Nick Köhler

Heb mal

Mein Freund ist Schwabe. Das sind die Menschen, die WO da in Baden-Württemberg leben. Ich selber bin ja in Berlin geboren. Das ist da WO die deutsche Hauptstadt ist. Aufgewachsen bin ich im Land Brandenburg. Das wiederum ist da WO früher DDR und das WO da um Berlin drum rum ist.

 

Als wir uns noch nicht so gut kannten und ich dem Schatz seine erste Wohnung mit einrichten geholfen habe, mussten wir zwangsweise auch Gardinen anbringen. Es sieht ja auch schöner aus und man kann aber nicht so leicht von außen reinschauen. Außer es ist Licht an und es kommt auch auf die Beschaffenheit der Gardine, mehr des Gardinenstoffs, also der Dichte der Gardine an. Doch spielt das nicht wirklich eine Rolle.

 

Mein Liebster hatte sich vorgenommen im Hochsommer einzuziehen und sich einzurichten. So herrschten draußen und drinnen Temperaturen, die sonst nur Aufbackbrötchen kennen lernen. Wir waren also so zu sagen zwei Knack- und Backschwule, die versuche IKEA-Gardinenstangen an eine sechziger Jahre Bröckel-Putz-Wand anzubringen.

 

Nicht nur der Schweiß kroch aus allen Poren, auch unsere Laune sank mit jedem neuen in der Wand verschwunden Dübel und genauso wuchsen die Berge von Bröckel-Putz, die sich langsam unterhalb der Fenster auftürmten.

 

Mangels Leiter stand mein Freund auf einer Stuhl- und Hocker Leiterersatzkonstruktion und hätte sich schon fast zweimal mit Opa’s alter Schlagbohrmaschine am Kabel erhängt. Ich stand unten, hielt einen uralten Staubsauger, der mehr pustete als saugte, um ganz fachmännisch die Krümel aufzusaugen. Klappte natürlich auch nicht.

 

Trotzdem hatten wir schon zwei Fenster des Wohn- und Arbeitszimmers neu bestangt und quälten uns nun mit dem letzten herum, als mein genervter Freund schrie: „Heb mal!! Los!!!! Nun heb doch mal fest!!!!“

 

 

Wie bitte? Ich bildete mir ein, wir verstehen uns blind. Was aber bitte soll ich denn heben. Ich hebe doch schon die ganze Zeit die herunter fallenden Dübel, Schrauben und Kleinstteile auf. Außerdem hebe ich den Staubsauger hoch, um besser blasen, ich meine saugen zu können. Was sollte ich bloß machen, was wollte der Mann von mir. „Watt??“ war meine verdutzte Antwort und ich klang panisch.

 

 

„Na nu hebe doch mal fest. Mir fällt hier alles gleich runter!!HEB MAL verdammt…!!“

 

 

Ich begann eine, zugegebener Maßen in dieser Situation doch recht unpassende Diskussion, eher eine monologartige Rede, darüber, dass man wohl Dinge hochheben und aufheben könnte, ich aber im Moment nicht weiß, was heruntergefallen ist und ich es deshalb eventuell anheben soll.

 

 

„Du sollst F-E-S-T-heben Du Blödmann!!!“

 

 

Ich erklärte ich könnte etwas festhalten, aber was bitte wäre denn festheben?

 

 

Hätte ich vorher gewusst, das ein Schwabe mit „festheben“ genau das gleiche meint wie der Preuße mit „festhalten“, dann wäre wohl mein Schatz nicht im selben Moment, in dem ich noch in meiner Wortverständnisgedächtnisschublade nach der Übersetzung und Erklärung für „…jetzt hebe mal fest…“ suchte, mit einem lauten Kabumm und mit samt Opaschlagbohrmachine, sechs IKEA-Schrauben, einer IKEA-Gardinenstange, Schweiß auf der Stirn und der gesamten Stuhl-Hocker-Behelfsnummer unsanft auf dem Parkettfussboden aufgeschlagen.

 

 

Ich überlegte noch kurz ob ich ihn festHALTEN soll, habe ihn dann aber lieber gleich aufgeHOBEN und wir haben noch lange darüber nachgedacht, wie wir die durch den Aufschlag verursachten Löcher im Parkett, die Sache mit der letzten Gardinenstange, aber vor allen Dingen unsere horrenden Sprachkonflikte er- und klären können.

 

 

Neulich ertappte ich mich dabei, wie ich meinen Freund bat den Topfdeckel mal festzuheben, der wo da gerade vom Tisch purzelt. Problem gelöst!

 

 

 

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