Karl-Heinz Fricke

Endstation Fruitvale

Endstation Fruitvale

Oh, du schönes Bibertal, Stätte unserer Sehnsucht in diesem Lande. Ein Kleinod in der Stille wunderbarer Natur. Du grünes Tal schenkst uns Ruhe und Zufriedenheit. Wohin das Auge blickt erspäht es ein Idyll des Friedens.

Endlich hatten wir nach 22 Jahren die Provinz Manitoba verlassen. Wir sehnten uns nach der Wärme des Südwestens in diesem riesigen Landes mit seinen 9,976177 Quadratkilometern, eine Größe, die mit europäischen Maßstäben nicht gemessen werden kann.

Allerdings standen mir noch ungefähr zehn Jahre Berufsleben bevor, ehe ich daran denken konnte in den verdienten Ruhestand zu treten.

Das Leben ist eine lange Kette von Ereignissen, und oft entscheiden Zufälle den Ablauf von Geschehnissen. Unser Umzug nach Fruitvale ins schöne Bibertal war genau gesehen ein unerwarteter Glücksfall, denn ohne jegliche Kenntnisse in einem Warenhaus zu haben, gab man mir Fünfzigjährigen eine Chance noch einmal sesshaft zu werden. Ich musste hart arbeiten, um das Vertrauen zu rechtfertigen. Es gelang mir nach anfänglichen Schwierigkeiten. Nicht nur das, in den nächsten Jahren baute ich meine Stellung zu einer Manager Position aus, die mir viel abverlangte, die mich aber auch befriedigte, und zu schätzen lernte. Ich bin Zeit meines Lebens ein Arbeitstier gewesen, und diese Eigenschaft bewährte sich auch wieder in der letzten Arbeitsphase. Nachdem ich ein halbes Dutzend Abteilungen geleitet hatte, wurde ich Warenmanager und damit verantwortlich für alle Bestellungen des Geschäftes mit denverschiedenartigsten Waren.Weil ich alles mit deutscher Genauigkeit und Gründlichkeit ausführte, wurde mir mehr und mehr aufgebürdet. Was ich an schriftlichen Arbeiten während der regulären Arbeitzeit nicht bewältigen konnte, holte ich abends in meiner Freizeit zu Hause nach. Und das wurde zur Gewohnheit für mehrere Jahre ohne jegliche Gehaltserhöhung.. Alle Fäden der Geschäftsführung liefen bei mir zusammnen und ich bekam einen guten Überblick. Es war unverkennbar, das trotz aller Anstrengungen das Geschäft im kleinen Fruitvale auf die Dauer nicht lebensfähig sein konnte, denn die Kundschaft war zu klein und die Großhandelsgesellschaft, in deren Kette wir ein Glied waren, bestimmte mehr oder weniger, was wir zu bestellen hatten. Die zusätzlichen Sonderangebote in jeder Woche vermehrten das Inventar in erschreckender Weise, und das Problem war, dass die erhaltenen Waren auch pünktlich bezahlt werden mussten. Es folgten stetige Kreditaufnahmen,um diese Forderungen zu erfüllen. Dieses führte kurz nach meinem Ausscheiden zum Bankrott. Es konnte nicht mehr Schritt gehalten werden.

Als ich meinem 60. Lebensjahr zustrebte merkte ich, dass ich mich verausgabt hatte, und als mein Hausarzt mir riet meine Gesundheit nicht weiter aufs Spiel zu setzen, war die Entscheidung für mich gefallen, um in Rente zu gehen. Mein Boss war fassungslos. Ich hatte nie Gehaltsforderungen an ihn gestellt, somit wusste er, dass das nicht der Grund für meine Entscheidung war. Er zeigte jedoch Verständnis für meinen Gesundheitszustand, hatte aber keine leichtere Beschäftigung für mich.

Wir konnten nun unseren Lebensabend im schönen Bibertal beginnen. Es war anfangs recht ungewöhnlich, aber sehr bald hatten wir uns an die Freizeit gewöhnt und begannen Reisen zu unternehmen. Freude an der Gartenarbeit hatten wir in den vorhergehenden Jahren bereits, und auch meine Angelleidenschaft erreichte neue Höhen, verbunden mit vielen Abenteuern in der uns umgebenden Wildnis.

Im Arbeitskampf des Lebens sehnen sich viele Menschen nach der Ruhezeit. Sie verspricht die Freiheit, alles zu unternehmen, was man sich erträumt hatte und nun ausführen möchte. Auf die ersten Jahre trifft es auch meistens zu, aber man zieht nicht in Rechnung , dass man dabei auch älter wird. Plötzlich ändern sich die Prioritäten. Dazu gesellen sich unerwartete Krankheiten,die regelmäßige Besuche beim Hausarzt und bei Spezialisten erfordern. Es folgt die Zeit der Arzt Termine. Normale Gewohnheiten und Interessen ändern sich. Ein Nierenstein erforderte meinen zweiten Krankenhausaufenthalt im Leben. Meine Frau litt seit einiger Zeit an Herzkrämpfen und langsam bemerkte sie, dass sie an Osteoporose erkrankt war. Trotz aller Weh-Wehchen ging das Leben fast normal weiter.

Wir ließen uns nicht verdrießen, selbst nicht, als Blasenkrebs bei mir festgestellt wurde, der allerding im Anfangsstadium erfolgreich bekämpft wurde. Es folgten vierzehn Chemotherapie Behandlungen und über 20 Nachuntersuchungen.

Bei einer Routine Untersuchung wurde festgestellt, dass meine Aorta zwischen Nieren und Herz eine Ausbuchtung aufwies. Dieses erforderte regelmäßige Ultra Schall Untersuchungen und als die Ausweitung 6 Zentimeter im Durchmesser maß, musste operiert werden. Auch das überstand ich. Allerdings bescherte mir die Operation einen Leistenbruch in der Nähe des Nabels. Später mit 78 Jahren kamen dann noch eine Schilddrüsenunterfunktion und eine Ausweitung der linken Herzkammer hinzu. Doch nun genug von den Alterserscheinungen.

Die Malerei, die mir bereits seit dem Jahre 1962 viel Freude bereitete, hatte ich eigentlich nie aufgegeben. Ich war geradezu besessen fast jeden Tag ein Bild zu malen. Ich stellte auch verschiedentlich aus und fand auch einige Käufer, aber sehr bald wurde es mir bewusst, dass es hauptsächlich nur ein Hobby war, von dem ich mich nicht trennen konnte. Viele meiner Bilder zieren die Wände in unserem Hause und der Rest der Gemälde ist ein 2 Meter hoher Stapel mit und ohne Rahmen, denn Rahmen sind ein großes Problem, weil sie so teuer sind und den Verkaufspreis in die Höhe treiben. Trotz eines hartnäckigen Hand Ekzems malte ich weiter drauflos. Als die Ursache meines Ekzems einigen Ölfarben zuzuschreiben war, ging ich dazu über mit wasserlöslichen Farben zu arbeiten. Ich fand aber bald heraus, dass das Einblenden der Farben wie mit Öl, nicht den erwünschten Effekt erbrachte.

Ein anderes Hobby hatte von mir Besitz ergriffen. Schon als Kind war es mein Wunsch Tischler zu werden. Da Handwerks Berufe damals keine großen Löhne erzielten, beschloß meine Familie, ich sei intelligent und müsse ins Geschäftsleben. Deshalb trat ich mitten im Kriege, im Jahre 1942, meine Lehre in einer Kohlengroßhandelsgesellschaft an. Dieser Fehler sollte mich durch mein gesamtes Arbeitsleben, und ganz besonders in Kanada, begleiten, denn in diesem Lande hat noch jedes Handwerk einen goldenen Boden.

Im Rentenalter begann ich mit Holz zu arbeiten. Neben Schnitzereien fertigte ich Intarsia Arbeiten und viele andere Gegenstände, schön mit dem Brenner oder Pinsel verziert, an. Im Gegensatz zu meinen Gemälden fand ich auf Märkten zahlreiche Abnehmer, und wir erzielten nicht zu verachtende Einkünfte. Auf drei großen Tischen arrangierten wir hölzerne Bilder, Serviettenständer, Stiefelknechte, Schlüsselbretter, Tierfiguren, Vogelhäuser, Spielzeuge, Fußbänke und hölzerne Puzzles für Kinder. Als mir jemand eine lange Waldsäge zum Bemalen brachte, begann ich auch auf Metall zu malen. Man brachte mir alte Schaufeln, Kochtöpfe, Bratpfannen und Kreissägeblätter, auf die ich Berglandschaften malte. Für zirka 10 Jahre folgten wir dieser Routine, bis uns beiden das lange Sitzen in den zugigen Plazas zuviel wurde. Unsere Gesundheit bescherte uns leider mehr schlechte Tage als gute und die Arzt Termine mehrten sich. So genossen wir mehr und mehr unser schönes Haus und unseren Garten. Das Gedichte- und Geschichtenschreiben wurde zu meinem Hobby Nummer I erklärt.

Natürlich hockten wir in den 19 Jahren unseres Ruhestandes, der gar nicht so ruhig war, nicht immer zu Hause. Solange unsere Mütter und Tanten noch lebten reisten wir fast jedes zweite Jahr nach Deutschland. Es waren immer erlebnisreiche Reisen, und wir verbrachten schöne Tage mit allen, die wir besuchten. Mit unserem inzwischen verstorbenen Freund Friedhelm machten wir Autotouren an die Ostsee, zum Spreewald und in den herrlichen Thüringerwald. Auch nach Los Angeles führten unsere Reisen, um unsere Kinder, Enkel und unser Großenkelchen zu besuchen, das an meinem 75. Geburtstag das Licht der Welt erblickte. Im Jahre 1999 feierten wir unsere Goldene Hochzeit zuerst mit unseren Freunden in Fruitvale. Anschließend flogen wir in die Heimat und feierten dort noch einmal mit allen, die uns nahe stehen..

Wir lernten außerdem den Staat Nevada kennen,.Die berühmte Stadt mit ihren Spielhöllen, Las Vegas, gab uns einen Einblick in ein quirliges Leben. Der Höhepunkt dort war die Hochzeit unseres Großsohnes Derek. Die Autofahrt von Los Angeles nach Las Vegas zählt zu den trostlosesten Fahrten meines Lebens. Man vermeint auf dem Mond zu sein. Keine Vegetation, nur von der Hitze zerbröckelte Felsen. Auf der langen Wegstrecke sahen wir kein Tier. Zur Hochzeit unseres anderen Großsohnes Peter fuhren wir von Los Angeles zu dem weiter entfernten Lake Tahoo in unmittelbarer Nähe von Reno. Da im Staat Nevada das Glückspiel überall gesetzlich legal ist, hat fast jeder Ort seine Spielhölle. Eine unwiderstehliche Attraktion für viele Touristen.

Unsere alten Freunde in Oregon besuchten wir ebenfalls in den letzten Jahren. Freund Frank, ein Angler vor dem Herrn, lud mich zum Lachs- und Störangeln ein. Mit seinem großen Boot durchfurchten wir den mächtigen Columbia River und das Küstengewässer nahe der Stadt Astoria. Niemals kamen wir ohne Beute nach Hause.

Freunde und Verwandte aus Deutschland, Kanada und den USA fanden regelmäßig in jedem Jahr unser schönes Bibertal und von hier machtenwir tagelange Fahrten und so lernten auch wir die nahe und weitere Umgebung dieser schönen Provinz kennen.

Nun sind wir alt, aber noch nicht gewillt, uns zum alten Eisen zu zählen. Natürlich geht alles langsamer und Besuche werden immer spärlicher.Wir wissen, dass unsere Tage gezählt sind. Jeden Morgen beim Aufstehen erfreuen wir uns unseres Daseins. Irgendetwas schmerzt zwar immer, aber das Leben geht weiter. Mit Besorgnis sehen wir der Zeit entgegen, wenn einer von uns allein sein wird. Das große Alleinsein wird jedoch nicht von allzu großer Dauer sein, denn mit dem Sterben des anderen beginnt gleichzeitig der eigeneAbschied..

Mit dieser Kurzgeschichte sind meine/unsere kanadischen Erfahrungen und Erlebnisseabgeschlossen. Jeder Tag, der uns noch beschieden ist, betrachten wir als eine Gunst des Schicksals.

Karl-Heinz Fricke im Oktober 2006

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