Dieter Kamensek

Sonntag

Wir hatten Streit. Wieder einmal. Einen von vielen kleinen Auseinandersetzungen. Eigentlich immer wegen Nichtigkeiten. Vorletztes Mal war es wegen der Unordnung im Wohnzimmer, letztes Mal war es wegen der Äußerungen der Schwiegermutter, irgendwann kurz zuvor wegen den Kindern, und so weiter und so fort!
Doch es ging eigentlich nie um die Themen und nie um die vorgeschobenen Gründe. Eigentlich war es nur ein letztes Aufbäumen um sich noch einmal zum Licht des Lebens emporzurecken, um nicht in der Eintönigkeit des Alltags unterzugehen, zu verschwinden.
Es war so etwas wie ein letztes Aufbegehren, ein Zeichen setzen das man noch da ist, noch lebt!
Eigentlich auch um den Partner, der mich schon lange Zeit an meiner Seite, auf dem Weg der gemeinsamen Existenz, begleitet, zu zeigen das er mir noch etwas bedeutet, mir nicht egal ist. Aber auch um zu zeigen das auch ich ein Mensch mit Geist und Gefühlen bin! Eigentlich …
 
Wir stritten uns. Besonders in den letzten Jahren.
 
Er sagte mir  schon lange nicht mehr wie schön ich für ihn bin. Er bemerkte oft nicht mehr dass ich mich für ihn hübsch gemacht hatte. Er nahm auch mein Parfüm nicht mehr wahr.
Er kam von der Arbeit, war müde und abgespannt. Er war hungrig und es schien als habe er auf nichts mehr wirklich Lust. Sein Blick war matt, seine Worte langsam, überlegt, müde!
 
Ich ging ein paar Male alleine aus. Meine Mutter war bei den Kindern. Ich habe sogar einmal einen anderen Mann geküsst. Es war am Geburtstag meiner besten Freundin. Ich war leicht beschwipst und ganz prickelig. Er war jünger als ich, die Versuchung in Person. Er lächelte mich so unschuldig an! Er hörte mir zu und es schien dass er mich versteht. Doch er war nur auf eine amüsante Nacht aus. Dafür bin und war ich mir irgendwie zu schade. Wir küssten uns - trotz meiner Bedenken - voller Leidenschaft.
 
Irgendwie hatte ich – besonders auch in letzter Zeit – das Gefühl ich müsse noch etwas erleben. Einmal noch einige Dummheiten anstellen. Unartig sein. Rebellisch. Ausbrechen aus der sich langsam, aber stetig zuziehenden Schlinge!
 
Ich erwischte mich öfters bei unartigen Tagträumen bei denen ich ……. Ich dachte oft an Dinge die ….. Ach, ich glaube, ---- ich habe nicht vor ---, diese Träume und Phantasien Wirklichkeit werden zu lassen! Zumindest, unter Umständen, eventuell …..aber sicher nicht so schnell!
 
Vielleicht war auch deshalb unser Streit, den wir vorhin hatten, etwas lauter und – ich muss zugeben – etwas unsachlicher!
Die Kinder haben mich schon mehrmals gebeten nicht mit ihrem Vati zu streiten, doch leichter gesagt wie getan. Ich liebe ihn doch auch, von ganzem Herzen, er bedeutet mir sehr, sehr viel, aber manchmal kann ich nicht anders.
 
Er ist meist da wenn es mich überkommt, und wie heißt es doch immer: „Die Menschen welche wir am meisten lieben, verletzten wir am öftesten!“ – oder so ähnlich!
 
Ich könnte eigentlich ganz zufrieden sein- wir leben gut, haben ein eigenes Haus, gute Kinder, er liebt seine Familie, ich auch. Wir haben keine Schulden, er und ich trinken eigentlich so gut wie keinen Alkohol, rauchen nicht, müssen uns nicht beweisen, sind eigentlich abgesichert, und vielleicht gerade deshalb lehne ich mich auf! Alles ist so fertig, ordentlich, langweilig! Kein Mann wird das so richtig verstehen was dabei in einer Frau vorgeht. Ihren Hunger nach Leben, ihre Sehnsüchte, und ihre Welt.
 
Er ist, wie bei den letzten Malen wo wir stritten, einfach abgehauen. Setzte sich ins Auto und brauste davon. Doch er kommt, nach zwei, drei Stunden, immer wieder. Er versucht mich auch immer zu verstehen. Zuerst ruft er an, fragt ob alles OK ist und entschuldigt sich, danach ist er wieder ganz lieb und versucht - zumindest eine Zeitlang – mich zu verstehen.
 
Das Telefon läutet.
„Hallo“, sage ich in das Telefon. Abwartend, Siegessicher.
„Frau Schmied?“ fragt eine unsichere, nervöse, männliche Stimme.
„Ja!  was ist?“ irgendetwas in mir krampfte sich zusammen.
„Ihr Mann hatte einen schweren Unfall! -------------- es tut mir leid, ---- er ist ---- er ist laut dem Notarzt an den schweren Verletzungen verstorben! ---- würden sie bitte … !“
Ich legte auf, ging einfach in die Knie, meine Gedanken kreisten, einem aufgeschreckten Vogelschwarm gleich, wirr herum. Ich dachte an unsere letzte gemeinsame Minute  – wie er fortging- und ich mich nicht einmal von ihm verabschiedet hatte, obwohl er stets sagte: „Verabschiede dich immer ohne Groll im Herzen- denn man weiß nie was passiert!“
Der Gruß – wieder eine Kleinigkeit nur. Er wird niemals mehr zu mir und den Kindern zurückkommen, niemals mehr werden wir uns küssen, niemals mehr ….
… ………………………………….. niemals mehr habe ich die Gelegenheit ihm zu sagen wie sehr ich ihn liebe, ihn brauche, wie wichtig er für mich ist! -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- aber ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ wie ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ wann ------------------------------------------------------ Nie mehr!
 
Da wachte ich auf; schwer atmend, verstört und desorientiert. Mein Mann lag schlafend neben mir! Es war Sonntag. Ich war verstört, unsicher und verwirrt. Ich küsste ihn – berührte ihn, ich sagte ihm leise und voller Zärtlichkeit: „Ich liebe dich!“ Schlaftrunken und fragend nahm er mich in den Arm – er konnte noch nichts sagen. Ich war glücklich, glücklicher als ich je zu sagen vermag! 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.02.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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