Anna-Luise Franke

Manchmal werden Dinge eben nicht

Manchmal werden die Dinge eben nicht. Manchmal stimmt die Zeit nicht. Oder der Ort. Oder die seelische Verfassung. Oder die soziale Stellung. Oder... aber selbst wenn das alles stimmt: Manchmal werden die Dinge eben nicht.
 
Zum Beispiel bei Lukas und Marie. Von außen betrachtet schien da alles klar und leicht und idiotensicher, aber das Leben hat uns gezeigt: So etwas wie "sicher" gibt es nicht. Sie mochten die gleiche Musik, teilten einen gewissen Hang zu seltsamen Momenten, tranken den Kaffee mit viel zu viel Zucker und den Rotwein mit Cola und noch bevor sie es recht wussten, ja vielleicht noch bevor sie sich überhaupt kennenlernten, verliebten sie sich in einander. Da hatte Maries Lachen die schönste aller Farben und Lukas aller-welts-Augen in Blau-grau wurden zu einem stürmischen Meer. Und manchmal am Wochenende, wenn Marie nicht nach Hause fuhr - raus aus den grauen, verfallenden Häusern und der blassgelben Sonne dieser Provinz und hinein in das tanzende Licht der Großstadt, die sie immer noch Heimat nennt - manchmal jedenfalls, dann treffen sie sich in den Cafés zum Leute-Gucken oder um doch irgendetwas spannendes in der Kleinstadt auszumachen, einmal hatte Lukas sie zum Zug bringen wollen, nur um den entschwindenden Waggons nachzuwinken, aber dann hatte er auf dem Bahnsteig so sehnsuchtsvoll geschaut, dass Marie wieder ausstieg und doch nicht nach Hause fuhr. Stattdessen setzten sie sich den ganzen Tag lang auf den Bahnsteig und schauten den Zügen zu und den Leuten, die da ein- und ausstiegen und dachten sich Geschichte über sie aus, woher sie wohl kommen, wohin sie gehen und was sie dort machen.
Doch obwohl Marie Lukas' angegrautes Kleinstadtgässchen immer mit Farbe, Leben und Rausch füllte und obwohl Lukas die Plattenbautenathmosphäre für Marie zum Schauplatz großer Filme werden ließ, sagten sie sich nichts davon. Sagten nichts, weil sie fürchteten, es ginge vielleicht verloren, ihr kleines Stück heile Welt. Sagten nichts und hofften doch, dass der andere es vielleicht sieht. So lebten sie zwischen Parkbänken und Bordsteinen, zwischen kruden Kneipen und den regelmäßigen Heimatbesuchen Maries, bis zu dem einen Freitagabend, der eigentlich alles hätte besser machen sollen.
 
Marie hatte die Tasche schon gepackt, das Zugticket lag schon auf dem Schreibtisch, sie wollte nur nochmal schnell zu Hause anrufen, wann vom Bahnhof abgeholt werden kann und dann konnte es losgehen.
Lukas saß in seiner Küche, die zitternde Hand auf dem Telefonhörer >Heute sag ichs ihr, ich ruf sie gleich an<, das dachte er schon seit 20 Minuten.  
>Mit dem Bus zum Bahnhof und dann mit dem Zug 2 mal umsteigen und dann vom Bahnhof abholen lassen... wie umständlich das alles ist, ohne Auto. In der Zeit könnte ich doch mit Lukas auf das Konzert gehen, das so wichtig für ihn wär...<, dachte sie bei sich und sah die grauen Wände und leeren Fenster an sich vorbeiziehen. 
>Jetzt ruf ich sie an, jetzt sage ich es ihr, dass ich so unendlich in sie verliebt bin, jetzt sofort muss es sein.<, doch dann die Nummer halbgewählt, schaute er zur Uhr und wusste, es würde niemand rangehen, sie war schon unterwegs zum Bahnhof. Er hetzte also kurz seine Jacke greifend aus der Wohnung, seinen Mitbewohner nicht beachtend, der ihn skeptisch beäugte, und schwang sich auf sein klappriges Fahrrad, das er nirgendwo anschließen musste... zum Bahnhof war es nicht weit 700 Meter vielleicht. Mit der Abkürzung 200 weniger.
>Zu Hause... was soll ich eigentlich da? Bei den Neonreklamen und den Schaufenstern, die doch nicht heller sind, als Lukas' Augen, wenn sie zwischen zwei Sätzen leuchten... was soll ich da eigentlich?<, denkt sie noch bei sich während sie ihre Tasche nimmt und aus den Bus aussteigt, bis zu Lukas' Wohnung ist es nicht weit, 500 Meter vielleicht. Zu weit für die schwere Tasche. Die muss hier warten an der Bushaltestelle.
"Der Zug nach Lichterstadt hat 8 Minuten Verspätung. Wir danken, für ihr Verständnis." >Verständnis?< dachte Lukas >Unendliche Dankbarkeit trifft es wohl eher.< Und so schnappte er sich npch ein paar Fresien vom Bahnhofsblumenladen und rannte zu Bahnsteig 4.
>Mach schon auf, ich weiß, dass du da bist<, plötzlich Knistern in der Gegensprechanlage, Marie will schon "Ich liebe dich" schreien, da merkt sie, dass es Christian ist, Lukas' Mitbewohner, "Ist Lukas da?" fragt sie ungeduldig, "Nee, der ist grade weg, vielleicht hat der Kerl ja doch endlich ein Date..." >Ein Date? Wie? Davon hat er doch gar nichts erzählt... und ich jetzt? Ich mach mich hier zum Volldeppen und bezahl 20 Euro für ein Zugticket, nur um dann "große Liebe" zu spielen?< "Marie? Bist du noch da?", das ist Christian... >Ob ich noch da bin?! Natürlich bin ich noch da, ich dumme Kuh... schön blöd das lange Warten.< "Ja, ist schon gut, Chris." "Soll ich Lukas vielleicht was ausrichten?" >Was ausrichten? Ja, ich werd einen Zug später nehmen, die ganze Fahrt lang heulen und mir dann zu Hause so richtig die Kante geben, das kannst du ihm ausrichten!< "Nein, war nicht so wichtig..."
"Marie?!" >Wo ist sie nur, sie wollte doch dieses Wochenende nach Hause fahren und sie nimmt immer diesen Zug, damit sie abends noch mit Freunden weggehen kann...< "Marie??!!" "Wen suchen sie denn?" das ist die ältere Dame, die gleich bei Lukas um die Ecke wohnt, die treffen sie oft, wenn sie zusammen im Park sind. "Marie. Das Mädchen, das sonst immer bei mir war. Ungefähr so groß, dunkelblond, lange Haare, dunkler Mantel..." ein kurzes Stirnrunzeln "Ach ja, die hab ich gesehen, hat jemanden vom Zug abgeholt. Ich versteh die jungen Leute da ja nicht, der junge Mann hatte überall Ringe im Gesicht: In der Nase, in der Lippe, in den Augenbrauen und dann hatte er noch eine riesige Tätoowierung auf dem Arm... was das nette Mädchen an dem wohl findet..." >Was sie an dem findet? Was heißt das? Sie hat einen Freund? Warum hat sie davon nie etwas erzählt? Und nun? Nun steh ich hier mit Blumen für 3 Euro und einem ganzen Wochenende voll "allein"...< "Junger Mann? Sie sind in die Richtung gegangen." >Was interessiert mich jetzt noch, wo die sind... soll sie doch, soll sie doch ihr Piercing-Studio auf Beinen... was weiß ich, was sie mit dem soll...< "Ja... ähm... danke."
 
Später wird Marie Lukas von dem tollen Typen erzählen, der sie - als ihr Alkoholpegel bereits jenseits von Gut und Böse lag - an diesem Wochenende abgeschleppt hat, Lukas wird irgendein Date erfinden, dass er angeblich am Wochenende hatte...
Lukas wird sie insgeheim "Hure" nennen und Marie wird Lukas nur noch als "miesen Lügner" sehen, der ihr nicht vorher von dem Date erzählt und ihr Hoffnung gemacht hat.
Ein paar Wochen später wird Marie zurück in die Großstadt ziehen, weg von dem Grau und der Enttäuschung und Lukas wird nicht einmal winken.
 
Und dabei schien alles klar. Manchmal werden Dinge eben nicht.  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.11.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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