Angelika Sakowski

Herbstzeitlose

Herbstzeitlose

Rene war froh, dass die Tage nun endlich wieder wärmer wurden. Die Jahre am Bau hatten ihn zwar gegen Kälte und Regen widerstandsfähig gemacht, doch war ihm das Arbeiten in der Sonne wesentlich lieber. Keine klammen Finger und durchnässte Sachen, die einem das Leben unnötig schwer und die Verrichtung der Aufgaben zudem gefährlich machten. Sein Beruf als Dachdecker, war für Rene nie eine bewusste Entscheidung, vielmehr hatte sich alles so ineinander gefügt. Als Rene zur Welt kam, war die Stille die den Jungen umgab, für den Vater ein Gottesgeschenk. Monatelang hatte er die schlimmsten Befürchtungen, wie es denn um seinen Ruhe bestimmt sein würde, wenn erst das Kind ins Haus kam. Aber der Junge weinte nie, noch hörte man sonst irgendeinen Laut aus dem Kinderzimmer. Auch später als das erste Geplapper zu erwarten war, blieb Rene stumm. Die Diagnose wurde hin genommen, wie schlechtes Wetter im Sommer. Bedauerlich, aber nicht zu ändern. Rene wuchs heran, fügte sich ein und blieb unauffällig.   Das Haus wurde gerade komplett saniert und die alten Dachziegel hatte es wirklich nötig erneuert zu werden. Alle Kollegen freuten sich, wenn Rene mit ihnen auf eine Baustelle eingeteilt war, denn das bedeutet für die anderen die halbe Kraftanstrengung. Dass Rene nicht hören und sprechen konnte, störte niemanden. Der Vormittag war noch etwas verhangen, aber nun lösten sich die Wolken und zum ersten Mal in diesem Jahr, wärmte die Sonne die Rücken der Arbeiter. Rene drehte sich wie seine Kollegen dem Licht entgegen und für kurze Zeit, wurde es ganz still auf dem Dach. Eine Lichtreflexion die über Renes Augen huschte, veranlasste ihn sich aufzurichten und sich umzusehen. Das Haus auf dessen Dach sich Rene befand, stand in einer alten Gründerzeitstrasse. So waren die Häuser nicht besonders hoch, standen eng nebeneinander und auch die Häuserreihe gegenüber befand sich immer noch nahe genug, um deutlich in die Wohnungen bzw. auf die Balkone der einzelnen Mieter sehen zu können. Ein Frau war auf die Terrasse ihrer Dachgeschosswohnung getreten und das Öffnen der Balkonglastür hatte die Sonne reflektiert. Sie trug einen seidenen Morgenrock und ihre Haare fielen lang und zerzaust über ihren Rücken. An der Balustrade der Terrasse hingen große Pflanzentöpfe, die mit üppigen Grünpflanzen bestück waren. Sie streifte mit ihren Händen über die Blumen und Sträucher und vermittelte den Eindruck, sie würde jede einzelne damit willkommen heißen. Plötzlich lächelte sie und blickte genau in Renes Richtung. Das kam für ihn so überraschend, dass er sich vor Schreck erst mal auf den Hintern setzte. Immer noch lächelnd, drehte sich die Frau um und ging wieder in ihre Wohnung. Rene hatte Herzrasen und konnte sich nicht einmal erklären, was gerade eben mit ihm passiert war. Nach wie vor starrte er auf die Terrasse gegenüber und konnte seinen Blick erst abwenden, als ein langer Schatten auf ihn fiel. Der Vorarbeiter stand vor ihm und machte mit der Hand eine Geste, die wohl die Frage ausdrücken sollte was denn los sei. Rene stand auf, winkte ab und arbeitete weiter, nicht ohne sich immer mal wieder umzudrehen und darauf zu hoffen, dass die Tür erneut offen und die Frau auf der Terrasse stehen würde. Aber der Tag und auch die beiden nachfolgenden Tage vergingen, ohne dass Rene die Frau wiedersah. Den Kollegen blieb die Unruhe, mit der Rene die Tage auf dem Dach zubrachte, nicht verborgen und so wurden die Frühstück- und Mittagspausen dazu genutzt, um Rene Tipps in Sachen Fraueneroberung zukommen zu lassen. Die Männer schrieben ihre Einfälle auf das Papier, in das ihre Frauen ihre Brote einwickelten. Bestimmt wäre die eine oder andere Ehefrau, ob der Ideen ihres sonst doch eher einfallslosen Mannes, hoch erfreut gewesen. Aber Rene fand zu den Vorschlägen keinen richtigen Zugang. Jeder einzelne Plan, hätte von ihm erfordert, dass er sich der Frau zu erkennen geben und sie zu einer gemeinsamen Aktivität einladen musste. Noch nie war Rene von sich aus, auf einen Menschen zu gegangen und allein der Gedanke daran, war für ihn so abwegig, dass er die Ratschläge seiner Kollegen zwar dankend entgegen nahm, aber nicht im Traum daran dachte, auch nur einen davon in die Tat um zu setzen. Das Schicksal würde es schon fügen, wenn es denn so sein sollte, rechtfertigte Rene seine  Passivität vor sich selbst. In den folgenden Tagen rechnete Rene nicht mehr damit die Frau wiederzusehen. So kam er unvorbereitet von der Mittagspause zurück, sah mehr aus Gewohnheit als aus Zuversicht in Richtung der Terrasse und fand die Frau dort schlafend auf einem Liegestuhl vor. Ein Schulterklopfen löste ihn aus der Starrheit, die ihn beim Anblick der Frau befallen hatte. Seine Kollegen standen hinter ihm und grinsten breit über ihre Gesichter. „Na los, mach was!“ drängten sie ihn. „Sollen wir für dich rufen?“ schrieben sie ihm auf einen Zettel. „Nein! Bloß nicht“ kritzelte Rene .   Inzwischen saß die Frau aufrecht auf ihre Liege und sah die Männer direkt an. Rene war die ganze Situation peinlich und  versuchte, die Männer wieder zur Arbeit zu bewegen. Widerwillig ließen Sie ihn stehen und verstreuten sich auf dem Dach. Zurück blieb Rene und die Frau. Zaghaft hob er seinen Arm und winkte. Die Frau zeigt keine Regung, stand auf und verschwand im Haus. Winken, was für eine blöde Idee. Rene ärgerte sich darüber, dass er sich durch die Männer bedrängt gefühlt hatte, überhaupt etwas zu tun. Die erhaltene Reaktion war unmissverständlich.   An diesem Abend fühlte sich Rene zum ersten Mal in seinem Leben, nicht wohl in seiner Haut. Die Arbeiten an dem Haus waren fast abgeschlossen und die Chancen die Frau jemals wirklich zu treffen, lagen bei Null. Alle Ereignisse in seinem Leben, schienen ihm immer wie von selbst geschehen zu sein. Die Schule, die Ausbildung alles war ihm nur passiert. Keine bewusste Entscheidung hatte Rene hierher geführt. Selbst seine Freund-schaften, auch die mit Frauen, hatten sich nie durch Zutun von Rene ergeben. Er war ein Abwarter, ein Brotkrümelaufheber. Doch jetzt war Schluss, in dieser Rolle gefiel er sich nicht mehr. Diese Frau sprach sein Herz an und er wollte, wenn auch nicht mit seiner Stimme, laut und deutlich antworten.   Der Tag versprach wunderbar sonnig zu werden, als Rene seine Vorbereitungen auf dem Dach abschloss. Nun musste sie nur noch auf die Terrasse kommen . Der Vorhang wurde beiseite geschoben, die Balkontür geöffnet und die Frau trat heraus. Rene stand auf, zog an einer Schnur, die sich zu seinen Füßen befand und ein Transparent mit der Aufschrift: Ich will dich kennen lernen! Gib mir ein Zeichen! spannte sich über das Hausdach. Hätte Rene hören können, wäre ihm die Stille aufgefallen. Keiner seiner Kollegen arbeitet, oder sprach ein Wort. Die Frau ging weiter zum Ende der Terrasse, strich über ihre Blumen, sah zum Dach, lächelte und verließ ohne ein Zeichen den Balkon. Rene ließ die Schnur los und das Transparent klappte wieder nach hinten. Die Männer kamen mit Pfiffen über das Dach gelaufen und nahmen Rene tröstend in ihre Mitte. Sie erklärten ihm, dass es so eine arrogante Zicke gar nicht wert wäre, dass sich  ein feiner Kerl wie er jetzt schlecht fühlte. Jeden Tag gäbe es eine neue Chance und er hätte heute erst damit begonnen diese auch zu nutzen. Natürlich hörte Rene nichts von all dem, aber das beständige Schulterklopfen und die grimmigen Gesichter der Männer ließen ihn trotzdem verstehen.   Sara war froh, dass die Tage nun endlich wieder wärmer wurden. Den Winter eingesperrt in der Wohnung zu verbringen, fiel ihr von Jahr zu Jahr schwerer. Die ganzen Monate über sehnte sie sich nach ihrer Terrasse und ihren Pflanzen. Es war gut, dass ihre Mutter heute vorbeigekommen war. Sie fühlte, dass das Unkraut in den Pflanzentöpfen schon wild wucherte, trotzdem war sie sich nie ganz sicher, ob sie nicht doch aus Versehen, das falsche Gewächs ausrupfte. Gemeinsam saßen sie nun auf der Terrasse, tranken Tee und die Mutter schilderte ihrer Tochter die neuen Farben des renovierten Hauses von gegenüber.  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.01.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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