Philip Neumann

Atlantis - Die Besetzung Hekataions - Teil 2

Blut, überall nichts anderes als Blut, das bräunlich im Halbdunkel der Halle schimmerte. Als hätte man hier 50 Stiere geopfert, doch Chrysippos mochte nicht daran glauben, dass das Blut von Tieren stammte und nur Momente später, nachdem sich die Augen an das dämmerige Licht gewöhnt hatten, bestätigte sich der grausige Verdacht. Im hinteren Bereich der Halle, wo einstmals der Thron gestanden haben dürfte, lag ein dunkler Haufen, bestehend aus Menschenleibern, oder vielmehr dem was davon übrig war. Gliedmaßen, abgeschlagene Häupter, Eingeweide, alles säuberlich aufgeschichtet. Wahrscheinlich hatten sich die Bewohner der Stadt in die Halle retten können, doch früher oder später war es den Belagerern gelungen hier einzudringen und dieses Gemetzel zu vollbringen. Dies zumindest war die Vorstellung des Chrysippos. „Welcher Mensch kann so etwas nur tun“, murmelte Demokles, ein junger Soldat von nicht einmal 20 Jahren. Eine ähnliche Bestürzung hatte auch Chrysippos ergriffen, doch verlor er selbst kein Wort darüber. „Was seid ihr nur für Männer?“ Themistokles Worte donnerten durch das drückende Schweigen der Halle. „Ihr seid mit mir gegen die Südlinge gezogen und ihr selbst habt den Krieg erlebt. Kennt ihr nicht den Tod? Habt ihr ihm nicht schon selbst ins Gesicht gesehen? Und nun scheut ihr zurück vor ein wenig Blut und totem Fleisch?“ Genau dies war der Grund gewesen, warum Chrysippos das Schweigen vorgezogen hatte. Ihr Anführer hatte keinen Sinn für derlei Situationen, denn keine Gefühle regten sich in ihm. Kalt wie ein Stein war Themistokles und genau das war seine Stärke als Heerführer. Doch man durfte in einem solchen Moment nicht darauf vertrauen, dass er Mitgefühl zeigen würde. „Schöne Soldaten seid ihr mir“, hörte Chrysippos den Heerführer schnauben, „ihr solltet euch zu den Weibern gesellen, denn euer Klagen kommt dem ihren gleich.“ Obwohl der Heermeister hinter ihm stand konnte Chrysippos doch seine finstere Miene bildlich vor sich sehen, ja, sie hatte sich förmlich in seine Gedanken eingebrannt. „Schafft die Leiber nach draußen und verbrennt sie“, brummte Themistokles schließlich. „Verzeiht Herr, aber sollten wir diesen Menschen nicht ein ordentliches Begräbnis zuteil werden lassen?“ Chrysippos hatte sich bei seinen Worten umgewandt und sah nun in ein paar dunkle Augen, die ihn böse anfunkelten. „Diesen“, während er sprach hob er den Arm und deutete auf die menschlichen Überreste, „verdammten Piraten willst du eine Bestattung zukommen lassen, Chrysippos? Frag sie doch einmal wie vielen Atlantern sie ein ordentliches Begräbnis zuteil werden ließen als sie ihre Schiffe verbrannten und sie in ein kaltes, nasses Grab schickten. Los, frag sie.“ Seine Stimme war inzwischen zu einem unheilvollen Sturm angewachsen, doch überraschend schwieg er plötzlich und wendete sich ab. Chrysippos spürte wie seine Knie zitterten. So vieles hatte er schon erlebt, doch dem Zorn von Themistokles ausgesetzt zu sein versetzte ihn ein jedes Mal von neuem in Furcht, was er sich jedoch niemals anmerken ließ. Wer Furcht zeigte, der war in den Augen des Heermeisters ohnehin kein rechter Manne. „Diese Piraten bekommen das Begräbnis das sie verdient haben. Entfacht ein Feuer.“  
 
Viele Stunden später war die Halle notdürftig vom Blut befreit und frisches Stroh lag auf dem Boden. Und dennoch war der Gestank von Tod und Verwesung nicht verzogen, wahrscheinlich würde er niemals gänzlich vergehen. Themistokles stand an einem der Fenster und blickte nachdenklich auf die Stadt hinab. Hie und da erkannte er das Glitzern einer Rüstung, deren eherne Oberfläche das schwache Licht der Abendsonne reflektierte. Noch immer durchsuchten die Soldaten einzelne Häuser, aber der Glaube daran noch etwas zu finden war lange geschwunden. Leer und verlassen lag die Stadt nun zu seinen Füßen. Etwas seitlich der Halle prasselte ein riesiges Feuer, in dem die Reste der alten Welt vergingen. Ascheflecken stiegen in den Himmel empor, der sich von Norden her zunehmend verdunkelte. Schwere Regenwolken zogen heran, als sollte der Schmutz und die blutige Vergangenheit der Stadt in Kürze hinfort gewaschen werden. Nun würde eine neue Zeit beginnen, eine Zeit des Friedens und des Aufschwungs, die Zeit der Herrschaft der Atlanter. So zumindest stand es im Sinne des Themistokles und dennoch konnte es den Heermeister nicht zufrieden stellen. Die Sonne stand inzwischen weit im Westen und würde alsbald hinter den grünen Hügeln versinken, wenn die Wolken dem nicht zuvor kommen würden. ‚Welch passendes Bild’, dachte Themistokles bei sich und starrte weiter auf den Horizont. Von Beginn an hatte dieses Unternehmen unter keinem guten Stern gestanden, doch hatte es sich noch weitaus schlimmer entwickelt als befürchtet. Langsam führte er einen tönernen Becher an die Lippen und nahm einen zaghaften Schluck. Der schwere, unverdünnte Wein brannte in der Kehle und hinterließ ein herrlich dumpfes Gefühl in der Magengegend, das einen grauen Schleier über die Nöte und Schwierigkeiten legte. Doch mehr als eine Linderung konnte auch der Wein nicht verschaffen, denn zu groß waren die Sorgen, als das man sie hätte ertränken könnte. „Was bewegt dich, mein Freund?“ Aus weit entfernter Dunkelheit drang die Stimme des Chrysippos an sein Ohr heran. So weit war es also schon gekommen, dass seine Maske durchschaut wurde. Dabei war er doch immer ein Meister darin gewesen seine Gefühle zu verbergen und absolute Regungslosigkeit zur Schau zu stellen. Wie tief diese Enttäuschung doch saß, so dass ihm nicht einmal mehr dies gelingen wollte. „Es ist eine Katastrophe“, murmelte Themistokles mit heiserer Stimme und erntete dafür einen verständnislosen Blick. Die beiden Männer standen allein in der verlassenen Halle, so dass es möglich war auf eine vertraute Art und Weise miteinander umzugehen, ohne dass sich einer daran störte. Vor den Soldaten geziemte sich ein solch freundschaftlicher Ton einfach nicht. „Ich verstehe nicht was dich bedrückt, Themistokles. Du hast deine Pflicht erfüllt und die Wünsche des Königs erfüllt.“  
 
Chrysippos erschrak als Themistokles langsam den Kopf hob und ihn anblickte. Die Augen wirkten Trüb und das Feuer, das ihnen einstmals innegewohnt hatte, war verloschen. „Sie haben uns die Stadt einfach überlassen“, erwiderte der Heermeister daraufhin, doch schürte dies die Verwirrung des Chrysippos nur noch mehr. „Stobaios jedoch wird erfreut sein, denn du hast schließlich sein Reich vergrößert.“ Themistokles wandte den Kopf wieder dem Fenster zu und begann leise zu lachen. „Gewiss, Stobaios“, beim Namen des Königs stieß er die Luft aus, so dass es sich beinahe schon verächtlich anhörte, „Stobaios hat es leicht, Freund Chrysippos, denn an seinen Namen wird man sich erinnern, wenn man von der Eroberung des Nordens spricht, doch unsere eigenen Namen werden bald in Vergessenheit geraten. Wer gedenkt schon eines Feldherrn, der keine Schlachten geschlagen hat? Ruhm lässt sich allein durch Siege erringen.“ Chrysippos atmete auf als er dies hörte. Verletzter Stolz, das war wieder einmal alles worum es hier ging. „Dein Hunger nach Ruhm scheint allmählich zu einer Gier zu werden, mein Freund“, meinte Chrysippos schließlich. Wieder hob Themistokles den Kopf und blickte ihm ins Gesicht, doch dieses Mal waren die Augen weder stumpf noch trübe. Unbändiger Jähzorn loderte darin, doch Chrysippos zeigte seinen Schrecken nicht. „Nein, es geht nicht um meinen eigenen Ruhm. Vieles mehr noch steht auf dem Spiel von dem du nichts weißt.“ Themistokles Stimme klang ruhig und beherrscht, doch konnte es jeden Moment zu einem Ausbruch kommen. Aus diesem Grunde war es nun auch besser zu schweigen. „Es ehrt dich, Freund Chrysippos, dass du vom verlogenen Spiel der Politik bisher nicht berührt wurdest, doch du sollst wissen, dass es nicht Stobaios’ Wille war, der uns an diesen Ort befahl. Seine Berater, die ihn alle Zeit umgeben… Sie sind wie Schlangen und hauchen ihm honigsüße Worte in sein Ohr, so dass er nicht bemerkt wie sehr sie ihn vergiften und letzten Endes gibt er ihren Wünschen statt. Sie wollten, dass wir nach dem Norden ziehen. Sie allein.“ Noch immer zeigte Chrysippos keine Regung, sondern verharrte starr auf seinem Platz. Diese Launen des Themistokles waren gefährlich und wenn er noch dazu getrunken hatte konnte es schnell schlimm enden. „Mein Aufstieg und das Gewicht meines Wortes beim König waren ihnen ein Dorn im Auge, denn sie dulden Niemanden in ihren Reihen, Niemanden, der ihre Macht schmälern könnte und erst recht nicht, wenn er aus der Provinz kommt.“
 
Der Zorn stieg in Themistokles auf, während er sprach und alles wurde ihm ins Gedächtnis gerufen. Ein herrlicher Frühlingstag war es damals gewesen, als er die königlichen Hallen von Poseidonis betreten hatte. Ein blauer Himmel hatte sich über die Erdscheibe gespannt und der weiße Marmor des Palastes glänzte in der Sonne. Der König wolle ihn sprechen, hatte man ihm gesagt und voller Zuversicht war er vor den Thron getreten und voller Hoffnung auf die Botschaft gewartet. Nach Norden solle er ziehen und seinem König zur Ehre gereichen, indem er das Reich vergrößere. Er wusste was es zu bedeuten hatte in diese trostlosen Landstriche entsendet zu werden. Seine Feinde am Hof hatten von ihrem Einfluss gebrauch gemacht und ihn in die Verbannung geschickt. Eine Verbannung unter dem Deckmantel höchster Würden freilich, doch dennoch blieb es eine Verbannung. „Welch fruchtloser Feldzug sollte dies denn sein“, ergriff Themistokles nun von neuem das Wort, „gegen ein längst besiegtes Volk, gegen Piraten, die seit vielen Jahren keine Gefahr mehr darstellen.“ Wie konnte dieser verfluchte Chrysippos bei diesen Worten nur so ruhig bleiben? Weshalb zeigte er keine Erregung? War er nur ein verfluchter Feigling, der sich glücklich schätzte einer Schlacht entronnen zu sein? Oder, und das wog noch viel schwerer, glaubte er ihm etwa nicht? Mit starker Hand schleuderte er den Becher, welcher das Haupt des Freundes nur um wenig verfehlte, gegen die Wand, so dass nichts blieb aus einige tönerne Scherben auf dem Boden. „Und nun hat ein anderer diese Piraten unterworfen, eine Schar Hyperboreer womöglich, und wir selbst sind nun die Herren einer toten Stadt“, längst war die Stimme nicht mehr ruhig und beherrscht, sondern zu einem Schreien angewachsen. Und als hätte ihn die Gewalt der eigenen Stimme aufgeweckt hielt Themistokles plötzlich inne. Welch jämmerliches Verhalten dies doch war. Es gehörte sich nicht für einen Heerführer sich im eigenen Mitleid zu suhlen wie ein Schwein im Schlamm. Mochte die Situation so verfahren sein wie sie auch wollte, so musste er dennoch nun Stärke zeigen. Gerade noch im rechten Moment erfolgte dieser Sinneswandel, denn Augenblicke später pochte es an der Tür. „Tretet herein“, war alles was Themistokles darauf entgegnete und beide Männer blickten gespannt auf das Tor, das sich mit einem Ächzen öffnete. „Verzeiht mein Herr“, erklang die Stimme des jungen Soldaten, der demütig sein Haupt senkte, „es befindet sich jemand am südlichen Tor.“ Dies war die erste gute Nachricht dieses lausigen Tages und sie versetzte Themistokles unmittelbar in helle Aufregung, die er jedoch zu verbergen versuchte. „Wer ist es? Sprich rasch“, forderte er den Soldaten ungeduldig auf. Womöglich waren es gar die Hyperboreer, die diese Gemetzel vollführt hatten. „Es sind Echsen, Herr.“ Und schon war die Erregung des Heerführers verschwunden, doch hatte sie sich nicht einfach aufgelöst, sondern in rasenden Zorn verwandelt. Insgeheim bedauerte es Themistokles den Becher für eine solche Nichtigkeit verschwendet zu haben, denn ein Wurf gegen den Schädel dieses Einfaltspinsels erschien nun als eine ungeheure Verlockung. „Du wagst es mich zu stören, nur weil sich ein paar Tiere vor den Toren herumtreiben?“ Ein drohender Unterton von fürchterlicher Deutlichkeit lag in der Stimme des Heermeisters, dessen Hände sich zu Fäusten geballt hatten. „Nein, gewiss nicht Herr“, fuhr der verschreckte Soldat nun mit zitternder Stimme fort, „es sind keine gewöhnlichen Echsen, denn sie gehen aufrecht auf zwei Beinen und tragen Waffen.“ Das war in der Tat unglaublich und schien eher einer Fabel oder einer Sage zu entspringen, doch dieser Knabe vor ihm erweckte nicht den Anschein als würde er es wagen seinen Herren hinters Licht zu führen. „Sie wünschen euch zu sprechen, Heermeister.“ Themistokles trat wieder an das Fenster und blickte auf die Stadt, auf seine Stadt hinab. „Bringt meine Rüstung.“ Noch war die Sonne nicht hinter den Hügeln versunken und auch die Wolken hatten es nicht vermocht sie zu verdecken. War dies das Zeichen einer aufkeimenden Hoffnung?

Kritik ist auch dieses Mal erwünscht. Die Fortsetzung befindet sich bereits in Arbeit und wird dieses Mal hoffentlich nicht wieder so lange auf sich warten lassen.Philip Neumann, Anmerkung zur Geschichte

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Philip Neumann).
Der Beitrag wurde von Philip Neumann auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.12.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Philip Neumann als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Das wilde Kind von Hameln von Bettina Szrama



Der aufsehenerregende Fall des Wilden Peter von Hameln 1724: Das Auftauchen eines verwilderten Knaben nahe Hameln sorgt für Spekulationen und Mutmaßungen am kurfürstlichen Hof von Hannover. Der Kommissar Aristide Burchardy ermittelt in der mysteriösen Angelegenheit. Doch der wilde Peter, wie er fortan von den Hamelnern genannt wird, will nicht sprechen und führt sich wie ein Wolf auf. All dies interessiert Aristide allerdings weniger als das kurfürstliche Wappen auf dem Hemdfetzen, den der nackte Wilde um den Hals trug. Peter wird im Armenhaus untergebracht und trifft dort auf Grete, die Tochter des Aufsehers. Unbemerkt bringt sie sich in den Besitz des einzigen Nachweises über Peters Herkunft. Der armen Kreatur verbunden, flieht sie mit Peter und begleitet ihn auf seinem abenteuerlichen Weg bis an den englischen Königshof Georg I. Nicht nur dieser, auch ein Celler Zuchthausaufseher, ein englischer Lord und eine hannoversche Prinzessin hegen ein auffälliges Interesse für den Wilden. Immer wieder kreuzen sich dabei Aristides und Gretes Wege, bis er ihr, in seinem Bestreben in den Besitz des Hemdfetzens zu kommen, das Leben rettet. Als er endlich hinter Peters Geheimnis kommt, muss er erkennen, dass er selbst ein wichtiger Teil in dieser Geschichte um Macht, Mord und Intrigen ist. Hat seine Liebe zu Grete trotzdem eine Chance? …

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Philip Neumann

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Atlantis - Die Besetzung Hekataions von Philip Neumann (Fantasy)
Der schwarze Ritter von Bernd Mühlbacher (Fantasy)
Elina, kein Tag wie jeder andere von Adalbert Nagele (Weihnachten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen