Sylvia Görke

Hamsti

… kein sehr origineller Name für einen Hamster, ich weiß, aber dafür war dieser Hamster um so origineller!  

Schon seit Wochen erzählte meine Mutter von dem kleinen heimlichen Dieb: Eines Tages - ein paar Mädchen machten wieder Schülerpraktikum in der Zoohandlung, in der auch meine Mutter arbeitete - sind ein paar Hamster ausgebrochen. Die Freiheit genießend durchstöberten sie jeden Winkel des Geschäftes. Und zu fressen fanden sie ja in Hülle und Fülle. Es dauerte Tage bis sie wieder eingefangen waren - alle, 
                                                                                bis auf einer!

Da der kleine Wicht sich nach wie vor an den Futtertüten zu schaffen machte, wurde er dem Chef des Zooladens bald zur Last. Er hatte dort sogar Lebendfallen aufgestellt. Um diese machte Hamsti jedoch einen riesen Bogen. Dann griff der Chef zu schärferen Waffen - echte Mäusefallen. Als ich das hörte, stieg kochende Wut in mir hoch. Doch meine Mutter meinte, sie passe schon auf und entschärft die Fallen bei der nächsten besten Gelegenheit. Das gab zwar Ärger, aber bis heute ist es nicht herausgekommen, wer dem kleinen Schelm so unter die Arme griff.  
Und so lebte Hamsti noch einige Wochen glücklich und ungestört in Freiheit bis ihm eines Tages ein leerer Eimer zum Verhängnis werden sollte . . .

 
Eines Abends stand meine Mutter mit einem Eimer vor der Tür. „Schaut mal, wen ich hier habe!“ Bis ich so richtig begriffen hatte, wer das dort ist, der mich mit schwarzen kleinen Knopfäuglein anschaute, hatten meine Kinder sich schon Hals über Kopf in ihn verliebt. Doch meine Mutter meinte nur: „Oh, den könnt ihr nicht behalten, der ist schon zu wild. Er hat zu lange in Freiheit gelebt. Man kann ihn nicht mehr zähmen. Man kann ihn nicht anfassen. Ich wollte ihn euch nur zeigen. Dann wird er get…“
Ich hörte gar nicht mehr hin. ‚So schöne runde Knopfäuglein’ dachte ich bei mir. Und wie er sich neugierig auf die Hinterpfoten stellte. Wie hypnotisiert griff ich in den Eimer und holte das kleine beige Knäuel heraus. „Der bleibt bei uns!“ sagte ich und die Kinder hüpften vor Freude.

Und dann erzählte meine Mutter mir, dass der kleine Wicht irgendwie in den Eimer gefallen sein musste. Das war sein Verhängnis. Und seit er da saß, hatte ihn auch keiner mehr angefasst. Der Chef wollte ihn irgendwie töten, denn zum Verkaufen wäre er schon zu groß gewesen, naja und viel zu wild inzwischen sowieso. Sie wollte uns nur mal zeigen, wer da für so große Aufregung im Laden gesorgt hatte.

Tja, nun hatte ich diesen „Wicht“ schon die ganze Zeit in meiner Hand. Er saß ganz ruhig da. 'Wie man sich doch täuschen kann, nicht wahr Mutti?' dachte ich bei mir.' Gebissen hatte er nämlich in seinem ganzen Leben niemanden!! 

Eine Nacht musste Hamsti noch in diesem blöden Eimer zubringen, aber mit Wasser, Futter, Einstreu von einer Nachbarin unter uns und einem kleinen Häuschen aus Pappe, das ich ihm schnell zimmerte. Am nächsten Tag kauften wir ihm einen wunderschönen großen Käfig.
Doch unser Hamsti schien so gar nicht glücklich in seinem Käfig zu sein. Und wer sollte ihm das auch verdenken? Also ließen wir ihn draußen herumlaufen. Es machte den Kindern großen Spaß zuzusehen, wie er die Gegend erkundete. Da wir damals noch keine Katzen hatten, konnte er dies auch ungestört tun. Es dauerte gar nicht lange, bis er kam, wenn man ihn rief. Schließlich gab es immer eine tolle Belohnung ;-). Doch, wenn er zurück in den Käfig musste, ging das Trauerspiel von vorne los. Er hatte sich dann die ganze Zeit nur an der Käfigtür zu schaffen gemacht. Das konnte doch nun nicht seine einzige Beschäftigung sein? Kurzerhand entschloss ich mich, seine Käfigtür einfach nicht mehr zu verschließen. Ausnahme: Wir hatten Besuch! Und was soll ich sagen, das funktionierte wunderbar. Die ganze Nacht tippelte Hamsti geschäftig kreuz und quer durch die Wohnung. Sogar auf unsere Schränke ist er irgendwie heraufgekommen. Zum Schlafen suchte er seinen Käfig auf, zum Austreten auch. Wenn er aber mal am Tage durch die Wohnung lief, tat er es immer nahe an der Wand entlang. Und wenn man ihn rief, kam er wie ein Pfeil angeschossen. Wenn ich von der Arbeit kam, wurde ich schon an der Haustür begrüßt wie von einem kleinen Hund. (Komischerweise hat unsere spätere Ratte das auch gemacht. Vielleicht ist das so bei Tieren, die frei in der Wohnung herumlaufen dürfen?) Meine Kinder liebten dieses Tier mit dem weichen Fell und den kitzelnden Bartharen über alles, und mit  Sicherheit auch umgekehrt. Sie gingen immer ganz vorsichtig mit ihm um lernten zum ersten Mal, die Bedürfnisse eines Tieres zu respektieren. Es hat mir viel Freude gemacht, ihnen zuzuschaun. Beim Sandmännchen-gucken saßen wir alle in einer Reihe auf der Kautsch und Hamsti krabbelte freudig kreuz und quer.

Auf dem Flur sprach meine Nachbarin mich eines Tages an. „Sie erzählen ihren Kindern immer so schöne Gute-Nacht-Geschichten. Ich kenne die gar nicht. Können sie mir sagen, wie das Buch heißt? ….“ Nein, das konnte ich ihr leider nicht sagen, da ich mir die Geschichten für meine Kinder immer selbst ausgedacht hatte. Im Dunkeln konnte ich nicht lesen und bei Licht sind mir die Krümel nicht eingeschlafen. Also habe ich mir selbst Geschichten und Märchen ausgedacht. Aber was mich nun wirklich stutzen ließ: Wie konnte sie die Geschichten hören? Gut, wir wohnten im Plattenbau. Da ist viel möglich. Aber ich habe an den Kinderbettchen doch recht leise gesprochen? 
Bei der nächsten Gelegenheit fand sich dann des Rätsels Lösung. Hamsti werkelte mal wieder und schleppte so ein graues Filz-Zeug durch die Gegend. Also wurde er observiert und siehe da, er holte es immer aus ein und derselben Ecke. Als wir die Ecke frei geräumt hatten war alles klar - ein Loch in der Wand, und man konnte die Faust durchschieben. Doch wegen der ganzen Aufregung um das Loch hat sich unser Hamster erst einmal versteckt und kam auch bei dem lieblichsten Rufen nicht zum Vorschein.
Dummerweise hatte ich meiner Nachbarin gleich Bescheid gegeben. Das stellte sich jedoch als ein fataler Fehler heraus! Ich wollte doch nur verhindern, dass sie einen Schreck bekommt, falls Hamsti doch in ihrer Wohnung auftauchen sollte.
Und wie es so ist, passieren solche Dinge immer im ungünstigsten Moment. Denn inzwischen drängte die Zeit und ich musste meinen kleinen Sohn zum Bahnhof bringen. Er fuhr für ein paar Tage mit seinem Vater nach Polen. Auch das teilte ich meiner bis dahin immer sehr freundlichen Nachbarin mit. Als ich 1½ Stunden später wieder zu Hause war, war bereits die Hölle los.
Ich klingelte also bei meiner Nachbarin, um ihr zu sagen, dass ich unseren Hamsti nun weiter suchen könnte. Da öffnete mir nicht die nette alte Dame, sondern ihre Tochter. Mit einem Schmunzeln im Gesicht erzählte sie mir, dass ihre Mutter bereits ihre sämtlichen Kinder alarmiert, den Kammerjäger angerufen und das Zimmer auf der anderen Seite der Wand vorsorglich mit Mehl ausgestreut hatte. Und seither saß sie mit angezogenen Beinen auf dem Sessel im Wohnzimmer. Es ist sicherlich nicht einfach, wenn man eine Kleintierphobie hat. Und es tat mir auch leid. Aber gleich den Kammerjäger? Oder sagte sie vielleicht Seuchenschutz?
Als erstes machte ich mich also über das Telefon her. Schließlich musste ich eventuelle Aufträge so schnell wie möglich rückgängig machen. Ich weiß nicht mehr wie, aber irgendwann hatte ich auch Kammerjäger und Seuchenschutz am Apparat und man versicherte mir, das von deren Seite für meinen Hamster keine Bedrohung ausginge. Überhaupt hat jeder, mit dem ich an diesem Abend telefonierte, nur gelacht. MIR war zum Heulen! Im Tierheim - über die Notfallnummer - erreichte ich den Leiter. Er hat mich erst einmal beruhigt. Es wäre höchst unwahrscheinlich, dass Hamsti in die andere Wohnung gehen würde. Das wäre nicht sein Revier. Maximal würde er die Nase einmal neugierig durch das Loch stecken. Das wäre auch schon alles.
Mit den neu gewonnenen Informationen eilte ich also wieder zu meiner Nachbarin - ich wollte sie von ihrem Sessel erlösen. Doch sie war nicht in der Lage, dem Glauben zu schenken. Auch mein Vorschlag, dass Loch erst einmal provisorisch zu stopfen, prallte auf taube Ohren. Es half also alles nichts und wir (meine Tochter und ich) mussten eine bitterböse Jagd auf unseren kleinen Liebling führen. Inzwischen wussten wir wenigstens, wo er saß. Nämlich hinter dem riesengroßen Kleiderschrank, den man beim besten Willen nicht verrücken konnte. Hamsti war wegen der ganzen Aufregung schon so verschreckt, dass er sich selbst mit dem Besenstiel nicht vorjagen ließ. Ich griff in meiner Verzweiflung zu Haarspray und mir liefen die Tränen dabei nur so über das Gesicht. Hamsti kam schniefend und niesend hinter dem Schrank hervor. Er hat es überstanden und überlebt.
Um 23.00 Uhr klingelte ich also wieder bei der Nachbarin, um ihr zu sagen, dass Hamsti wieder sicher in seinem Käfig sitzen würde. „Ich glaube nur, was ich sehe!“ kam zur Antwort. Mit gebührlichem Abstand wurde ihr also noch der Käfig präsentiert und alle konnten endlich ruhig schlafen gehen. 

Am nächsten Tag erzählte ich die Geschichte auf meiner Arbeit; zufällig habe ich damals im Büro auf dem Bau gearbeitet. Was habe ich wohl wieder geerntet? ... Genau!
Nachdem sich endlich alle wieder beruhigt hatten, wurde ich aufgeklärt. Es passierte wohl öfter, dass beim Zusammensetzen der Platten mal eine Ecke rausbricht. Dann wird sie mit Dämmmaterial gestopft und Tapete rüber und fertig. Also hat mein Hamsti keineswegs Beton geknackt, die leichte Zugluft aber wohl doch gespürt und nur mal schauen wollen, was da so hinter der Wand los ist. Ein Kollege begleitete mich dann nach der Arbeit auch nach Hause und brachte die Wand mit einer Spezialmischung aus Gips und noch irgend etwas ganz besonders hartem in Ordnung.
Allerdings hat meine Nachbarin von da an auf meine alltäglichen Abendgeschichten verzichten müssen.

Noch lange nachdem Hamsti gestorben war, habe ich nachts sein Tippeln gehört in der Wohnung.
Unser Goldhamster wurde fast 3 Jahre alt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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