Dieter Kamensek

Donnerstag

 

 

Eine Firma. Eine Firma wie viele andere Firmen. Die Leute arbeiteten, sie mochten alle ihren Job. Einige der Beschäftigten waren fleißiger als die anderen, einige waren kommunikativer als die anderen und wieder einige waren  netter als andere Kollegen. Einige hatten immer etwas zu tun, waren immer in Eile und in der Hektik,  die anderen schienen der Arbeit hinterher oder eher davonzulaufen!

Der seit kurzen eingesetzte Abteilungsleiter im Bereich der Technik nahm seine Aufgaben sehr ernst. Es war auch verständlich, zumal die Firma gerade im technischen Bereich einige Schwierigkeiten und Probleme hatte. Es waren nicht gerade viele in dieser Abteilung , gerade mal 6 Personen, doch gab es auch hier die verschiedenen Formen der Firmenkultur im Kleinen, wie Cliquenbildung, Interessengemeinschaften, Gerüchteteams, Mobbingeinheiten und so weiter und so weiter.  Der vorige Abteilungsleiter war Mitglied der gefürchteten Mobbingeinheit. Er wurde vor kurzem zum Bereichsleiter der Technik und Produktion ernannt!

 

Den meisten war es nicht wichtig wie das Geld, mit dem die Angestellten und Arbeiter bezahlt werden, von der Firma verdient wird. Sie machten sich keine Sorgen und keine Gedanken über das Morgen der Firma. Der neue Abteilungsleiter bildete hier eine Ausnahme. Er wurde neu aufgenommen, so recht kannte ihn keiner. Er machte einen seriösen Eindruck, verheiratet und zwei Kinder! Er mochte seine Sparte, seine Arbeit, und deshalb träumte er einen recht gewagten Traum! Alle sollen gerne und zufrieden zur Arbeit gehen, gemeinsam arbeiten und gemeinsam die Ziele erreichen. Immerhin, so sagte er stets, verbringt man bei der Arbeit den größten Teil seines aktiven Lebens. Nicht einmal mit der Familie hat man soviel gemeinsame, aktive Zeit!

Er interessierte sich nicht für die Cliquen, nicht für die Gemeinschaften und auch nicht für die Feiern. Er war an einer guten Arbeit interessiert!

Langsam, langsam und sehr zäh  begann sich eine neue Abteilungsphilosophie zu etablieren. Wenn auch nicht alle sehr begeistert waren, war es doch das bequemste und sicherste dem neuen Kurs zu folgen.

Nur die technische Sachbearbeiterin, Brigitte, Bigi genannt, immer schick und modisch, immer aktuell und den neuesten Trends verpflichtet, solariumgebräunt und fitnesscentererbropt, wollte nicht wirklich in das neue Team passen. Sie hatte nicht sehr viel Zeit zum Arbeiten; es waren so viele Verpflichtungen denen sie nachkommen musste. Interne Kommunikation war ihr selbstgewähltes Hauptaufgabengebiet!

Die stellvertretende Abteilungsleiterin, sie war schon länger in der Firma,  war ebenfalls der Ansicht, das Bigi sich ändern müsse.

 Nun, man wollte aber noch abwarten. Es wäre falsch gleich so trastische Maßnahmen, wie eine Entlassung, zu setzen. Zuerst musste sich das Team einmal „einspielen“, danach wollte man weitersehen,…

Der Abteilungsleiter machte oft und lange Überstunden. Sein Auto stand jeden Tag lange vor der Firma. Seine Stellvertreterin arbeitete viel zu hause, das übrige Team arbeitete immer besser und effektiver, aber bei den Überstunden waren sie, zumal es nur eine kleine Überstundenpauschale gab, nicht gerade top. Nur eine Ausnahme. Bigi! Ihr Auto stand – besonders in letzter Zeit – auch sehr lange vor der Firma. Wenn es finster wurde, brannte nur mehr im Büro des Abteilungsleiters Licht!

Gerüchte gingen um, wie lichtscheue Schatten, es wurde gemunkelt, vermutet, bewertet und angeklagt. Schließlich, an einem Donnerstag, Bigi hatte sich die letzten beiden Tage frei genommen, „flatterte“ ein Schreiben bei der Firmenleitung ein.

Bigi hatte den Abteilungsleiter wegen sexueller Belästigung angezeigt. Sie gab an, dass sie seit einiger Zeit von ihm zu sexuellen Handlungen gezwungen wurde. Da sie in einem Abhängigkeitsverhältnis stand, konnte sie sich nicht richtig wehren, sie wusste nicht weiter. In den letzten Tagen, so sagte der Brief, wurden die Forderungen des Abteilungsleiters immer perverser und abartiger. Sie konnte und wollte nicht mehr! Eine Freundin half ihr bei den schweren Entscheidungen und den Behördengängen.

Als die Firmenleitung diese Briefe las, einer war von ihren Rechtsanwalt und der andere von der Kammer, ließen sie den betreffenden Abteilungsleiter zu sich holen, redeten mit ihm und gaben ihm – aus Rücksicht auf den Ruf der Firma – die sofortige Entlassung. Man wollte, in einer für die Firma so schweren Zeit, nicht für schlechte Publicity sorgen.

Es sprach sich herum wie ein Lauffeuer; Fast jeder wusste etwas beizutragen, zu ergänzen und zu erzählen. Andere schüttelten den Kopf und konnten nicht recht glauben, das ein – nach außen hin – glücklicher Ehemann und Familienvater, so etwas tun konnte. Das Gerücht verbreitete sich überall hin. Die Nachbarn grüßten nicht mehr, die Kinder wurden in der Schule gemieden, die Frau hatte bei ihrer Arbeit viel abwertendes Gerede und   Geflüster zu ertragen. Die einen meinten das sie total frigide sein deshalb musste der Mann, …. die anderen meinten dass mit ihr sowieso etwas nicht stimmen konnte, wieder andere bedauerten sie und wieder andere waren ihr das vergönnt!

 

Es gab keine Verhandlung. Es war niemanden außer den Anwälten und der Firmenleitung bekannt warum und wieso es nicht dazu kam, aber man nahm an, dass eine kleine Entschädigung für die arme Bigi gezahlt wurde und somit war alles unter dem Tisch gekehrt. Obwohl ein so furchtbares Ereignis, das Bigi widerfahren war,  Geld nicht aufwiegen konnte.

 

Die Frau und die Kinder trennten sich von dem ehemaligen Abteilungsleiter, andere Firmen gaben ihm – durch die Blume -  zu verstehen, dass sie an einem Mann, der seine Untergebenen so ausnützt, mit sexuellen Eskapaden belästigt, Machtbesessen und unseriös nicht interessiert seien.  Die Nachbarn, ehemaligen Bekannte und auch Freunde sagten sich von ihm los.

 

Bigi war sehr verstört. Das was sie durchmachte, kann jedem passieren. Macht und Ohnmacht, oben und unten, Chef und machtgeile Wichtigtuer sind seit jeher eine Hürde für die arbeitenden Menschen. Chefs fangen zuerst an die Arbeit zu diktieren, danach wollen sie die Pausen und Mittagszeiten kontrollieren, darauf folgend die Freizeit und schließlich den ganzen Menschen. Andere sind – zumindest für einige Vorgesetzte – nur Werkzeuge ihrer persönlichen Bedürfnisse.

 

Nie mehr wird sie so einfach arbeiten können, niemals wieder wird sie einen Vorgesetzten nur als Vorgesetzten sehen. Immer wird sie sich fragen: „Will er noch etwas?“. Selbst bei der nun weiblichen Chefin, weiß sie nicht wirklich, was die Zukunft noch bringen wird. Es gibt, zum einen, so viele sexuelle Verirrungen, zum anderen könnte sie auch die Rache zu spüren bekommen, oder nur die Angst der Manager, weil sie aus dem Schweigen und dem Erdulden ausbrach. Wir leben aber, Gott sei Dank, in einer Zeit der Gesetze, in einer Zeit wo Hilfe den Schwachen gegeben wird, in einer Zeit in der niemand mehr aus Angst seinen Mund halten muß. Wir leben in einen Rechtsstaat, in einem Land wo die Menschen mündig und selbstbewusst sind!

 

Die Täter haben kein leichtes Spiel mehr. Sie müssen Rechenschaft ablegen und zu ihren Taten stehen. Nachher, ja, da will es keiner gewesen sein, alles wird abgestritten und die Täter versuchen den  „Ball“ an die armen Opfer zurückzuspielen. Es gibt eben Menschen die ihre Macht ausnützen, und die anderen Menschen, nur benutzen.

 

Der ehemalige Abteilungsleiter arbeitet nun in einer anderen Stadt am Fließband. Er hat auch keinen Kontakt mehr zu seiner Frau, die sich von ihm scheiden ließ. Er darf auch die Kinder nicht mehr sehen. Sein derzeit liebstes Hobby ist der Alkohol. Er hat nie mehr die Gelegenheit erhalten seine Macht auszuspielen. Er ist, ohne sich dessen bewusst zu sein, ein Beispiel der Gerechtigkeit!

 

Jahre später, die Firma war wieder erfolgreich, die Talsohle war überstanden, da erzählte die reichlich „angeheiterte“  Bigi -  bei einer Weihnachtsfeier - einer neuen, jungen Kollegin, wie sie den ehemals doofen Abteilungsleiter „abgeschossen“  hat. Der wollte sie damals, so sagte er ihr bereits, zum Ende des Monats kündigen. Der Dummkopf war sogar zu blöd, als sie versuchte ihn zu verführen, dieser Trottel ist einfach auf nichts „angesprungen“. Sie ging sogar oft eine halbe Stunde zu Fuß nach Hause um das Auto vor der Firma stehen zu lassen, so dass alle Kollegen und Mitarbeiter sehen konnten was sie wollten!

Vor dem Rechtsanwalt und dem Rechtsbeistand der Kammer hat sie geschluchzt, geweint, ihre Unschuld beteuert, und das war, so sagte sie der jungen Kollegin, fast bühnenreif! Aber sie hatte schon immer einen Hang zum Film!

 

Die neue Kollegin überlegte ob sie etwas tun sollte. Sie wollte nicht die alleinige Mitwisserin einer solchen Tat bleiben, dafür wog die Ungerechtigkeit zuviel!  Sie ging  trotzdem erst einen Monat später zur Firmenleitung und erzählte von Bigis Berichte und Ausführungen.

 

Nach kurzer Zeit kam die Wahrheit ans Licht! Aber es interessierte niemanden mehr. Er konnte auch nicht von einer Schuld freigesprochen werden, zumal es gar keine Verhandlung, keinen offiziellen Schuldspruch, gegeben hatte. Die ehemalige Ehefrau erfuhr ebenfalls von der Unschuld ihres damaligen Ehemannes, doch nun lebte sie mit einem anderen Mann zusammen und hatte die Arbeitsstelle gewechselt. Sie konnte nicht mehr zurück. Die Kollegen, Bekannten und ehemaligen Freunde, von ihm als auch von ihr, stellten die Aussagen und die Wahrheit in Frage, aber nur deshalb um eine eventuelle Ausrede für sich selbst zu haben und ihre fehlende Loyalität und den fehlenden Beistand zu rechtfertigen. Außerdem – so fanden im Nachhinein die meisten – hat er sich niemals richtig gerechtfertigt! Seine Schuld!

Andere nahmen das ganze Geschehen – absichtlich – einfach nicht zur Kenntnis, es war auch schon soooo lange her!

 

Ihm, dem ehemaligen Chef, war es auch einerlei! Sein Leben ist zerstört!

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.12.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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