D. K. Densa

Gartenzwerge auf dem Mars

1


In dem typischen Chlorgeruch steckte noch etwas süßlich Schwereres. Die Fußmatten waren ordentlich aufgerollt. Olaf konnte sich nicht daran erinnern, wer das gestern abend noch gemacht haben sollte. Vielleicht ein Wink von Hedi mit dem Zaunpfahl, er solle putzen. Der Geruch bestätigte die Notwendigkeit einer gründlichen Reinigung. Doch zunächst würde er selber schwimmen gehen. Schließlich hatten sie ihn als ehemaligem Bademeister zu diesem Job gedrängt. Das , was den Chlor so bleiern riechen ließ, kam jedenfalls nicht aus der Umkleidekabine. Die Oberfläche des Pools lag ruhig da, sah in der Morgendämmerung aus wie ein trüber Spiegel. Achmeds mächtiger, behaarter Hintern ragte zur Hälfte aus dem Wasser.
„Ey“, schrie Olaf, als wolle er Achmed zurechtweisen.
„Scheiße“.
Mit einem Hechtsprung war Olaf innerhalb von Sekundenbruchteilen zur Stelle, drehte Achmed auf den Rücken - und bereute es sofort. Auf den ersten Blick sah es so aus, als hätte jemand einen Herrenschuh auf Achmeds Auge geklebt, auf den zweiten Blick sah man, daß der Pfennigabsatz eines Damenschuhs bis zum Anschlag in der linken Augenhöhle steckte.
„Ey, Scheiße, Scheiße, Scheiße.“ In seiner Panik fielen Olaf keine neuen Worte ein. Achmeds verbliebenes Auge glotzte jetzt entsetzt an die Decke.
„Scheih - ßee.“ Diesmal kam die Intonation wie ein Hilferuf. Olaf war auf dem glibberigen, geronnenen Blut am Boden ausgerutscht und hatte es dabei aufgewirbelt. Im Schock schlug er auf die Leiche ein, um sich anschließend auf ihr zu übergeben. Wieder rutschte er aus, und diesmal schluckte er das Wasser vermischt mit den schleimigen Blutbestandteilen. Die anderen hatten ihn oft als Weichei tituliert. Das würde im weiteren Verlauf der Therapie niemand mehr tun, obwohl eine Ohnmacht ihn an dieser Stelle, gnädig von seinem Schrecken erlöste. Der dicke Masseur Billy hatte die Schreie gehört und fand Olaf bäuchlings im Schwimmbecken liegen. Groteskerweise drückte Achmeds toter Arm seinen Kopf noch weiter unter Wasser. Billy zeigte geringfügig weniger Nerven und befreite Olaf aus seiner gefährlichen Lage. Doch auch er ließ sich später vom Notarzt bereitwillig gegen Schock behandeln.


2

Achmed war ein echter Stinkstiefel gewesen, ein Denunziant und Lügner der primitivsten Sorte. In Ruhrstadt hatte er so lange sein Gülledope verkauft, bis ihn die halbe Drogenszene bei den Bullen angeschwärzt hatte. Im Knast soll ihm ein ehemaliger Kunde dann den Unterkiefer weggetreten haben, was seinem ohnehin schon schiefen Gesicht die echt würdig niederträchtige Ausstrahlung gab. Rapsfelds Dorfbullen bissen bei ihrer Suche nach Zeugen und Motiven bei den Süchtigen auf Granit. Mach hier keine Welle, Mann. Ich hab den Bergtürken geliebt, als wär er mein eigener warmer Bruder. So oder so ähnlich lautete die Standardantwort der Patienten in der Fachklinik Lederbergland. Die Leitung erteilte bis auf weiteres Ausgangsverbot, mit einer anscheinend glaubwürdigen Androhung des Rauswurfs bei Übertretung. Da die Therapie für neunzig Prozent der Klienten eine Bewährungsauflage war, konnte sich Dr. Seeliger der Wirksamkeit seiner Maßnahme so sicher wie eben möglich sein. Wer abhaute, war ohnehin verdächtig, und die fünf oder sechs Freiwilligen würden eben mitziehen müssen, so dachte er. Der normale Tagesablauf sollte so schnell wie möglich wieder hergestellt werden.
Achmed war in der Nacht auf Freitag umgekommen. Am späten Nachmittag konnte die Polizei einen bizarren Selbstmord immer noch nicht ausschließen. Man hatte die Axt aus der Gärtnerei im Schwimmbecken gefunden, sonst keinerlei Spuren, die auf einen Kampf hätten schließen lassen können. Die Matten waren tatsächlich von Hedi aufgerollt worden. Zwischendurch hatte nachweislich niemand gewischt. Es waren durchaus noch jede Menge Fußabdrücke zu erkennen gewesen, nur waren die in logischerweise unschuldigen Zusammenhängen zu deuten. Die dazu gehörenden Personen hatten sich sogar in eine eigens dafür vorgesehene Liste eingetragen, die ihren Aufenthalt dort bestätigte. Letzten Endes lag der Verdacht nahe, hier seien auf besonders drastische Weise alte Rechnungen aus Ruhrstadt beglichen worden. Die Art und die Umstände - Achmed hatte es jedem erzählt, der es nicht hören wollte, er hätte Angst nach Ruhrstadt zurückzugehen - sprachen eindeutig für einen Killer von außerhalb. Genau wie die verrückte Selbstmordtheorie waren auch ein Patient oder sogar ein Angestellter als Täter nicht auszuschließen, nur war die naheliegendere Variante die glaubwürdigere und bessere, weil bequemere Möglichkeit. Am Freitagabend ging auf dem Gelände das Gerücht um, der Fall sei an die Kripo in Ruhrstadt abgegeben worden.

3

„Was geht mich der Tod von diesem Abzieher an? Ich will hier Therapie machen, Alter.“
Du hast keine Lust auf Knast und willst einen auf lau machen. Harro würde mich noch stundenlang vollgequatscht haben, hätte ich das tatsächlich gesagt.
„So denken doch fast alle, Mann.“ Das war besser. In seinem Eifer hatte er wenigstens vergessen sein verschissenes Techno-Gedröhn aufzudrehen. Mich interessierte es schon, wer diesen Vollidioten von Achmed derart brutal kalt gemacht hatte, nur hatte ich mit Harro einen absolut debilen Zimmerkollegen, dem es unmöglich war über seine eigenen Fürze hinaus zu denken.
„Und die lassen mich nicht gehen. Ich hab gefragt. In die Kiste geh ich nich, nie wieder. Aber wie soll man hier vernünftig Therapie machen, wenn hier womöglich ein durchgeknallter Killer rumläuft.“
Das Thema war schon den ganzen Tag von schlaueren Leuten als ihm durchgelutscht worden, teilweise Leute, die ich sogar ernst nehme. Irgendwie mußte ich ihm den Saft abdrehen.
„Hast du auch Probleme mit der Mafia, oder was?“
„Mafia, Mafia. Ja wenn, wenn.“
Das Arschloch drehte sich um und war sofort am Schnarchen.

Harro arbeitete mit mir und Mike in der Küche. Mike war ein Sonderling, der zu viele und schlechte Trips geschluckt hatte. Sein Vater war ein Linguistenprediger in Guatemala gewesen. Muß ein greller Vogel gewesen sein, bis ein paar Indios ihn und seine Familie entführten. Mike dürfte damals vor zwanzig Jahren etwa fünf gewesen sein. Er erzählte nie was davon, außer daß er ab seinem zehnten Lebensjahr in einem Waisenhaus in Bayern gelebt hat. Seine Eltern und seine große Schwester wurden angeblich von den Indios erschlagen. Mir kam es vor, als hätte er von Achmeds Tod gar nichts mitgekriegt. Er war jedenfalls der Einzige, der noch nicht seinen Senf dazu gegeben hatte. Wir waren am Spülen, als Harro wieder damit anfing.
„Was sagst du denn zum Achmed, Mike?“
„Es gibt keinen Achmed mehr. Hm, was soll ich zu ihm sagen?“
Diese kryptischen Antworten paßten überhaupt nicht zu seinem Alfred E. Neumann-Gesicht und der dicklichen Figur. Er hatte keine Henkelohren und war rothaarig, aber Sommersprossen, Zahnlücke und Frisur stimmten nahezu mit dem Vorbild überein. Sein aufgeschwemmter Körperbau war mit Sicherheit Folge jahrelanger Ruhigstellung mit Haldol oder anderen Psychopharmaka.
„Du bist zum Scheißen zu blöd. Weißt du überhaupt von wem ich rede?“
Wie konnte er nicht. Achmed war neben Harro derjenige gewesen, der ihn am Meisten verarscht hatte. Von faulen Eiern im Schrank über Fliegen im Hawaiitoast bis zu seinen üblichen Zinkereien hatte die verstorbene Drecksau nichts ausgelassen.
„Ich..., äh... naja. Wieso...?“
„Machn Kopp zu. Es stinkt. Außerdem sind die Töppe von gestern abend noch dreckig. Die will ich vor zehn noch glänzen sehen.“
So redete Harro die ganze Zeit mit Mike, die Arbeitszeit war für ihn die reinste Psychofolter. Ich hielt mich da so weit es ging heraus, schließlich hätte Mike zurückfeuern können. Harro hatte ihm gar nichts zu sagen. Statt dessen fing Mike an zu hyperventilieren.
„Ruf die Elf an, Heinzi. Unser Weichei hat wieder sein Asthma.“
Er wußte durch einen dummen Zufall, daß ich die Verniedlichung von Namen von Erwachsenen total krank fand. Daher ritt er bei meinem Namen ständig darauf rum.
„Das ist kein Asthma, du Wichser. Du hast ihn auf die Palme gebracht, also rufst du auch an.“
Mike hatte inzwischen einen roten Kopf bekommen, der sich langsam blau verfärbte. Harro würde die besseren Nerven haben und Mike tat mir leid. Von daher rief ich Hedi an. Die kannte sich mit Mike aus. Nach zehn Minuten war er wieder so fit, daß er eine Schwarzer Krauser rauchen konnte, aber Dr. Seeliger schrieb ihn für den Rest des Tages krank. Harro durfte die Töpfe selber spülen. Während der Mittagspause setzte ich mich in der Pseudocafeteria neben Mike.
„Warum wehrst du dich eigentlich nie gegen diese Nachgeburt?“
„Ich kann...“, stammelte er.
„Was kannst du?“ Ich wollte einen auf geduldig machen, obwohl es rufschädigend war den Samariter raushängen zu lassen. Mike brachte die Angelegenheit jedoch kurzerhand zu Ende.
„Laß uns heute nacht singen“, sagte er, stand auf und ging pfeifend weg.

4

„Heinzi, alter Flachwichser. Was is los?“
Harro hatte dafür gesorgt, daß mich auch Leute wie Erkan, mit dem ich ansonsten gut zurecht kam, Heinzi nannten. Ich heiße Heinz-Georg Tümmler und kann sehr gut damit leben, aber ich stehe auf dem Standpunkt: no jokes with names.
„Was soll los sein?“
„Du guckst so bedröppelt. Sag bloß, du trauerst um den Bergtürken?“
Erkan war selbst ein kurdischer Dealer, nur hatte er laut eigener Aussage nie jemanden verpfiffen und - ebenfalls nach eigener Aussage - immer Spitzenqualität verkauft.
„Quark. Ich muß über Mike nachdenken. Is schon klar, warum sich alle über den lustig machen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß der wirklich so bescheuert ist. Zumindest kann der nicht immer so bescheuert gewesen sein.“
„Der ist nicht bescheuert, der ist nur abgedreht. Sein Alter war n Studierter. Der kann nicht ganz blöd sein. Angeblich haben ihm die Indianer schon als kleines Kind irgend welche Trips reingetan. Deswegen ist der so Matsch in der Birne.“
Das war ein hartnäckiges Gerücht. Erkan war bei Mike in der Gruppentherapie. Es war möglich, daß er mehr wußte als ich.
„Hat er dir das erzählt?“
„Nee, Mama Wankel hat sowas angedeutet. Der Mike soll fünf Jahre im Urwald gelebt haben.“
Inge Wankel war unsere Sozialarbeiterin. Die Sache mit dem im Urwald leben war mir neu. In Wirklichkeit hatte ich aber tatsächlich an den Vorfall von vorgestern nacht gedacht, ihn mir ausgemalt, wie der dicke nackte Achmed um Gnade gewinselt haben mochte. Jeder in der Lederberglandklinik war von Achmed zur Weißglut getrieben worden, aber ich hielt keinen für so kaputt, daß er ihn durchs Auge pfählt und hinterher cool genug ist, keine Spuren zu hinterlassen.
„Mike hätte gute Gründe gehabt, ihn umzubringen“, rutschte es mir raus.
„Wie kommst du denn auf das schmale Brett?“
Das wußte ich selber nicht. Es war absurd, und ich war im Begriff, Kredit zu verspielen bei jemandem, den ich ernst nahm. Trotzdem wollte ich nicht so einfach klein bei geben.
„Er ist der Einzige von uns, der verrückt genug wäre sowas zu machen.“ Das klang plausibel, doch Erkan hatte natürlich sofort den offensichtlichen Haken erkannt.
„Das wär genauso, wie wenn du mich ficken wolltest. Du wärst schon tot, bevor du die Hose aufhättest.“
Das wars. Ich bekam Lust auf zwei, drei kühle Bier und ne fette Line.
„War nur so ne Idee.“ Rückzug war angesagt.
„War ne Scheißidee. Laß mal den Mike in Ruhe. Ihr habt die arme Sau ja wohl heute in der Küche wieder total rund gemacht, der Harro und du.“
„Der Harro, nicht ich.“
„Du warst dabei.“
„Leck mich, Mutter Theresa.“
„Du bist ne Wurst, Heinzi.“
Erkan hatte schlecht geschissen. Wenn er unbedingt das letzte Wort haben wollte, sollte er es meinetwegen haben. Ich hatte auf der Bank unter dem Ahorn neben dem fiesen Eingangstor mit den Stahlspitzen gesessen. Erkan hatte gestanden. Ich stand auf, ging an ihm vorbei zurück zum Hauptgebäude, um mich für einen Spaziergang im Ausgangsbuch einzutragen. Auf halbem Weg fiel mir wieder ein, daß Spaziergänge bis auf weiteres abgesagt waren. Als ich zurückkam, saß Erkan auf meinem Platz und guckte durch mich hindurch, der Idiot.

Die Lederberglandklinik war ein altes Schloß mitten im Sauerwald. In diesem Jahrhundert waren die Gebäude schon als Kriegslazarett, Hotel, als Spielkasino und als Puff genutzt worden. Die Lage war durch ihre Abgeschiedenheit exklusiv und idyllisch, allerdings auch einsam und langweilig. Um eine Zeitung zu kaufen, mußten wir drei Kilometer durch den Wald laufen. Also hatten wir keinerlei Informationen, was die Presse über den Vorfall dachte. Ein Regionalsender hatte eine Rachegeschichte aus Ruhrstadt gebracht, gespickt mit Fotos von Achmed aus der Verbrecherkartei und Werbebildern vom Schwimmbad. Gab nicht viel her. Oben im Hang hatte ich am Freitag einen Fotografen auf einem gefährlich dünnen Ast einer Buche gesehen, wie er versuchte über die Mauern zu linsen. Dabei gab es außer Zigaretten rauchenden Junkies rein gar nichts zu sehen. Ich hätte mir gerne ein paar Mark verdient gehabt und mit ihm gesprochen, aber die Idee hatten schon welche vor mir gehabt. Und die durften die Kohle gleich an die Sozialkasse abgeben und bekamen obendrein peinliche drei Tage Stubenarrest. Manchmal ist Zögern eben doch besser.
Den Rest des Tages verbrachte ich vor der Glotze und mit Klamottenkataloge wälzen. Ein erwähnenswertes Ereignis gab es noch beim Abendbrot. Mike hatte sein Essen auch nach langem Drängen des diensthabenden Doktors im Stehen eingenommen, erzählte, er müsse bereit sein. Als er anfing, vom Mars zu schwadronieren, gab der Doktor nach und ließ ihm seinen Willen. Die Leute johlten, äfften ihn nach und Harro wollte wissen, welche Befehle Mike von den Außerirdischen erhalten habe.
„Chabe fohlen“, war das, was ich als Mikes Antwort verstand, und er zeigte dabei mit dem Finger auf Harro. Der Doktor drohte mit dem Verbot der Fußballübertragung, wenn nicht bald Ruhe wäre. Das half. Harro faselte noch was von Sonderrechten, und wenn das jeder machen würde, aber diesen alten Hut zu kommentieren, machte sich niemand die Mühe. Bei Mike war nie eine Schizophrenie oder eine andere chronische Psychose diagnostiziert worden, für die Gesundheitsbehörden war er darum ein normaler Drogenpatient. Daß die Behandlung auf jemanden wie ihn überhaupt nicht zugeschnitten war, interessierte anscheinend weder den Kostenträger noch die vier oder fünf Kliniken, in denen er sich die Jahre zuvor aufgehalten hatte. So hatten wir gelegentlich was zu lachen, und Mike brauchte seinen Alltag nicht mit haldolverseuchten Zombies zu verbringen.


5

Diesen Abend kannte Harro mit seiner Scheißmusik keine Gnade. Kopfhörer sind schließlich verboten, war sein bestechendes Argument. Es war ein schäbiges Ritual, das ablief. Ich drohte, ihn beim Personal zu melden, er drohte, mich zu Brei zu schlagen, wenn ich das machen würde.
„Dann fliegst du raus.“
„Vorher deine Zähne.“
„Das riskierst du nicht, bloß wegen der Scheißmusik.“
„Du bist ein Wichser, Heinzi. Was meinst du, was ich nicht alles für guten Sound riskieren würde, im Gegensatz zu dir Plätzchen.“
„Von Rücksicht hast du noch nie etwas gehört, du Arschloch.“
Diplomatie war an dieser Stelle vergebens, und ich erwartete auch keine Reaktion mehr. Diese einzellige Wanze hatte schon oft behauptet, er würde freiwillig in den Knast zurückgehen. Für mich als Freiwilligen war Streit ein Greuel. Hätte ich damals eine Wohnung gehabt, ich hätte schon viel früher die Therapie abgebrochen. Bis kurz vor zwölf zog ich mir das Kissen über den Kopf, konnte aber teils wegen der Musik, teils vor lauter Wut nicht mal dösen. Seine schäbige Anlage gab von den eintönigen Bässen ein verzögertes Knarren wieder, und sein asynchrones Schnarchen zeigte mir lediglich, daß er zufrieden war, keineswegs daß er schlief. Um diese Zeit war ich soweit, meine körperliche Gesundheit für meine geistige zu riskieren. Zumindest wollte ich versuchen, das Ding leiser zu stellen und die Bässe rauszudrehen. Ich hatte gerade einen, so fand ich, erträglichen Pegel eingestellt, meine Finger noch am Regler, als sich Harro ruckartig aufrichtete. Ich zuckte sofort zurück in Erwartung eines Hiebes.
„Du hast geschnarcht, Mann“, rechtfertigte ich mich.
„Ich dachte, du schläfst schon.“
Harro stand auf, sagte nichts. Etwas total abwegig Verrücktes lag in seinen unnatürlich weit geöffneten Augen.
„Du hast ne Meise, du Idiot. Wegen sowas...“
Ich hatte die Hände vor das Gesicht genommen und den Kopf zur Seite gedreht.
Wir wohnten im zweiten Stock eines Flachdachanbaus aus den Siebziger Jahren. Oft genug waren die Leute dort über die Feuerleiter zum Feiern abgehauen, daher hieß das Ding bei den Patienten auch Feierleiter. Man gelangte zwar nur in den Innenhof und mußte über das gefährlich spitze Eisentor, aber die Gelegenheit war oft genug genutzt worden.
Harro stieg aus dem Fenster und verschwand aus meinem Blickfeld. Ich war völlig verblüfft, traute mich aber nichts zu sagen. Sein Verhalten erschien mir dermaßen absurd - er hatte Boxershorts und ein T-Shirt an, war barfuß - daß ich hinterherging. Sollte man Schlafwandler nun wecken oder ließ man sie besser in Ruhe? Ich hatte noch nie davon gehört, wie ein Schlafwandler irgendwo abgestürzt wäre, Horrorstories von Herzinfarkten und Unfällen aufgrund von Schockreaktionen waren mir dagegen sehr wohl bekannt. Vom Dach hörte ich den leisen, kindlichen Gesang aus dem Innenhof. Es war mir nicht möglich, Harros Bewegungen als mechanisch oder schlaf-wandlerisch zu bezeichnen. Dafür gehörte er zu der Sorte Mensch, die jeden Tag Tonnen von Eisen stemmt und diesen für Bodybuilder typisch tapsigen Gang hat. Er kletterte die Leiter herunter und kam heil unten an . Erst jetzt registrierte ich den Gesang als unpassend, verboten; außerdem klang er hochgradig albern.
„Pixl paxl enchodan hä
klatki katka enchodan mi“
Das Ganze war meiner Meinung nach die Melodie von Vom Himmel hoch, da komm ich her , etwas schräg interpretiert, aber unverkennbar. Laß uns heute nacht singen. Ich war inzwischen selbst heruntergeklettert. Mike stand an der Mauer vor dem großen Blumentopf mit dem Gartenzwerg - und begoß den Gartenzwerg während er sang. Die Figur war geknebelt und hatte als Schürze ein Stück Baumwolle um. Ich sah zu Harro herüber, der Richtung Ausgang watschelte und bemerkte den Riß in seinen Shorts.
„Pixl paxl enchodan hä
klatki klatka enchodan mi“
Es klang schmallippig, gepreßt, viel zu hoch für einen Erwachsenen, eher wie so ein bettelndes Zigeunerkind im kalten Ruhrstadt kurz vor Weihnachten.
„He Mike. Alles klar? Was machst du denn hier?“ Ich klang wie immer ruhig, dabei war ich total durcheinander. Ich wußte nicht, was ich von der Szene zu halten hatte, oder ich wollte es nicht wissen. Harro schwang sich das Eisentor hinauf.
„Chabe fohlen.“ Mike lächelte mich breit an, die Gießkanne in der Rechten. Die Axt von dem Gartenzwerg ist weg. Mir wurde übel. Anstatt über das Tor zu klettern, hielt Harro auf dem gefährlichen höchsten Punkt inne, kramte in seinen Taschen und stopfte sich mehrere dreckige Taschentücher in den Mund. Dann setzte er sich mit seinen ganzen hundert Kilo auf die längste Stahlspitze. Ich traute meinen Augen und meinen Ohren nicht . Das Geräusch wie die Innereien durchtrennt wurden war so unwürdig . Das Tor wackelte laut, als Harros Arsch auf der Querverstrebung landete. Mir liefen die Tränen stromweise, während ich auf ihn zulief und verzweifelt versuchte ihn runterzuhieven. Dabei muß ich lediglich seine Gedärme umgerührt haben. Aus den roten Taschentüchern troff das Blut, die Äderchen in den Augen platzten, und ich sah mit ihm sein letztes Bild. Der singende Mike goß weiter seinen Gartenzwerg.





Nachwort

Ich warte auf meine Verhandlung, während ich das hier schreibe. Mike war schon auf seinem Zimmer gewesen, als mich der Nachtdienst auf seinem Rundgang heulend in der Blutlache gefunden hatte. Mein Anwalt hat mir eine Bewährungsstrafe wegen fahrlässiger Tötung in Aussicht gestellt, wenn ich die Story ihm überlasse. Aber ich bin unschuldig, und dieses Monster läuft immer noch frei in der Lederberglandklinik herum. Ich habe jede Nacht Alpträume. Gartenzwerge vom Mars wollen mich als Düngemittel auf ihren Planeten holen. Manchmal spüre ich wie Mike an mich denkt. Ich habe mir eine kleine Klinge geschliffen.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.08.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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