Germaine Adelt

Schuldig

   Ihr langes, weißes Baumwollkleid flatterte leicht im Wind und als sie über die Wiese lief, sah sie aus wie ein Engel. Ihre Haare zerzaust und ihre Füße vom Gras verfärbt, schien sie nicht anhalten zu wollen. Sie hatte offensichtlich kein Ziel und lief unaufhörlich immer weiter. Das Kleid hatte sie mit ihren Händen leicht gerafft, so dass ihre Beine zu sehen waren. Die Fahrer der vorbeifahrenden Autos starrten gebannt auf sie. Doch niemand hielt an, da es so richtig niemanden kümmerte wohin sie eigentlich lief. Erst als sie mitten auf die Fahrbahn rannte und wie ein scheues Reh einfach stehen bleib, entwickelte sich eine Kaskade von quietschenden Bremsen und zerberstenden Metall. Dann trat eine unheimliche Stille ein, in der sich alle Beteiligten wie in Trance, der nun eingetretenen Situation erst einmal klar werden mussten.

Sie stand noch immer da. Unberührt von den Autos und gänzlich unberührt von dem Schrecken den sie verursacht hatte. Dann brach sie zusammen. Einfach so versank sie in sich, ohne irgendwelche Vorzeichen. In dem ganzen Wirrwarr der erbosten Autofahrer, gab es niemanden der ihr Aufmerksamkeit schenkte.

Sie lag da wie hingeworfen, wie ein Bund Flicken den man einfach abgeladen hatte. Zusammengerollt und gleichzeitig wie zerfleddert. Es sah fast so aus, als sei sie tot. Doch niemanden kümmerte es ernsthaft, da alle damit beschäftigt waren die Blechschäden in Augenschein zu nehmen und sich gegenseitig die Schuld zuzuweisen. Auch interessierte es niemanden, dass ein unscheinbar aussehender Mann, der sie keuchend eingeholt hatte, jetzt unauffällig wieder umkehrte. Oder dass an ihren Oberschenkeln ganz langsam ein Rinnsal Blut hinunterlief.

Sollten sich andere darum kümmern. Wer dumm genug war, am helllichten Tag auf die Strasse zu laufen, dem war nicht zu helfen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.01.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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