Michael Mews

Eldorado

Das Taxi hielt mit quietschenden Reifen am Bahnhof, schnell drückte ich dem Fahrer einen Schein in die Hand, griff hastig nach meiner Reisetasche und rannte zum Bahnsteig Nr. 6. Völlig außer Atem erreichte ich ihn, als eine quakende Lautsprecherstimme mitteilte, dass der Zug nach Paris auf dem Gleis 6 sich um 45 Minuten verspäten wird.

 

 

Der Bahnsteig war voller wartender, drängelnder Menschen, mit Koffern und Reisetaschen. Da alle Bänke besetzt waren, ging ich zurück in die Haupthalle, stellte mich an einen seitlichen Stehtisch und bestellte eine Tasse Tee.

 

 

In dem erleuchteten Schaufenster neben mir lagen viele Bücher, wie zum Beispiel: „Der Schatz im Pyjama“, „Liebe ist die stärkste Bremse“, „Der kleine Psychologe“, „Die Suche nach dem Meerbusen“ und „Affen, Frauen und Brillanten“.

 

 

Im Gegensatz zu dem Heißen Tee trafen diese Bücher nicht meinen Geschmack, daher richtete ich nun mein Interesse auf die vorbeiströmenden Menschen, die wie in einem Bienenstock durcheinander schwirrten. Ankommende und Reisende vermischten sich, eingehüllt in ein gleichmäßiges, lautes Geräusch.

 

 

„Ein Eldorado für Taschendiebe“, dachte ich.

 

 

Vor mir blieben drei Herren in dunklen Anzügen stehen, den vornehmen, schwarzen und schweren Lederkoffer hinter sich abstellend. Gestikulierend sprachen sie miteinander.

 

 

Und noch ein Herr stellte sich neben den dreien hin und seinen Koffer ab. So wie er seinen Koffer getragen hatte, schien er sehr leicht zu sein. Nicht nur er, auch sein sehr großer Koffer sahen unauffällig aus. Völlig gleichgültig stand er vor mir, vermutlich auf einen Zug wartend. Auffällig waren jedoch seine kleinen, wachen Augen.

 

 

Meine Tasse war leer, aber nicht die Kanne neben ihr. Ich schenkte mir etwas heißen Tee nach und nahm einen Schluck. Hmmm, der Tee schmeckte wirklich gut!

 

 

Plötzlich hörte ich laute, aufgeregte Stimmen, aufblickend sah ich die drei Herren, suchend sich umsehend. Ihr schwarzer Koffer war weg, wie vom Erdboden verschluckt.

 

 

Der unauffällige, neben ihnen stehende Herr guckte teilnahmslos in entgegengesetzter Richtung, griff in seine abgewetzte Manteltasche, holte eine Packung Zigaretten hervor und zündete sich, mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck, eine an. Dann verschwand er, kofferschleppend in der Menschenmenge.

 

 

Als er ging, war seine Schulter auf der Kofferseite stark heruntergezogen, so, als wäre der Koffer viel zu schwer für ihn.

 

 

Auch die drei Herren verschwanden in der Menschenmenge, vermutlich gingen sie zum Fundbüro.

 

 

Nun fing ich langsam an zu begreifen, was vor meiner Nase sich abspielte: Ein Kofferdiebstahl. Der sehr große Koffer hatte keinen Boden und wurde über den anderen, in einem günstigen Moment übergestülpt.

 

 

„Ein Eldorado für Kofferdiebe“, dachte ich und ging zum Bahnsteig Nr. 6.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.10.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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