Germaine Adelt

Höhenrausch

Es kribbelte in den Füßen, nicht im Magen. Schon als Kind fand sie dieses Gefühl eigenartig und beschloss nicht weiter darüber nachzudenken. Sie war noch nie gut im Schätzen aber die Brücke war etliche Meter hoch und ihr Unbehagen vor der Höhe äußerte sich nun einmal nicht in Schwindelanfällen oder Magenkrämpfen, sondern indem es in ihren Füssen kribbelte, als wäre sie in einen Ameisenhaufen getreten. Der Gedanke tatsächlich zu springen, war ihr nie ernsthaft gekommen, so auch heute nicht.

Sechzig Meter bedeuteten zwölf Sekunden. Bei ihr jedenfalls. Im Sport war sie nie besonders gut und beim 60-Meter-Lauf nie bedeutend unter die zwölf Sekundenmarke gekommen. Sie war sich gar nicht einmal sicher, ob die Zahl auch wirklich stimmte. Zwar waren das hier keine sechzig Meter Aber selbst zehn Sekunden wären eine zu lange Zeit. Zugegeben da waren dann noch die legendären 9,81 m/s, die alles verkürzten. Dennoch, es war zu lange um einen schönen Abgang zu haben und zu kurz um noch etwas zu ändern. Damals, als sie mit Leo auf dem Felsen stand hatte sie dieses ungute Gefühl nicht. Obwohl sie offen darüber sprachen, dass man aller Sorgen ledig sei wenn sie jetzt springen würden, hatte es was von Geborgenheit. Mit ihm Hand in Hand, auf diesem Felsen, der weit aus mehr als einhundert Meter hoch war. Und doch war da die Gewissheit, dass sie nicht springen würden.

 

Und eben jene Gewissheit holte sie sich manchmal zurück, wenn ihr alles zuviel wurde da draußen in dieser hektischen Welt. Dann ging sie in der Dunkelheit zur Brücke, sah verträumt auf das Glitzern des Wassers und turnte auf dem Geländer umher. Balancieren beherrschte sie perfekt. Das Einzige, womit die beim Schulsport immer punkten konnte. Und dann machte sie sich die Vergänglichkeit ihrer Existenz bewusst, denn nur ein Fehltritt würde alles ändern, und so erlangte sie dann die nötige Gelassenheit die nächsten Wochen zu überstehen.

 

„Tun Sie es nicht“,  flüsterte eindringlich eine Männerstimme neben ihr.

Sie erschrak so sehr, dass sie tatsächlich fast abgestürzt wäre und klammerte sich im letzten Moment an eine der Streben fest.

„Sind Sie irre!“, fauchte sie, als sie ihre Balance wiederhatte. „Mir so einen Schreck einzujagen?!“

„Tun Sie es nicht“, wiederholte er monoton und sah sie flehend an.

„Wovon reden Sie da eigentlich?“, fragte sie und ihr dämmerte langsam, dass er sie für eine potentielle Selbstmörderin halten musste. Die Situation war zu eindeutig. Ganz langsam kam er auf sie zu und streckte seine Hände nach ihr aus. Plötzlich erfasste sie die Panik. Was wenn dieser Mann, im guten Glauben sie retten zu müssen, ungeschickt zupackte und sie erneut das Gleichgewicht verlor. Diesmal für immer.

„Bleiben Sie wo Sie sind!“

„Beruhigen Sie sich“, flehte er.

„Ich soll mich beruhigen?“, ihre Stimme überschlug sich fast vor Angst. „Sie schleichen doch hier nachts umher und erschrecken mich zu Tode. Kommen Sie keinen Schritt näher!“

Sie musste sich eingestehen, dass sie sich nun wirklich wie eine Selbstmörderin anhörte. Gleichzeitig fragte sie sich, ob nicht ab und zu derartige Dialoge genau aus den gleichen Bedenken entstanden waren.

Abwehrend erhob er seine Arme und ging ein paar Schritte rückwärts. „Tun Sie es nicht“, flüstere er erneut und es klang beinahe rührend.

„Hören Sie. Ich habe nicht vor zu springen. Aber ich will ganz allein von dem  Geländer heruntersteigen dürfen. Einverstanden?“

Sein Blick hellte sich auf: „Einverstanden.“


      Sie brauchte etwas länger als sonst, um herunterzuklettern, da ihre Knie noch immer zitterten. Noch nie war sie dem Tod so nah gewesen, wie vor ein paar Minuten.

     „Mann, haben Sie mich erschreckt! Schleichen Sie sich nie wieder so an!“

     „Tut mir leid.“

     „Schon gut“, winkte sie ab. „Sie haben es ja nur gut gemeint. Was machen Sie eigentlich hier um diese Zeit?“

Er sah sie an und tat so, als hätte sie diese Frage nie gestellt.

      „Schon okay, es geht mich ja nichts an. Übrigens ich mache so was öfter, also beim nächsten Mal anklopfen.“

      Er nickte nur und für einen Moment glaubte sie Tränen in seinen Augen zu sehen. „Alles in Ordnung?“

„Na klar,“ räusperte er sich leise.


      Er sah ihr nach, bis sie in der Dunkelheit verschwunden war und wischte sich dann trotzig die Tränen aus den Augen. Aus seiner Manteltasche holte er den Abschiedbrief und betrachtete ihn noch einmal. Dann küsste er ihn symbolisch und warf ihn ins Wasser. Es war noch nicht an der Zeit.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.11.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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