Hartmut Pollack

Justitia drückt zwei Augen zu

 
 
Justitia drückt zwei Augen zu
 
 Es ist morgens früh. Ein herrlicher Tag bahnt sich an. Die Vögel zwitschern in den Bäumen. Genüsslich stehe ich auf. Was soll solch einen schönen Tag schon verunzieren. Das gemeinsame Frühstück verläuft in voller Harmonie, wir spüren unsere Liebe, spotten und necken uns. 
Der Briefträger kommt. Ein Klappern zeigt uns an, dass durch den Briefschlitz ein Brief geworfen wurde. Ins Haus flattert die Ladung zu einer Gerichtsverhandlung. Die Schlägerei im Hause von Karin soll rechtlich gewürdigt werden. Immerhin geht der Staatsanwalt neben dem Fakt der Beleidigung von einer beachtlichen Körperverletzung aus. Der Verursacher ist der Justiz nicht unbekannt. Er ist schon vorbestraft.
Es ist noch ein Monat Zeit bis zu diesem Termin.
In einigen Momenten scheint bei Willi ein Restverstand einzusetzen, in unregelmäßigen Abständen, aber immerhin ab und zu.
Willi sucht Kontakt zu Karin. Ihr liegt nichts daran, dass er in den Bau geht für seine Tat, lies Untat. Sie gleicht zwischen uns aus.
„Lass ihm eine Chance, dass er weiterleben kann,“ höre ich.
„Du vergisst meine Schmerzen und meine Unkosten,“ erwidere ich.
„Er hätte sich zumindestens entschuldigen können,“ meine ich weiter. „Auch bei unseren Vermietern wäre eine Entschuldigung angebracht gewesen.“
„Du hast ja recht,“ ist die Antwort. „ Doch du weißt, wie begrenzt er denken kann.“
Karin klopft mich mit der Zeit weich. Meine Schmerzen sind bis auf andauernde Rückenschmerzen vergangen. Damit hat mich auch ein Teil meiner Enttäuschung über sein Fehlverhalten verlassen.
„Er wird mir die andauernden Rückenmassagen nicht bezahlen wollen,“ ist mein letzter Versuch.
„Er kann es ja auch nicht, er war so dämlich, keine Haftpflicht abzuschließen,“ war ihre Antwort.
„Warum muss ich unter seiner Dummheit, seiner Ungezügeltheit und unter seinem Leichtsinn leiden und dadurch Nachteile haben ?“
„Da überfragst du mich,“ antwortet Karin.
Willi lasse ich erst nach langem Warten in meine Nähe. Nach wochenlangem Schweigen entschuldigt er sich. Mein Gefühl sagt mir, dass diese Erntschuldigung vorgespielt war.
In seinen weiteren Ausführungen versucht er mir klar zu machen, dass sein Rechtsanwalt ihm keine Chance gäbe, wenn ich ihm nicht entgegen kommen würde. Er hätte aber sowieso nichts zu verlieren und dann gehe er eben in den Bau. Er fährt auf der Mitleidstour.
Mein Weg führt zum Anwalt.
So ganz ohne juristische Hilfe will ich an die Sache nicht heran.
Für meinen Anwalt ist der Fall schnell klar. Er sieht alle Chancen, den Verursacher der Tat haftbar zu machen.
Nur was habe ich von einer Verurteilung diese Muskelprotzes, wenn ich auf meinen Unkosten hängen bleibe.
Der Anwalt schlägt mir vor, als Nebenkläger aufzutreten.
Willi kommt ein zweites Mal mit hängender Miene bei uns an. Fast unterwürfig bittet er, dass ich ihm doch helfen solle. Es täte ihm alles so leid. Mir geht das Gespräch auf den Geist, doch ich mache einen Kompromiss-vorschlag.
Karin und ich wollen im Oktober in einen neue Wohnung ziehen. Wir haben die Angebote von Firmen für den Umzug. Diese sind nicht gerade preisgünstig. Alle liegen so um 500 Euro für den Umzug innerhalb einer Stadt.
Ich schlage Willi vor, er solle den Umzug machen, ich würde dann auf meine Forderungen verzichten.
Vom Anwalt weiß ich allerdings, dass ich für so eine Entscheidung des Gerichts einen gnädigen Richter und eine sanfte Staatsanwältin benötigte. Doch die Hoffnung verlässt uns zuletzt.
Willi und ich machen den Handel zwischen uns ab.
Wahrscheinlich werde ich bis zu meinem Lebensende, was Menschen angeht, Fehler machen.
Ich bin durch die Menschen in der Heide geprägt. Dort galt ein GÜLT auch noch nach vielen Wochen. Reell musste man dort sein, sonst galt man nichts.
Für Willi war ein GÜLT nur Schall und Rauch.
Der Tag der Verhandlung kam.
Hundegleich kam Willi ohne Rechtsanwalt im Gerichtsgebäude an. Wir mussten warten. In dieser Zeit erläuterte mein Rechtsanwalt ihm noch einmal den angestrebten Deal.
Willi stimmte kleinlaut zu.
Endlich begann die öffentliche Verhandlung. Der Staat gegen Willi.
Der Richter eröffnete die Verhandlung. Die Abfrage der Formalien begann. Eingeprägt hat sich bei den Formalien die Bemerkung des Richters: „Wenn Sie vierzehn Jahre alt wären, würden Sie sagen, Sie hätten etwas mit Ihrer Lebensgefährtin?“
Noch selten ist besser eine Zweitbeziehung definiert worden. Ein Lachen unterdrückend stimmte ich seiner Frage im vollen Umfange zu.
Die Staatsanwältin, zierlich von Gestalt, aber voller Energie, verdeutlichte den  Strafantrag. Ich habe mir die vorgetragenen Paragraphen nicht gemerkt.
Willi hatte die Haltung einer unwissenden Maus eingenommen. Obwohl – ich bin nicht ganz klar, ob er das spielte oder ob er wirklich nichts verstand.
Der Richter ließ mich als Nebenkläger zu.
Willis Aussage war im Prinzip so, dass er nicht mehr wusste, warum er das getan hätte. Es täte ihm alles so leid. Aber er wäre betrunken gewesen. Und immer wenn er betrunken sei, raste er aus. Er wolle psychologische Hilfe suchen. Im übrigen wolle er in Zukunft sich vom Alkohol fern halten. Er wüsste ja, wie gefährdet er bei Alkohol sei.
Doch die psychologische Hilfe wäre für ihn am wichtigsten. Er könne nicht vorher sagen, wann er ausraste.
Nach einem nachdenklichen Blick auf den Angeklagten richteten sich die Augen des Richters auf mich.
Es schien mir, als erforschte er mich aus und zwar inwieweit ich konsensfähig war. Mein Rechtsanwalt hatte ihm in einem kurzen Vorgespräch signalisiert, dass wir unter gewissen Voraussetzungen auf ein hartes Urteil nicht drängen würden. Mit dem Vergleich mit einem Vierzehnjährigen hatte der Richter mein Herz gewonnen. Meine Augensprache signalisierte Konsens, er verstand.
Willi hatte sich als Arbeitslosen beruflich bezeichnet. Immerhin erstaunlich für mich, weil er jeden Tag in einem Studio arbeitete und vormittags für eine andere Firma Werkstoffe auslieferte. Doch ich war auf Harmonie geschaltet.
„Angeklagter, was haben Sie sich gedacht, wie Sie den Schaden wieder gut machen könnten?“ fragte der Richter.
„Ja, es tut mir alles so leid, ich entschuldige mich ja, aber sonst wüsste ich nichts.“
Die Frage war in einem Leerraum gelandet.
„Herr Nebenkläger, was halten Sie für ein gerechtes Urteil?“
Nun hatte ich den schwarzen Peter in der Hand. Erst zögerte ich. Zu viel kam hoch. Doch dann hielt ich mich an das GÜLT der Heide. Es war mit ihm etwas abgemacht worden.
Konnte ich wissen, dass dieser Mann keinerlei Würde hatte ?
„Herr Richter, was ich vorschlagen würde, können wahrscheinlich nicht einmal Sie in ein Urteil fassen, welches den Worten der Gesetze genügt.“
„Das lassen Sie mal meine Sorge sein,“ war eine gelassene Antwort.
Die Staatsanwältin lächelte.
„Meine Unkosten soll der Angeklagte dadurch ersetzen, dass er mir beim Umzug hilft, die Kosten dieses Umzuges bezahlt und selbst mit zugreift.“
Mir schien ein leichtes Schmunzeln über das Gesicht des Richters zu gehen. Mal kein Nebenkläger, der keine Rachegelüste zeigte. Eher ein Mensch, der sagte, meinen Schaden erstatten durch deine Arbeit.
Mir schien weiter, als ob der Richter Augenkontakt zur Staatsanwältin suchte. Eine leise Kopfbewegung bemerkte ich neben mir.
„Angeklagter, haben Sie verstanden, was der Nebenkläger für gerecht hält ?“
„Nein!“
„Herr Richter entschuldigen Sie, darf ich direkt sprechen?“
Kopfnicken
„Willi, du sollst den Umzug machen, dafür verzichte ich auf andere Ansprüche. Hast du es jetzt verstanden.“
„Ja, das will ich wohl machen,“ seine Antwort.
Es dauerte nicht lange, dann erfolgte ein vorläufiges Urteil.
Ich muss mich heute noch über den Einfallsreichtum des Richters wundern.
Natürlich gab es keine Rechtsgrundlage für eine Verurteilung zu einem Umzug. Doch zu Sozialarbeiten für ein beim Gericht zugelassenem Sozialwerk konnte Willi verurteilt werden.
Er bekam als Strafe 100 Arbeitsstunden für ein Sozialwerk aufgebrummt. Dies könne er aber dadurch ableisten, dass dem Gericht durch meinen Rechtsanwalt bestätigt würde, er hätte sozialähnliche Arbeiten bei meinem Umzug geleistet.
Da sage mir noch einer. dass Juristen keine Fantasie haben oder entwickeln können. Mit einem Lachen stimmte ich dem vorläufigen Urteil zu.
Willi schaute verständnislos.
Er meinte, er solle einhundert Stunden Sozialarbeit leisten und zusätzlich meinen Umzug machen. Wie kann ein erwachsener Mann nur so ….. sein.
Der Richter erklärte ihm das Urteil ein zweites Mal. Heute weiß ich vergeblich. Er hatte seine Chance nicht begriffen. Die Justiz hatte für ihn gezaubert, er war zu einfach, dies zu begreifen.
Er ging nach dem Urteil in seinen Freundeskreis und erzählte, ich hätte ihn zum Umzug erpresst.
Meine Mutter hatte mir früher einmal den Spruch beigebracht: Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen. Meine Mutter war eine kluge Frau.
 
 
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.11.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Über den Tag hinaus zu schauen, heißt für mich, neben dem Alltag, dem normalen Alltäglichen hinaus, Zeit zu finden, um das notwendige Leben mit Gefühlen, Träumen, Hoffnungen, Sehnsüchten, Lieben, das mit Lachen und Lächeln zu beobachten und zu beschreiben. Der Mensch braucht nicht nur Brot allein, er kann ohne seine Träume, Gefühle nicht existieren. Er muss aus Freude und aus Leid weinen können, aber auch aus vollem Herzen lachen können. Jeder sollte neben dem Zwang zur Sicherung der Existenz auch das Recht haben auf romantische Momente in seinem Leben.

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