Rotha

Dutch Hornsby

Die Geschichte, die ich erzähle, hat ihren Ursprung in einem Erlebnis, dessen Wahrheitsgehalt nicht nachprüfbar ist.
Kein Archiv der U. S. Navy gibt Auskunft darüber, was wirklich geschah, ob es geschah.
Und dennoch gibt es Zeugen, die schwören, es gesehen zu haben.
Ich habe versucht, die letzten Stunden vor dem Ereignis zu rekonstruieren.



U.S.S. Yorktown, 4. September, 1945:
Sie befindet sich irgendwo draußen auf der See vor der japanischen Küste.
Ein Träger, der Essex-Klasse, gut ein Jahr im Dienst, Nachfolgerin der alten Yorktown, dem Opfer der Schlacht um Midway.
Am 2. September 1945 unterschreibt General Hirogiro an Bord des Flaggschiffs der U.S. Navy, Missouri, für Japan die Kapitulationsurkunde.
Der Pazifikkrieg ist für die Yorktown zu Ende.
Forscht man nach, was sie am 4. September 1945 tat, besagt die Version der U.S. Navy, dass sie mit ihren Flugzeugen die Camps der U. S. Kriegsgefangen in Japan aus der Luft mit Nachschub versorgt.
Das kleine Team um Dutch Hornsby findet nirgends Erwähnung.


Grønhøj Strand, 4. September, 1995:
Es ist ihr Traumhaus. Während der vergangenen Urlaube haben sie die gesamte Jammerbucht abgeklappert, Prospekte gewälzt, Häuser und Lage gecheckt, bis sie es fanden. Ihr Haus.
Es steht in erster Reihe, hoch oben auf den Dünen. Zwei riesige Terrassen und ebenso riesige, seeseitige Fensterfronten garantieren Panoramablick über die Nordsee.
Der Strand liegt direkt vor der Tür, wunderbar, um mit den Hunden lange Spaziergänge bis hin nach Løkken zu machen.

U.S.S. Yorktown, 4. September, 1945, 9:30 Uhr:
Col. Dutch Hornsby, The Flying Dutch, wie er liebevoll genannt wird, seine vier anderen Piloten und die speziell für diese Mission abgestellten Flugzeugingenieure, treffen sich zur ersten täglichen Einsatzbesprechung, in der eigens für sie eingerichteten Messe. Alle Fünf sind erfahrene Flieger, Träger-Piloten mit Midwayerfahrung, die dazu ausgebildet und abgestellt wurden, Tests mit der seit einigen Jahren in der Entwicklung befindlichen Douglas A1 Skyraider, einem, wie später bewiesen wird, vorzüglichem Träger- Flugzeug, durchzuführen.
Am 15. März 1945 fliegt der Prototyp erstmals. Ein Flugzeug, das zur Legende werden soll.
Dutch und seine Crew sollen sie endgültig trägertauglich machen, sie weiterentwickeln.
Die Sky-Crew, wie sie an Bord genannt wird, genießt Sonderstatus, ist nicht in den täglichen Routineflugbetrieb der Yorktown eingebunden.
So nimmt es nicht Wunder, dass diese erste Besprechung, für militärisches Verständnis, sehr spät stattfindet und, dass man sie locker bei einem ordentlichen amerikanischen Frühstück durchführt.
Weitere Erprobungsflüge stehen heute auf dem Programm. Das Wetter ist optimal, obgleich in den nächsten Tagen ein Taifun erwartet wird.

Grønhøj Strand, 4. September, 1995, 9:30 Uhr:
Carsten hat die beiden Hunde ins Geschirr genommen, um den kurzen Weg zum Købmand, zu den frischen Brötchen zu machen. Gleich um die Ecke herum, am Zugang zum Strand, hat er sein Geschäft, seinen kleinen Supermarkt.
Britta hat derweil die Eier gekocht, fünfeinhalb Minuten, Kaffe und Tee zubereitet, den Frühstückstisch gedeckt.
Die Beiden genießen ihr Frühstück, den atemberaubenden Blick über die See und beschließen, mit den Hunden einen langen Spaziergang in das sechs Kilometer entfernte Løkken am Strand entlang zu machen..

U.S.S. Yorktown, 4. September, 1945, 11:45.
Dutch und seine Crew haben sich auf dem Reparaturdeck um die beiden Skyraider, die für die Tests zur Verfügung stehen, versammelt. Die Piloten tauschen mit den Technikern ihre letzten Flugerfahrungen aus, berichten vom Verhalten der Maschine bei Start und Landung, bei extremen Fluglagen.
Bei einer der Skyraider wird man die Rudermechanik etwas verfeinern um mehr Manövrierfähigkeit zu erzeugen, man wird das Triebwerk auf ein besseres Ansprechen bei plötzlich erhöhten oder verminderten Drehzahlen einstellen.
Am Nachmittag wird Dutch einen Test fliegen.

Løkken, 4. September, 1995, 11:45 Uhr:
Es ist ein wunderbar sonniger Tag. Fast kein Wind, aber kühl am Boden.
Britta und Carsten sind mit ihren Hunden am Strand entlang bis Løkken gewandert.
Der Marktplatz ist umsäumt von Geschäften und Bistros, die von deutschen Touristen, wie auch von einheimischen Gästen, gerne wahrgenommen werden.
Sie haben sich das Bistro ausgewählt, das den besten Überblick über das Geschehen auf dem Marktplatz bietet.
Die Hunde liegen zu ihren Füßen.
In etwa einer Stunde werden sie den Rückweg antreten und am Nachmittag wieder in ihrem Haus auf den Dünen sein.

U.S.S. Yorktown, 4. September, 1945, 16: 55:
Dutch und seine Crew, alle die am Projekt beteiligt sind, fahren mit dem Fahrstuhl auf das Flugdeck.
Ein neuer Erprobungsflug steht bevor.
Seine Skyraider, Dutch am Knüppel, wird in das Katapult eingeklinkt, Teil der täglichen Startroutine.
Die Dampfturbine wird ihn gleich mit seiner Maschine über das Abflugdeck hinausschleudern, weg von der Yorktown, hinaus über die See, ihn dem Himmel nahebringen.
Der Beschleunigungsschlag trifft ihn hart im Genick, Gewohnheit.
Gase voll rein, volle Beschleunigung, sanft ziehen, nicht zu heftig. Nase hoch, Klappen rein, Linkskurve weg vom Träger.
Höhe gewinnen, Erprobung fliegen. Zwanzig Minuten etwa.

Grønhøj Strand, 4. September, 1995, 16:55 Uhr:
Britta und Carsten sind zurück in ihrem Traumhaus.
Endlich Zeit, sich auf die Terrasse zu setzen, den Blick über das Meer zu genießen, den Tag ausklingen zu lassen.
Sie haben sich einen herzhaften Kaffee gebraut, genießen den Panoramablick, sagen, dass dies dem Paradies nicht unähnlich sei.
Das Fernglas, das Carsten immer neben sich hat, steht auch heute bereit. Hier oben, eigentlich nur wenige Meter oberhalb des Meeresspiegels, ist es etwas wärmer als unten am Strand.
"Britt, das ist Wahnsinn. Schau mal rüber. Drüben auf 14:00 Uhr. Die Schiffe. Deutlich oberhalb des Wassers. Fliegende Holländer. Siehst du sie?“
"Unglaublich Spatz, man kann jedes Detail erkennen."
"Eine Luftspiegelung, faszinierend. So etwas habe ich noch nie gesehen. Siehst du es? Die Schiffe schweben weit über dem Wasser. Wenn ich mich recht an meine Schulzeit erinnere, hat es etwas mit der Abnahme der Dichte der Luft in der Höhe zu tun. Die Temperatur an der Wasseroberfläche müsste wesentlich niedriger sein als in größerer Höhe. Luftspiegelung, Fata Morgana."
"Weißt du Spatz, nur dafür lohnt es sich, hierher zu fahren, unglaublich"
"Britt, da ist ein großes Schiff, das sieht aus wie ein Flugzeugträger. Es ist ein Flugzeugträger, Britt, ich kann den Namen lesen, Yorktown."

Skyraider, 4. September, 1945, 17:15 Uhr:
Dutch hat seinen "Vogel" hart rangenommen. Er hat die Kurven enger geflogen als er es tun dürfte, er hat die Sky in jede nur erdenkliche Fluglage gebracht. Er hat das Material, vertrauend darauf, dass es erstklassig ist, dass es den neuen jetgetriebenen Flugzeugen ebenbürtig ist, gefordert. Seine Sky kann es. Sie kann alles, alles was das Herz eines alten, erfahrenen Midwaykämpfers erfreuen könnte.
Landeanflug.
Die Yorktown wartet auf ihn, voraus, unten, ein Winzling, aber groß genug, ihn landen lassen zu können.
Die Landehilfen an Deck der Yorktown sagen ihm, dass er zu schnell ist, zu hoch ist.
„Gas raus, Fahrt raus, nicht zuviel, Nase etwas hoch, Klappen voll raus. Du bist zu tief, Dutch. Hey Dutch, was machst du da. Scheiße, dich kriege ich runter, Sky. Nase etwas hoch, etwas mehr Fahrt rein, o. k., nein, nicht o. k. Nase etwas runter, aber nicht mehr Fahrt, verdammt, warum driftet der Vogel, Turbulenzen, Scheiße, ausgleichen, Ruder links treten, mehr Gas, ich bau Scheiße, sie sinkt zu schnell, Quatsch fällt, warum reißt die Fläche backbords hoch, Bodenberührung Steuerbord, sie dreht sich, schleudert, die Brücke, Scheiße, Sky... "

Grønhøj Strand, 4. September, 1995, 17:15 Uhr:
Durch das Glas sieht Carsten die Yorktown, wie einst den fliegenden Holländer über dem Wasser der Nordsee.
"Britt, da stehen Maschinen an Deck, mit hochgeklappten Flügeln. Propellermaschinen. Gibt es doch heute gar nicht mehr. Unglaublich.
Britt, da kommt eine Maschine. Aus dem Nichts. Einfach so. Sieht aus wie eine Skyraider.....die sind doch noch in Vietnam geflogen. Sie trudelt, sie wackelt, sie ist zu hoch, sie sackt durch, oh Gott, die rechte Fläche berührt das Deck, der Pilot, die Decksmannschaft rennt, rennt um ihr Leben, sie schleudert, mitten in die Aufbauten, die Mannschaft, Feuerball, ein Feuerball, sie explodiert, einfach so, sie explodiert. Feuer, Feuer überall. Was ist da passiert? Wo ist das passiert...?"



Sie haben die letzten Minuten, Sekunden, von Dutch Hornsby gesehen, zumindest glauben sie es.
Carsten ist LH-Kapitän. Er ist Kapitän auf einer Boeing 747-400.
Die dänische Regierung hat ihre Beobachtung als dummes Zeug beurteilt, physikalisch, räumlich und zeitlich unmöglich.

 

Die U.S. Navy hat bestritten, dass es jemals ein solches Erprobungsprogramm für die Skyraider gab, noch habe es jemals einen Dutch Hornsby in Diensten der U.S. Navy gegeben.

Wie konnte es sein, dass dies alles, trotz des örtlichen und räumlichen Zeitunterschiedes, zeitgleich geschah?
Die Luftspiegelung, 1995 in Dänemark, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben, ihr Geheimnis wahren.

Dutch Hornsby: Er war (wenn es ihn gab) einer der Ersten, die dieses Flugzeug zur Legende machten.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.12.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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