Die Stimmung am Hafen war so, wie ich es liebte. Über dem Gebirge hinter mir ging am wolkenlosen Himmel die Sonne auf, die ersten, wärmenden Strahlen trafen mich und auch die vielen, vor mir liegenden Boote, deren bunte Farben nun erleuchteten. Es war ein friedvolles Farbenspiel. Lustig hüpften die Boote neben dem Steg durch die Wellen auf und ab. Die Möwen über mir stießen ihre spitzen Schreie aus und rechts von mir entluden die Fischer ihre nächtliche Beute.
Das Fischerboot, das ich suchte, sah ich sofort, denn es lag direkt vor mir. Mit seiner geringen Tonnage war es wirklich eine kleine Nussschale, aber es gefiel mir. Es war ein einfaches Segelschiff mit einem Hauptmast und einem Extramast am Heck. Die Länge betrug ungefähr elf und die Breite vier Meter. Sein Name war „Hai“. Und es war natürlich Hochseetauglich, aber kein Hochgeschwindigkeitssegler. Genau das richtige für mich.
An Bord legte ich meinen Rucksack in die Kajüte und genoss noch eine ganze Weile die Hafenatmosphäre, bevor ich die Segel setzte und langsam, an der Kaimauer entlang, aus dem Hafen fuhr, während die Wellen rhythmisch gegen den Bug platschten.
Der Vormieter von diesem Boot musste kurz bevor ich zum Hafen kam, angelegt haben, denn ich konnte noch auf den Planken seine nassen Fußabdrücke sehen. Er schien sich auch verletzt zu haben, denn an manchen Stellen waren sie etwas blutig.
„Er musste es aber sehr eilig gehabt haben, sonst hätte er bestimmt das Blut auf den Planken abgewaschen“, sagte ich zu mir, als der atlantische Wind mir heftig in mein bärtiges und gebräuntes Gesicht blies.
Mein Ziel war es, an der Ostküste entlang bis zur Südspitze dieser Insel zu segeln, um dann an der Westküste vorbei, wieder hier im Hafen zu landen. Während der Fahrt an der Ostküste bewunderte ich die vielen kleinen Strände und Buchten, unterbrochen von steil aufsteigenden Klippen, gegen die sich die spritzende Brandung warf. Das Donnern der Brandung konnte ich jedoch nicht hören, denn dazu war mein Abstand zu groß.
Jetzt sah ich von weitem schon die Südspitze der Insel mit dem Leuchtturm und mir wurde es etwas mulmig, denn ich wusste, dass gleich nach der Umrundung der Südspitze die Wellen erheblich höher und stürmischer werden würden.
Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich das laute Kreischen hörte, erkannte aber sofort, das es die Seemöwen waren, die über dem Boot kreisten.
Plötzlich hörte ich ein lautstarkes Poltern in der Kajüte, schnell drehte ich mich um und schrie gegen den heftigen Wind: „ Ist da jemand?“ Sofort rannte ich zur Kajüte, dann die kleine Treppe runter und sah erleichtert, dass nur mein Rucksack durch den erhöhten Wellengang vom Tisch gerutscht war. Mein Blick fiel nun auf die Holzbank, gleich neben dem Rucksack. Die zerkratzte Holzbank war aufklappbar und am vorderen Rand mit Blut verschmiert.
Auf die Blutflecken starrend, setzte ich mich auf die andere, gegenüberliegende Bank und meine Gedanken kreisten wie die Seemöwen, aber nicht um das Schiff, sondern um diese Blutflecken.
„Meinem Vormieter musste etwas schreckliches passiert sein“, dacht ich. „Zuerst die blutigen Fußabdrücke und nun diese blutverschmierte Bank. Aber wie kann man sich hier auf dieser kleinen Nussschale so verletzen? Vielleicht war er auch nicht alleine, sondern zu zweit an Bord. Und dann könnte er sich bei einem möglichen Kampf verletzt haben.
Hier muss also ein grausamer Zweikampf stattgefunden haben. Und warum habe ich aber nur blutige Fußabdrücke von einer Person gesehen? Hat das zu bedeuten, dass die andere Person noch hier an Bord ist, vielleicht in der aufklappbaren und Blutverschmierten Bank?
Eine Leiche in dieser Bank?“ Nun merkte ich, dass nicht nur der Wind, sondern auch die Angst nach mir griff und in meiner Fantasie sah ich bereits diese Leiche, mit eingeschlagenem, blutigem Schädel und einem deformierten Gesicht mit offenen, starren Augen.
„Vielleicht hatte der Mörder die Leiche auch zerstückelt, damit sie besser in die Bank passt?“
„Soll ich die Bank aufklappen?“ Bei diesem Gedanken kam das eiskalte Grauen zu mir. Ich merkte, dass meine Beine zitterten und mir der Mut fehlte, um die Klappe zu öffnen.
„Soll ich mit einer Leiche an Bord meine Fahrt um diese Insel fortsetzen?“
„Nein“, schrie ich, „das werde ich nicht tun. Niemals!“ Ich wendete und fuhr zurück zum Hafen.
„Würde der Mörder am Hafen auf mich warten, damit er den Zeugen seiner Tat beseitigen kann?“ Zitternd lenkte ich das Boot durch die Wellen.
Im Hafen ging ich zu dem Fischer, von dem ich mir das Boot geliehen hatte und sagte ihm, er möchte doch bitte zum Boot gehen, ohne mich und in die blutverschmierte Bank schauen.
„Warum sollte ich die Bank aufklappen?“, fragte der Fischer mich, als er wieder zu mir kam. „Ich habe die Bank aufgeklappt und abgewischt. Sie war noch etwas blutig von dem Hai, den dein Vorgänger gefangen hatte.“
Erleichtert verließ ich den Hafen.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Michael Mews).
Der Beitrag wurde von Michael Mews auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.10.2006.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
michael-mews.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Michael Mews als Lieblingsautor markieren

Auch auf Leichen liegt man weich - Kurzgeschichten
von Michael Mews
"Auch auf Leichen liegt man weich" ist eine Sammlung schaurig schöner und manchmal surrealer Kurzgeschichten, in denen Alltagsbegebenheiten beängstigend werden können und Schrecken auf einmal keine mehr sind - vielleicht!
Wir begegnen Lupa, der ein kleines Schlagenproblem zu haben scheint und sich auch schon einmal verläuft, stellen fest, dass Morde ungesund sind, und werden Toilettentüren in Flugzeug in Zukunft mit ganz anderen Augen betrachten.
Und immer wieder begleiten den Erzähler seine beiden guten Freunde: die Gänsehaut und das leichte Grauen ...
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: