Volker Krauleidis

Valley House

Valley House

Nach vielen Jahren besuchte einmal wieder Achill Island, die größte der irischen Inseln.

Achill liegt bei ca. 10 Grad West vor der Küste vom County Mayo und besteht aus knapp 150 Quadratkilometern Landschaft. Achill hat seinen ganz eigenen Reiz, der einen nicht wieder losläßt.

Auf Achill Island stieg ich im "Valley House" ab. Das "Valley House" ist eine Jugendherberge, das früher einmal ein Hotel war und noch früher einer exzentrischen alten Anglo-Irin gehörte. Daß es in seiner Vergangenheit ein Landsitz für eine begüterte Dame war, ist unübersehbar. Es liegt völlig abseits der Straße, man findet es kaum. Ein sehr schmaler, an beiden Seiten mit Blattwerk zugewachsener Schotterweg führt zum Haus. Plötzlich steht es da, nicht so groß wie die üblichen Luxushotels, die man aus den Fernsehberichterstattungen kennt. Es hat eine unverkennbar exzentrische, luxus- ja fast lasterhafte Ausstrahlung. Man geht durch eine Art Portal auf den Hof, es ist wahrhaft ein kleines Märchenschloß, allerdings ist es hat es unter der Zeit ebenso gelitten, wie meine alten Märchenbücher. Wie die Seiten meiner Bücher, so sind die Seitenflügel des Hauses, in denen sich die früheren Gesinderäume befinden, völlig zerfleddert und heruntergekommen. Um das Anwesen herum finden sich riesige Flächen mit einem Fischteich und bewaldeten Teilen. All dies gehört einer Familie, der Familie, die es damals der alten Dame abkaufte. Das Haus als Form stand schon vor mehr als hundert Jahren hier, doch es wurde von einem Bediensteten in Brand gesetzt, da die Dame sehr unbeliebt bei den Bediensteten war. Das Haus brannte völlig ab, die Lady ließ es jedoch rekonstruieren und lebte noch einige Jahre hier. Die Umgebung und die Ereignisse am sechsten Oktober achtzehnhundertvierundneunzig bildeten den Hintergrund für ein Buch ("The Playboy & The Yellow Lady").
 

Nach dem Passieren der riesigen Eingangstür erreicht man einen Vorraum, hier steht noch eine "Empfangsfigur" undefinierbaren Alters, wie ich sie aus alten Filmen kenne. Die Treppen knarren und ächzen stilgemäß beim Hinaufsteigen, etliche alte Möbelstücke stehen auf den Gängen herum. Mein Zimmer ist ebenfalls stark heruntergekommen, in der Mitte des Raumes steht ein wackeliges Bett. Das Fenster ist seit Dekaden nicht mehr gereinigt worden, der Fensterzwischenraum dient als Friedhof für zahlreiche, bereits vertrocknete Insekten. Die Dicke der Staub- und Filzschicht, die ich in den übrigen Räumlichkeiten zur Kenntnis nehmen konnte, läßt vermuten, dass auch die nächsten Jahre niemand ihre letzte Ruhe stören wird. Der Ausblick aus dem Fenster aber ist erhebend, in den Baumwipfeln tummeln sich Vögel, Vögel, wie sich auf den irischen Briefmarken gesehen habe. Das Blattwerk wiegt sich im Wind, ein wahrhaftes Idyll. Ich laufe durch das Zimmer, der Boden knarrt und wippt, die Zwischenwände und Böden sind aus Holz, nur die tragenden Wände sind steinern. Beim Probeliegen auf der echt antiken Schlafstätte aus den 70er Jahren sinke ich brutal nach unten, zweifelhaft, daß dieses Objekt meine über 90 kg Gewicht eine ganze Nacht lang wird tragen können. Müßig zu erwähnen, daß die Heizung nicht funktioniert.
 

Und doch, wer fühlen kann, der fühle! In jedem Winkel liegt die Vergangenheit, selbst die Luft in den Räumen riecht unzeitgemäß, die zahlreichen alten Gegenstände und Wände strömen den Duft der Vergangenheit aus. Die Luft riecht ganz ähnlich, wie ich die Luft in der Wohnung meiner Eltern Ende der 60er Jahre in Erinnerung habe. Offenbar riechen alte Gegenstände überall auf der Welt ähnlich, und offenbar wird überall auf der Welt unterschätzt, wie schnell sie uns in ihren Bann ziehen können. Als ich die Luft in meine Lungen ziehe, scheint es einen langen Augenblick, als schmeckte ich die Vergangenheit. Ein Geschmack der Verbohrtheit, roh und unerbittlich, außerdem den Geruch einer alten Dame mit sich führend. Unterlagernd ist der unverkennbare Geruch der Jugend wahrzunehmen. Er riecht etwas anders als der der Jugend der siebziger Jahre, aber ich erkenne den Geruch sofort. Da ist sie, die mir vertraute  Mischung aus Selbstzerstörung und wilder Hoffnung, wer das nicht mehr riecht, ist bereits tot.
 

Die Wände riechen nicht nur, sie sind auch nicht still...

Some years ago here in Mayo, We had a great outrage; A lady's place in Achill was almost set ablaze. The Lady too was cruelly used and taken was the man, to Castlebar Jail they did repair and bring brave Lynchehaun.
 

Aus meinen Gedanken zurückgekehrt stieg ich hinab, die Inspektion der Küche war desillusionierend. Nahezu alle Gegenstände waren klebrig, von vier Kochstellen am Herd funktionierte eine einzige Platte. Ich verzichtete daher auf den Kochgenuß und fuhr in Richtung Dooagh.
 

Am nächsten Morgen, nach einem gemächlichen Abend im Pub in Dooagh, ging ich zum Auto, um meinen Koffer zu verstauen. In der Vorhalle bemerkte ich einen Vogel, er war durch die weit offene Eingangstür in die Vorhalle geflogen, nun fand er nicht mehr heraus. Stetig flog er gegen die Scheibe, obgleich doch die große Eingangstür sich weit geöffnet direkt neben ihm befand. Vor der Scheibe flatterte ein artgleicher Vogel scheinbar aufgeregt umher. Man hatte den Eindruck, er sei sein Freund oder Partner. Der Gefangene jedoch fand nicht hinaus. So oft er auch ansetzte, er fand den Ausgang nicht. Nach einiger Mühe fing ich ihn. Ich sah ihn mir an,  dann trug ich ihn hinaus. Nachdem ich meine Hände öffnete, flog er davon.
 

Die Situation erinnerte mich an mein Leben, wie oft hatte ich mich in einer ähnlichen Situation befunden. Der Ausweg war so nah, doch ich vermochte ihn nicht zu finden... Oftmals wies mir ein Unbeteiligter den Weg, den ich nicht zu sehen vermochte. Dieses Erlebnis und die daraus folgende Erkenntnis bekümmerte mich, war ich doch ein erklärter Feind der Gemeinschaft...

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.10.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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