Gaby Schumacher

Heiliger Disput


 
 
 
Sankt Nikolaus war sauer, schwer sauer. Bereits seit Tagen plagte sich dieser uralte Herr mit der Geschenkpaketeflut herum, schleppte diese immer tonnenweise aus der himmlischen Lagerhalle zu seinem Schlitten und schichtete sie auf denselbigen. Das war ausgesprochen mühsam und entlockte dem grau lockigen Gesellen so manchen Seufzer. Was geschähe, falls sich während des wilden Galoppes seiner Rentiere Mac und Frisbie jene Päckchen verselbständigten und ihre Reiseroute selbst bestimmten? Unter Umständen bekamen dann die Eskimos Badehosen und die Äquatorianer Schlitten.

"Na ja!", murmelte der Heilige vor sich hin. "Vielleicht wäre das noch nicht einmal so schlimm, denn die Mimi-Höschen landeten dann im Iglu- und die Schlitten im Urwald-Freilicht-Museum und trügen so zum gegenseitigen Gedenken bei."

Mac und Frisbie schielten nach Stunden des Aufladens all dieser Gaben mittlerweile nicht mehr so ganz begeistert rückwärts auf das Geschehen.
"Na toll!", meckerte Frisbie los. "Da erwartet uns ja ein regelrechtes Trimm-dich-Programm!"
Sein Kamerad Mac hielt sich mit seiner sehr passenden Antwort zurück, um all seine trotz himmlischer Adventshektik noch verbliebenen Energien für den bevor stehenden Leistungssport aufzusparen.

Sankt Nikolaus hievte gerade zwei nicht ganz so kleine Pakete auf den bunten Raschelberg vor ihm, da machte es auf der anderen Seite laut vernehmbar ´Platsch!`.
Da er ja als Himmelsbewohner mit meistens lupenreinem Gewissen sich niemals erlaubt hätte, so richtig nach Menschenart zu fluchen, bemerkte er nur relativ ironisch:
"Das war es dann. Düsseldorf bekommt zwei Pakete weniger!"
Auch er ersparte sich vorsichtshalber die Mühe weiterer diesbezüglicher Überlegungen. Auch er hob sich all seine Kräfte für die baldige Weltreise durch sämtliche Galaxien auf.

"Nooch nicht alles...?", entfuhr es Mac, als der Schlitten schon fast aus sämtlichen Kufen brach.
Ein strafender Blick des heiligen Nikolauses brachte das kecke Rentier zum sofortigen Schweigen. Nein, die Packerei fand erst dann ein Ende, als vor lauter Gaben kaum noch der Schlitten wie auch die beiden Rentiere als selbst auch der himmlische Paketbostbote zu sehen waren.

Nun war noch die abschließende Überprüfung durch das Christkind zu bestehen. Sankt Nikolaus mochte so gar nicht daran denken, denn dieses Kind war äußerst kritisch veranlagt und hielt mit Vorhaltungen nicht gerade hinterm Berg, wenn ihm etwas nicht passte.
"Ihr haltet euer Maul!", warnte Nikolaus seine beiden vierbeinigen Helfershelfer. "Wehe, ihr erwähnt die zwei fehlenden Geschenke, dann könnt ihr euer Weihnachtshaferbüschel vergessen!"

Mac und Frisbie schossen empörte Blicke zu dem Heiligen. Die waren so empört, dass dieser, wäre er nicht sowieso schon tot gewesen, auf der Stelle sein Leben ausgehaucht hätte. Doch etwas eingeschüchtert, wagten sie denn allerdings keine Entgegnung, vielleicht aber auch nur deswegen nicht, weil sie keinesfalls auf ihre weihnachtliche Schluckerei zu verzichten gedachten. Auch Rentiere kennen taktisches Verhalten.

Kurz darauf erschien das Christkind, wie immer in einem strahlenden Licht und versehen mit dem obligatorischen doppelrandigen Heiligenschein, wie er eben nur ihm zustand. Der Nikolaus konnte sich eines etwas recht unhimmlisch gehässigen Gedankens nicht erwehren:
"So ganz frisch sieht der aber auch nicht mehr aus. Ob das Christkind vielleicht auch unter Stress steht?"

Leider hatte er in jenem Moment einen gefährlichen Blackout. Das heilige Kind war ja fähig, alle Gedanken seiner menschlichen und erst recht der überirdischen Heerscharen zu lesen. So reagierte es auch entsprechend entrüstet:
"Was fällt dir ein?! Wie kannst du nur meinen Arbeitswillen in diesen wichtigsten Wochen vor meinem Geburtstag in Frage ziehen, da ich doch an diesem bedeutenden Termin alle glücklich sehen will?"

Sankt Nikolaus kroch innerlich immer mehr in sich zusammen, wurde immer kleiner, so dass ihm fast noch seine Zipfelmütze vom Kopf gerutscht wäre. Aber reaktionsschnell, wie er nun mal war, fing er sie auf und rettete sich so vor einer schrecklichen Blamage. Ein Nikolaus ohne seine berühmte Bommelmütze - niemals!!

Das Christkind begutachtete den Schlitten, schob hier und dort etwas zurecht und stutzte:
"Nikolaus, wo sind die zwei Fahrräder für die Düsseldorfer Radschläger geblieben. Ausgerechnet die haste verloren. Mit denen wollte ich deren Auftritte in der Innenstadt ein wenig zeitgerechter gestalten."

Nikolaus schlotterten die Knie bei dieser saftigen Strafpredigt wie auch seine Gehirnwindungen, so dass es zu keinem vernünftigen Gedanken noch einer dann nachfolgenden, passenden Erwiderung kam.
"Nuun?", forschte das himmlische Kind nach, dessen Heiligenschein sich vor Ärger zu krümmen begann.

Das wiederum gab dem Weihnachtsmann den Rest. Kleinlaut suchte er nach einer Antwort, die das Christkind vielleicht wieder versöhnlich stimmte. Da es die Zeit kurz vor dem besagten hohen Feste war, wollte jenes mal nicht so sein, verzieh seinem Diener und entwirrte gnädig dessen Denkapparat. 

Prompt sah sich Sankt Nikolaus wieder in die Lage versetzt, vernünftig zu denken und gab denn endlich auch Antwort. 
"S.. Sieh`mal", begann er noch ein wenig kläglich, " es hat doch auch sein Gutes."
Des heiligen Kindes Heiligenschein genoss diese doch schon recht kluge Bemerkung des Nikolauses und glättete sich zusehends. Darob ausgesprochen erleichtert, setzte der Weihnachtsmann, bereits weitaus mutiger geworden, mit fester Stimme fort:

"Zwar landen die Dinger jetzt nicht da, wo sie hin sollten, aber stattdessen vielleicht auf dem Mars bei den Marsmännchen. Die werden dann fast himmlisch fix unglaublich schlau, der marsianische Fortschritt macht daraufhin in mindestens verdoppelter Rentiergaloppgeschwindigkeit einen irren Sprung vorwärts. Auf diese Weise tragen wir beträchtlich zur galaktischen Völkerverständigung bei."

Das Christkind war baff. Eine dermaßen originelle Äußerung hatte es dem Nikolaus überhaupt nicht zugetraut.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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