Aleksandra Bilcane

keine hochzeit Teil 1

16. Juni.
Sie. Sie ist meine Schwester. 29 Jahre alt, seit zwei Jahren glücklich verheiratet und jetzt, jetzt ist sie endlich schwanger. Sie steht am Fenster und das warme Sonnenlicht streichelt ihren großen Bauch, den sie entblöst hat. Das hell-blaue Hemd und die roten Schorts sind von mir. Das Hemd hatte ich mal in einem Second-Hand-Shop gekauft und später mit Glittern benäht, die kurzen Schorts habe ich mit ihr gekauft, als wir shoppen waren. Sie streichelt mit liebevollem Blick ihren Bauch. Ihre langen, braun-roten Haare sind hochgeknüpft und glänzen im Sonnenlicht. Irgendwie beneide ich sie ein bisschen - sie hat alles, was sich jeder wünschen kann: einen liebevollen Ehemann, einen Job, den sie sehr mag, und sie ist schwanger. Sie geht zu dem CD-Player und legt eine CD rein. Sofort erklingt ein Rauschen von Wellen, dann eine leichte Melodie und ein Lied. Für einen Moment erkenne ich das Lied nicht, aber dann errinere ich mich an dieses Lied.
Genau dieses Lied hatte meine Schwester damals an diesen kalten Abend am 26. September vor fünf Jahren in Der Karaoke-Box, einem Cafe, gesungen. An diesem Abend hatte sie auch Florian kennengelernt und sich in sein Lächeln verliebt. Drei Jahre hatten sie zusammengelebt, als sie sich für eine Heirat entschieden. Florian hatte am 12. November vor drei Jahren auf der Hauptstraße vor ihr niedergekniet und gesagt: "Hör auf zu meckern! Sag mir besser, ob du mich heiraten willst!" Sie war sprachlos und überrascht und begann auf der Straße zu heulen und dann sagte sie: "Ja!" Das hat mir Florian erzählt. Die Hochzeit war traumhaft. Ich errinere mich an sie, als ob sie vor einer Stunde passiert wäre.
22. August. Ein warmer und sonniger Tag. Meine Schwester in einem hell-blauen, fast weißen Kleid, eine lange Schleppe und weiße Rosen in den Haaren. Ihre Friseurin hat zwei Stunden mit ihren Haaren gekämpft bis sie ihre Haare hochgesteckt und Rosen in denen eingesteckt hat. Dann hat sie sich meinen Haaren zugewendet: sie wurden gewaschen, getrocknet und dann wurden Locken in meine Haare gemacht, meine Schwester war von meinen Haaren begeistert. Dann die Fahrt in die Kirche. Florian, in einem Smoking und mit einem Blumenstrauß von weißen Rosen umgebunden mit einer hell-blauen Schleife in der Hand, traf sie vor der Kirche mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Es gab viele Gäste, ca. 100. Anfangs war meine Schwester von der Gästezahl geschockt, aber sie wurde schnell beruhigt. Die Kirche war sehr schön mit weißen Rosen, grünen Zweigen und hell-blauen Schleifen geschmückt. Es war ein hartes Stück Arbeit, wir, die Freunde von meiner Schwester, Florians Freunde und Geschwister und ich, haben früh am Morgen die Kirche geschmückt. Nach der Hochzeitszeremonie wurden Fotos gemacht und dann fuhren wir in das Restaurant. Das Restaurant war ähnlich geschmückt wie die Kirche, das Schmücken haben die Zeugen, eine gute Freundin und ein guter Freund von ihnen beiden, übernommen. Das Essen und die Musik waren wundervoll. Meine Mutter und meine Oma sind auch am Morgen in den Restaurant gegangen und haben da sich über irgendwelche Sachen geeignigt und Verbesserungen getroffen. Die Hochzeit war ein Traum! Die Musik war gut und die Band spielte die Lieder, die sich jeder wünschte. Ich errinere mich an jedes Detail, besonders an den Wurf des Blumenstraußes.
Alle unverheiratete Frauen, ich würde zu gern sagen - Mädels -, haben sich hingestellt und der Blumenstrauß wurde geworfen und Florians Cousine Miriam fang ihn. Zu gut errinere ich mich, wie ich versucht habe an der Seite zu stehen, nur um den Blumenstrauß nicht zu fangen. Damals war ich zwar begeistert von der Hochzeit und kriegte die Lust auch zu heiraten, aber mein Verstand stand über meinen Gefühlen wie sonst immer und ich war strickt gegen meine eigene Heirat. Florians Schwester Daniela freute sich sehr. Dann geschah alles so wie üblich, wie auf jeder x-beliebigen Hochzeit - daran errinere ich mich nicht so sehr, weil ich in Gedanken ersunken war. Meine Schwester hat mir gesagt, dass es der schönste Tag in ihrem Leben war. Sie und Florian strahlten den ganzen Abend. Ich war sehr froh über sie und wir feierten die ganze Nacht, doch meine Stimmung wurde mit jeder Minute schlechter und schlechter. Dafür hatte auch meine Schwester gesorgt, als sie sich zu mir setzte und sagte, dass ich mir viel Mühe hätte geben sollen um den Blumenstrauß zu fangen, ich habe sie enttäuscht. Das tat mir weh, aber sie verstand mich einfach nicht. Vielleicht hatte sie mich nie so richtig verstanden. Wir waren nun mal wie Himmel und Erde, Feuer und Wasser.
Meine Schwester ist schwanger, glücklich und ihr Traum hat sich erfüllt. Sie wollte immer heiraten, Kinder, einen Traum-Mann und eine gute Arbeit, die sie mag.
Florian ist wirklich ein Traum-Mann. Groß, sportlich, intelligent, attraktiv, sympathisch, freundlich, verständnissvoll und einfühlsam. Alle meine Freundinnen sind in ihn verknallt. Na ja, er ist nun mal nicht nur der Traum-Mann von meiner Schwester, sondern auch von meinen Freundinnen. Jedes Mädchen könnte sich mit Leichtigkeit in ihn verlieben - ein strahlendes, verführerisches Lächeln, große, grüne Augen, kurze, dunkel-blonde Haare und immer gut gekleidet. Er hat einen guten Geschmack, dafür könnte jeder Mann ihn beneiden.
Jetzt, während sie schwanger ist, arbeitet sie auch. Sie ist eine Designerin und darum kann sie die Arbeit auch Zuhause erledigen. Sie genießt ihre Arbeit in vollen Zügen.
Ideale, perfekte Familie - das waren immer meine Eltern und danach sträbte auch meine Schwester. Sie hat es erreicht. Glückwunsch! Ich beneide sie darum, denn ich...
Ich? Ich bin nichts besonderes. Nichts. Ich bin 25 Jahre alt und verlobt. Verlobt. Das klingt so merkwürdig. Ich bin verlobt. Als meine Schwester diese Neuigkeit gehört hatte, umarmte sie mich und flüsterte mir: "Endlich! Und ich dachte, dass du nie heiraten wirst." Wieso denn nie heiraten? Gut, ich wollte nie besonders heiraten, das ist die reine Wahrheit, aber so übertreiben... Das muss nicht sein. Eine Heirat war für mich eine unüberwindbare Hürde auf meinem Lebensweg. So viel wollte ich erreichen - mein Studium sehr gut beenden, eine gute Arbeit finden und die Karriere-Leiter aufsteigen. Das alles habe ich schon fast erreicht und jetzt stehe ich vor noch einer Herrausvorderung - meiner eigenen Hochzeit.
Meine Schwester und Florian planen enthusiastisch die Hochzeit. Sie sind die Trauzeugen und haben sich vorgenommen, dass meine Hochzeit die Hochzeit des Jahres sein wird. Je mehr sie sich freuen, alles planen und versuchen mich zu ermutigen, desto mehr werde ich nervöser und unsicherer. Ich weiß nicht, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ja, mein Studium habe ich abgeschlossen, jetzt arbeite ich in der Botschaft der Russischen Föderation als die persöhnliche Assistentin des Botschafters (ich wurde schon zwei Mal befördert) und nebenbei schreibe ich für Zeitschriften über verschiedene Themen (vor zwei Jahren schrieb ich über die Vorbereitung einer Hochzeit). Früher oder später werde ich schon mein Ziel erreichen - ich werde eine Botschafterin, aber bis dann muss ich mich auf meine Arbeit konzentrieren. Und da frage ich mich schon das hunderte Mal, ob die Heirat mich nicht behindern wird.
Zu oft habe ich erlebt, wie eine Heirat das Leben eines Menschen zum Schlimmsten verändert, zum Beispiel, Lisa. Sie heiratete vor drei Jahren, brach danach ihr Studium ab, wurde schwanger, dann wurde sie nochmal schwanger und jetzt ist sie mir ein total fremder Mensch. Sie ist nicht mehr das lebenslustige, modebewusste Mädchen von neben an, sondern eine frustrierte Hausfrau, die sich für nichts interessiert.
Einmal rief ich sie an um mit ihr mal auszugehen und zu reden, aber sie klang schrecklich und sagte ab. Vorgestern rief ich sie nochmal an und verabredete mich mit ihr. Wir trafen uns gestern und gingen ins Kino, dann tranken wir einen Cappuchino in einem Cafe und redeten. Dabei erzählte ich ihr, dass ich bald heiraten werde.
Sie sah mich erstaunt an und sagte lachend: "Ich bereue sehr, dass ich vor drei Jahren nicht auf dich gehört hab und geheiratet hab. Willst du einen Rat von mir?" Ich nickte. "Heirate nicht. Es ist einfach schrecklich. Ich dachte, dass ich alles schaffen werde und mit Leichtigkeit das Studium beenden werde, aber du weißt ja was mit mir geschah. Ich liebe meine Kinder und Tom (Lisas Ehemann), aber ich fühle mich bestohlen und betrogen. Wenn dieser Kerl dich wirklich liebt, dann wird er auf dich warten. Liebe ist schön, aber du... du hast nie richtig geliebt. Liebe macht blind, sie hackt dir die Hände und Beine ab und du bist hilflos ihr ausgeliefert."
Lisa schloss ihre Augen und seufzte. Die Ehe hatte ihre Augen ausdruckslos gemacht, sie hatten den Glanz verloren. Die eingetroffene Stille war ungemütlich, darum versuchte ich meine Gedanken zu sammeln und rührte mit dem kleinen Teelöffel den Cappuchino. Auf die Dauer wurde die Stille bedrückend und meine Augen wanderten zu Lisa, die jetzt aus dem Fenster sah.
Wir gingen zusammen in eine Klasse und sie war immer das schönste Mädchen in der Klasse, sie wurde sogar zu der Schönheitskönigin gekührt. Ihr Gesicht war ein bisschen pummeliger geworden, doch es blieb schön: große, blaue Augen, lange, schwarzen Wimpern, kleine, gerade Nase, volle, rote Lippen und lange, blonde Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Sie hatte eine beige Hose und ein blaues Top mit einem V-Ausschnitt angezogen. Die schlanke 90-60-90 Figur hatte sehr viel unter zwei Schwangerschaften gelitten. Als wir begannen uns für Jungs zu interessieren, dann war Lisa diejenige, die die Aufmerksamkeit von den süßesten Jungs der Schule genoss. Damals war ich unglücklich darüber, dass ich in ihrem Schatten stand, aber bald freute ich mich darüber, als ich sah wie meine Schwester und Lisa unter Liebeskummer litten. Dann beschloss ich auch von Jungs und allen männlichen Geschöpfen mich fernzuhalten. Das hatte ich auch immer getan.
Meine Tasse war bald leer und Lisas auch, darum bestellten wir noch zwei Cappuchinos. Während wir warteten, das waren etwa zwei Minuten, schaute Lisa weiter aus dem Fenster und dann sagte sie leise: "Ich rauche. Ich hab immer Zigaretten gehasst und jetzt rauche ich. Ironie des Schicksals." Lisa lächelte künstlich und seufzte. Ich fühlte mich sehr schlecht ihr gegenüber, weil ich die ganze Zeit mir keine freie Minute genommen hatte, um sie zu unterstüzen und ihr zu helfen. ich nahm mein Notizbuch und Kugelschreiber aus der Tasche und schrieb. Ich merkte Lisas forschenden Blick auf mir und schaute sie an, sie lächelte und sprach: "Immer im Dienst? Typisch du."
Ja, typisch ich. Ich riss das Blatt Papier aus dem Notizbuch und reichte es ihr. Lisa las und auf ihrem Gesicht erschien ein Lächeln, sie schaute zu mir und ich konnte in ihren Augen Typisch-du-Blick ablesen. Das war Lisa, die frühere Lisa.
Der Cappuchino wurde uns gebracht und wir begannen laut über verschiedene Sachen zu reden, wie früher. Wir lachten laut und waren glücklich. Ich vergaß meine Sorgen komplett. Lisa erzählte mir von ihren Kindern. Diana war die ältere und Paula - die jüngere, ich versprach sie zu besuchen und Lisa schien sich sehr darüber zu freuen. Das Cafe füllte sich langsam und bald gab es auch kaum Platz, wir wollten unbedingt den Fakt feiern, dass wir einen Tisch haben und bestellten Früchte-Salat mit Vanille-Eis. Lisa scherzte, dass sie noch dicker wird, und ich scherzte zurück, dass ich in mein Hochzeitskleid nicht reinpassen werde. Sie ging schnell aufs Klo und ich rief meine Mutter an, um ihr zu sagen, dass ich bei ihr nicht vorbeischauen werde. Sie schien nicht sehr froh zu sein, weil sie mit mir die Einladungen auswählen wollte. Ich schaltete das Handy aus und Lisa war schon zurück mit der Bestellung - sie konnte kaum erwarten den Salat zu probieren. Ich lachte und dann hörte ich eine fremde Stimme, die sich für die Störung entschuldigte und fragte, ob man sich zu uns setzen dürfte. Lisa zuckte mit den Achseln und ich seufzte. Diese fremde Stimme gehörte zu einem großen, dünnen Mann, so um die dreißig, mit schwarzen schulterlangen Haaren. Lisa und ich tauschten die Blicke aus und wir nickten. Er war interessant und wir wollten gegen ihn unsere berühmte Ausquetsch-Taktik anwenden, die wir immer benutzt hatten, als wir etwas erfahren wollten, besonders, wenn die Information von einem Tzpen kommen sollte. Früher wirkte sie und gestern wirkte sie auch. Dieser Mann (Nick, 29 Jahre alt, 1.89m, unverheiratet, keine Freundin, keine Kinder, Programmierer, mag klassische Musik, besonders Wagner, hatte einen schwarzen Kaffee bestellt uvm.) saß vor uns völlig entblöst und verwirrt und trank seinen schwarzen Kaffee. Lisa und ich wechselten nochmal die Blicke aus und begannen laut zu lachen.
Plötzlich unterbrach ein lautes "Hallo" uns und wir blickten zu dem Schuldigen auf. Er grüßte uns und setzte sich neben mich, dabei legte er seinen Arm um mich und flüsterte singend mir ins Ohr singend: "Willst du mit mir gehn, willst du?" Ich erstarrte.
Auf Lisas Gesicht tauchte ein ironisches Lächeln auf: "Früher war ich diejenige, der du Serenaden gesungen hast, Sven."
Ich schaute den fremden Mann genauer an. Er war groß, hatte braune, längere Haare, grüne Augen mit einem Funkeln in ihnen, einen Muttermal auf der linken Wange, ganz an der Seite, einen Drei-Tage-Bart, trug eine alte Jeans (bestimmt eine Jeans, die wie eine alte aussah) und ein weiß-blau-rosa gestreiftes Hemd, dessen ersten drei Knöpfe offen waren so, dass man seine Brust sehen konnte. Er guckte mir tief in die Augen, ich schluckte und dann sprach er: "Na? Was sagst du dazu?"
Ich kam wieder zu mir und schubste ihn wütend weg. Ich war wütend. Ich zitterte vor Wut. Ich atmete mehrmals tief durch und beruhigte mich langsam. Das ist meine Methode mich zu beruhigen, die ich immer benutze, wenn ich wütend oder sehr aufgeregt bin und meiner Wut nicht den freien Lauf lassen darf. Ich nahm ein Stück von einer Banane in meinem Salat und aß es, obwohl ich grad den Hunger und die Lust aufs Essen verloren hatte. Darauf reagierte auch mein Magen protestierend und zog sich schmerzvoll zusammen. Ich hingegen aß stur weiter. Lisa beobachtete mich stumm. Sie kannte mich schon seit Jahren und wusste sehr gut, dass ich immer sofort ausrasstete, darum schien sie auch über meine Ruhe erstaunt zu sein.
"Wie lange hast du geübt?", hörte ich ihre Frage.
"Lange, sehr lange, aber ich muss das in meinem Job können. Du verstehst doch, oder?", antwortete ich, aber wendete meinen Blick nicht von meinem Teller ab.
"Unglaublich. Ich bin sprachlos. Das verstehst du, oder?"
Ich nickte und schaute Lisa an. Sie berührte ihren Früchte-Salat mit Vanille-Eis nicht. Vielleicht hatte sie auch keinen Hunger mehr. Meine Gedanken wurden von der Stimme des fremden Mannes unterbrochen: "Lisa? Du bist Lisa? Lieber Gott! Was ist denn mit dir geschehen?"
Lisa lächelte und erklärte: "Studium geschmissen, Ehemann, zwei Kinder und Haushalt. Na ja, aber du siehst hervorragend aus, Sven! Dein Frauchen scheint dich sehr gut zu versorgen!"
Der Mann lachte laut und zuckte mit den Achseln: "Ja, tut sie. Muss sie ja auch, oder?"
"Sag mal, du wohnst noch bei der Mutti?", fragte Lisa und lachte.
"Nee,", war Svens ausweichliche Antwort.
"Gut, wo wohnst du dann?", Lisa löcherte weiter.
Sven ignorierte Lisas frage und drehte sich zu mir - immer auf die Schwächsten! Die ganze Zeit hatte ich ihn und sie abwechselnd beobachtet. Jetzt verspürte ich den Wunsch meinen Blick abzuwenden, aber das tat ich nicht. Ich errinerte mich an Lisa. Sie hatte den Anfang gemacht, jetzt musste ich weitermachen, darum fragte ich: "Ja, wo wohnst du denn?" Er hatte das von mir nicht erwartet und blieb sprachlos sitzen und ich machte weiter: "Auf der Straße wohl kaum, dafür siehst du zu gepflegt aus, bei deinem Freund wohl kaum, weil er allein wohnt, bei Mutti nicht, vielleicht bei Vati? Oder bei deiner Freundin?"
Mit der Ecke meines Auges konnte ich Lisas zufriedenes Lächeln wahrnehmen und sie löcherte weiter: "Seit wann bist du so schüchtern, Sven?" Fühlst du dich nicht gut, schlecht, überfordert? Sag mal, warst du so schlau, wie diese Dame und hast das Studium abgeschlossen?"
Sven schaute Lisa und mich abwechselnd an und sagte schließlig nach einer langen Pause: "Ja, ich bin Kinderarzt und arbeite im städtischen Krankenhaus. Was wolltet ihr noch wissen? Ich fühle mich gut, Lisa, aber ich bezweifle, dass ich so klug bin wie deine Freundin. Ach, und ich wohne bei... bei Iris. Das ist sozusagen meine Freundin. Was wollt ihr noch wissen?"
Er hatte sich schon ziemlich gut geschlagen, das musste ich zugeben, aber das war ja auf keinen Fall das Ende. "Woher kennst du meine Freundin?", wollte ich wissen.
"Aus der Uni. Sie hat Journalistik studiert und ich - Medizin. Wir hatten eine kleine Affäre bevor sie mich zum Teufel schickte, um auf einer Party bei Lila mit Tom zu tanzen. Wenn ich mich nicht irre, dann war sie mit ihm maximum einen Monat zusammen", antwortete Sven und grinste.
Er hielt sich bestimmt für oberschlau. "Sag mal, Lisa, ist das derselbe Tom, den du vor drei Jahren geheiratet hast?", ich grinste genüsslich zurück. Lisa lachte und nickte. Über Lisas Leben musste er mich nun mal nicht aufklären, das hatte er wohl auch begriffen. "Noch eine Frage. Willst du auch ein Foto von Diana und Paula sehen?" Er nickte und lächelte freundlich. "Dann hilf mir sie zu überreden ein Foto zu zeigen", ich gab ihm einen Klaps auf den Arm. Er lachte und bat Lisa das berühmte Foto zu zeigen. Nach einer Weile reichte sie uns zwei Fotos. Auf dem einen Foto könnten wir zwei kleine Mädchen sehen, die an einem Busch standen. Die eine (Diana, 2 Jahre alt) trug ein rotes Kleid mit vielen Schleifen, die kleinere (Paula, 1 Jahr alt) trug eine blaue Jacke und einen weißen Rock. Auf dem anderen Foto konnte man die glückliche lächelnde Familie am denselben Busch sehen.
Sven, der nah an mir war kicherte und sagte: "Ja, für diese zwei Schönheiten war es wert deine Figur zu opfern. Weißt du was? Irgendwann werde ich viele Kinder haben."
Lisa schaute ihn stüzig an, aber schwieg. Ich weiß ganz genau, was sie in diesem Augenblick dachte. Kinder sind kein Spielzeug, man muss viel Zeit für die Kinder nehmen und es ist nicht so leicht wie es scheint. Ich verstand sie sehr gut, aber ich stimmte auch Sven zu. Die Kleinen waren wirklich die zukünftigen Schönheitsköniginen. Ich begann mein Salat aufzuessen und Sven fragte Lisa, ob sie ihr Salat essen wird. Sie schob den Teller zu Sven, der über ihn wörtlich hervorfiel.
Lisa erzählte mir noch über Sven: 26 Jahre alt, ein Sunnyboy, hörte immer Musik, konnte gut tanzen, singen und kochen uvm. Nick sagte die ganze Zeit kein Wort, worüber Sven sich wunderte, weil Nick der Typ war, der gern redete. Bald wurde es spät und wir verließen das Cafe (Nick hatte für alles bezahlt, Sven hatte der Ofiziantin einen Klaps auf den Po gegeben - ich kann gut beobachten). Wir begleiteten als erstes Nick zu seinem Auto, den er neben dem Cafe geparkt hatte, dann gingen wir bis zu Lisas Auto. Sie versprach mich anzurufen und fuhr weg. Ich blieb mit Sven allein. Er schlug vor mich nach Hause zu fahren und ich stimmte zu. Schweigend gingen wir bis zu seinem schwarzen Mercedes (ich war beeindrückt!). Wir redeten nicht viel, fast gar nichts. Als wir ankamen, bedankte ich mich für die Fahrt und stieg aus. Er stieg auch aus und begleitete mich bis zur Eingangstür des fünfstöckigen, im Jugendstil gebauten Hauses. Ich wollte schon reingehen, als er mich an meinen Arm festhielt und an sich zog. Unbequem war's, weil er viel größer ist als ich's bin. Er legte seine große Hand auf meine Wange und drehte mein Gesicht zu sich. Das alles machte er sehr sanft. Er schaute mir in die Augen und ich konnte deutlich das Schimmern in seinen Augen sehen (hatte ich's mir vielleicht nur eingebildet?), ich war wie hypnotisiert davon. Langsam lehnte Sven sich näher zu mir und als meine Lippen nur ein paar Milimetern von seinen entfernt waren, spürte ich seinen warmen Atem auf meinen Lippen, mir wurde ganz schwindlig und langsam zu viel, darum löste ich mich von ihm und rannte in das Gebäude rein. Mit einem großen Krach schloss ich die Eingangstür hinter mir und blieb stehen um durchzuatmen. Ich hörte wie er fluchte, auf die Eingangstür einschlug und wegging, dann gab er Gas und fuhr weg. Ich freute mich sehr, dass es ein Schloss auf der Eingangstür gab und fragte mich, was das alles sollte.
Am Abend rief ich Lisa an, damit sie mir alles über Sven erzählen könnte. Ich verriet ihr nicht, was nach unserem Abschied geschah. Ein Fehler? Gott weiß. Vielleicht ahnte sie auch was...
In meinem Schoß landet etwas pelziges, ich erschrecke mich, spring hoch und blitzschnell stehe ich schon auf dem Sessel, auf den ich vorher gesessen hatte. Meine Schwester lacht genüsslich und ich schaue nach unten. Da liegt das pelzige Ding. Ach! Das ist ein Kuscheltier - ein schwarzer Hud mit weißen Flecken. Florian hat bestimmt das Spielzeug gekauft und dem Baby geschenkt. Jeden Tag schenkt er etwas dem Baby. Süß! Ich runzele meine Stirn und setze mich wieder hin, ich nehme den Hund in die Hand und gucke ihn an. Es ist neu, weil das Etikett noch dranklebt. Ich löse es mit leichter Bewegung und schaue zu meiner Schwester, die sich auf den anderen Sessel hingesetzt hat und mich beobachtet. Ich zögere einen Augenblick und dann erzähle ich ihr von meinen Plänen, dass ich Lisa und Tom zur Hochzeit einladen will. Sie runzelt die Stirn und nickt. Sie erklärt, dass die Einladungen noch nicht ausgewählt sind und fragt sich, wo unsere Mutter mit den Einladungsbeispielen bleibt.
Einladungen! Meine Laune sinkt und ich beginne das Kuscheltier in meinen Händen rumzuwerfen um mich abzulenken. Meine Hochzeit. Langsam benehme ich mich wie ein Mann. Männer sind doch diejenigen, die sich vor der Heirat drücken und Angst haben, aber in meinem Fall ist das anders. Mein Verlobter hat mit Freude die Planung der Hochzeit übernommen, damit ich mich entspannen kann und das Projekt, das ich vorbereiten und übermorgen präsentieren muss auch rechtzeitig schaffe. Er ist sehr verständnisvoll und fürsorglich. Keine Ahnung womit ich so einen Mann verdient habe.
Na ja, mein Projekt und die Präsentation sind schon fast fertig, ich muss sie nur noch ein paar Mal durchgehen und korrigieren, wenn's nötig ist. Ich hoffe, dass alles gut gehen wird. Ich bin immer nervös bei Präsentationen, aber irgendwie geht alles glatt und Herr Botschafter ist begeistert. Warum ich in der Botschaft der Russischen Föderation arbeite? Ich hab mich bei ihnen beworben und sie haben mich sofort genommen. Auch ein Wunder. So schaffte ich auch nicht mich bei der französischen, englischen oder spanischen Botschaft zu bewerben. Was soll's! Mir geht es auf jeden Fall gut dort und ich verstehe mich gut mit allen, was auch ein Wunder ist.
Ich höre ein lautes "Juhu" und gucke in die Richtung von der Tür, denn von dort kam auch der Schrei. Meine Schwester umarmt Florian und küsst ihn. Er erzählt ihr etwas lachend und sie lacht. Er legt seine Hand auf ihren Bauch. Das sieht so süß aus! Ich beobachte die Beiden. Florian dreht sich jetzt zu mir und umarmt mich lachend. Er erzählt, dass er einen schrecklichen Unfall gesehen hatte, als er nach Hause fuhr. Ein blauer VW Passat habe sich mehrmals umgedreht nach dem Zusammenstoß mit einem roten Audi, der völlig zerstört sei. Er guckt zu mir rüber und sagt mir, dass ich vorsichtiger fahren soll. Ich nicke nur und höre zu, wie er über seinen Arbeitskollegen erzählt, dessen vierjährige Tochter ihn auf dem Arbeitsplatz besuchte.
Und schon wieder fliegen meine Gedanken irgendwo weg. Ich höre nicht mehr Florians Stimme, nicht mehr die leise Musik, die aus dem CD-Player strömt. Ich bin weg bis Florian meine Hand berührt und mich ausschimpft, dass ich nicht zugehört hatte - es ginge mich ja auch an. Ein Unfall, ein Arbeitskollege mit seiner Tochter - geht das denn mich wirklich was an?
"Hör zu, Schwester", fängt Florian an, "meine Cousine Miriam hat mich heute angerufen. Du kennst doch Miriam, oder? Ich hab sie zu deiner Hochzeit eigeladen. Ok, ich sagte ihr, dass du vor hast sie einzuladen und dass sie sich frei nehmen soll. Heute hat sie mir gesagt, dass sie ihre Cousine mitbringen will, damit die sich in der fremden Stadt einfühlt. Sie sei vor einem halben Jahr hiergezogen, aber kennt sich hier nicht aus. Geht das? Ich antwortete ihr, dass ich dich erst um Erlaubnis fragen muss."
Ich schaue Florian für eine längere Zeit an. "Ich wollte Miriam gar nicht einladen. Ich kenne sie kaum und kann sie nicht leiden. Und überhaupt würde ich gerne die Gästeliste sehen, denn ich hab langsam das Gefühl, dass ich keinen Gast kenne", meine ich und schaue die Beiden wütend an. Meine Laune ist am Tiefpunkt angelangt und da würde nicht mal der vorwurfsvoller Blick meiner Schwester oder Florians umwerfendes Lächeln helfen. Sie zögern ein bisschen und dann steht meine Schwester auf, um die Liste zu holen. Während dessen sagt Florian, dass ich lieber dankbar sein sollte, dass sie mir mit der Planung helfen, dabei höre ich einen giftigen Ton in seiner Stimme. Ich antworte giftig zurück, dass er das alles nur aus egoistischen Gründen macht. Meine Schwester beruhigt Florian und reicht mit die Gästeliste.
100 Namen. Ich schaue auf die Namen erstaunt. Mama, Papa, Florian und Amelie, meine Schwester, Florians Schwester Petra, Miriam, meine Großeltern, die Familie von meinem Verlobten, seine Freunde... Und dann lese ich mir komplett fremde Namen. Ich bin geschockt. Ich kenne hier keinen. Eine Weile überlege ich mir, was ich machen soll. Unter der Beobachtung Amelies und Florians reiche ich mich nach meiner Tasche, die neben mir liegt, nehme meine grünen Stabilo point 88 Kugelschreiber raus, der mir immer an der Hand ist, und beginne Korrekturen zu machen. Ich unterstreiche die Namen von meinen Eltern, Großeltern, Petras Namen (wir sind sehr gut befreundet), Amelies und Florians Namen, die Familie von meinem Verlobten, dann schreibe ich "Lisa und Tom (+Diana und Paula?!)" dazu; bei den anderen Namen wird ein großes Fragezeichen gesetzt. Ich entscheide mich mit meinem Verlobten die Liste in Ruhe durchzugehen. Habe ich wirklich so wenig Freunde? Gute Freunde schon, aber gute Bekannten habe ich viele. Ich lege die Liste und den Kugelschreiber in meine Tasche.
Florian und Amelie gucken mich fragend an und ich erkläre: "Ich werde die Liste mit Patrick durchgehen. Sie ist zu lang."
"Da gibt es ja nur 100 Gäste!", meint meine Schwester.
"Ja, aber das ist zu vie und zu teuer!", antworte ich. Ich hatte mir eine kleine Hoichzeit gewünscht.
"Zu teuer? Spinnst du jetzt?", fragt Amelie aufgeregt.
"Natürlich nicht! Ich kann und will mir das nicht leisten", ist meine Antwort.
Amelie beginnt zu lachen und spricht: "Du machst dir Sorgen übers Geld? Du musst die Hochzeit nicht bezahlen. Das macht doch Patrick! Echt! Du hast ja Mama glücklich gemacht. Sie wollte immer, dass wir reiche Männer heiraten. Ich hab nun mal aus Liebe geheiratet und einen Mann ausgewählt, der kein Millionär ist , aber du... Du hast dir doch einen Millionären geschnappt! Was soll das alles? Genieße es doch!"
"UND ICH HEIRATE NUR WEGEN DES GELDES, JA?!" Das schreie ich aus, nehme mit einer schnellen Bewegung meine Tasche und bin blitzschnell raus aus der Wohnung von Florian und meiner Schwester. Was glauben sie denn?
Ich bin in Rekordszeit Zuhause. Ich werfe mich auf mein Bett und gucke in die Decke. Ich muss mich beruhigen. Ich streite mich nicht oft mit Amelie, weil wir uns bestimmt selten sehen. Nein, das ist eine Lüge. Ich streite mich nicht mit ihr, weil ich immer meine Meinung zurückhalte, ich lasse mich unterdrücken. Amelies Worte schmerzen. Sie sollte am besten wissen, dass ich nach sowas ausrassten werde, darum sollte sie sich jetzt nicht wundern.
Patrick. Mein Verlobter Patrick ist der Sohn reicher Eltern, aber ich leide nun mal auch nicht an Armut. Ich kann mir diese wunderschöne Wohnung in der Altstadt leisten, obwohl ich sie von meinem Arbeitgeber zugeteilt bekam, aber ich hab sie schon völlig abgezahlt. Ist sie vielleicht eifersüchtig? Warum sollte sie das sein? Patrick... Na ja, er ist 24 Jahre alt, ein Jahr jünger als ich, aber das stört mich nicht viel und ihn auch nicht; er arbeitet in der Firma seines Vaters (es ist eine Transport-Firma); seine Eltern sind sehr nett und können mich gut leiden. Ich verstehe mich sehr gut mit ihnen, obwohl ich anfangs Meinungsverschiedenheiten mit seiner Mutter hatte. Ich errinere mich gut an den Tag, als ich sie kennengelernt hatte, aber noch besser errinere ich mich an das langweilige Geschäftsessen, zu dem ich Patrick begleitete am 30. Juni letztes Jahres.
Den Abend hatte ich schon unter dem Etikett langweilig, scheußlich, schrecklich, abscheulich unterschrieben, aber das war bevor ich auf der Terasse des Restaurants einschlief und völlig woanders aufwachte. Ich öffnete meine Augen und sah den klaren Sternenhimmel und den strahlenden Mond. Patrick saß neben mir und beobachtete den Himmel. Alles schien so friedlich zu sein, es gab kein Hauch vom Wind. Die Welt stand still. Ich merkte, dass ich auf einer weißen Matrazze lag und mein erster Gedanke war: "Mein Kleid!" Ich hatte an dem Abend ein braunes Kleid mit einem V-Ausschnitt angezogen, das ein bisschen nach meinen Knieen endete. Ich setzte mich schnell auf um das Kleid runterzuziehen, weil es nach ober gerutscht war. Patrick schaute mich erstaunt an und lächelte. Er sagte nichts und ich hatte die Möglichkeit mich umzuschauen. Wir waren auf einer Jacht und mitten im Wasser. Ein Fluss oder Meer?, fragte ich mich. Ich atmete tief durch und spürte wie die kühle Meeresluft in meine Lungen strömte. Patrick beobachtete mich eine Weile und erklärte: "Damit du nicht wegläufst." Ich schaute ihn verwirrt an und er umarmte mich. Er schwieg stur, obwohl er sehr gut wusste, dass ich die Stille nicht lange ertragen kann. Ungewöhnlich für ihn war sein Hemd offen und ich stüzte meine Stirn gegen seine Brust. Ich spürte seinen langsamen und ruhigen Atem. Typisch Patrick!, dachte ich und runzelte meine Stirn.
Er ist immer so ruhig und kann stundenlang schweigen, doch ich bin das Gegenteil - ich kann nie die Klappe halten und still sitzen ist eine Qual für mich. Plötzlich wurden alle meine Gedanken von einer unsichbaren Hand gelöscht und mein Kopf war leer. Ich konnte jeden Geräusch, jedes Rauschen und Zischen wahrnehmen; das war eine neue Entdeckung für mich. Ich hörte wie sein Herz schlug, ruhig und rhytmisch. ... Meine Hände schlungen sich um Patricks Oberkörper und ich drückte mich näher an ihn. Er war so warm während die Meeresluft kälter und kälter wurde. Mit einer sanften Bewegung zog er mich zurück und schaute mir ins Gesicht. "Ich muss mit dir reden", sagte er. Ich nickte leicht. Sein Gesicht war nur ein paar Zentimeter von meinem entfernt und ich hätte ihn viel lieber geküsst, aber er sprach weiter: "Heute war ein langweiliger Abend, oder?" Er wartete nicht auf meine Antwort. "Ich will, dass du meine Eltern kennenlernst. Deine kenne ich schon, aber du hast meine noch nie getroffen. Aber bevor du sie triffst... Weißt du..."
Seine Lippen berührten meine und er küsste mich leidenschaftlich. Dieser Kuss dauerte eine Weile. Nach dem Kuss umarmte er mich wieder. Ich wollte irgendetwas sagen, aber ich war stumm, kein Laut konnte ich über meine Lippen bringen. Ca. zwei Minuten spielte er mit meinen Haaren und dann schaute er mir ins Gesicht und sagte: "Ich liebe dich. Ich liebe dich wirklich." Das war das erste Mal, dass er mir gesagt hatte, dass er mich liebt, darum war ich auch verwirrt. Was sollte ich sagen? Danke? Ich dich auch? Hilfe?! Hilfe! Patrick ließ mich nicht zum Wort kommen: "Du bist das Wichtigste in meinem Leben. Willst du mich heiraten?"
In diesem Moment war ich nicht nur stumm, ich wurde sogar taub. In meinem Kopf war ein reines Chaos. Ich und heiraten? Ich und Patrick? Patrick - schön, sportlich, verantwortungsvoll, nett, zuverlässig, lieb - und ich? Wer bin ich schon?, dachte ich. Warum ich?
"Weißt du was?", fragte Patrick. "Du hast sowieso keine Wahl. Ich hab allen meinen Freunden und Arbeitskollegen gesagt, dass ich im Juli heiraten werde, damit sie sich frei nehmen können."
Juli? Heute ist doch der 30. Juni. Im Juli!, ich kriegte langsam Panik.
Patrick, der alles von meinem Gesicht abgelesen hatte, fuhr in Ruhe fort: "Die haben sofort mit mir geschimpft, dass ich übertreibe und dass sie nicht mehr frei nehmen können usw. Dann musste ich ihnen erklären, dass ich nächstes Jahr heiraten werde oder auch nach zwei oder drei Jahren! Die beruhigten sich wieder!" Er lachte herzlich und ich lächelte. Das Rauschen der Wellen wurde stärker. Er gab mir ein Glas Sekt, stellte sich vor mir auf ein Knie und sprach: "Jetzt nochmal. Bist du bereit?" Ich nickte. "Willst du mich heiraten? Willst du meine Frau werden? Willst du das ganze Leben mit mir verbringen?", er schaute mir tief in die Augen. "Anders kann ich's nicht sagen. Oder doch. Nimmst du mich zum Mann mit allen meinen Macken und guten Eigenschaften?", er lächelte. Der Wunder des Momentes zog mich mit sich. Ich nickte und küsste ihn. "Bin ich taub geworden? Ich hab deine Antwort nicht gehört!", scherzte er.
"Ja!", schrie ich laut und lachte. Patrick ließ sich auf die Matrazze fallen und ich legte mich neben ihm. Er legte seinen Arm um mich und schaute in den Sternenhimmel, der in dem Moment heller aufleuchtete, wie es mir schien. "Und du? Nimmst du mich so mit allen meinen Macken?", fragte ich vorsichtig. "Ich bin nun mal kein Supermodel, nicht aus der Königsfamilie, bin nicht sehr wohlhabend und -"
Patrick ließ mich nicht meinen Gedanken beenden. Sein Zeigefinger war an meinen Lippen und er schüttelte den Kopf lachend: "Noch dazu bist du ein Tolpatsch, vorlaut, aggressiv und total faul, aber darum liebe ich dich doch. Ich liebe jede deine Macke und noch dazu hast du viele guten Eigenschaften, zum Beispiel, du bist klug, wunderschön, hilfsbereit, nett, selbstständlich, lustig. Ich brauche nicht eine Königin oder ein Supermodel - ich hab doch dich." Er küsste mich und stoß die Flasche Sekt, die neben uns stand, und sie fiel um. Mein schönes Kleid bekam fast alles ab. Ich regte mich, natürlich, darüber auf, dass mein neues Kleid wegen seiner Unaufmerksamkeit leiden musste und dann errinerte er sich daran, dass er mir nicht den Ring gegeben hatte. Den zog er sofort auf meinen Finger. ????
Fast ein ganzes Jahr trage ich diesen Ring an meinem Finger. Ein goldener Ring mit einem Diamanten - nicht sehr großen aber auch nicht kleinen. Ich hab ihn noch nie abgenommen. Nie.
Die Decke scheint heller zu sein als vorher. Ich stehe auf und ziehe mich um. Mein altes, weißes Unterhemd ziehe ich an und die schwarz-rosa-farbenden Shorts. Noch ein weißes Stirnband in mein Haar und ich kann mir was zu essen machen - mein Magen knurrt schon. Ich bin schon in der Küche als ich das Klingeln von meinem Handy höre. Ich ignoriere es und gucke in meinen Kühlschrank. Leer. Wann hatte ich das letzte Mal eingekauft? Das war bestimmt nicht heute, gestern auch nicht, vielleicht vorgestern. ich gehe mich anziehen um in den Supermarkt zu gehen. Einkaufen. Ich gehe gern einkaufen, aber heute ist die Lust einzukaufen verloren gegangen. Wo? Keine Ahnung.
Nach Hause komme ich um 19 Uhr 30. Ich bin müde und Hunger hab ich auch nicht mehr. Ich nehme mir vier Bananen, die ich gekauft habe, und gehe ins Wohnzimmer, wo ich den Fernseher einschalte, mich auf der Couch breit mache und Bananen esse. Mir ist langweilig und ich überlege mir, wen ich anrufen könnte. Meine Eltern? Sie würden mit mir gern reden, aber ich will nicht, dass sie meine Traurigkeit bemerken. Lisa? Sie ist jetzt bestimmt mit den Kindern beschäftigt. Florian&Amelie? Ich bin noch nicht bereit mich zu entschuldigen. Eigentlich fällt es mir sehr schwer mich zu entschuldigen. Patrick? Er ist auf "Businessreise", wie seine Mutter sagt. Patricks Eltern? Ich hab sie noch nie angerufen, aber könnte es ja mal versuchen, doch nicht heute.
Plötzlich höre ich das Klingeln von meinem Handy, doch bevor ich es in meiner Tasche finde, hat der Anrufer schon aufgelegt. Sieben Anrufe von einer unbekannten Nummer! Über eine Verwählung kann man wohl kaum sprechen und das nächste Mal werde ich unbedingt abnehmen. Und schon klingelt es. Es ist Patrick. Ich nehme ab und errinere mich, wie schön es ist seine Stimme zu hören, das hab ich fast vergessen. Er erzählt, dass der Flug ruhig war und dass das Wetter in London ausnahmsweise gut ist. London? Er erklärt mir, dass er mir tausende Male gesagt hat, dass er nach London fliegen muss, aber ich wohl nicht zugehört habe. Schuldig! Dann spricht er über den Tagesablauf von Morgen und seinen Vorschlägen zur Hochzeit. Jetzt habe ich die Möglichkeit mit ihm über die Gästeliste zu reden. Einige Namen werden ausgestrichen, andere dazugeschrieben. Wir einigen uns, dass wir die Liste nochmal durchgehen werden, wenn er zurück ist. Den Streit zwischen mir und Amelie&Florian erwähne ich nicht, obwohl er mich fragt, was mich bedrücke. Er wüscht mir 'ne gute Nacht und süße Träume, ich solle nur von ihm träumen! Eineinhalb Stunden haben wir gesprochen. Ich bin erschopft. Das erstaunt mich, weil ich heute nichts gemacht habe. Das Handy klingelt schon wieder und ich nehme ab, doch bekomme keine Antwort. Merkwürdig. Da hat sich ja jemand verwählt. Das Handy wir auf den Tisch im Wohnzimmer hingelegt und ich gehe Zähne putzen und schlafen.
Mir fällt es schwer einzuschlafen und darum versuche ich zu lesen. Stefan Zweigs Maria Stuart ist plötzlich ungenießbar geworden. Irgendwie ist mein Kopf mit Gedanken überwüllt. Patricks Mutter schlug mir mal bei solchen Fällen eine Massage vor. Eine gründliche Massage würde mir gut tuhen, aber wo kann ich eine Massage um 22 Uhr bekommen? Ein Horror! Musik ist wohl das Einzige, was mir helfen kann, darum schiebe ich meine Lieblings-Compilation in den CD-Player und lege mich hin. Zukersüße, romantische Musik, sanfte Töne, traurige und fröhliche Lieder, Lieder über Liebe, Rache, Hass, Trennung und Hoffnung, tiefgründige Songtexte - das hilft mir meistens. Ich sollte diese CD für Patricks Mutter brennen, vieleicht gefällt auch ihr die Musik. Sie wird ja nicht jedes Lied verstehen, aber ich kann es ja auch übersetzen. Eine Art Training für mich.
Patricks Mutter ist anders als meine; ich kann nicht die Unterschiede auflisten, ist zu schwer, aber sie ist trotzdem anders. Das erste Treffen mit ihr wurde fast zum Reinfall.
2. Juli. Hitze. Der einzige Wunsch war sich im Meer zu baden, aber wir fuhren zu seinen Eltern. Seine Eltern wohnen außerhalb der Stadt. Wir mussten 50 Minuten fahren (wegen den Staus). Als mich Patrick abgeholt hatte, war er gut gelaunt, aber seine Laune sank mit jeder Minute. Ich beobachtete den Verkehr und freute mich, dass ich nicht am Steuer saß - meine Konzentration war baden gegangen. Meer, salziges Wasser, Sonne, Strand, Sand. Was will man mehr? Er hatte mir versprochen, dass wir später baden gehen würden, aber das war eine Notlüge, ich verstand sie zu gut.
Patrick verstand sich mit meinen Eltern sehr gut und ich fragte mich, ob ich mich genauso gut mit seinen Eltern verstehen werde. Als ob er meine Sorgen gespürt hätte, klopfte er mir liebevoll auf die Schulter und gab Gas, weil wir an der Autobahn angekommen waren. Er schlug mir vor etwas zu lesen, damit ich mich ablenke. Das fand ich eine gute Idee und nahm die rote Mappe, die ich von der Redakteurin einer Frauenzeitschrift bekam. Ich hatte die Mappe vorher nicht geöffnet und war sehr erstaunt als ich den Inhalt sah. Dort drin waren viele Briefe und ein Zettel, der an der Mappe klebte mit der Bitte einen Brief auszuwählen und einen Rat zu geben, es sei ein Experiment oder etwas in der Art. Da waren mindestens 20 Briefe. Ich seufzte, nahm meinen grünen Stabilo point 88 Kugelschreiber, mein gelbes Notizbuch, den ersten Brief und begann zu lesen. Ein Ratschlag von mir. Da musste ich lachen, aber logisch war das doch. Ich bin ein Aussenstehender, bin nicht beteiligt und bin auf keiner Seite, darum kann ich mit kühlem Kopf urteilen. Probleme, Probleme und Probleme. Nun mal, war es gut mal über fremde Probleme nachzudenken und meine zu vergessen.
Plötzlich blieben wir stehen und Patrick stieg aus. Ich versuchte noch rasch den Brief bis zum Ende zu lesen, während er im Kofferraum rumkramte. Ich legte alle Briefe in die rote Mappe und wollte schon aussteigen, als Patrick meine Tür öffnete und sagte, dass ich mich beeilen sollte. Ich stieg aus und starrte sprachlos auf das riesige Haus. Es hatte zwei Stockwerke, die Fassade war hell, nicht weiß, aber mit einem orangefarbenden Ton, der Balkon über der Eingangstür wurde auf vier Kolonnen gestüzt, die Tür war auch riesig, aus Holz, die Fenster waren groß und ich war überzeugt, dass es dort drin darum sehr hell sein müsse. Nur jetzt merkte ich das wir durch ein eisernes Tor reingefahren waren. Hier gab es viele Bäume und Blumen. Patrick nahm mich an die Hand und führte ins Haus. Er lächelte als ich ein "Oh!" von mir gab als ein Dienstmädchen die Tür öffnete. Jetzt war mein Selbstbewusstsein futsch. Patrich gab seine Tasche dem Dienstmädchen und bat sie darum, die Tasche in sein Zimmer zu bringen, darum hatte ich Zeit mich umzuschauen.
Das Wohnzimmer war sonnig, hell und groß. Kein Wunder. Patrick umarmte mich von Hinten und flüsterte, dass ich mich entschpannen sollte. Entspannen? Das war unmöglich. Mein einziger Wunsch war mich umzudrehen und wegzufahren. Doch Patrick nahm meine Hand und führte mich durch das Wohnzimmer, durch einen Gang, in dem viele Gemälde hingen, in den Hausgarten. Das Sonnenlicht blendete mich und ich sah anfangs gar nichts. Patrick passierte sowas nicht, weil er eine Sonnenbrille trug. Als ich wieder sehen konnte, sah ich einen riesengroßen Pool (alles in diesem Haus war sehr groß) und einen Garten mit viel Grünzeug. Patrick winkte einem Mann und einer Frau, die sich im Schatten und wir begaben uns zu ihnen. Ich versuchte mich panisch an Patricks Treffen mit meinen Eltern errinern, was er gemacht und gesagt hatte, aber mein Kopf war leer.
Der Mann stand auf, ging auf uns zu und Patrick und er grüßten und umarmten sich. Ich stand da und flehte Gott an, dass er mich nicht bemerkt, aber der Mann drehte sich schließlig zu mir und fragte: "Wer ist denn dieses schöne Mädchen?"
Patrick grinste und antwortete: "Ach, das ist nur meine neue Sekretärin. Wir sind auf einer Businessreise, du weißt schon, die Businessreise. Wir sind dann bald weg. Nur ein kurzer Zwischenstop." Scherzkeks!
Ich setzte mein unschuldigstes und naivstes Lächlen auf und sprach mit russischen Akzent: "Pathrick wollte mir unbedingt eure Gardinen zeigen. Er behauptete, dass si-e die Schoensten haetten und erlaubte mir kleine Beispiele fuer meine Sammlung abzuschneiden. Das hab ich schon gemacht. Diese hi-er finde ich sehr schoen." Ich zog ein kleines Stück Stoff aus meiner Hosentasche raus und zeigte dem Mann. Eigentlich war das ein kleines Stück Stoff von meiner neuen, weißen seidenen Bluse, war in der Packung dabei (ich wollte ihn Patrick zeigen). Der Mann guckte sprachlos auf den Stoff. "Das sind eure Gardinen in dem Wohnzimmer", erklärte ich. Es ist unglaublich, aber der Stoff von meiner Bluse war ähnlich dem Stoff von den Gardinen, eigentlich waren sie ziemlich verschieden, aber ich war überzeugt, dass der Mann die Gardinen im Wohnzimmer nie richtig angeguckt hatte. In seinem Gesicht sah ich einen Schrecken und musste innerlich lächeln, aber ich blieb trotzdem ernst und wartete gespannt auf die Reaktion. Patrick war offensichtlich geschockt und konnte nichts sagen. Die Frau stand von der Wassermatrazze auf und ging zu mir. Sie nahm das Stoff in die Hand und guckte es genauer an. Mein Verlobter stand neben mir wie gelähmt.
Dann sprach sie: "Ich wusste nicht, dass ich so teuere Gardinen habe. Dieser Stoff kostet bestimmt ein Vermögen! Na ja, was soll's! Dann müssen wir eben die Gardinen ändern. Danke! Ich hab schon 'ne Ewigkeit meinem Ehemann wiederhohlt, dass wir andere Gardinen brauchen, aber er ist so ein Sturkopf! Schade, dass mein Sohn auch einer ist. Wie hießen Sie nochmals?"
"Ich? Ich heiße Daria Donzowa. Ich bin eine Schriftstellerin und schreibe Krimis. Letztes Jahr habe ich zwei Milionen verdient. Und ich spiele bestimmt nicht die Leiche in einer Verfilmung meines Romans. Und Sie?", sprach ich mit meinem russischen Akzent. Ich selbst konnte Fremdsprachen fast ohne Akzent sprechen, aber dafür konnte ich sehr gut mit verschiedenen Akzenten sprechen und am besten mir russischem Akzent, weil ich es am öftesten hörte.
Die Frau lächelte. Sie war über 40, aber sah trotzdem sehr jung aus. Sie war ein bisschen größer als ich. Vielleicht auch so groß wie Amelie, also, cirka 1.65m groß. Sie hatte blonde Haare, blaue Augen und weiße Zähne wie aus einer Zahnpasta-Werbung. "Ich bin die Mutter dieses Bürschchens. Ich heiße Helena. Ich hab noch nie von Ihnen gehört, aber ich hoffe mal, dass ich Ihre Bücher auf jeden Fall lesen werde." Daria Donzowa ist wirklich eine sehr gute Schriftstellerin und sie wurde wirklich angegeguckt, als man bei der Verfilmung eines ihren Romans eine Leiche brauchte, aber sie bin ich nun mal nicht. Die Frau erwähnte, dass sie selbst schreibe und sich freuen würde, wenn ich mal etwas durchleste und meine Meinung dazu sagte.
Ich lächelte küstlich und überlegte mir einen Ausweg aus dieser Situation, als der Mann seinem Schock überwunden hatte und aufgeregt sprach: "Keine neuen Gardinen, auf keinen Fall. Du hast den letzten Interjerdesigner zum Teufel geschickt, weil er nicht deiner Meinung war und ich hab keine Lust jetzt einen Neuen zu suchen, damit sich die selbe Hölle wiederholt. Nein, vergiss es, Helena! Und noch dazu - rote Gardinen! Spinnst du?"
Ich fand diesen Monolog sehr lustig und versuchte nicht zu lachen, aber es fiel mir sehr schwer. Die Stille wurde länger. Die selbe Stille, die hinter einem Witz kommt um zu lachen, war unendlich. Aber ich gab schließlig auf mit mir selbst zu kämpfen und begann laut zu lachen. Mein Bauch tat mir weh, in meinen Augen waren Tränen, aber ich konnte nicht mit dem Lachen aufhören. Ich machte einen Schritt zurück in der Hoffnung, dass ich nicht die erstaunten und in der selben Zeit lustigen Gesichter sehen muss, und stolperte. Ich fiel auf meinen Hintern und er tat verdammt weh, aber mit dem Lachen konnte ich nicht aufhören. Ich fand die Art, wie ich hinfiel sehr lustig und musste ich dann auch über sie lachen.
Patrick strich durch seine Haare, seufzte und reichte mir seine Hand, als ich mich beruhigt hatte.
"Mutter, Vater, das ist meine Verlobte." Patrick sagte das sehr ernst und ich spürte, wie meine Hand, die in seiner lag, leicht zusammengedrückt wurde.
"Ach, das ist also das Mädchen, über das du letztes Mal so viel erzählt hast", sprach Helena und fügte hinzu, "natürlich, nur gutes. Weißt du, es war schön mal über etwas anderes zu reden als nur über die Firma und Autos. Meine Männer lieben Autos. Du arbeitest also in einer Botschaft." Ich nickte. "Du weißt doch, dass wir eine religiose Familie sind, oder?" Jetzt erstarrte ich und war in Panik. Musste ich jetzt ihre Religion annehmen? Na ja, der Papst gefiel mir sehr gut, aber...
"So religiös sind wir auch nun wieder nicht", beruhigte mich Patricks Vater. "Ich heiße Hans", sagte er und drehte sich zu Patrick, "und dieses Mädchen willst du also heiraten?"
"Ja, Vater, wir werden im Juli nächstes Jahres heiraten oder auch ein bisschen später. Ist noch nicht entschieden."
"Ach, wie schön!", sagte Helena und nahm mich an die Hand. Sie führte mich in den Schatten, wo sie mir einen Stuhl zum hinsetzten anbot. "Ich hab sofort mehrere Zeitschriften für eine Braut gekauft. Was für ein Kleid willst du? Hast du dir das schon überlegt?"
"Äh, nicht wirklich. Wissen Sie, die Hochzeit ist doch erst in einem Jahr", antwortete ich.
"Duze mich, bitte. Sonst fühle ich mich alt und das bin ich nun mal nicht. Was machst du in deiner Freizeit?", wollte Helena wissen.
"Eigentlich nichts besonderes."
"Sie liest viele Zeitschriften wie du, Mutter", meinte Patrick. Er setzte sich neben mich und legte seinen Arm um mich, dann zog er mich an sich und flüsterte: "Wenn du Lust hast, dann könnten wir im Pool ein bisschen rumplantschen."
"Patrick! Geh auf dein Zimmer und lass mich mit meiner Tochter allein! Endlich bekomme ich eine Tochter", sagte Helena, nahm meine Hand und lächelte.
Ich lächelte zurück und fragte: "Sie lesen Zeitschriften?"
"Ehm, duze mich!"
"Tschuldigung. Du liest Zeitschriften? Welche?", korrigierte ich.
"Na ja, Patrick übertreibt. Aber heute, zum Beispiel, hab ich diese Zeitschrift gelesen", sie hebt eine Frauenzeitschrift hoch, "und eine Journalistin schreibt das gleiche, was ich gestern in einer anderen Zeitschrift gelesen hab. Das ist ja eine Unverschämtheit!"
"Vielleicht ist das ja auch ein Zufall?", meinte ich.
"Ein Zufall? Ich werde mich bei der Redaktion beklagen!"
"Andere Menschen lesen nur eine Zeitschrift und merken gar nicht, dass dasselbe in einer anderen Zeitschrift gedruckt wurde. Ich glaube, dass du das lassen solltest."
"Was?! Kommt gar nicht in die Frage!", Helena wurde lauter.
"Helena, sie hat vielleicht auch recht!", sagte Hans, der zu uns rübergekommen war.
"Du bist an der Seite von dieser Göre?!", schrie Helena und zeigte auf mich.
"Mutter!", Patrick mischte sich ein.
"Du! Gegen deine eigene Mutter?!"
"So! Ruhe! Wir werden jetzt die andere Zeitschrift aufsuchen und das Geschriebene vergleichen. Wo ist die andere Zeitschrift?", sprach Hans.
"Ich weiß nicht", antwortete Helena schon viel ruhiger.
"Los! Suchen wir sie!", befahl Hans und wir alle suchten. Verging eine Weile bis Helena die andere Zeitschrift gefunden hatte.
"Hier ist das Original", zeigte sie triumphierend, "und das ist die Fälschung."
"Lass mal sehen", Hans nahm ihr die zwei Zeitschriften ab. "Also, wenn du wissen willst, dann muss ich dir sagen, dass die Fälschung echt ist und das Original nachgemacht. Vergleiche das Datum auf einer und das Datum auf der anderen Zeitschrift. Und noch dazu, deine neue Tochter scheint den Original geschrieben zu haben, aber nur, wenn es keine Journalistin gibt, die den selben Namen hat wie die Verlobte unseres Sohnes."
"Wie bitte?", fragte Helena verwirrt.
"Du hast alles sehr gut verstanden", Hans legte die Zeitschriften zur Seite. "Unsere Schwiegertochter ist die Autorin von der Kolumne über... Über Hautpflege?" Ich nickte.
"Wörüber schreibst du denn zur Zeit?", fragte Helena, die sich beruhigt hatte und wie vorher strahlte. Sie hatte schon alles vergessen.
Ich zuckte mit den Achseln und antwortete: "Weiß noch nicht. Ich muss jetzt Briefe lesen, die die Leser eingeschickt haben, und über ein meist genanntes Thema schreiben. Die Redakteurin will, dass ich den Lesern Ratschläge gebe."
"Hast du dich schon für ein Thema entschieden?", wollte Helena wissen. Ich erklärte ihr, dass ich alle Briefe noch nicht gelesen hatte und dass ich nur dann ein Thema auswählen kann. Sie stellte mir noch viele Fragen und so redeten wir die ganze Zeit über Hautpflege, Schönheitsprodukte, Schönheitswahn und, natürlich, über mich und Patrick. An dem Tag verriet sie mit etwas, dass mich anfangs sehr schockte, aber ich hab's mit Leichtigkeit akzeptiert. Vielleicht wäre es anderen viel schwieriger gefallen, wer weiß. Nach 2-3 Stunden Gespräch mit seiner Mutter erlöste mich Patrick, der mit seinem Vater im Haus verschwunden war. Er kam zu uns strahlend und und zeigte mir mit viel Stolz ein silberfarbenes Auto. "Lexus SC430", las ich und schaute Patrick verwirrt an, der übers ganze Gesicht lächelte.
"Ist es nicht geil?", fragte er. Ich zuckte mit den Achseln und schwieg. "Mein Vater hat mir versprochen, dass er mir dieses Auto schenken wird. Ist das nicht toll?"
"Ein neues Auto?! Aber deine grüne Mazda MX5 ist doch ok und schön ist sie auch", meinte ich.
"Wenn du willst, dann kannst du sie haben. Tschuldigung, aber deine Honda gehört in den Schrott", sagte Patrick und zeigte das Auto seiner Mutter, die begeistert die Hände zusammenschlug. Ein neues Auto für mich? Seine Mazda? Na ja, sie war wünderschön und sie gefiel mir sehr gut, kürzer - ich liebte sie, aber ich war nicht überzeugt, ob ich sie annehmen darf. Auf einer Seite liebte ich sein Auto, aber auf der anderen Seite hatte ich Angst, dass ich in den nächsten Baum fahren werde. "Hey! Ich hab einen besseren Vorschlag", sprach Patrick. "Such dir einfach ein Auto aus. Ich schenk's dir!"
"Und die Mazda und Honda?"
"Was ist den mit denen?"
"Wohin mit ihnen?"
"Ach so, na ja, deine Honda ist ja sehr alt und gehört auf den Schrottplatz, die Mazda werde ich in die Garage stellen", erklärte mir Patrick.
"Ich nehme die Mazda", sagte ich. "Ich mag sie sehr, das weißt du."
"Das wäre geklärt. Komm ich zeige dir meinen Lexus!", Patrick stand auf. Ich schaute ihn erstaunt und sprachlos an und stand langsam auf. Er nahm mich an die Hand und führte an dem Pool vorbei in den Garten. Ich fühlte mich wie im Dschungel, denn da gab's die verschiedensten Pflanzen, langsam kämpften wir uns durch das Grüne. "Ich hab ihn noch nicht gesehen, weil ich ihn mit dir angucken wollte. Na ja, auf dem Foto sieht er jedenfalls geil aus, oder?", Patrick blieb wie erstarrt stehen. Da war das Schmuckstück. In der Mitte eines Sportplatzes (das es auch sowas gab, war ich erstaunt) stand der in der Sonne leuchtender Lexus. Eine Weile herrschte Stille, dann drehte sich Patrick zu mir um: "Na, wie gefällt er dir? Hoffentlich nimmst du mir ihn nicht weg!" Er lachte, hob mich hoch und drehte sich im Kreis um. Wie ein Kind, das ein neues Spielzeug bekam, freute sich Patrick über den Lexus. Eigentlich, war ja das Auto ein Geschenk und über Geschenke freute man sich, oder? Patrick begann mir alle Vorteile des Autos zu erklären: Ledersitze, Stereoanlage, Geschwindigkeit usw.
Meine in Silber leuchtende Honda Civic sedan und Schrottplatz? Das konnte ich schwer begreifen. Sie war zwar vom Jahr 1998 und musste ab und zu in die Werkstatt, aber ich mochte mein Auto trotzdem. Praktisch und bequem - so konnte ich mein Auto charakterisieren. Es war schön anzusehen, wie mein Verlobter sich über seinen Lexus SC430 (irgendwie konnte ich mir alle diese schwiergen Namen merken) freute. So freute ich mich, als ich mir die Honda kaufte; gespart, ausgesucht und gekauft. So einfach war's! Noch eine Möglichkeit gab's - ich konnte die Honda an meine Schwester weitergeben, die in der Zeit ein Auto kaufen wollte.
Aber wie sollte ich mit Patricks Mazda MX5 machen? Ein nicht großer, klassischer sportlicher Wagen mit zwei Türen und mit einem aufklapbaren Dach, ein Schmuckstück wie Lexus, na ja, dem Lexus konnte die Mazda nicht das Wasser reichen, eine Tatsache. Patrick schlug vor eine Probefahrt zu machen und ich stieg in den Lexus. Er war wirklich sehr bequem und übertraf sogar Patricks Lobe. Patrick strahlte. Nach einer kurzen Fahrt gingen wir zurück zum Haus.
Patrick wollte unbedingt baden und versuchte mich zu überreden. Nach langem Leugnen und Kopfschütteln stimmte ich zu. Das Wasser war ein bisschen kühl, darum ging ich nicht sofort ins Wasser, doch Patrick, dieser Dickkopf, hob mich hoch und trug mich ins Wasser, das plötzlich schien eisig geworden zu sein. Ich klammerte mich um ihn und schrie, dass er mich loslassen sollte. Das tat er auch, als er im Pool war. Ich ging unters Wasser und erschrak mich. Mein Verlobter lachte und spritzte mir Wasser ins Gesicht, als ich auftauchte. Ich spritzte zurück und so fing ein Kampf an, in dem der Stärkste siegte, nämlich, er als er mich von Hinten packte und in die Tiefe zog. Ich war erstaunt, wie tief der Pool war. Wasser war nun mal noch nie so mein Ding und ich mochte es nur dann, wenn ich nicht unter Wasser war. Schließlig tauchten wir auf und ich merkte, dass Patrick mich in einem kräftigen Griff hielt. Er küsste mich rasch und meinte, dass ich keine Chance hätte mich zu befreien. Ich legte meinen Kopf auf seine Schulter und seufzte. Er fragte, was mit mir los sei und bemerkte nicht, dass er seinen Griff dabei lockerte. Ich nutzte sofort den Augenblick und befreite mich. Mein Verlobter grinste nur und tauchte. Ich kriegte Panik, denn ich wusste zu gut, dass er sich im Wasser wie Zuhause fühlte, darum wollte ich schon aus dem Pool raus, doch er war schneller - ich wurde schon wieder unter das Wasser gezogen. Er umarmte mich sanft und küsste mich sanft. Ich konnte nicht begreifen, wie er es schaffte; ich machte die Augen unter Wasser auf - bisher hatte ich das nie getan. Seine Augen strahlten wie nie zuvor. Er küsste mich noch mal und wir tauchten auf.
Der Tag neigte sich dem Ende, der Sonnenuntergang benachrichtigte uns darüber. Ich begab mich zu der Treppe, er folgte mir schweigend. Ich warf noch einen letzten Blick auf den rot-lila-rosa-blau gefärbten Himmel und wollte ins Haus gehen, als Patrick mich am Arm festhielt, in einen Handtuch wickelte und zu sich zog. Die Luft wurde kälter und auf seiner nassen, dunkleren Haut konnte ich Gänsehaut erkennen. Ich sagte ihm, dass es kalt sei und das er den anderen Handtuch nehmen sollte. Er hörte auf mich und küsste mich auf die Stirn. Er zog mich näher an sich und ich umarmte und beobachtete ihn. Er war ein Kopf größer als ich, sportlich gebaut, mit dunkel-braunen, fast schwarzen Haaren, braunen Augen und langen Wimpern, wofür ihn jede Frau beneiden konnte.
Ich merkte, dass seine Eltern sich uns näherten. Helena schlug vor ein bisschen zu essen, worüber Patrick sehr froh war, denn, wie er bemerkte, sein Magen knurre schon 'ne Ewigkeit. Sie lachte und meinte, dass wir ein wunderschönes Paar seien. Hans kam zu uns näher und wollte ein Foto machen. Die Kamera hatte er schon in der Hand. Helena ging zur Seite , Patrick strich mir eine Sträne zurück, nahm mich in den Arm. Klips!
Patricks Eltern meinten, dass wir gut aussahen. Bestimmt eine Lüge, dachte ich damals, aber ich irrte mich.
Das Foto wurde vervielfacht und steht jetzt auf meinem Schreibtisch in der Botschaft, zu Hause und auf meinem Nachtisch.
Ich höre die sanfte Musik und werfe einen Blick auf das Foto auf meinem Nachttisch. Ich nehme es in die Hand und drücke es an meine Brust. Wie konnte ich bloß an Patrick oder an mich zweifeln? Das kann ich nicht begreifen.

to be continued....
bitte auch meinungen und kritik zur story schreiben. ich wäre sehr dankbar :))
Aleksandra Bilcane, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.01.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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