Sonja Nic Rafferty

Irland im Sinn

Fünf Tage war ich in Irland, wo ich in einem Backpacker Hostel wohnte. Jeden Morgen nach dem Frühstück erkundete ich Dublin und die nähere Umgebung, aus der ich erst zum Abendbrot wieder zurückkehrte. Mir standen genauso viele Tage zur Verfügung wie Sinne und diese liefen auf Hochtouren.

Tag 1:
Ich verließ das Hostel zu Fuß, so wie jeden Tag, als dürfte ich den Bodenkontakt nie unterbrechen. Flache Schuhe waren angesagt, denn ich wollte weder auf der Insel stolzieren noch darüber stolpern. Am James Joyce Denkmal an der O' Connell Street erinnerte ich mich, den Namen Joyce in meiner Ahnentafel entdeckt zu haben. Ich berührte lächelnd das kühle Metall und die Nachbildung des großen Dubliner Dichters zwinkerte zurück. Den ganzen Tag ging ich durch die Straßen, ziel- und terminlos zwar und auch wieder nicht, denn alles hier war mein Plan. Nach Stunden meldeten sich an den Fußsohlen Druckstellen, die ich schon in Deutschland gehabt hatte. Meine Fähigkeit zur Ignoranz war noch nie so hoch. Ich spürte keinen Schmerz mehr. Die Füße hörten nicht zu laufen auf und die Hände mussten so viel berühren. Ich ließ den Sand am Strand der Dublin Bay durch meine Finger rieseln. Strich unterwegs über weiches Moos, saftiges Gras, Schafrücken und Kleeblätter. Sie werden Shamrock genannt und gelten als ein Symbol für Irland. Ich war begeistert.

Tag 2:
Eine Bank in St. Stephen's Green, Dublins "Grüner Lunge" lud zum Verweilen ein. Ich schloss die Augen und beim Öffnen erblickte ich das kräftige, irische Grün. Immer wieder Grün, die beherrschende Farbe! Alte Telefonhäuschen, viele Doppeldeckerbusse und Briefkästen waren hier nicht rot wie in England, sondern grün. Häufig hatte ich davon geträumt, doch nun sah ich es mit eigenen Augen. Ich schlenderte durch die Grafton Street und begegnete Gesichtern mit fröhlichen Sommersprossen auf der hellen Haut. Die Haare der überwiegend kleinen Menschen von meiner Größe waren meistens dunkel, oft gekringelt über den wasserblauen Augen. Ich erkannte ein Stück von mir selbst in jungen Mädchen und auch in älteren Frauen. Ebenso die Konturen meines Vaters in jugendlichen und gereifteren Männern! Hinter dem Trinity College gab es in Seitenstraßen leuchtend bunt lackierte Reihenhaustüren zu bewundern. Meine Augen konnten das alles sehen und noch mehr. Ich war glücklich.

Tag 3:
Es roch nach Abgasen in Dublin, wie wohl in jeder Großstadt. Wenn aber der Wind günstig stand, wehte ein salzig-würziger Geruch von der Irischen See herüber. Als ich eine Abkürzung zur Camden Street nehmen wollte, hatte ich mich bis in die South Docklands verlaufen, wo mich eine kühle Brise erfrischte, vermischt mit Fischgeruch, vielleicht auch nur von der Pommesbude am "Quay". Später, in der nördlichen Dubliner Bucht, im Fischerhafen Howth, früher Dublins Haupthafen, legte ich eine längere Rast an der "Nase" ein, das ist ein Fußweg um die Landspitze herum. Hier draußen atmete ich die Natur pur ein und Fisch, viel Fischgeruch, jetzt nicht von der Pommesbude. Es duftete nach frischem Quellwasser, Moos und torfiger Erde. Meine Nase wollte alle Düfte aufspüren. Ich war berauscht.

Tag 4:
Mir schmeckte es in diesem Land. Frühstück und Abendbrot bereitete ich in der Hostelküche selbst zu, hatte aber darauf geachtet, einheimische Lebensmittel zu kaufen. Unterwegs kehrte ich wegen der erschwinglichen Preise oft in der West Coast Company ein, das war eine Bistrokette, die sich durch die ganze Stadt zog. Ich saß heute über einem Irish Coffee draußen, was das Klima während meiner gesamten Reise erlaubte. Ich stellte fest, dass die Kartoffel in Irland gekocht, gebraten, geröstet oder als Brei genauso beliebt ist wie in Deutschland. Im Nationalgericht Irish Stew, einem Eintopf, kommt sie ebenfalls vor. Beim Gaumenschmaus ist Fisch nicht zu vergessen, zum Beispiel: Kabeljau oder Schellfisch, den ich mir manchmal auf dem Rückweg in Kylemores Café bestellte, dem passablen Schnellrestaurant. Heute begnügte ich mich mit einem Glas des dunklen, leicht bitteren Bieres Guinness, das ebenso berühmt ist wie Irish Whiskey. Gaumenfreuden gab es während meines Aufenhaltes genug und ich bekam Appetit.

Tag 5:
Ich hatte keinen Wecker mitgebracht, für das Aufstehen sorgten die Schreie der Möwen über den Dächern, unweit des Liffey. In der Grafton Street, einer vor allem von Touristen belebten Fußgängerzone, kramte ich nach Münzen für die Straßenmusikanten, deren Flöten- und Geigenklänge sich anngenehm in meine Gehörgänge einschmeichelten. Im Viertel Temple Bar drang selbst jetzt am Tage Traditional Music aus den Bars und Restaurants. Abends "steppt da der Bär" besser gesagt, junge Studentinnen im Stile von Riverdance und für unzählige Live-Bands ist es vielleicht das Tor zu den großen Bühnen. Meine Ohren konnten nicht alles hören, denn dafür war mein Aufenthalt zu kurz, aber "in der Kürze liegt die Würze" und manchmal auch ein Ohrenschmaus!
Nach einem Besuch im National Museum saß ich vor dem prächtigen, alten Gebäude und lauschte dem Rauschen des Westwindes, der mich in wenigen Stunden von hier fort tragen würde. Ich war traurig.

Fünf Sinne packten meinen Koffer an fünf Tagen voller Gefühle, Bilder, Düfte, Gaumenfreuden und Klänge, die mich den Rest meines Lebens begleiten werden. Ich bin auf eine bestimmte Art reich!

© Sonja Nic Rafferty ~ 5. 11. 2006





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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.11.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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