Wer nun? – Verwirrt schließt sie
ihr Auge. Sie muss nachdenken. Eigentlich will sie lächeln, weil da jemand ist.
Jemand, der freundlich zu ihr spricht. Aber weiß der auch, wie müde Glück
macht? Sie will nur eben mal schnell verreisen.
Es ist absurd, dass man
den alten Menschen, den man versorgt, gerade damit wieder ein Stück
unselbständiger macht, weil man keine Sorge, d.h. auch keine Erkenntnis an ihn
heran lässt. Wie sehr hassen junge Menschen diese Verhinderer und Despoten
unter den Erziehungssätzen, die alle auf später vertrösten. Denn wie schlimm
wäre es, wenn nichts mehr in einem jungen Leben passieren würde, der Zufall,
der Glücksfall, ja und auch der Unfall, der zum Leben gehört und aus dem man
lernt.
Aber die lebenslangen
Verdrängungen haben sich im Alter schon zu einem Knäuel verheddert aus eigenem
Verschulden und Verkalkung, aus übertriebener Abwehr und übertriebener Sentimentalität,
von Leichtsinn und Trauer.
Aber kein Wort über das
Sterben, keine Metaphysik. Höchstens ‚ich will nicht mehr‘ oder ‚wenn ich einmal
nicht mehr bin...‘, obwohl sie schon eine erfolgreiche Laserbehandlung des
grünen Stars hinter sich hat und mehrere Hüftgelenk-Implantationen.
„Wir müssen operieren."
Wir? – Die Lernschwester und ich. Unterwegs im
fliegenden Bett. Jeder Türrahmen wird zum Stein des Anstoßes, jeder zugige Flur
wird im Fahrtwind zur Flugbahn, jedes Fahrstuhltor ein Stoppschild. La tête de la Tour de
France. Sie fühlt sich
wie eine Ausreißerin vor einer imaginären Verfolgergruppe, die sie, obwohl sie
Angst verspürt
zu größerer Eile anstachelt. Das
Bedürfnis, es endlich hinter sich zu bringen, dieses Unbekannte, das eigentlich
nicht Ziel genannt werden konnte, weil es doch nur eine Durchgangsstation sein
würde, ein Boxenstopp nur zum Auftanken und Nachbessern, dieses
Los-werden-Wollen einer Belastung, des Bestehens einer Prüfung, verbündete sich
dennoch mit Neugier zu einer Art sportlichem Ehrgeiz, es ihnen – Wem? – zu zeigen oder wenigstens den inneren
Triumph zu spüren, als Erster ins Ziel gelangt zu sein. Oder meinte sie nur die
Erregung des „Ersten Mals“? Der Held Patient, der den Tod nicht fürchtet (der
hier bei einem kleinen Einschnitt für den Herzschrittmacher gar nicht ansteht –
das hat man ihr genau erklärt – ) und alles riskiert um alles zu retten. Soviel
Heldentum braucht es schon vor dem Eintritt in die Narkose, die Hand des
Somnos, Bruder des Todes, in dessen Armen Unkontrollierbares passiert. Selbst
der freundliche Gedanke, dass es ja nur eine Art Heilschlaf werden wird, macht
die Lippen beben und sie könnte jetzt nicht ohne Bewegung laut sprechen. Aber
im Augenblick stellt niemand Fragen, und zählen muss sie auch noch nicht.
Beschirmt durch flotte Fahrt rollt sie zum Glück mit einer gut getarnten
Mitverschworenen geradezu entschlossen, könnte man meinen, dorthin, wo sie dann
auf sich allein angewiesen ist, die Beklommenheit zu unterdrücken, und wo der
Mut darin besteht, nicht doch noch auf dem Tisch, dem Schlachtfeld der weißen
Gotteskrieger, unter einem Ring bebrillter Augen ohne Personen zu weinen, ganz
allein. Wieder einmal.
Bohrend. Ein Wort. Ich will nicht.
Schreit mich nicht an! Ich habe doch nichts gemacht. Aber immer wieder dieses
unausweichliche Wort. Wieso diese Eile? Jetzt das Wort mit Gesicht. Kenne ich
nicht.
Aber das Wort wird dadurch
deutlicher: Ihr Name. Na klar. Aber welcher Mund drängt sich da zwischen sie
und ihren Namen?
„Ja, ja. Ich verstehe: Ich bin gemeint.
Na und?“
Den Mund kennt sie plötzlich auch,
aber noch wie nur vom Sehen. Erschöpft schließt sie die Augen. Aber die Stimme
bohrt weiter, vielleicht etwas freundlicher, reißt ihr die Augen wieder auf,
denn sie ist es ja und nicht nur ihr Name. Das ist klar. Diesmal sieht sie die
Augen, die ganz dicht über ihr lächeln. Dann steht ein Löffel vor ihr. Droht
dem Speichelfluss, ja nicht in den ausgetrockneten Mund zu schießen. Sogar ihr
Magen meldet sich mit entschiedenem Nein. Der Löffel verschwindet gehorsam. Der
Mund flüstert jetzt nur noch. Aber Angst hat sie doch keine, nur Essen geht
halt nicht! Dann weiß sie etwas, das sie aufatmend mit in den Schlaf nimmt.
Sorgsam will sie das Bild des Mundes ebenfalls mit hinüber retten, dahin, wo er
ihr die schönsten Worte ihres Lebens ins Ohr geraunt hat. Da war sie 30. Und
der Mund am Bett ist so jung wie damals. Entsetzt reißt sie die Augen wieder
auf, denn das kann ja nicht sein. Da lächelt sie mit den Augen, denn zu mehr
reicht die Kraft des Erkannt-Habens noch nicht.
„Mutter“ wiederholt das Gesicht,
scheint aber das Lächeln nicht bemerkt zu haben. Aber es hat etwas anderes
bemerkt und befeuchtet ihr die Lippen. Wunderbar fügen sich die weich
anlautenden Begriffe “Magen“, “Mund“ und “Mutter“ aneinander, so dass sie jetzt
den wieder auferstandenen Löffel zufrieden akzeptiert, egal ob hier Vater, Mann
oder Sohn spricht.
Ab jetzt fühlt sie immer nur den
Löffel, der schon an den Lippen kitzelt, wenn sie noch schlucken muss. Mit
einem leichten Schaben an den Mundwinkeln vertreibt sich der Löffel inzwischen
die Zeit. Diese kleinen Liebkosungen und das konzentrierte Essen machen sich
selbständig, so dass sich die Augen wieder sanft schließen. „Ihr gibt es jetzt
der Herr im Schlafe.“, schmunzelt sie in sich hinein, bis sich der Mund mitten
in der Nachspeise nicht mehr öffnen will. Satt, zu anstrengend, keine Lust
mehr, eingeschlafen...
„Haben Sie Schmerzen?“
Der Mann wird mit Herr Doktor
angeredet. Die Schwester möchte ihre Hand halten, aber das geht nicht, wenn der
Chef dabei ist. Dieser drängt: “Nun?“
Warum geht die Schwester hinaus?
Sie weiß doch von meinem Rücken: Vom Erwachen bis zum Einnicken. Auch in den
Träumen. Hat sie es dem Arzt nicht gesagt? Jetzt sagt sie selber:
“Ja, natürlich.“
Der Arzt hat nichts gehört und
stellt den Tropf nach, blickt dabei prüfend der Kanüle entlang bis zum
Handrücken, wo sich ein großer bläulicher Fleck um die Nadel gebildet hat.
„Alles bestens.“
Im Gehen verspricht er, dass die
Schwester gleich die Nadel für den Tropf neu ansetzt, jetzt mal in der
Armbeuge.
„Bis Morgen.“
Weg ist er. Und sagt nicht einmal,
was „alles“ ist und warum das „bestens“ sein soll, wo sie doch ständig müde ist
und kaum Appetit hat. Und der verspannte Rücken erst... Warum bleibt er
nicht hier und ich gehe? Wenn es hier bestens ist, muss es ja dort, wo
er herkommt, nicht so gut sein. Damit kichert sie sich in Mutterträume, in
denen sie mit ihren Kindern scherzt, obwohl ihr alles wehtut.
"Ja", würde sie
plötzlich sagen und im selben Atemzug die Schönheiten des Abendhimmels und
immer wieder alle Blumen in ihrem Gesichtsfeld aufzählen. Früher. Aber auch
heute war sie in ihrer kleiner gewordenen Welt unschlagbar, vorbildlich
dankbar, pflegeleicht. So blieb alles schmerzlich schön beim Alten.
Massagetag. Die Hals- und
Schlüsselbein-
Muskulatur entlang, in Richtung Schulter- gelenke. Schonungslos
werden Härtefälle angezeigt und scheinbar ungläubig durch schmerzensreiche
Wiederholungen zur vorher nicht gekannten Realität. Schmerz beim Namen genannt,
scheint ihn erst zu ermöglichen.
In Doppelstreifgriffen der
Hände erwärmen sich jetzt die Nackenmuskeln, bis sie sich am Schädelrand nicht
mehr vom Knochen unterscheiden lassen.
„Aha. Da ist ja immer noch
unsere Ablagerung.“
Die Stimme kommt
freundlich von hinten schräg oben. Ihr Gesicht kenne ich kaum, denn sie kommt
ja immer erst, wenn ich schon bäuchlings auf ihre Fingerspiele warte. Wir
erkennen uns eigentlich nur mittels meiner Schmerzpartien. Für sie bin ich nur
eine rückwärtige Physiognomie, bestehend lediglich aus einer kaum verändert
gebliebenen Perlenkette aus Verhärtungsmurmeln. Meine Stimme kennt sie nur aus
den knappen Begrüßungsformeln, in der Hauptsache aber aus teils zustimmendem
Stöhnen, teils aus erschrockenen Rückmeldungen über immer neue Triggerpunkte,
die sich per filigraner Presssuren, nötigenfalls auch mit hartnäckigem Rubbeln
diskutieren lassen; verschwinden tun sie selten. Lebenszeichen. Erinnerungen.
Oder Prüfungen?
Heute ist Ausgehtag. Sogar
die Schwester geht mit auf den Gang. Sie schiebt einen Rollstuhl. „Falls es
nicht schnell genug geht.“, sagt sie. Aber ab jetzt will die „Schrittmacherin“
nicht mehr durchhängen und verwechselt es lustvoll mit „abhängen“, das ihre
Enkelin neulich von sich gab. Die Finger drücken schwache Angstprotokolle in
das kleine Zittern des sie stützenden Armes. Widerstandssteif kippelt sie in
den Wasserschuhen und erwägt beständig Schrittrettungen wie eine verunsicherte
Schlittschuhläuferin. Konzentriert auf Verlustruhe begibt sich ihr
Aufgabeselbst in die Schutzwärme der mitfühlenden Schwesternhand. Wie an
Strandeinsamkeiten entlang geht ihr Blick nach innen in die Weite schöner
Leere. „Ich will die Wiederkunft zurückgeben.“, sagt sie sich und meint damit
in die lieben Hände von Schwester Brigitte. „So, jetzt noch einen Schritt
zurück zum Bett.“ Sie fühlt sich verstanden und darf sich vorsichtig wieder
setzen. Jetzt hat sie Zeit für den Fußboden, den ihr die Krankheit so lange
unter den Füßen weggezogen hat. „Morgen gehen wir ans Fenster.“
Gibt es wieder Zukunft?
Morgen heißt doch, es geht vorwärts. Und ein Fenster zeigt wohin. Hoffentlich
scheint dann die Sonne, bei dem ersten Ausflug der Augen.
You only live twice: Vor
dem Bandscheibenvorfall und ein Leben danach. Mutter schreit jedes Mal. Warum
wenden sie sie nicht zu zweit? Sanft wie der Zug, der unspektakulär abbremst,
schon zu stehen scheint. Doch der kreischende Bremsschrei auch hier. Der
unausbleibliche Ruck auch, schwächer als gefürchtet, verstärkt aber, weil schon
ausgeblieben geglaubt, teuflisch überraschend. Folter für dämmerndes
Bewusstsein im Bett wie auf der Bahn. Bahnhof.
„Endstation."
Intensivstation?
Hände halten, wie kühles,
kostbares Weichleder, Augen-Blicke entspannter Pupillen, Wärme, Blutsbande. Wer
sagt, dass Kinder nicht die Liebe der Eltern erwidern können und sie erst den
eigenen Kindern weitergeben werden?