Karin Winteler-Juchli

Stiche ins Herz

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Kann es sein, dass ein Brief über das Schicksal von Menschen bestimmt? Kann es sein, dass ein Briefträger Leben retten kann? 100 g recyceltes Papier, 162 x 114 mm gross, spediert von der Schweizerischen Post, haben mein Leben verändert. Es ist nicht so, dass ich einen handgeschriebenen Brief erwarte, wenn ich die Türe meines Briefkastens öffne. Selten genug finde ich darin etwas anderes als Rechnungen, vielleicht mal eine bunte Postkarte mit schamlos wolkenlosem Himmel und menschenleeren Stränden. Todesanzeigen mag ich genauso wenig wie die fantasielosen Geburtsanzeigen von überglücklichen Eltern. Ich habe keine Kinder, und wer gestorben ist, hinterlässt mir nichts.

Ich bin nicht frustriert, verstehen Sie mich richtig. Ich verreise nie. Meine zwei Zimmer, eine Altbauwohnung im 2. Stock, genügen mir. Ein kleiner Balkon für Küchenkräuter, ein Wellensittich und ein Stofftiger auf dem blauen Sofa. Mein Leben verläuft geradlinig, unkompliziert. Ich mag es, wenn ich weiss, was ich von einem Tag zu erwarten habe. Die Monotonie an meinem Arbeitsplatz stört mich nicht, sie beruhigt mich.

Ich komme gerade von der Arbeit zurück. Auf dem Heimweg war ich einkaufen, die Tasche steht neben mir auf dem Boden. Darin ein Liter Magermilch, zwei Naturejoghurt, eine Gurke, wie immer. Die Briefkastentüre klemmt ein wenig, ich ärgere mich, wie immer. Auf der Zeitung liegt ein Brief – mir bleibt das Herz stehen. Es ist einer dieser kostbar seltenen Augenblicke, die sich einbrennen in die Zeit. Alle Sinne saugen gierig diesen Moment auf, damit er nicht im Sog der alltäglichen Bedeutungslosigkeit versinkt. Ich schnuppere an dem dicken, grauen Couvert, fühle seine verheissungsvolle Schwere. Mit schweissnassen Händen drücke ich ihn an mein klopfendes Herz …

Zwei Treppen im muffigen Treppenhaus, dieses eine Mal spüre ich mein arthritisches Knie nicht. Ich finde mich auf meinem blauen Sofa wieder, den Briefumschlag unablässig streichelnd. Schwindel erfasst mich und die kleine, saubere Schrift verschwimmt vor meinen Augen.

ER schreibt mir, nach so vielen Jahren. Es kann nur eines bedeuten: Er hat sie verlassen und will mich. Mich, die ihn immer geliebt hat und die er verschmäht hat. Die Ungeheuerlichkeit dieses Gedankens lässt mich aufschluchzen. Er kommt zu mir, endlich! Ich weine vor Freude und die Tränen fallen auf das dicke Couvert und hinterlassen dunkle, runde Flecken. Soll ich den Brief aufreissen und gierig verschlingen wie einst als Schulmädchen? Nein, die Spannung ist so lustvoll, so unerträglich lustvoll, dass mir ein leises Stöhnen entschlüpft. Die süsse Nachricht verursacht eine leichte Übelkeit. Lange sitze ich da und zittere vor überquellender Glückseligkeit. Dann starre ich auf den dunklen, scharf umrissenen Spalt, den die Klinge des Brieföffners durch das Papier und mein Leben gezogen hat. Mit bebenden Händen setze ich meine Lesebrille auf. «Geliebte, geliebtes Herz! In einer Woche bin ich bei Dir.» Einer Ohnmacht nahe, sinke ich in die Kissen zurück. Nie, niemals habe ich mir solche Worte erträumt. Ich sehe an meinem ausgemergelten, ungepflegten Körper hinunter und schäme mich.

Ich bade ausgiebig und wasche mir meine farblosen, dünnen Haare. Mit duftenden Essenzen wasche ich mir all die Jahre ohne ihn Schicht für Schicht von meiner Haut. Mein Herz häutet sich. Erst jetzt kann ich weiterlesen, bin innerlich nackt. Eine Woche lang sauge ich jede Zeile, jeden Buchstaben seines Briefes auf. Die zärtlichen Komplimente, das sehnsüchtige Verzehren und die wolllüstigen Liebesbeteuerungen röten meine welken Wangen und lassen das Blut durch meinen alternden Körper schäumen. Gestern kam das Ende. Plötzlich, schockierend unerwartet. Stiche in mein Herz: Ich hatte endlich die freudvolle Kraft gefunden, aufzuräumen, alten Ballast loszuwerden, alles schön zu richten für ihn, der kommen sollte: er, mein Geliebter. Da fiel mir der graue Briefumschlag in die Hände, den ich so aufgeregt geherzt hatte. Ich setzte mich zu meinem treuen Tiger und spähte durch die Lesebrille. Selma Guldimann, Im Grund 21, stand in der kleinen schrägen Schrift. Ich heisse Gertrud! Selma ist meine Nachbarin. Selma auf dem angrenzenden Balkon. Ihr makelloses Bild stieg vor mir auf und der kalte Schweiss tritt auf meine Stirn: wie sie sich genüsslich in ihrem Liegestuhl räkelt, mit Sonnenöl eincrèmt, ihre Nägel lackiert, in ihr Handy spricht und dabei gurrt und lacht. Und wie sie schreibt: Durch Pfefferminze und Schnittlauch sehe ich sie an ihrem winzigen Tischchen sitzen und Briefe schreiben an IHN. Diese Erkenntnis lässt mein Herz mit einem Schlag erkalten wie einen erloschenen Vulkan. Ich vernehme das Klingeln an ihrer Haustüre, höre ihre Stimme schrill aufkreischen. Ihr Lachen und sein tiefer Bass vollführen Echos und Crescendi. Mein Wohnzimmer beginnt sich um mich zu drehen. In meinen Händen auf einmal das kühle Metall, mein Zauberstab. Ich trete auf den Balkon und lausche der Melodie ihres Glücks. Nennen Sie es Enttäuschung, Einsamkeit, Neid oder Missgunst einer alten Jungfer.

Ich sage Ihnen nur eines: Sie haben die Hölle nie gefühlt. Das wollte ich Ihnen erzählen, damit Sie verstehen, warum zwei Menschen sterben mussten. Stiche ins Herz mit einer langen schmalen Klinge, wie von einem Brieföffner. Der Postbote hätte zwei Menschenleben retten können, wenn er den Brief in die Klappe nebenan geworfen hätte.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.11.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Mittagsläuten von Maike Opaska



Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

Und weil ich begriff wie lang und wie kurz der Weg zwischen beiden ist, nahm ich ihn auch wahr und so ist mir heute jeder Schritt es wert eingehalten zu werden, weil hinter jedem Ereignis sich ein anderes verbirgt und sichtbar wird.

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