seinen gesellschaftlichen Stand gekämpft hatte. Aber stets anders wie ihre Eltern es jetzt taten. Die waren so schrecklich ernst und bieder und wollten alles und jedem die perfekte Familie vorspielen. Aber waren sie das auch? Ashley war sich darin nicht so sicher.
Sie öffnete die schwere Holztüre zum Stall und schlüpfte hindurch. Zielstrebig passierte sie die Pferdeboxen bis sie vor Stormy Wind stand. Er reckte ihr seinen Kopf entgegen und ließ sich bereitwillig von ihr streicheln. "Ja, du bist doch mein Bester. Ach Stormy, irgendwie ist doch alles schrecklich." Der Hengst schien ihr aufmerksam zuzuhören. Ashley seufzte tief und ließ sich ins Heu sinken. Wie war ihr das doch alles manchmal zuwider. Am liebsten würde sie einfach gehen, ganz weit weg und ein neues freies Leben beginnen.
Wenn ihre Mutter sie jetzt sehen würde, würde sie sich wieder fürchterlich aufregen. Mit dem guten Kleid im Heu sitzen und es beschmutzen. Ihre Mutter hätte anschließend wieder einen roten Kopf und dank ihrer jüngsten Tochter Kopfschmerzen. Das bekam Ashley nämlich immer wieder zu hören.
Sie spielte gedankenverloren mit einem Grashalm und drehte ihn zwischen ihren Fingern. Wenn sie zurück ins Haus gehen würde, könnte sie sich wieder eine Strafpredigt anhören. Ihre ganz Familie stände vor ihr und würde ihr erzählen wie ungezogen und unmöglich sie doch sei. Immer das gleiche Spiel. Ashley zog an einer Haarsträhne, die ihr ins Gesicht fiel. Langsam erhob sie sich wieder. "Ach Stormy, mein Junge, dann wollen wir mal zurück in die Höhle des Löwen gehen. Wünsch' mir Glück." Der Hengst schnaufte kräftig, fast so als würde er ihr wirklich Glück wünschen für ihren Rückweg.
Ashley hob ihre Röcke an und schritt zurück über die Wiese Richtung Haus. Stolz, mit erhobenen Kinn schritt sie zurück. Zurück in ihr einengendes Leben mit all den gesellschaftlichen Zwängen, die ihr auferlegt wurden.
Leise schlich sie über die Terrasse und schielte durch die Glastür. Das Esszimmer war bereits leer und das Mädchen hatte den Tisch fein säuberlich abgeräumt. Ashley ging ein Stückchen weiter und sah ihren Vater im Lesezimmer sitzen. Genüsslich rauchte er eine seiner kubanischen Zigarren und blies kleine Kringel in die Luft. Ashley schob leise die Tür auf und trat ins Zimmer. Ihr Vater blickte auf, sagte aber kein Wort zu ihr. Sie nahm auf dem Ledersessel ihm gegenüber Platz und erwartete ein Donnerwetter. Ihre blauen Augen sahen ihn erwartungsvoll an. Doch ausnahmsweise blieb ihr Vater ruhig. "Das war eben nicht sehr nett von dir gewesen, junge Dame. Und das weißt Du auch." Er nahm einen erneuten Zug seiner Zigarre und schaute sie ernst an. Ashley zuckte mit den Schultern. "Es tut mir leid Vater, aber dieses ständige Gerede ging mir einfach auf die Nerven. Ich brauchte frische Luft." Sie zupfte ein wenig nervös an ihrem Kleid herum. "Wie geht es Mutter?" Ihr Vater schaute sie finster an. "Sie hat wieder Kopfschmerzen. Nachdem die Brandleys sich verabschiedet haben, hat sie sich gleich hingelegt. Sie war nicht sehr angetan von einem Auftritt. Aber lassen wir das jetzt. Du kannst nun auf dein Zimmer gehen, Ashley."

Sie erhob sich und hauchte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange, bevor sie sich auf den Weg in ihr Zimmer machte. Draußen kam ihr Maria entgegen, die gute Perle des Hauses. Schon viele Jahre arbeitete sie für ihre Familie und war stets gut behandelt worden. Sie war ein mütterlicher Typ und Ashley besprach oft ihre Probleme mit ihr. Sie vertraute Maria mehr, wie ihrer eigenen Mutter. "Hast Du wieder einmal die Flucht ergriffen, Ashley?" Diese nickte schuldbewusst. Maria zwinkerte ihr zu. "Du kleines wildes Mädchen. Du musst lernen dich ein wenig zurückzunehmen. Sonst bekommst du irgendwann einmal große Probleme." Ashley nickte und schlich dann die große breite Treppe herauf, um in ihrem Zimmer verschwinden zu können. Erst als sie hinter sich die Tür geschlossen hatte, atmete sie wieder tief durch. Puh, bis jetzt war es ja gar nicht so schlimm gelaufen. Und selbst wenn es so gewesen wäre, es wäre ihr vermutlich egal gewesen. Schnell schlüpfte sie aus dem lästigen Kleid heraus und zog sich ihr Nachthemd über. Sie nahm auf dem Hocker vor dem großen Spiegel Platz und begann ihr schwarzes langes Haar zu kämmen. Ashley war jetzt 20 Jahre alt und recht hübsch. Die schwarzen Haare glänzten und ihre weiße makellose Haut war rein wie frisch gefallener Schnee. Die Veilchenblauen Augen schimmerten wie zwei Bergseen und ihre Lippen waren rot und herrlich sinnlich geschwungen. Sie bekam viele Komplimente von den jungen Herren aus der Umgebung, wenn ihre Eltern mal wieder einen Ball veranstalteten oder sie zu solch einem eingeladen war. Viele dieser jungen Herren hätten gern um ihre Hand angehalten, doch Ashley hatte bisher jeden einzelnen abblitzen lassen. Sie fühlte sich geschmeichelt, das sie so begehrt war, doch bis jetzt hatte niemand das Feuer in ihr entfachen können. Niemand dieser jungen Herren war ihr ebenbürtig und hätte sie nur im geringsten näher interessiert. Mehr als ein Plausch und ein Tanz war bisher nicht drin gewesen. Ihre Eltern hätten sie gerne verheiratet, aber sie sträubte sich beharrlich diesen Wunsch zu erfüllen. Es reichte doch vollkommen aus, das ihre zwei älteren Schwestern unter der Haube waren und ein anständiges gesittetes Leben führten. Musste sie es ihnen denn unbedingt gleich tun? Ashley fand das überhaupt nicht.
Sie trat ans Fenster und öffnete dies weit. Die kühle Abendluft blies ihr ins Gesicht und ließ sie einen Moment erschauern. Schnell griff sie in ihr Geheimversteck, welches unter der Fensterbank versteckt lag und holte sich dort eine Zigarette heraus. Für eine Frau ziemte es sich nicht zu rauchen, doch Ashley pfiff auf all diese Konventionen. Sie zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Den blauen Dunst blies sie zum Fenster hinaus, der sich schnell verflüchtete. Ihre Gedanken schweiften ab und am Horizont konnte man die Sonne untergehen sehen. Das Meer spiegelte sich in der Ferne und ließ auf unendliche Weiten hindeuten. Wenn sie doch nur in diese unendliche Ferne schweifen könnte ...

~.~

Ryan saß an Deck und ließ seinen Blick über das Meer gleiten. Die Sonne ging gerade unter und tauchte das Meer in die herrlichsten Farben. Die letzten Tage hatten sie wirklich eine gute Ausbeute machen können. Gleich zwei Schiffe konnten sie überfallen und in ihre Gewalt bringen und dessen Ladung für sich einsacken. Eines war mit Gewürzen aus dem Orient beladen gewesen, welche ihnen beim Verkauf eine Menge Geld einbringen würden. Das andere Schiff war mit einigen Passagieren besetzt gewesen, die sie um ihr Geld und ihren Schmuck erleichtert hatten. Die Leute waren willig gewesen und hatten sich nicht gewehrt. Das freute ihn, denn er hasste es Gewalt anwenden zu müssen. In der Gegend war er zwar als wilder brutaler Mann gefürchtet, doch eigentlich war ihm genau diese Art zuwider. Doch wenn es sein musste, wehrte er sich auf jede erdenkliche Weise und dann kannte er auch kein Pardon. Er griff in seine Hosentasche und holte eine Zigarette hervor. Genau das brauchte er jetzt zum Entspannen. Gemütlich an den Segelmast gelehnt genoss er jeden einzelnen Zug. Jack, sein Steuermann und bester Freund gesellte sich zu ihm. In den Händen hielt er zwei Becher gefüllt mit herrlichem roten Wein. Er drückte Ryan einen davon in die Hand und ließ sich neben ihm nieder. "Hat sich doch wieder mal gelohnt. Wann werden wir die Gewürze verkaufen?" Jack sah ihn neugierig von der Seite an. Ryan ließ sich mit der Antwort Zeit und zog an seine Zigarette.
"Wir werden mit dem Verkauf noch warten. Die Gewürze bringen wir in unser Versteck bis Gras über die Sache gewachsen ist und dann werden wir sie verkaufen. Bis dahin werden die Leute den Überfall auf das Schiff vergessen haben. Dann werden wir die Gewürze zu Geld machen und kräftig einen darauf trinken. Aber bis dahin werden wir uns ein bisschen rar machen müssen und erst einmal abwarten." Jack nickte. Er wusste, das es so am besten sein würde. Ryan wusste immer was zu tun war.
In der Gegend waren sie als "die teuflischen Fünf" gefürchtet. Wilde Piraten die Gewalt anwendeten und alles und jeden überfallen würden. Aber bis jetzt waren sie eigentlich immer höflich mit ihren Opfern umgegangen und nur den einen oder anderen hatten sie härter anfassen müssen. Warum also eigentlich immer diese Aufregung. "Wann werden wir anlegen?" fragte Ryan seinen Freund. Jack blickte über das Wasser. "Wir müssten heute Nacht ankommen und können dann von Bord gehen. Vermutlich wartet Isabel schon, um dich herzlich willkommen zu heißen." Jack konnte ein Grinsen nicht unterdrücken und kicherte leise vor sich hin. Ryan zog eine Augenbraue hoch und sah ihn ein wenig finster an. Ja, ja, die gute Isabel. Sie klebte an ihm wie eine Klette und ließ ihm kaum Luft zum Atmen. Sie liebte ihn und wollte ihn für sich gewinnen. Ryan hingegen sah in ihr aber nicht mehr wie einen netten Zeitvertreib. Mit ihrer ausladenden Figur und ihren blonden Locken hatte sie ihm schon die ein oder andere Nacht versüßt, aber tiefere Gefühlte hegte er keine für sie. Überhaupt hatte er bis jetzt noch keine Frau richtig geliebt. Es hatte zwar einige gegeben, die nett und sehr hübsch gewesen waren, aber sein Herz hatte noch keine dieser Damen für sich gewinnen können. Konnte ein Mann wie er überhaupt jemals richtig lieben? Er war sich da selbst nicht so ganz sicher.
Jack erhob sich, um Grant vom Steuer abzulösen. Seine Schicht würde gleich beginnen und bis zum Anlegen dauern. Er klopfte Ryan freundschaftlich auf die Schulter und machte sich auf den Weg zur Brücke. "Trink' nicht mehr soviel, mein Guter." Ryan nickte und zündete sich eine neue Zigarette an. Mit seinen meergrünen Augen blickte er seinen Freund an. "Keine Sorge, ich passe doch immer auf mich auf." Darüber musste er selbst lachen.
Jack lief übers Deck und war dann auch gleich verschwunden. Ryan würde noch einen Moment hier sitzen bleiben und die Dämmerung genießen, bevor er sich auf den Weg in seine Kajüte machen würde.

~.~

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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