Petra Wilhelmi

Monolog einer Vorruheständlerin

 

So, nun sitze ich auf der Bank unter dem Baum in den Weinbergen. Ich habe Zeit. Ich komme mir alt und grau vor. Mein Körper und mein Inneres scheinen ermattet zu sein.  Mein Blick fällt auf die vollen Weintrauben, die kurz vor der Ernte stehen. Ich habe Zeit. Ich werde auf dieser Bank sitzen und den Lauf des Jahres verfolgen können. Im Winter werden hier nur nackte Zweige zu sehen sein, Stecken ähnlich, im Frühjahr dann, kleine silbergraue Spitzen, die Blätter werden wollen. Ein paar Wochen später wird alles grün sein. Im Herbst sehe  ich dann wieder die fetten blauen und grünen Trauben, die unter den Blättern hervorlugen werden. Ich habe Zeit. Gestern war ich noch gefragt. Bin jeden Morgen an meinen Arbeitsplatz geeilt. Habe meine Aufgaben in Angriff genommen, meine Erfahrungen geteilt. Eigentlich, wenn ich darüber nachdenke, hat es sich schon lange angekündigt, dieses „Du bist zu alt und zu teuer, wir brauchen dich nicht mehr.“ Wie fing es an? Überleg mal. Zuerst wurde ich nicht mehr zu Besprechungen eingeladen, dann flossen die Informationen spärlicher, die jungen Kolleginnen sahen einen an, als ob sie mir meilenweit überlegen wären. Sicherlich, sie haben noch einen langen Weg vor sich, um an diesem Punkt anzukommen, an dem ich jetzt stehe. Meine Zeit auf Erden ist absehbar. Den weitesten Weg bin ich schon gegangen. Das ist der Lauf der Dinge, alles kommt und alles vergeht wieder. Wenn ich an meine letzte Arbeitsstelle zurückdenke, wie gern bin ich doch dort gewesen. Kreativität war mein Markenzeichen. Dann plötzlich Wechsel in der Geschäftsführung. Abschiebung in ein Einzelzimmer. In meinen Augen war das ein Segen. Kein Tratsch, keine Missgunst, ich konnte meine Tür schließen und hatte meine Ruhe. Meine Ruhe. Die hatte man mir gelassen. Außerhalb des Geschehens, auf dem Abstellgleis. Wie oft wurde versucht, meine Arbeit zu bekritteln. Sie schafften es nicht. Dazu hatte ich zu viele Erfahrungen. So schnell ließ ich mich nicht aus der Reserve locken. Erfahrungen. Ist man heutzutage an Erfahrungen interessiert? Mir kommt es nicht so vor. Viele Ältere mussten mit mir das Unternehmen verlassen. Ein Ausbluten an Erfahrungen, ein Abzug von Know-How. Ist man noch an Know-How interessiert? Mitarbeiter wie ich sind nicht bequem, hinterfragen Anordnungen, stellen Arbeitsabläufe auf den Prüfstand. Gewollt ist Fließbandarbeit, Duckmäuser, Menschen die alles schlucken. Ich darf nicht ungerecht sein. Die jungen Leute haben keine andere Alternative. Was wird aus ihnen werden? Menschen mit gebeugtem Rücken ohne aufrechten Gang?

„Ach Guten Tag Frau Bode. Ja, das Wetter ist wunderschön heute. Deshalb sitze ich hier auf der Bank und will vor dem langen Winter noch die letzten Sonnenstrahlen genießen. Mir geht es gut und Ihnen? Sie haben keine Zeit Frau Bode? Dann, Auf Wiedersehen.“ 

Ich habe Zeit. Was fange ich damit an? Die Fenster könnten geputzt, die Schränke aufgeräumt werden. Ich bin keine gute Hausfrau. Diese Tätigkeiten sind mir ein Gräuel. Sie fordern mich nicht, füllen mich nicht aus. Ich könnte in den Sportverein gehen. Bin dann unter lauter Hausfrauen und Rentnern. Mir gruselt bei diesem Gedanken. Außerdem, mir fehlt das Sport-Gen. Shoppen rund um die Uhr? Ich bin noch nie gern einkaufen gegangen. Fernsehen. Mir die schwachsinnigen Shows ansehen, die mein Gehirn aufweichen wollen? Aber lesen kann ich, den ganzen Tag. Den ganzen Tag, jeden Tag? Da wird das interessanteste Buch langweilig. 

Es ist ungewohnt, Zeit zu haben. Sonst klingelte wochentags der Wecker immer gegen 5 Uhr. Eine Dreiviertelstunde später saß ich in der S-Bahn. Eine halbe Stunde musste ich immer fahren, früh mit geschlossenen Augen vor mich hindämmernd und abends meist lesend. Nach den acht Stunden im Büro war der Tag noch nicht zu Ende: Abendessen zubereiten, Wäsche waschen, Wohnung säubern, sich bei Mailfreunden und realen Freunden melden. Das musste alles bewältigt werden. 

Jetzt habe ich Zeit. Kein Hetzen, kein Jagen. Brauche ich die Hektik, den Stress? Ein bisschen davon könnte mir gut tun. Ich muss mir eine Aufgabe suchen. Von Hundert auf Null, das verträgt der geistige Motor nicht. Er rebelliert, will sich anstrengen, Hindernisse aus den Weg räumen. Noch tuckert er unter Volllast. Ich sterbe, wenn mein Geist aufhört zu arbeiten. Dann kommt das große Dahindämmern, die ausdruckslosen Augen. Habe sie schon oft bei alten Leuten in Heimen gesehen. Menschen, die schon vor der Zeit mit ihrem Leben abgeschlossen haben, vor der Zeit lebende Tote sind. Mein Geist braucht Unruhe. Meine Augen sollen nicht erlöschen. Ich will mich nicht aufgeben. 

Zeit kann auch ein Geschenk sein. Man benötigt Zeit, seine Gedanken zu ordnen, sich zu finden. Sich finden. Jetzt ist dafür ein guter Zeitpunkt. Ich bin allein mit mir, muss mir klar werden, wohin ich will, muss mir eine Aufgabe stellen, die meinen Geist fordert, die grauen Zellen zum Tätigsein anregen. Ich muss einen Vulkan an elektrischen Blitzen in mir auslösen. Wie will ich das Blitzgewitter auslösen? Was könnte meine neue Bestimmung sein? Ich muss überlegen. Vielleicht… Mir kommt da ein Gedanke. Das wäre es doch. Oder nicht? Ich versuche es einfach mal. Ich werde mein Leben aufschreiben. Ob das jemanden interessiert? Ja mich. Beim Schreiben werde ich mich suchen und finden, werde mir gegenüberstehen, mit mir sprechen, meine Wünsche für den letzten Abschnitt meines Lebens erforschen. Vielleicht interessiert es doch jemanden. Das ist egal. Es für mich wichtig. Der Gedanke gibt mir Schwung. Jetzt kann ich mein Leben so gestalten, wie ich es will. Kein Wecker mehr, keine ungeliebten Vorgesetzten, nur noch mein Leben und kein Rädchen mehr in einem undurchsichtigen Getriebe. Meine Augen richten sich nach vorn.  

Was mache ich denn hier? Ich sitze unter dem Baum auf einer Bank? Dazu ist später noch Zeit. Mein Herz lacht fröhlich, ich straffe mich, stehe auf. Mein Schritt ist leicht und federnd.

„Hallo Frau Kühne. Schönes Wetter heute. Ja, ich war in den Weinbergen, hab’ ein bisschen auf der Bank gesessen. Sie haben richtig gehört. Ich arbeite seit letzter Woche nicht mehr. Vorruhestand. Es geht mir gut. Ich soll zu Ihnen rüberkommen auf einen Kaffee? Jetzt? Keine Zeit, keine Zeit Frau Kühne. Tschüss und einen schönen Tag.“

Ich fühle mich frei und beschwingt. Meine neue mir selbstgestellte Aufgabe wartet auf mich. Der Gedanke daran erfüllt mich. Ich muss meinen Computer füttern.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.10.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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