Stephanie Leitz

Vor dem Gewitter

Leise, doch beständig klatschten die ersten Regentropfen auf ihren Körper. Doch Mira blieb liegen. Zu sehr mochte sie das beruhigende Trommeln, das Gefühl, das der Riesige Raum um sie herum gefüllt war. Sie fühlte die Wassertropfen auf ihrem Gesicht. Sie liebte Regentage.
Sie stand auf, lief durch das knie hohe, gelbgrüne Graß. Sie hatte es sich gewünscht, dass es nicht mehr abgeschnitten wurde, und diesen Sommer durfte es wachsen. Während sie hinüber zu den Bäumen rannte, spürte sie, wie das Grass nass auf ihre Beine klatschte. Sie war glücklich.
Unter den Bäumen war es trocken, doch es roch nach Regen. Es roch nach Erinnerung. Sie erinnerte sich noch genau an jeden Sommer, den sie hier erlebt hatte, an jeden Winter, der hier vorbeigezogen war. Hier war ihr zuhause. Hier gehörte sie hin.
Unter all den vielen Bäumen, gab es einen besonderen. Ein alter Baum, eine Eiche, umschlungen von einem Jüngeren. Das sind wir beide, hatte Großvater gesagt. Wir gehören zusammen, uns kriegt nichts auseinander. Ja, das gehörten sie. In jenem Sommer, als Großvater starb, hatte ein Blitz im alten Baume eingeschlagen, doch dem Jungen, der ihn umwuchs, schien dieser nichts angetan zu haben. Es war ein anderer Grund, aus dem es ihm nicht gelang, ans Licht zuwachsen.
Mira hatte eine Weile am Stamme der beiden gesessen. Ihre Gedanken sind gewandert. Sie war mit den Vögeln geflogen, durch die Luft gesaust. Sie hatte sich tief unter der Erde vergraben und war in sich gekehrt. Und sie war Großvater begegnet.
Dann rief eine Stimme aus dem Haus. Mirakommreinschatzschlafengehzeit. Es war ihre Mutter. Bevor Mira ins Haus ging, wandte sie sich noch einmal um und ließ ihren Blick über den Garten schweifen. Das Grass, das diesen Sommer ganz hoch war. Der junge und der tote Baum.
Ihre Eltern strichen ihr über das Haar. Träum süß, sagten sie und löschten das Licht. Mira lag noch lange wach und dachte nach. Dann schloss sie die Augen.
Inmitten der Nacht begann es zu blitzen und zu Donnern. Mira merkte es nicht. Sie schlief. Sie lag da und lächelte. Der Blitz schlug in den jungen Baum ein, wie in den alten.
Ein weißes Tuch breitete sich über Mira und sie verschwand in der kühle der Erde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Humorvoll schreibt der Autor über eine Kindheit im Jahr 1949 in einem kleinen Dorf in der damaligen "Ostzone".
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