Ines Wertenbroch

Woran man glaubt

Der Wind fühlt mir in die Poren meiner Haut. Das Wasser robbt sich nach vorn. Ich sitze mit angezogenen Beinen auf meinem Strandtuch und schaue auf die Menschen, die im Schlamm auf das Wasser warten.
Andreas liegt neben mir und hat die Augen geschlossen. Er hat seinen Platz in der Mitte von mir und Tanja.
Ich stehe auf und gehe ein paar Schritte durch den warmen Sand. Im Stehen kommt mir der Wind kälter vor. Ein dunkelhaariger Mann beobachtet mich. Es tut gut, dass er mich sieht.
Hinter mir liegen Andreas und Tanja. Vor zwei Jahren sind sie ein Paar gewesen. Andreas wollte, dass ich sie kennenlerne. Natürlich ist sie nett, das muss sie auch. Ich muss es ja auch. Ich glaube nicht, dass sie mich kennenlernen wollte.
Vor einer Woche sind sie allein am Strand gewesen. Ob sie sich da, wie jetzt auch, ganz selbstverständlich das Oberteil ihres Bikinis auszogen hat? Ob er ihr auch den Rücken eingecremt hat?
Er hat erzählt, dass sie geweint hat. Er habe zu ihr gesagt, dass aus ihnen noch eine glückliche Familie hätte werden können, wenn sie damals klüger gewesen wären.
Die beiden haben nichts dazugelernt, sonst wären wir hier nicht zu dritt. Er geht heute noch immer wieder zu ihrer Wohnung, wenn sie arbeiten ist.
Ich gehe weiter und erreiche den vorderen Teil des Schlammes. Ich liebe den Strand mehr als ihn, sonst wäre ich nicht hier. Ich schließe die Augen und versuche den Wind einzuatmen, der von den Wellen zu mir herüberzieht. Aber ich sehe die beiden vor meinen Augen. Sie trägt einen blauen Häkelhut, der aussieht, als wäre er fürs Badezimmer bestimmt.
Ich gehe weiter. Das Wasser geht mir schon bis zu den Knien. Ich versuche ins Wasser zu rennen und lasse es mit meinem Körper zusammenprallen. Fest und kalt umarmt es mich. Ich spüre jeden Umriss meines Körpers.
Mir wird kalt. Ich fühle, wie die Wellen mich zum Schlamm zurückbegleiten. Ich kann im Sand sehen, dass die beiden unverändert daliegen. Sie hat ihren Hut etwas ins Gesicht gezogen.
„Na, wars schön?“ fragt Andreas mich.
„Ja, ganz schön nass“, gebe ich zurück und ziehe ganz selbstverständlich mein Bikinioberteil aus. Ich knie auf meinem Strandtuch und hole ein Handtuch aus meiner Tasche. Ich stehe wieder auf und tupfe meinen Körper trocken. Tanja richtet sich auf und fragt: „Möchte jemand Kirschen?“
Andreas nimmt sich zwei aus Tanjas Box. Ich lehne ab. Ich bin anscheinend nur gut, wenn er sich allein fühlt.
Ich lege mich auf mein Tuch und schließe die Augen. Tanja und Andreas unterhalten sich über die Kirschen. Dann sagt eine Weile niemand etwas.
Ich spüre, wie Andreas seine Hand auf meine Hüfte legt. Er dreht sich zu mir hin und schaut mich an. Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken.
„Sag mal, Alexander hat sich doch von seiner Freundin getrennt, oder?“ frage ich Andreas.
„Ja, soll ich ihn mal anrufen, damit er mit dir zum Strand geht?“ fragt Andreas zurück.
„So was das nicht gemeint“, gebe ich etwas zu laut zur Antwort.
„Stimmt, du bräuchtest eher einen Typen, der Anwalt ist.“ Andreas zieht seine Hand von meiner Hüfte.
„Warum fängst du damit wieder an?“ Ich drehe mich von ihm weg.
„Willst du jetzt den Helden spielen, Andreas? Fang keinen Krieg an und denk daran, wie das für dich wäre“, mischt sich Tanja ein. Ich bin ihr dankbar und drehe mich wieder um.
„Das macht er öfter. Er ist nicht gut genug für mich. Ob ich das auch so sehe, interessiert ihn nicht“, sage ich über Andreas hinweg zu Tanja. Sie verdreht die Augen und zieht eine Augenbraue hoch.
„Tanja, hast du auch Lust auf einen Kaffee?“ frage ich sie. „Ja gern, ich bin eine richtige Kaffeetante“. Sie lacht. Jetzt sieht sie sympathisch aus. Andreas hat nie erzählt, dass sie auch bei jeder Gelegenheit Kaffee trinkt. Bei mir hat er sich darüber immer lustig gemacht.
Ich mache zwei Becher mit Kaffee fertig und reiche ihr einen über Andreas hinüber. Er reagiert nicht.
Er sagt immer, er sammelt schöne Augenblicke, aber er werde weiterhin alles allein machen. Das sei seit zwei Jahren so. Ob dieser Moment schön für ihn ist?
„Ich hätte Lust, noch einmal ins Wasser zu gehen. Möchte jemand mit?“ frage ich.
„Ja, gute Idee. In der Sonne ist es so heiß. Andreas, bleibst du bei den Sachen?“ antwortet  Tanja.
Andreas stutzt einen Moment. „Muss ich ja wohl“.
 Ich würde sie so gern fragen, warum sie damals fremdgegangen ist.
„Was soll das Spielchen eigentlich von Andreas? Was soll das mit dem Anwalt?“ fragt mich stattdessen Tanja, als wir ein Stück gegangen sind.
„Er denkt, dass ich ihm überlegen bin. Vielleicht will er es damit herausfinden.“
„Er macht doch alles kaputt. Ich wäre froh, wenn ich an seiner Stelle jemanden wie dich hätte“, sagt Tanja und schaut in den Sand.
„Tanja, er tut alles, um mich auf Abstand zu halten. Er sucht etwas an mir, das ihm nicht passt. Anfangs war es, dass ich nicht blond, also nicht so ein Typ bin wie du. Jetzt sind es andere Dinge. Jetzt ist es, weil ich katholisch bin. Seine Mutter hat ihm sogar gesagt, dass es mit mir nichts werden könnte, weil ich katholisch bin.“
Tanja sieht mich mit gerunzelten Augenbrauen an. „Seine Mutter ist ein großes Problem. Gut, dass ihr das jetzt schon habt. Vielleicht kannst du das anders angehen. Das größte Problem ist vielleicht, dass er zu sehr auf sie hört.“
„Nicht nur auf sie. Eine Wahrsagerin hat ihm angeblich gesagt, dass es mit mir nichts wird und das nimmt er als Grund, um mich auf Abstand zu halten. Man gestaltet doch sein Leben selbst, aber wenn er glaubt, es wird mit mir nichts, dann habe ich keine Chance.“  Ich schaue Tanja an. Gleichzeitig halten wir inne und bleiben stehen.
„Ich wusste erst nicht, was wir hier machen, aber es ist schön, dich kennen gelernt zu haben“, sage ich zu Tanja.
„Danke, das ist lieb. Ich hoffe für dich und vor allem für Andreas, dass er dich irgendwann zu schätzen weiß, wenn es noch nicht zu spät ist.“
„Er fängt doch gerade an zu verstehen, was er an dir gehabt hat. Er hat sich in den letzten zwei Jahren nur verkrochen und eingesperrt. Jetzt, wo du wegziehst und er mich getroffen hat, fängt er an, nachzudenken. Er fragt mich aber nicht, wie ich das finde.“ Ich schlage mit der rechten Hand in eine herankommende Welle.
Wenn er die Wahrsagerin nie getroffen hätte, hätte er vielleicht einen anderen Grund gehabt. Tanja kann nicht wissen, dass sie noch so oft gegenwärtig für mich sein muss.
Wir schwimmen ein Stück. Ob Andreas sich in diesem Moment einsam fühlt? Weder Tanja noch ich sind bei ihm. Wird ihm gerade bewusst, dass dieser Tag sich als Fehler für ihn entpuppen könnte? Ich gebe Tanja ein Zeichen, dass wir zurückschwimmen sollten.
„Das war wie wegschwimmen“, sagt Tanja als wir wieder Boden unter den Füßen haben. Mit dem Schlamm an den Füßen merke ich erst jetzt, dass das Salzwasser in der Haut etwas brennt. Sie hat Recht. Aber wir sind gerade dabei, zu ihm zurückzugehen.
 Andreas kommt uns ein Stück entgegen. „Tanja, dein Handy hat geklingelt“.
Tanja rennt auf ihren Platz zu und sucht die Nummer, um zurückzurufen. „Ich habe den Anruf erwartet“, sagt sie.
„Darf ich dich abtrocknen?“ fragt mich Andreas. „Ja, wenn du möchtest“, antworte ich. Bedeutet diese Geste wieder nur ein Moment?
Er nimmt mein Handtuch und streicht sanft damit über meine Haut. Er steht hinter mir, legt seine Arme mich und küsst mir leicht auf den Nacken.
Es wird in irgendeiner Form passieren, woran man glaubt und woran man nicht glaubt.
 „Darf ich dich abtrocknen?“ fragt mich Andreas. Ich steige aus der Dusche. Er hält das Handtuch. Er wartet auf mich und legt mir das Handtuch über die Schultern. Ich lasse es herunterrutschen und berühre mit meinem nassen Körper seinen. Ich ziehe mit den Händen seinen Nacken zu mir hin und lege meine Lippen auf seinen Mund.
Es ist Oktober. Tanja wohnt seit drei Monaten nicht mehr in dieser Stadt. In ihre Wohnung ist bereits eine andere Frau gezogen. Tanja hat Andreas gesagt, dass sie uns Glück wünscht.
Es ist spät geworden. Wir umarmen uns an der Tür. Ich gehe zu meinem Auto und Andreas geht noch einmal los, um sich vom Kiosk Zigarillos zu holen.
Andreas trägt einen längeren grauen Mantel. Ich fahre an ihm vorbei. Im Rückspiegel sehe ich seine Gestalt. Er geht allein und im Dunkeln auf dem Bürgersteig.
Irgendwann verschwindet er in der Dunkelheit, noch bevor ich um die Ecke gebogen bin.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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