Norman Buschmann

Caleb, Der Halbmondwächter - Teil 2 - Serenade für die Toten

Salem, im Winter des Jahres 1692

Niemand sah ihn kommen. Und niemand würde ihn hinterher wieder gehen sehen. Ein neuer Tag wird anbrechen und alles wird so sein, wie es auch die letzten Tage schon gewesen war. Grau und ruhig; die ersehnte Ruhe nach dem Sturm. Doch damit es wirklich so kam, musste noch etwas erledigt werden und dazu war er hier. Dunkle Winterwolken, die den Himmel am späten Nachmittag verdecken, die Ausläufer eines nahenden Sturmes zogen am diesigen Horizont vorbei. Sein Körper war in einen zerschlissenen Umhang gehüllt und er stützte sich auf einen Stock. Er fror entsetzlich und hasste dieses Wetter mehr als alles andere auf der Welt. Oder zumindest mehr als alles andere auf dieser Welt. Nur sehr langsam schritt er voran, beinahe kränklich hielt er immer wieder in der Bewegung seiner Schritte inne um zu verschnaufen. Obwohl man sein Gesicht nicht erkennen konnte, es lag im Schatten seiner weiten Kapuze verborgen, schien doch nichts bedrohliches von ihm auszugehen. Ein Donnerschlag erklang, dem ein grell gezackten Blitz vorangegangen war. Er schein den Himmel zu zerteilen.
Es hatte zu schneien begonnen und die Fußspuren der Gestalt drückten sich tief in den frisch gefallenen Schnee hinein. Der Stock hinterließ tiefe Löcher, die sogleich mit wattigen Flocken aufgefüllt wurden, wenn dieser aus dem gefrorenen Erdreich gezogen wurde. Das Heulen des Windes wurde vom Schmatzen der Schritte begleitet, unter deren Klang die gebeugte Gestalt den nahen Waldgürtel verlassen hatte. Ihr Weg führte sie direkt durch das Haupttor der kleinen Gemeinde. Hier gab es keine Wachen und auch sonst keinerlei Hindernisse, die sich ihm in den Weg hätten stellen können. Nur vereinzelt war durch einen Schlitz oder Spalt in den verschlossenen Fensterläden der Häuser, ein gelber Kerzenschimmer zu erkennen gewesen. Nichts von Bedeutung. Und dennoch, mit langsamen Schritten, unermüdlich weiter voran schreitend, näherte sie sich ihrem Ziel. Kein Mensch würde die Spuren erblicken, die von den Schuhen herrührten, die unter dem Stoff des verschmutzen und eingerissenen dunklen Umhanges verborgen waren. Es würde hinterher so sein, als wäre nie etwas geschehen; als habe es ihn nie in dieser Zeit gegeben. Ein kurzes Aufflackern einer Erinnerung, die dann durch das Netz der Gedanken entschwindet.
Der kleine Friedhof lag am anderen Ende des Örtchens, und so musste er entlang der Hauptstraße einmal quer durch die Stadt hindurch. Die Kälte biss in sein Gesicht und der frische Schnee rann in eiskalten Tränen über seine Wangen. Es war nicht leicht gewesen hier her zu kommen und er würde diesen Ort auf dem selben Wege wieder verlassen müssen. Doch seine Aufgabe war es wert, diese Strapazen auf sich zu nehmen. Nichts war zu hören. Alle Menschen, denen das Schicksal in den voran gegangenen Jahren so übel mitgespielt hatte, verschanzten sich hinter den hölzernen Türen ihrer Häuser. Sie versuchten nicht nur ihr spärliches Hab und Gut zu schützen. Ihr Leben hatte vor wenigen Monaten noch am seidenen Faden gehangen, denn die Hexenprozesse des letzten Jahres hatten weder vor Männern und Frauen, noch vor Kindern halt gemacht. Ja, nicht einmal Tiere konnten bisweilen den so genannten Inquisitoren entkommen, war doch der Glaube an den Himmel und die Hölle so tief verwurzelt, das alles getan wurde, um den Herrn der Finsternis aus diesem Landstrich zu vertreiben, in dem er sich so fürstlich niedergelassen hatte. Oh ja, wie recht sie doch hatten, alle miteinander. Auch wenn später in den Geschichtsbüchern eine andere, blutige Wahrheit verzeichnet sein würde. In Salem waren wirklich dämonische Kräfte am Werk, wenn auch nicht der Teufel selbst. Doch das würde nie jemand erfahren. Mehr als Zweidutzend Hinrichtungen und etliche Inhaftierungen hatte es bis zum Januar des Jahres 1692 gegeben. Die meisten der Angeklagten hatten nicht nur den Glauben an die Gerechtigkeit verloren. Sie mussten nicht nur um ihr Leben bangen. Eine hysterische Umwälzung war durch das koloniale Amerika gegangen, das in den Hexenprozessen von Salem in Neu-England seinen traurigen Gipfelpunkt fand.
Obgleich seither viel mehr als ein Dreiviertel Jahr ins Land geschritten waren und ein neuerlicher, allem Anschein nach auch kälterer Winter stand bevor, steckte die Angst noch immer so tief in den Leibern und Seelen der übrig gebliebenen Bewohner. Ihre angeklagten und zum Tode durch den Strang verurteilten Freunde, Verwandte und Familienmitglieder hatten sie auf dem nahegelegenen und fast schon überfüllten Totenacker Salems beigesetzt. Und eben dieser war das Ziel seiner Reise.
Ein schmuckloser Holzzaun umgrenzte das kleine Stück Land, das unter der Leichendecke frisch gefallenen Schnees friedlich dalag. Zumindest würde es diesen Eindruck für einen normalen Bürger der Stadt erwecken. Grob zusammen gezimmerte Holzkreuze ragten in die kalte Luft empor, in die nur hin und wieder ein Name eingeritzt war. Eine Pforte oder ein Tor gab es nicht, man hatte einfach eine Lücke im Zaun hinterlassen, die breit genug war, das der klapperige Leichenkarren hindurch passte. Er schlüpfte hindurch, sich dabei auf den Stock stützend, der nun mehr als Krücke, denn als Handstock diente. Hätte sie jemand beobachtet, einer der Menschen, die allen Beschuldigungen zum Trotz, die infernalischen Tiraden der Richter und Inquisitoren überstanden hatten, er wäre vermutlich einem Herzschlag erlegen, wenn er sich nicht gar freiwillig die Schlinge um den Hals gelegt und den Galgen aufgesucht hätte, da auch er sich plötzlich vom Bösen beseelt glaubte. Für einen unbeteiligten hätte er in seinem Anblick die Urängste des schleichenden Todes selbst erweckt; ein Bann, der ihn schütze, damit sein Werk schnell und effizient verrichtet werden konnte. Aber dazu würde es nicht kommen, denn es waren Vorbereitungen getroffen worden.
Kaum hatte er den klaffenden Eingang durchschritten, bewegten sich unsichtbare Lippen im Schatten der Kapuze. Sie formten unhörbare Worte, Aneinanderreihungen von Buchstaben und Silben, die noch nie ein menschliches Ohr vernommen hatte. Sogleich geschah etwas unfassbares. Die Worte aus dem Mund des Fremden erzielten eine unfehlbare Wirkung, die jedoch nur die Fläche des Friedhofes innerhalb der morschen Umzäunung erfasste. Grüne Blitze ringelten sich um das faulige, von Schnee und Matsch verkrustete Holz. Man hätte meinen können, die unausweichlich mit derartigen Blitzen einher gehende Hitze würde das am Holz verzehren, oder wenigstens das daran befindliche Eis schmelzen. Doch weit gefehlt. Es geschah – nichts. An immer mehr Latten des Zaunes sprossen die unheimlichen Irrlichter empor, und als sei dies nicht schon genug des unheimlichen, wuchsen die Blitze über die Spitzen des Holzes weiter in die kalte Spätnachmittagsluft. In einiger Höhe über dem Erdboden bogen sich die Aberdutzend greller Blitze einander zu und verschmolzen zischend ineinander. Sie erstrahlten kurz und kräftig auf, als dies geschah; ein wahres Schauspiel von unheimlichen Art.

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Eine grün glosende Kuppel war entstanden, die für einen außenstehenden Menschen nicht zu sehen gewesen wäre, selbst wenn er sich angestrengt bemüht hätte etwas zu erkennen. Auch würde eine geheimnisvolle Macht dafür Sorge tragen, das niemand, der sterblicher Natur war, sich dem Friedhof zu nahe kam. Die Wirkung der grünlich schimmernden Zeitblase würde nicht sonderlich lang anhalten, doch die Zeit sollte ausreichen, um ihm genug Zeit zu verschaffen, den abgesandten der urgöttlichen Verdammnis, jenes namenlosen Grauens, das sich aus den fauligen Gedärmen der Unterwelt entwindet, zu vernichten.
Caleb hatte den Umhang ein wenig zur Seite geschlagen um etwas mehr Bewegungsfreiraum zu bekommen. Der Stock war nun wirklich zu einer Art Stütze für ihn geworden. Sein Gesicht war kalkweiß und von unangenehm riechendem Schweiß bedeckt. Doch hatte er jetzt keine Zeit sich über derlei Dinge den Kopf zu zerbrechen. Man hatte ihn bereits bemerkt, so viel war sicher. Also musste er sich beeilen. Sein Verstand arbeitet auf Hochtouren, während er die Formel daraus herauf beschwor, die er vor etlichen Jahren hatte auswendig lernen müssen. Nun, Sie hatte ihm dabei geholfen. So, wie sie ihm bei sehr vielen Dingen geholfen hatte. Nun war sie jedoch nicht hier und er war auf sich alleine gestellt. Er ging weiter, den Kopf gesenkt, während ein langsam stärker werdendes Gefühl von Schwindel in seinem Kopf aufflammte. Seine Gedanken begannen sich, einem schwarzen, bodenlosen Strudel ähnelnd, im Kreis und die Tiefe zu bewegen. Fetzen von Erinnerungen flackerten über sein inneres Auge, doch er bemühte sich nach Kräften, die Worte getreu und fehlerfrei über die gesprungenen Lippen zu bringen.
EHKI ADAR EE`H! AGALU XUR KURRU BARA YE! AMANU ADAR EE`H!“, begann er anzustimmen. Ohne sich umzusehen, mit beiden Händen den schwarzen Stab umklammert, schleppte er sich weiter voran. Der Schnee unter seinen Schuhen knirschte. Und nicht nur das. Er begann zu zischen und die Fußabdrücke hinter ihm begannen zu dampfen. Der Schnee schmolz, er verdampfte augenblicklich und begann dabei nicht einmal zu blubbern. Caleb schritt weiter voran und betonte jede Silbe so deutlich, wie es ihm nur möglich war.
SINIKU UD KURRAH YA! AMANU ADAR EE`H!
Eine kurze Sekunde der Stille senkte sich über Caleb und er fühlte eine bleierne Last auf seinen Schultern ruhen. Ohne sich umzusehen, immer noch den Stock festhaltend, setzte er weiter einen Fuß vor den anderen. Schweißperlen rannen in dicken Tränen über sein Gesicht. Sie sammelten sich an seinem Unterkieferknochen und tropften an der Kinnspitze ab. Die ersten wurden vom dunklen Stoff des Umhanges aufgesogen, alle weiteren verdampften, bevor sie den Stoff auch nur nahe kamen. Er fühlte die salzigen Dämpfe in den Augen brennen, ließ es geschehen und konzentrierte sich weiter auf den Singsang der Beschwörungsformeln.
EHKI ADAR EE`H! AGALU XUR KURRU BARA YE! AMANU ADAR EE`H!
Immerzu wiederholte er die seltsame Formel, die jedoch so mächtig war, das ihm einen Moment die Sinne verschwammen und er befürchtete, hier sein Ende zu finden. Fernab von allem, was er in den vergangenen Jahren wieder zu lieben gelernt hatte. Trotz des Umstandes, das er die ganze Zeit eine Fassade aufrecht erhalten musste, was ihm dank ihr allerdings ohne weiteres gelungen war. Wenn sie doch jetzt auch hier sein könnte, um ihm zur Seite zu stehen. Doch eine höhere Macht hatte ihn dazu auserkoren, diesen Auftrag alleine durchzustehen. Immerhin hatte er schon ganz andere, wesentlich schwerere Aufgaben zur besten Zufriedenheit erledigt. Doch dieses Mal, das hatte er bereits vor Antritt des Sprunges hier her bemerkt, schien etwas ganz und gar nicht nach Plan zu laufen. Etwas hatte mit wesentlich mehr Intensität an seinen körperlichen Kräften gezehrt, als es normalerweise der Fall gewesen wäre.
Tanith, dachte er. Und dann, einen plötzlich aufkeimenden Anfall von Übelkeit ignorierend, wiederholte er die Worte der Formel ein weiteres Mal. Eines von ungezählt vielen.
SINIKU UD KURRAH YA! AMANU ADAR EE`H! EHKI ADAR EE`H! AGALU XUR KURRU BARA YE! AMANU ADAR EE`H!
Kurz nach betreten des Friedhofes war ihm die Veränderung aufgefallen. Das hieß, eigentlich hatte er es die ganze Zeit über bemerkt. Mittlerweile verfügte er über eine äußerst ausgeprägte Gabe der Weitsicht, die es ihm gestattete, Dinge zu sehen, die normalen Menschen stets verdeckt geblieben wären. Über allen Gräbern schwebte eine hauchdünne Schicht rötlichen Nebels. Ein Wabern und Schlingern tobte darin, als würde sich eine tiefrote Schlange in einem See aus glutflüssiger Lava bewegen. Ausnahmslos jedes Grab, ob mit oder ohne Kreuz, war davon betroffen. Der Schnee fiel in dickeren Flocken aus der dichter werdenden Schwärze des Himmels. Der Mond., heute nicht viel mehr als ein mit flüssigem Silber auf den nächtlichen Himmel gemalter Bogen fahlen Lichtes, beschien die Szenerie.
Hinter Caleb erklangen Geräusche, die ihm keineswegs unbekannt waren, doch hatte er gehofft, den Fluch, der auf diesem Ort lastete, frühzeitig bannen zu können. Es sollte anders kommen. Auf mehreren Gräbern gleichzeitig brach die Erde auf. Dünne Fingerknochen, einige mit ledernen Hautresten und feuchter, zusammen gefrorener Erde behaftet, schoben sich aus der Tiefe empor. Kaum einen menschlichen Herzschlag später schoben sich bereits die ersten entstellten Schädel aus einem halben Dutzend Gräber empor. In den knöchernen Händen hielten sie, zu primitiven Behelfswaffen umfunktioniert, die modrigen Reste ihrer eigenen Särge. Schmutz, Erde und zerschlissenen Kleidung verbarg die ausgezehrten Körper, in deren nachtschwarzen Augenhöhlen eine blutige Glut leuchtete. Viele verfügten nur noch ansatzweise über zusammenhängende Kleidung. Und noch weniger konnten behaupten, im Ganzen ihrem Grab entstiegen zu sein. Ihre Haut war Aschfahl, rissig wie Pergament und schälte sich in großen Flächen von den modernden, in den unterschiedlichsten Stadien der Zersetzung befallenen Leichnamen.
Und Caleb schritt weiter voran, die magische Formel wiederholend, während die Worte hinter ihm ihre Wirkung vollzogen, ohne Rücksicht auf die sterblichen Überreste der unter einem schrecklichen Bann stehenden Toten zu nehmen.

Schreite voran, Caleb! Es ist nicht mehr weit. Du schaffst es!

Fast hätte er den Singsang unterbrochen, als wie ein Paukenschlag die Stimme Tanith´s in seinem Schädel explodierte. Doch er beherrschte sich, bewegte weiter die Lippen, die wie automatisiert die machtvollen Worte des absteigenden Knotens formten. Ihre Worte waren ihm wie ein süßer Befehl, der ihn die Augen fester schließen ließ und ein sanftes Lächeln auf seine Lippen schickte.
„EHKI SCHAMMASCH EE`H! AGALU XUR KURRU BARA YE!
Der Singsang schwoll an, gewann etwas an Lautstärke und sank in sich zusammen, nur um sofort wieder zu erklingen und all seine Macht und Größe zu entfalten. Er konzentrierte sich, vergaß das was um ihn geschah. Die hinter Caleb aus ihren Gräbern gestiegenen Toten bewegten sich mit staksenden Bewegungen auf ihn zu. Er drehte sich nicht einmal herum, um ihnen entgegen zu blicken. Ihm genügte die Kraft, die aus den Worten des absteigenden Knotens resultierte und die ihn beschützte. Und nicht nur das. Blaugraue Staubwolken waberten um die Füße der wiederbelebten Toten und diese hielten mit einem Mal in der Bewegung inne. Ihre knochigen Leiber bebten unter den Resten von Kleidung, die binnen weniger Augenblick zu Staub zerfielen. Und der Prozess hielt weiter an.
Das zerzauste Haar, das trotz der Tatsache ihres Todes immer noch ein wenig weiter wuchs, rieselte zu Boden. Ein Zischen war zu hören, als der merkwürdige Staub sich mit dem Schnee vermischte. Hände, Arme, Füße und Beine begannen sich ebenfalls aufzulösen und in feinen blaugrauen Staub zu verwandeln. Es sah aus, als schwebten die verkrüppelten Körper in der kalten Luft, denn der Rumpf war stets das letzte, was zu Staub zerfiel. Es hörte sich an wie vertrocknetes Laub, das im Wind zu Boden raschelte. Übrig blieb nichts weiter als – Staub.
Caleb ging weiter, näherte sich der Mitte des kleinen Friedhofes und blieb, umgeben von unterschiedlich großen Haufen blaugrauen Staubes, den im Wind dahin wehenden sterblichen Überresten der gewaltsam dem Tode überantworteten Menschen des Ortes, stehen. Er unterbrach ddie Beschwörung nicht eine Sekunde, holte mit beiden Armen aus und rammte den Stab in die gefrorene Erde. Ein blauweißes Licht glühte auf, genau dort, wo der Stab die Erde berührte. Stück für Stück sank dieser tiefer und tiefer ein. Caleb intonierte weiter die Worte seiner Beschwörung, trat ein paar Schritte zurück und breitete die Arme aus.
„AMANU SCHAMMASCH EE`H! SISIE AD KALAMA YA! AMANU SCHAMMASCH EE`H!
Der Staub zu seinen Füßen wirbelte herum, stieg in feinen Spiralen um den Stab empor, dessen Ende ebenfalls blau zu leuchten begonnen hatte. Ein greller Blitz schoss daraus hervor und bohrte sich durch die dunkle Wolkendecke in unbekannte Sphären hinauf. Die Spirale aus blaugrauem Staub wand sich weiter um den Stab, weiter um den dünnen Strahl blendenden Lichtes und weiter in die Höhe.
Die Serenade für den Tod hatte begonnen und die zu Tode gekommenen Menschen, deren Seelen bis zum heutigen Tag keine Ruhe gefunden hatten, waren auf dem Weg ihrer Erlösung. Sie würden nun endlich den Frieden finden, der ihnen nach all den Torturen und der Angst, dem Unwissen über ihr Schicksal, so viele Monate über verwehrt geblieben war. Und Caleb sang weiter, bewegte weiterhin seine Lippen, um die Worte ununterbrochen weiter an Macht gewinnen zu lassen. Den Toten hatten sie den ewigen Frieden gegeben. Ihre Seelen waren in den Himmel aufgestiegen; sie waren in Sicherheit, den Fängen des Erzdämons entzogen, der sich an ihrer Pein weidete, als seien sie Schlachtvieh. Gleichzeitig würde er diesem Ding jedoch den Weg zurück in die Unterwelt verwehren. Es würde ihm nicht gelingen, sich von dannen zu schleichen, jedenfalls nicht ohne einen entsprechenden Kampf. Und dieser folgte beinahe auf dem Fuße.
Der Stab der Reinheit war nichts weiter als eine direkte Verbindungsstelle. Eine Weiche, über welche die Seelen der Verstorbenen in das Reich, welches oft von den gewöhnlichen Menschen als Himmel oder Nirvana bezeichnet wird, geleitet werden konnten. Ein wertvolles Artefakt, von dessen Existenz kaum jemand wusste, oder sich hätte erträumen können. Gleichzeitig fungierte er auch als Verstärker, der die sogenannte Macht der Reinheit auf alles irdische übertrug und, wie in diesem Falle, auch in die Erde. Aber nur dann, wenn man imstande war, mit äonenaltem Worte die Magie durch den Stab zu bündeln.
Aus den aufgebrochenen und verwaisten Gräbern schossen Strahlen blendend weißen Lichtes. Erst nur spärlich, wurden es binnen weniger Augenblicke immer mehr, bis schließlich der ganze Friedhof unter der Zeitblase von weißlich blauen Lichtfingern erfüllt war. Caleb hielt weiter die Augen geschlossen, konzentrierte sich auf die Worte der Beschwörungsformel und sank langsam auf die Knie. Die Hände hatte er immer noch fest um das glänzend schwarze Holz des Stabes geschlossen.
Mit einem Schlag war alles ruhig. Auch das Licht war erloschen und die Gräber lagen eingesunken und leer da. Endlose Sekunden geschah nichts und eine trügerische Ruhe legte sich über alles. Caleb war verstummt, bewegte aber immer noch die Lippen, formte stumm jene kryptischen Worte, die aus etlichen Toten nichts weiter machten, als ein paar Hände voll feinen Staubes. Doch sie beschworen noch mehr und urplötzlich erfüllte ein markerschütternder Schrei den Friedhof, der von den übrigen Bewohnern jedoch nicht gehört werden konnte. Ein Rumoren und Zischen erscholl unter Calebs Füßen. Er sprang auf, warf den Umhang gänzlich ab und zerrte einen Apparat hinter seinem Rücken hervor, der, rein optisch betrachtet, dem Genie eines Wahnsinnigen entsprungen schien.
Unter einem schräg abgeschnittenen, scharf angeschliffenen Rohr waren zwei gelb und schwarz lackierte Druckbehälter montiert. Mehrere unterschiedlich dicke Schläuche bogen sich aus dem einen Ende der Behälter und mündeten, von groben Schrauben gehalten, in einer Art Kugeltank, der sich an der rechten Seite befand. Ein weiteres, dickeres Rohr befand sich oberhalb jenes ersten Rohres, dessen Mündung schräg abgesägt war und das ganz offensichtlich als Lauf für diverse Geschosse fungierte. Noch während Caleb die Waffe hinter seinem Rücken hervor zog, deren Gewicht nicht ganz leicht war, brach die Erde weiter auf und rötliches Feuer stieg in die Schwärze des Abend auf, gefolgt von einem Schwall heißer, übel riechender Luft, die Calebs Lungen zu verätzen schien. Er hustete, sank wieder auf ein Knie und spie mit Blut vermischen Speichel auf die Erde. Der Gurt, der zum Tragen der Waffe gedacht war, rutschte ihm von der Schulter. Seine Hand griff danach, erfasste ihn und ließ ihn in der Bewegung inne halten. Ganz langsam, so, als würde die Zeit in einem quälend langsamen Tempo vor ihm ablaufen, hob er den Blick zu einem der Gräber. Ein matt schimmernder, etwas vier Meter langer und mindestens eine halben Meter im Durchmesser betragender lepröser Tentakel wuchs daraus hervor.
„Gütiger Himmel!“
Das waren die ersten Worte, die ihm in den Sinn gekommen waren, nachdem er seine Fassung wiedererlangt hatte. Es gelang ihm grade noch sich zur Seite zu rollen und der mörderischen Wucht des Tentakels zu entfliehen, der wie eine sich entspannende Stahlfeder auf ihn zugeschossen kam. Ein mehrere Meter tiefer Graben war da entstanden, wo eben noch sein Torso auf dem Boden gekauert hatte. Schnell blickte er an sich hinab und überflog mit Blicken das Stück aufgewühlter Erde, das nun zwischen ihm und dem Stab lag. Er stand noch da, in einen Kokon aus schwachem blauem Licht gehüllt. Dann war noch nicht alles verloren. Mit dem Ärmel seines Mantels wischte er sich die Blut- und Speicheltropfen von den Lippen, rappelte sich dann umständlich auf die Füße hoch, während er in der selben Bewegung einen Hebel an der schweren Waffe umlegte. Weißer Nebel entwich zischend aus einem Ventil, das an eine Druckanzeige gekoppelt war. Etwas knirschte im Innern der Waffe, denn mit dem öffnen des Ventils wurde gleichzeitig die Abschusskammer mit einem Projektil gefüllt. Ein metallenes Gebilde, zu beiden Seiten offen, befand sich unterhalb der Waffe, kurz hinter den Drucktanks, und vor dem hölzernen Handgriff, den Caleb nun fester denn je umfasste. Das Magazin.
Jedes Projektil bestand aus einem gut dreißig Zentimeter langen Hartholzschaft, dessen vorderes Ende mit einer Spitze aus rostzerfressenem Metall und rasiermesserscharfen Widerhaken versehen war. Jede Metallspitze hatte mehrere Monate in einem Fass mit den schleimigen Absonderungen Tatschogguhas gelegen. Es war wichtig, sie genau im richtigen Moment der stinkenden Flüssigkeit zu entnehmen und auf das präparierte Hartholz de sSchaftes zu pflanzen. Ein simples Werkzeug, das für Vampire, oder Dämonen jedoch ein nicht zu verachtendes Artdezimierendes Gegenmittel darstellte. Nun, wenigstens für die Vampire, die er kennen gelernt hatte. Und Blut tranken die wenigsten von ihnen. Bis auf ...
„Na endlich zeigst du dich, Bastard!“
Caleb zielte auf den Tentakel, zögerte noch einen Moment, da dieser hin und her zuckte und drückte ab. Der Bolzen verfehlte sein Ziel nicht, drang durch die ledrig grüne Haut des Ungeheuers und ließ dieses markerschütternd aufkreischen. Da sich der Rest des Monstrums noch unter der Erde befand, klang der Schrei unangenehm hohl und ließ den Boden unter seinen Füßen merklich erbeben. Dort, wo der Pfeil in den Tentakel eingedrungen war, verfärbte sich dieser dunkelbraun, schlug dann nach wenigen Momenten in teeriges Schwarz u. Rauch kräuselte sich in die Luft und ein noch unangenehm riechender Gestank breitete sich aus. Begleitet von einem Zischen und dem Schreien des unter der Erde tobenden Monsters, verfaulte der Tentakel innerhalb weniger Augenblicke vor Calebs Augen und fiel, einem morschen Ast gleich, zu Boden. Doch kam das Ding durch diese unfreiwillige Amputation seiner Gliedmaßen erst richtig auf Touren. Sein Toben und Kämpfen wurde noch gewaltiger und an immer mehr Stellen auf dem Friedhof brach die Erde auf. Feuer und Gestank wölkten sich daraus in die Luft und Caleb hatte alle Hände voll zu tun, um nicht die Besinnung zu verlieren. Er schwankte, was jedoch mehr auf den Umstand des Erdbebens zurückzuführen war, als darauf, das ein leichter Schwindel in seinem Kopf zu wirken begonnen hatte.
Aus drei weiteren Gräbern waren ebenfalls Tentakel gekommen, die ihn tänzelnd über den Friedhof laufen ließen. Einen Treffer hatte er dadurch nicht mehr landen können. Nur knapp war es ihm gelungen, zwei weiteren Schlägen zu entgehen, bis schließlich ein gigantischer Erdhaufen vor seinen Füßen aufbrach und ein Geschöpf an die Oberfläche kroch, jenseits aller Vorstellungskräfte, ja, sogar alle Grenzen der menschlichen Neugier und des Denkens. Ein gewaltiger Leib, über und über mit knochigen Hornplatten gepanzert, grub, stemmte und zerrte sich aus dem Erdboden. Das Wesen erinnerte nur wiederwillig an einen Menschen, war es doch um so vieles größer als ein einzelner Mann. Doch es verfügte über zwei kräftige Arme und Beine und ein halbes Dutzend lepröser Tentakeln, die ihm entlang der Wirbelsäule aus dem Rücken wuchsen. Schleimüberzogene Pusteln, so groß wie Kinderköpfe, offene Geschwüre, aus denen unablässig eine schwarze Flüssigkeit rann, bedeckte das Wesen, dessen Arme und Beine mehr an die eines gigantischen Insekts, denn eines Menschen erinnerten. Ein lebender Tumor, die perverse Abstraktion eines todkranken, vom Krebs zerfressenen Menschen stand dort vor ihm. Und das Grauen nahm noch kein Ende, als sich das Wesen, der Dämon, langsam um die eigene Achse drehte und Caleb einen Blick auf seine Front offenbarte.
„Gütiger Himmel, steh mir bei! Wie soll ich diesem Ding beikommen, wenn es mich mit seinem bloßen Anblick schon töten könnte?“
Sein Kopf zuckte noch ein Stück tiefer zwischen die Schultern und er sprang zwischen den Grabsteinen und Kreuzen umher, um wenigstens durch sein stetiges in Bewegung bleiben dem Dämon das Spiel nicht zu leicht zu gestalten. Es schmerzte ihn in seinem Innern, als er den Blick dieser ... vielen ineinander verwachsenen Köpfe, entstellter Gesichter und um Gnade winselnder Augen spürte. Was hatte man ihm hier nur aufgebürdet? Oh, sicher, er war kein Anfänger mehr. Aber auch kein Zauberer, der es nach einem Zeitsprung plötzlich mit ausgewachsenen Kriechern des namenlosen Grauens aufnehmen konnte. Bei allem was ihm lieb war, hier hatte man ihm wirklich verdammt tief in eine Misere hineinmanövriert und dann einfach sich selbst überlassen. Sicher, man hatte ihn mit einer Waffe ausgestattet. Und sogar ein Gefäß für den Geist dieses Monstrum befand sich in seiner Umhängetasche. Doch bis es so weit sein würde ...
„... bin ich entweder Tod oder – noch schlimmeres!“
Er gönnte sich einen kurzen Moment der Rast, atmete tief und kräftig ein und aus, befüllte jedoch seine Lungen mit jedem Atemzug mit pestgeschwängerter Luft.
„Wenn mich das Vieh nicht tötet, dann seine Gase.“
Wie ein Geschoss rannte er auf den einzigen, knorrig und kahl am Rande des Friedhofs wachsenden Baum zu, duckte sich in den Schatten eines kräftigen Astes und legte erneut auf den Dämon an.
„Vier Pfeile! Ich habe noch vier ver ... dammte Pfeile. Wie soll ich da was reißen?“

Nun bleib doch mal ruhig, Caleb! Ich bin ja schon unterwegs.

Wieder explodierte die Stimme in seinem Kopf. Doch für eine Antwort hatte er jetzt keine Zeit. Genau in dem Moment, als ein peitschender Tentakel, begleitet von entsetzlichen Schreien aus etlichen deformierten und verwachsener Münder gleichzeitig kommend, kaum zwei Meter neben ihm den Stamm des Baumes spaltete. Er schoss, traf und machte sich daran, weiterhin am Leben zu bleiben. Der Anblick kostete ihn mehr Kraft als er bereit war zu geben. Ein großer, annähernd menschlicher Schädel, thronte auf dem baumdicken Hals. Einen Er war kahl, von gräulich grüner Färbung und ebenfalls mit eitrigen Geschwüren übersät. Einen Kiefer besaß er nicht. Stattdessen verfügte er an dieser Stelle über eine Ansammlung langer, rötlicher Barteln, die, ebenfalls mit heißem Geifer überzogen, peitschten und dampfenden Schleim verspritzten. Ein rot gerippter, in schwarze Finsternis mündender Rachen grinste ihm entgegen, der von einem Verhau aus strahlend weißen Zähnen umkränzt war, von denen jeder nadelspitz zulief.
Der Holzpflock aus seiner Waffe hatte das Geschöpf in den muskulösen Oberschenkel getroffen und war abgebrochen. Trotzdem war er tief genug eingedrungen, um seine Wirkung nicht zu verfehlen. Rund herum um die Eintrittsstelle verfärbte sich das Gewebe erst dunkelbraun, dann schwarz. Und auch hier stieg fettiger Rauch auf, als der Zersetzungsprozess in rasendem Tempo weiter voran schritt. Ein weiterer Schuß entlud sich zischend und ein weiteres Geschoss war unterwegs. Dieses Mal hatte er weniger Glück. Die Pfeile verfehlte das Monster, das mit einem Male noch beweglicher schien, als es ohnehin schon war. Peitschende Tentakel surrten durch die Luft und immer wieder schlugen gleich mehrere dieser lebenden Totschläger bedrohlich nahe neben ihm oder vor ihm ein. Der Friedhof erweckte den Anschein eines wahren Schlachtfeldes. Die Erde war aufgewühlt und von tiefen Kratern und den Resten entweihter Gräber übersät. Selbst der Zaun war in Mitleidenschaft gezogen worden. Zersplittertes Holz lag überall herum oder steckte wie Speerspitzen in der durchbrochenen Erde.
„Tanith, beeil´ dich!“
Caleb rannte weiter, immer darauf bedacht, nicht über ein Stück zersplittertes Holz oder in einem Loch zu landen. Wenn er jetzt ins Straucheln geriet, war es endgültig aus mit ihm. Ein weitere Pflock verließ zischend den Lauf der Waffe. Er traf den Giganten in den Ansatz eines Tentakels auf dem Rücken. Das Biest schrie gellend aus allen ihr zur Verfügung stehenden Mündern auf, warf die Arme in die Luft und versuchte das Geschoss zu erreichen. Es gelang ihm nicht. Stattdessen verfärbte das graugrüne, krebsdurchsetzte Fleisch in eine schwarze stinkende Masse, die sich kurz darauf in beißende Rauchschwaden verwandelte und der Zeitkuppel entgegen stieg. Mit einem nassen Geräusch riss der Tentakel ab und fiel polternd zu Boden.

Die Köpfe, du musst die Köpfe auf seiner Brust zerstören, Caleb!

Aber das konnte doch nicht wahr sein. Jetzt, da all seine Munition verbraucht war und er am Rande seiner Kräfte stand, bekam er plötzlich die Tips, die er schon zu Beginn des Kampfes hätte gebrauchen können. Und trotzdem, selbst wenn er gleich von Anfang an auf die Schädel, oder das, was von ihnen noch zu erkennen war, geschossen hätte, wie hätte er mit den paar Schüssen im Magazin ein gutes Dutzend dieser missgestalteten Köpfe zerstören sollen?

Caleb, fang!

Wie bitte? Für einen Moment betäubt von Geschrei und Getöse, bebte sein Blick und er sah alles doppelt und dreifach. Er ließ die Waffe auf den schlammigen Boden sinken und presste beide Hände auf die Ohren. Humpelnd bewegte sich der Dämon ein Stück von ihm fort. Er schrie immer noch, doch die Lautstärke war mittlerweile auf ein erträgliches Maß abgeschwollen. Auch der Blich auf seine Umgebung gelang ihm wieder ohne Doppelsichtigkeit, lediglich der beißend in der Lunge und im Hals stechende Gestank macht ihm noch zu schaffen. Kaum das er sich einen winzigen Moment der Ruhe gönnte, durchbrach ein kleines, matt schimmerndes Objekt die Kuppel der Zeitblase. Er bemerkte dies aus dem Augenwinkel heraus, und, noch eh er den Kopf zur Seite drehen konnte, war ihm auch schon etwas schweres, kantiges in den Schoß gefallen. Seine dicke Lederhose und der Mantel den er trug, hatten dem Objekt die größte Wucht genommen und so tat es nur ein wenig weh. Es war ein weiteres Magazin, angefüllt mit zehn neuen Pfeilen. Ohne großartig nachzudenken löste er das alte Magazin aus der Waffe, ließ es achtlos in den Dreck fallen und rammte das volle in die Halterung. Es zischte und knackte, als die Mechanik der Waffe einen Bolzen in den Lauf schob, bereit zum Abschuss.
Wütend über ein möglicherweise fatales Ende dieser ganzen Aktion rannte er auf den Dämon zu, legte aus der Hüfte auf die Köpfe an und drückte gleich mehrfach hintereinander ab. Die Pfeile flogen zischend durch die stinkende Luft und schlugen kurz hintereinander in zwei der Köpfe ein. Das Brüllen der gequälten Stimmen, welches daraufhin erklang, war ohrenbetäubend. Sie schrieen auf, während pechschwarzer Schleim aus den Mündern, Augen und der Einschusswunde rannen. Das Brüllen aus der Kehle der eigentlichen Kreatur übertönte das der Köpfe nur um wenige Dezibel. Caleb rannte zwischen den Beinen hindurch, von dem eines ebenfalls beträchtlich von der Verwundung angegriffen war, und verschwand in einem tieferen Erdloch, das ein Stück hinter dem Sendboten einer der zahllosen Höllen lag.
„Also schön, dann wollen wir mal unser Bestes versuchen.“
Mit einem Satz war er aus dem Grab gesprungen und rannte mit ausgreifenden Schritten, so weit es der Untergrund zuließ, auf das Monstrum zu. Das von einem Pfeil getroffene Bein der Kreatur war nun noch weiter von schwarzer Verfärbung überzogen und immer stärker kräuselte sich ein schwarzer fettiger Qualm davon empor. Oh, es musste ihm offensichtlich sehr schmerzen, doch das war Caleb völlig egal. Er hatte bereits bei seinem ersten, nicht ganz freiwilligen Einsatz dieser Art, gelernt, wie er sich diesen Wesen gegenüber zu verhalten hatte. Und er würde nun nicht einen Zoll davon abweichen. Schnaubend wendete sich das Wesen ihm zu. Im Schein der flirrenden Zeitblase und der Mondsichel konnte er die Brust erkennen, auf der sich die vernichteten Köpfe in einen Brei aus fauligem Schleim verwandelt hatten. Die eingedrungenen Hartholzpfeile waren kurz über der Eintrittsstelle abgebrochen worden. Trotzdem gab es noch genug der deformierten, in Qual und Agonie auf ihn herab starrender Gesichter in denen trotz des Umstandes, das er sie auslöschen wollte, ja, auslöschen musste, ein winziger Funken von Hoffnung.
Das Biest erspähte seinen Gegner, wendete sich schwerfällig um und versuchte sogleich mit seinem angeschlagenen Bein nach ihm zu treten. Die tödliche Bedrohung dieses Trittes außer Acht lassend, legte er kurzerhand auf den am nächsten stehenden Kopf an, drückte ab und traf. Augenblicklich verwandelte sich das Gesicht in eine schwarze stinkende Masse, die zäh wie Wachs in sich zusammen sank und zerfloss. Verfolgt von diesem schreienden Kollos nahm er die Beine in die Hand und rannte davon. Hinter einem halb umgestürzten Holzkreuz blieb er stehen, ging in die Hocke und legte erneut auf einen der Köpfe an. Das Geschoss glitt aus der Waffe, flog in einem sanften Bogen auf die Brust des Monsters zu, auf der eine quälend schreiende Masse aus verzerrten Gesichtern schwarzen Schleim ausspie, erreichte diese aber nicht. Stattdessen prallte er an einem herum liegenden Gesteinsbrocken ab, überschlug sich dabei mehrfach und splitterte schließlich in etliche Teile zerlegt davon.
Shit, das geht ja gut weiter – Tanith?“
Zwei weitere Pfeile wurden abgeschossen, nach dem er sich ein paar Meter weiter an das Geschöpf heran gebracht hatte. Wieder erzielte er einen Treffer mit jedem von ihnen. Peitschend, mit Tentakeln und Armen um sich schlagend, versuchte der Gigant sich Caleb weiter vom Leib zu halten. Seine geballten Fäuste preschten mit unaussprechlicher Wucht auf den Erdboden nieder, ließen diesen wie unter einem Erdbeben erzittern und rissen Caleb des öfteren von den Füßen. Doch es gelang ihm immer wieder, sich außerhalb der Reichweite jener Verderben bringenden Fäuste wieder hoch zu stemmen. Ein weiteres Mal legte er auf die Brust an. Er hatte kaum die Zeit vernünftig zu zielen, da verließ der Pflock die Waffe und raste auf einer Dampfwolke aus komprimiertem Gas dahin. Wie durch ein Wunder hatte er den Abschusswinkel so gelegt, das mit einem Pfeil gleich drei weitere Köpfe auf der Brust zerschmettert wurden. Die Anzahl der verbleibenden Ziele schrumpfte zusammen, doch wurde das Biest gleichzeitig von neuer und noch rasenderer Wut gepackt, das ihm der Schmerz in seinem verkrüppelten Beinen und den verfaulten Tentakelstümpfen auf seinem Rücken nicht weiter zu stören schien. Brüllend warf er sich Caleb entgegen, ließ seine missgestalteten Klauenhände nach ihm greifen, versuchte ihn durch gezielte Hiebe seiner Tentakel von den Beinen zu fegen, doch Caleb überstand und überlebte jede dieser Aktionen. Nach und nach gelang es dem Menschen weitere Köpfe auf der Brust zu zerstören, bis Schlussendlich der Kollos auf die Knie sank, seine geballten Fäuste in die Erde rammte und prustend röchelte. Neuerliche Wutausbrüche gingen in einem Gurgeln und Schnauben unter, das sich mit großen Mengen des schwärzlichen Schleimes mischte.
Die Brust des Dämons war eine einzige, klaffende Wunde aus rot und schwarz. Dort, wo zuvor noch die verwachsenen Köpfe gewesen waren, gähnten große fleischige Krater, in deren Zentrum vereinzelt noch der Schaft des Hartholzpflocks steckte. Der Gestank war nun noch unerträglicher geworden und Caleb versuchte, die Waffe in einer Hand haltend, mit der anderen seine Nase ein wenig abzuschirmen. Vergebens. Der Dämon war dem Ende geweiht. Es mochte sich komisch anhören, denn schließlich handelte es sich hier um eine Ausgeburt aus Orten, die dem Menschen so unerklärlich waren, das jeder augenblicklich den Verstand verloren hätte, hätte er sich mit ihnen auch nur im Ansatz beschäftigt. Doch auch diese Geschöpfe konnten sterben, wenn man wußte wie! Langsam, mit torkelndem Schritt, den Blick nicht von dem hinter dunklen Rauchschleiern verborgenen Monster nehmend, kam Caleb näher. Es blubberte und aus etlichen Wunden floss schwarzer Schleim, der hier und da stinkende Tümpel bildete. Grunzende Laute entrangen sich der großen Kehle, während die Augen, so groß wie Fußbälle und in schwefeligen Höhlen liegend, ihn kommen sahen. Der Dämon versuchte noch einmal sich aufzurichten, brach jedoch zusammen und prallte wieder auf den Erdboden.

Gratuliere, du hast es fast geschafft. Bring es zu Ende, Caleb. Du weißt was noch zu tun ist!

Oh ja, er wußte was er zu tun hatte. Die Waffe war, bis auf einen einzelnen Pflock, leer geschossen. Er ließ sie zischend in ein Grab fallen, ohne sich weiter darum zu kümmern. Für die nun folgende Aufgabe benötigte er sie ohnehin nicht mehr. Der Stab, den er zuvor in die gefrorene Erde gerammt hatte, stand noch immer so da, jedoch war das Leuchten ein wenig abgeklungen. Dennoch umwob den Stab ein hellblauer Lichtschleier. Schnell machte er sich auf den kurzen Weg zu ihm, griff das glänzend schwarze Holz und zog ihn so leicht aus dem Erdreich, als hätte er in der Luft geschwebt. Zurück an der Stelle des gefällten Dämons machte er sich sogleich daran, an diesem hinauf zu klettern. Seine Füße fanden mehr Halt auf dem schwammigen Untergrund, als ihm lieb gewesen war. Hier und da versanken seine Füße tief in einer geschlagenen wunde, oder zwischen einer Schuppenfalte am Rücken. Um im Gleichgewicht zu bleiben zog er sich an den übrig gebliebenen Tentakeln empor, bis er im Nacken der Bestie angekommen war. Dort droben, mit wackeligen Beinen, verlor er kaum Zeit um sein Wer zu vollenden. Der Dämon schnaubte abermals, versuchte sich aufzurichten, den Störenfried abzuschütteln, der ihm unweigerlich das endgültige Ende bescheren würde, doch es gelang ihm nicht. Stattdessen holte Caleb aus, schwang den Stab erneut und mit noch größerer Wucht über den Kopf – und stieß zu. Fast einen vollen Meter tief rammte er das Holz in den weichen, ungepanzerten Nacken der Bestie. Diese schrie unter der ihr dargebrachten Folter erbärmlich auf. Ein Schrei aus tausend Kehlen gleichzeitig erklang, gefolgt von Blitz und Donner, die unermüdlich auf der anderen Seite der Zeitblase losbrachen.
Ein Ruck ging durch den Körper und für Caleb wurde es Zeit nun auch den Rest der bereits begonnenen Zerstörung zu Ende zu bringen. Wieder wurde der Singsang des absteigenden Knotens angestimmt.
EHKI ADAR EE`H! AGALU XUR KURRU BARA YE! AMANU ADAR EE`H!
Das Unwetter wurde noch stärker, bedrohlicher, lauter!
SINIKU UD KURRAH YA! AMANU ADAR EE`H!
Das Licht des Stabes flackerte auf, wurde wieder gleißend hell und sandte einen weiteren, noch kräftigeren Strahl senkrecht in den Nachthimmel empor, aber sicherlich nicht in den Himmel selbst.„EHKI SCHAMMASCH EE`H! AGALU XUR KURRU BARA YE! AMANU SCHAMMASCH EE`H!
Die Serenade begann von Neuem und dieses mal noch stärker. Zischend und blubbernd sprangen Funken aus der stinkenden Wunde, die der Stock in den Nacken gebohrt hatte. Übelkeit erregender Rauch stieg daraus empor, ringelte sich um den Stab nach oben und ging dann in den Strahl weißen Lichtes über. Ein Rumoren stieg aus den unheiligen Eingeweiden der Kreatur auf, ließ den Berg aus Fleischigen Resten wanken und Caleb im letzten Moment abspringen. Genau richtig, bevor sich an der Stelle, an der er grade noch gestanden hatte, ein klaffender Riss entstand war. Schwarzgrüne Flüssigkeit wurde verspritzt, von der auch er getroffen wurde. Dampfende Blasen ließen Fleisch, Knochen und sämtliche Flüssigkeiten verdampfen, ineinander schmelzen und zu einer stinkenden Masse werden, die nach einem weiteren Moment in blaugrauen Staub über ging.
SISIE AD KALAMA YA! AMANU SCHAMMASCH EE`H!
Ein letztes Mal erklang der Singsang des absteigenden Knotens, gefolgt vom Crescendo der sterbenden, Kreatur. Dann war es still. Der Stab schwebte in der Luft und sank langsam zu Boden. Der Raum, in der vor wenigen Momenten noch der zerschundene Körper des Dämon lag, füllte sich mit Luft und eine dünne Wolke feinen Staubes sank wie frischer Schnee dem Erdboden entgegen. Kleine Wirbel dieser Substanz wurden über den zerwühlten Boden geblasen und stiegen sogleich auf, als der Stab ihn berührte. Spiralförmige Schlieren wanden sich um das schwarze Holz, stiegen an diesem auf und traten formlos in das gleißende Licht ein.
„Na ich schätze, hier bin ich fertig. Grüß schön, wenn du bei ihm angekommen bist, du Bastard. Wer immer dich auch in Empfang nehmen wird.“

Tz tz, schon wieder große Töne spucken?Bedenke das ich es bin, die dich in
einem Stück hier herausbringen soll. Als sei schön lieb!

Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als die Worte in seinem Kopf nachhallten. Auch er hatte ein paar Blessuren davongetragen und fühlte sich alles andere als fit. Dennoch hatte sie recht. Und als sei dies nicht schon genug, da verschwand die grün schillernde Wölbung der Zeitblase und er stand alleine, inmitten eines Friedhofes – der ausschaute, als sei nichts geschehen. Alle Gräber waren wieder so angeordnet, als habe überhaupt kein Kampf stattgefunden. Der Mond schien als schmale Sichel über ihm und frischer Schnee rieselte aus dem Schwarz der Nacht auf ihn hinab. In der Ferne glomm ein goldener Schimmer auf, der sich ihm rasch näherte. Es war so weit. Erschöpft, mit schmerzendem Kopf machte er sich auf den Weg, dem Licht entgegen. Keine hundert Meter von ihm entfernt blieb die Lichtkugel in der Luft stehen, wankte hin und her und bildete sogleich eine glänzende goldene, sich selbst verschlingende Scheibe. Ihm wurde übel als er darauf zu rannte. Es war, als würde er sich einen eckigen Kreis vorstellen. Es gelang nicht und trieb ihn an den Rand des Wahnsinn. Er rannte, rannte als hetze er gegen die Zeit persönlich an. Mit einem letzten Sprung durchdrang er die wabernde Oberfläche der Scheibe, das Tor aus dieser Welt und ...
 

Und es geht weiter! Caleb muss sich auch hier erneut eienr harten Probe stellen. Vielleicht bringt ihn dieses Abenteuer seiner Bestimmung ein Stück näher? Wer weiß ... ???


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Viel Spaß beim lesen

Norman Buschmann
Norman Buschmann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.10.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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