Heidelind Matthews

Frieda und Meerfrau (Urlaubsreise 1. Teil)

 
Und hier bin ich wieder, die Quasselstrippe aus Mecklenburg. Aber Moment mal. Ihr kennt mich ja noch gar nicht und ich falle so einfach mit meinen Worten in euren Kopf. Eigentlich macht das ja überhaupt nichts, denn ich kenne euch ebenso wenig. Aber heute werde ich eine Ausnahme machen und mich kurz vorstellen.
 
Mein Name ist Frieda. Ich bin klein und aus Granit. Ein Naturforscher würde mich als Eule betiteln. Seit vier Jahren lebe ich bei der Meerfrau. Wer die Meerfrau ist? Natürlich die Meerfrau! Sie ist auch klein, besteht aber nicht aus Granit, sondern aus Fleisch und Blut. Ich nenne sie Meerfrau, weil sie so verrückt nach dem Meer ist. Richtig heißt sie Heidelind. Was für ein Name, aber dafür kann sie nichts. Wahrscheinlich ist ihren Eltern nichts besseres eingefallen. Wobei ich glaube, die Meerfrau mag diesen eigentümlichen Namen, weil er so selten und auch irgendwie besonders ist.
 
Die Meerfrau benutzt mich. Wozu? Um Erfahrungsberichte aufzupäppeln, denn sie wütet auch noch an anderen Stellen im Internet. Tja, nur so wird man berühmt. Wer? Ich natürlich, die Frieda!
 
Nun aber genug geplaudert, denn ich bin hier um über eine Reise zu berichten. Immer, wenn die Meerfrau nicht weiter weiß, holt sie mich zur Hilfe und das macht mich richtig stolz. Wie ihr aus der Überschrift erlesen könnt, ist die Meerfrau auf die Idee gekommen, etwas über ihren Urlaub zu erzählen...äh... zu schreiben und da ich die Ehre hatte, sie begleiten zu dürfen, haben wir uns mal wieder auf die übliche Arbeitsteilung geeinigt. Sie schreibt und ich diktiere.
 
Es war an einem wunderschönen Septembertag, als die Meerfrau sich mit zwei Reisetaschen zum Bahnhof schleppte. Mensch war packen die Weibsbilder bloß immer alles ein...Kopf schüttelt. Pünktlich um 08.10 Uhr trudelte unser Zug ein. Mit letzter Kraft wuchtete die Meerfrau ihre Taschen hinein und wir machten es uns auf den Fensterplätzen bequem. Gegen 08.12 Uhr begann dann unsere 12-tägige Abenteuerreise. Ein wenig aufgeregt war ich schon. Die Meerfrau hatte mir zwar erzählt, sie hätte alles genau durchdacht und geplant, aber wissen kann man das bei ihr nie. Manchmal ist sie ganz schön durcheinander und orientierungslos. Wusste sie genau, wo wir umsteigen müssen, wann der nächste Zug abfuhr und von welchem Bahnsteig? Hatte sie auch nicht das Zugticket vergessen? Doch ich machte mir unnötig Sorgen. Es klappte alles hervorragend und wie geplant, trafen wir 11.07 Uhr in Kühlungsborn Ost ein - ohne Verlaufen und Verspätung.
Dabei möchte ich unbedingt die Fahrt mit der Mecklenburger Bäderbahn "Molli" hervorheben. Sie wartete in Bad Doberan auf uns.
Für mich wurde es jetzt nostalgisch. Noch nie bin ich mit der Bäderbahn "Molli" gefahren. Die Meerfrau schon. Vor ungefähr 20 Jahren. Ich schaute mich erst mal neugierig um und begaffte mit offenem Schnabel die alte Lokomotive und ihre Waggons. Ein lauter Pfiff brachte mein Federkleid zum Erzittern und zwang uns zum Einsteigen. So rollten wir dann ganz gemächlich nach Kühlungsborn Ost ein.
 
Da standen wir nun am Bahnhof. Die Meerfrau musste erst mal eine Zigarette rauchen, denn in den Zügen war es verboten und beim Umsteigen blieb keine Zeit. Ich werde ihr das noch abgewöhnen. Wer hat schon ständig Lust immer auf die Raucherin zu warten? Ich jedenfalls nicht. So nahe an der See, bei blauem Himmel und Sonnenschein; ich will an den Strand Meerfrau. Ungeduldig zerrte ich an ihrer Bluse, bis sie endlich ihre Wegbeschreibung aus der Handtasche kramte und nach dem Weg suchte. Taxen waren weit und breit keine zu sehen. So musste die Meerfrau ihre zwei Taschen und mich natürlich zu unserer Pension tragen, schleppen, schleifen. Zwanzig Minuten nach Ankunft auf dem Bahnhof standen wir vor unserer Pension. Pension Jasmin. Richtig blumig der Name, roch aber nicht nach Jasmin, sondern nach gar nichts.
Die große Frage war jetzt, ob wir auch eingelassen werden. Eigentlich darf der Gast erst ab 14.00 Uhr auf sein Zimmerchen. Ich sah die Meerfrau schon auf ihren Taschen sitzen und jammern. Doch meine Augen erspähten sofort den Klingelknopf und so brauchten wir nicht lange warten. Man bat uns freundlich herein. Während die Meerfrau das Finanzielle erledigte, zerrte ich die Taschen die Treppe hinauf bis ins Zimmer. Die reine Schwerstarbeit. Mit erhobenem Kopf folgte die Meerfrau. Lachte sie mich etwa aus?
 
Unser Zimmer war ganz ordentlich. Wir hatten ein Doppelzimmer bekommen zum Preis eines Einzelzimmers. Meerfrau, Mensch Meerfrau, wie hast du das gemacht. Sie hat es mir bis heute nicht verraten. Ist mir auch egal, so musste ich nicht auf dem Fußboden oder in der Dusche schlafen. Da Meerfrau manchmal ordentlich ist, wurden die Taschen sofort ausgepackt. Danach betrachteten wir mit neugierigen Augen die Ermäßigungen, die uns mit der Bezahlung der Kurtaxe zustanden. War mitzunehmen! Wir durften auf der Strandpromenade unsere Füße strapazieren ohne Extrakosten, Fahrräder preisgünstiger ausleihen, die Bibliothek kostenlos in Anspruch nehmen, das Kinogeld mindern und einige kulturelle Veranstaltungen zum ermäßigten Preis besuchen.
 
Was ich noch unbedingt erwähnen möchte. Kühlungsborn ist in Ost und West geteilt. Zwischen den beiden Gebieten liegt der Stadtwald, auch genannt "Die Kühlung". Meine Meerfrau wollte mal einen Spaziergang durch den Wald machen, sie hat irgendwie den Weg nicht gefunden und latschte mit mir einen Trampelpfad entlang. War nicht gerade berauschend. Sie hätte man doch auf ihren Stadtplan schauen sollen. Doch der schlief an diesem Tag seelenruhig auf unserem Zimmer.
 
Ich schweife ab. Nachdem wir das Zimmer in Beschlag genommen hatten, die Sachen im Schrank verstaut waren, wollte die Meerfrau sich ein wenig schlafen legen, aber das gelang ihr nicht. Also warfen wir uns in das Getümmel. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Leute unterwegs waren. Wir dachten schon, uns im Monat geirrt zu haben. Der reine Wahnsinn. All die Omis und Opis, Uromis und Uropis mit Enkel bzw. Urenkelchen von ganz brav bis zu Heulsusen. Die Meerfrau mag dieses Gedränge nicht, aber sie hat sich tapfer geschlagen.
Ohne viel zu überlegen, rannte sie direkt auf den Strand zu. Es sah aus, als ob sie nicht mehr sie selbst war. Mit großen Schritten marschierte das kleine Wesen schnurstracks los. Tänzelnd schlängelte sie sich durch die Massen, den Blick immer aufs Wasser gerichtet, als könnte es fortlaufen. Wenn die Meerfrau die See riecht, schmeckt bzw. nur ein Zipfelchen davon erblickt, ist sie hypnotisiert. Was für ein eigenartiges Menschenkind.
Ich wollte lieber auf die Seebrücke, musste mich aber diesmal dem Dickkopf der Meerfrau beugen. Je näher sie der See kam, desto entspannter wurde ihr Gesichtsausdruck. Ihr war es sogar egal, dass der feine Sand in ihre Schuhe lief. Sie stellte sich ans Ufer, stemmte die Arme in die Hüften und füllte ihre Lungen mit Seeluft - komisches Weibsbild. Danach pflanzte sie sich direkt mit ihrem Hintern in den Sand, zog Schuhe und Strümpfe aus und legte sich jetzt auch noch hin. He Meerfrau, rief ich, der Sand kriecht doch in deine Klamotten. Aber sie hörte mich nicht mehr, war schon am Träumen und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Ich dagegen schaute neidisch auf die vielen Strandkörbe und fragte die Meerfrau vorsichtig, ob wir uns nicht auch einen Korb mieten könnten. Das haben wir auch getan, aber erst einige Tage später.
 
Ungefähr nach einer Stunde begaben wir uns auf Erkundungstour. Zuerst wurde die Strandstraße hoch und runter abgeklappert. Meine Füße! Aber ich durfte nicht jammern. Meerfrau drohte damit, mich sonst wieder nach Hause zu schicken.
 
Irgendwann gab es Abendessen, einen Kurztrip an den Strand und das war es. Hundemüde schlichen wir in die Pension und fielen letztendlich völlig entkräftet ins Bett.
 
Am nächsten Tag begann die Suche nach der Touristinformation. Die Meerfrau, nicht bange, quatschte einfach eine ältere Dame auf der Straße an. Touristinformation? Immer die Ostseeallee hinunter bis sie auf der linken Seite ein großes altertümliches weißes Gebäude sehen. Als wir endlich dort waren, trauten wir uns gar nicht rein. Von außen sah das Haus eher wie ein Regierungsgebäude aus, aber nicht wie eine Touristinformation. Behutsam näherten wir uns, stampften die Treppe hoch und drängten uns durch die Tür. Meerfrau schaute sich kurz um, kaufte einen Stadtplan und eine Radwanderkarte. Auweia, da kam aber in den nächsten Tagen etwas auf mich zu. Innerhalb von 10 Minuten standen wir wieder auf der Straße und steckten unsere Nasen in den Stadtplan. So fanden wir auch gleich die hiesige Bibliothek. Dort hatte sich die Meerfrau kostenlos registrieren lassen und Bücher ausgeliehen, die sie so manchen Tag außer Gefecht setzen sollten. Sie war dann nicht ansprechbar.
Kaum waren wir  wieder draußen, änderte die Meerfrau die Richtung und ging zur Strandpromenade. Im Schlepptau ich, Frieda. Warum schon wieder Strandpromenade? Ach ja, genau, freier Blick auf die See. Wie konnte ich das vergessen. Wohin geht es jetzt, fragte ich leise. Wir erkunden jetzt West. In West angekommen wurden wir von einer großen Promenade empfangen mit vielen Bänken. Endlich ausruhen. Fehlschlag, keine Bank für uns, alles war besetzt. Mir war zum Heulen. Doch Meerfrau tippelte zum Strand und setzte sich in den warmen Sand. Ich muss dazu schreiben, wir hatten einen Jahrhundertherbst. Sonne satt und einen herrlichen blauen Himmel. Das ist sogar mir aufgefallen.
Nach einer Verschnaufpause schauten wir uns in West um und schlenderten gemütlich zu unserer Pension zurück.
 
Die nächsten Tage waren geprägt von Bewegungstherapie und damit ihr nicht einschlaft beim Lesen, die Meerfrau keine Blasen an den Fingern bekommt und ich mir der Schnabel austrocknet vom vielen Reden, beenden wir den ersten Teil unserer Urlaubserlebnisse.
 
Bis bald und wir hoffen, euch auch beim zweiten Teil begrüßen zu dürfen. Tschüss!
 
© 30.12.2006

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.12.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

Und weil ich begriff wie lang und wie kurz der Weg zwischen beiden ist, nahm ich ihn auch wahr und so ist mir heute jeder Schritt es wert eingehalten zu werden, weil hinter jedem Ereignis sich ein anderes verbirgt und sichtbar wird.

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