Saskia Gölz

Die Löwenprinzessin

Es war still in dem kleinen Dorf. Nur das Flüstern des Windes und die Geräusche der Nacht waren leise in der Dunkelheit zu hören. Der nur wenig Wasser führende Bach nahe dem Dorf plätscherte vor sich hin und die Blätter des Waldes rauschten.

In der Hütte des Dorfältesten schliefen alle, nur ein kleines Mädchen namens Sari, die Enkelin des Ältesten, lag wach auf ihrer Schlafstätte, die Augen weit aufgeschlagen. Sie beobachtete ihren Großvater und ihre kleine Schwester, die sich auf ihren Strohmatten hin und her wälzten. Mehr war ihr von der Familie nicht geblieben. Ihre Mutter starb bei der Geburt der jüngeren Schwester und ihr Vater auf der Jagd. Sari konnte sich kaum noch an die beiden erinnern. Während sie so wachte, dachte sie über die Ereignisse des letzten Tages nach.

Der Rat hatte eine große Versammlung einberufen, um die wichtigsten Ereignisse zu besprechen. Schon früh am Morgen hatten sie sich zusammengesetzt und das hieß nichts Gutes. Wenn sie sich schon zu so früher Stunde berieten, dann konnte es nur um etwas Schreckliches handeln, was geschehen würde. In den Hütten herrschte große Angst und die Atmosphäre war gespannt.
 Erst am späten Abend kamen die Versammelten zurück in ihre Hütten. Sofort stürzten sich Sari und ihre kleine Schwester auf ihren Großvater. Beide wollten wissen, was es Wichtiges zu Besprechen gab und warum alles so lange gedauert hatte. Zuerst wollte der alte Mann nicht antworten, doch als er die flehenden und sogleich neugierigen Augen seiner Enkelinnen sah, erzählte er den Grund des Zusammentreffens.
 Alle Dorfbewohner ahnten, dass ihnen etwas widerfahren würde, das schlimmer war als jede Hungersnot. Jeder, der auch nur in die Nähe des Waldrandes kam, konnte sehen, wie die Wüste den Wald verschlang. In ihrem tiefsten Inneren wussten alle, dass früher oder später das Dorf nicht mehr existieren würde, doch niemand wusste, wie man die Sandmassen aufhalten konnte. Keiner wollte aus dem Dorf, in dem die meisten schon geboren worden waren, aus- und in sicherere Gegend einziehen.
 Bei der Versammlung wurde heiß diskutiert, doch es kam nie zu einem bestimmten Ergebnis. Jeder wollte etwas tun, doch es stellte sich ihnen immer die gleiche Frage: Was sollten sie tun? Und vor allem was konnten sie tun? Und so gingen die Ratsmitglieder auseinander ohne auch nur ein bisschen weitergekommen zu sein. Nicht einmal einige aufmunternden Worte hatten sie gefunden, da sie selbst nicht mehr an das zukünftige Bestehen des Volkes glaubten.
 Sari lächelte zum ersten Mal in dieser Nacht. Nein, sie hatte, im Gegensatz zu den anderen, keine Angst vor den Massen von Sand, die inzwischen bedrohlich nah an das Dörfchen herangekommen waren. Sie wusste genau, was auf sie zukommen würde und sie war darauf vorbereitet. Anders, als die anderen Bewohner, hatte sie sich ein zweites Leben auf der anderen Seite des Waldes aufgebaut.
Schon seit mehreren Wochen ging sie jeden Tag in das verschlingende Sandmeer, um sich mit den verschiedenen Tieren anzufreunden. Sie ging langsam auf sie zu, um sich mit ihnen vertraut zu machen. Die Wärme und Ausstrahlung des Mädchens schienen die Wüstengeschöpfe anzuziehen und so war es nicht schwer für Sari, eine Freundschaft mit ihnen aufzubauen. Sie lernte, das Leben dort zu lieben. Jeden Tag schwand die Angst vor den gefährlichen Tieren mehr und mehr, bis sie vollkommen verschwunden war. Sie hatte sogar den Mut gefunden, sich einer wilden Löwin zu nähern.
 An jenem Tag saß Sari im kühlen Schatten eines Baumes. Sie war erschöpft von der kleinen Erkundungstour, die sie unternommen hatte. Die Sonne schien und die Hitze war inzwischen fast unerträglich geworden. Das Mädchen atmete ein paar Mal tief ein und aus. Sie hatte viel gesehen und war den Tieren wieder ein Stück näher gekommen.
 In ihren Gedanken versunken bemerkte Sari das leise Schnurren, das im Hintergrund zu Hören war, nicht. Erst als es immer lauter wurde schreckte sie auf um sich erschrocken nach allen Seiten umzudrehen. Als sie den Blick in die weiten Sandmassen lenkte, sah sie eine Löwin, die langsam auf sie zukam. Zuerst ergriff sie die Angst, denn sie hatte noch nie mit einer echten Löwin zu tun gehabt. Doch je mehr sie in dessen Richtung starrte umso mehr verschwand auch diese Angst und Sari fand sogar den Mut aufzustehen und in die Richtung der Löwin zu gehen.
 Als das Mädchen bei dem schon ausgewachsenen Raubtier angekommen war, kam es ihm gar nicht mehr so beängstigend, sondern eher süß wie ein Kätzchen vor. Sie ging in die Hocke um ihrem großen „Kätzchen“ in die tiefschwarzen Augen zu schauen.
 Inzwischen waren die beiden beste Freunde und unzertrennlich geworden. Jeden Tag trafen sie sich an derselben Stelle und immer wieder war der Abschied voller Trauer. Auch die anderen Löwen hatten sich mit Sari angefreundet, sodass sie nun ein Teil der „Löwenfamilie“ war. Die Wüste war ihr zweites Zuhause geworden. Sie fühlte sich sehr wohl dort und wenn man sie suchte, wusste man, dass sie dort aufzufinden war.
„Nein, ich habe keine Angst vor dem Tag, an dem unser Dorf verschluckt wird“, dachte Sari. Nicht umsonst hatte sie das Leben in der Wüste erkundet. Nicht umsonst hatte sie jeden Tag mit ihren neuen Freunden verbracht, die ihr so sehr ans Herz gewachsen waren. Und so hatte ihr Verhalten ihr ihren Namen eingebracht:
Löwenprinzessin.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.12.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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