Heinz Säring

Abzockerei - 2. Teil

 

2. T E I L

 

Sehr geehrte Runologin, hoch verehrte Seherin, liebe Manuela,

 

ich bin hochbeglückt über das, was Sie mir in Ihrem Schreiben offenbaren und kann Ihnen garnicht genug danken für alles, was Sie für mich tun!

Leider bin ich momentan in einer etwas peinlichen Lage, wahrscheinlich macht das die freudige Aufregung, die Sie mir bescheren. Kurz und gut, ich kann heute Morgen meine Kneifzange nicht finden und sitze also notgedrungen noch in Unterhosen da. Ich kann aber doch auch nicht so auf die Straße gehen, um mir eine neue Zange zu kaufen! Aber Sie haben mir doch geschrieben, dass ich schnell antworten soll und das hat jetzt erst mal Vorrang vor allem anderen.

Zunächst war ich ja etwas überrascht, dass meine Akte zu Ihnen gelangt ist. Hat etwa die Stasi der ehemaligen DDR, um ihre Mitarbeiter vor Enthüllungen zu schützen, unsere Akten in die Schweiz geschmuggelt? Aber dann wurde mir klar, dass es sich wahrscheinlich auch hier schon um eine Fügung der Himmlischen gehandelt hat, denn irgendwie mussten Sie ja auf mein Schicksal aufmerksam gemacht werden.

Aber nun zu unserem Deal! Ich kann auf gar keinen Fall Ihr Angebot annehmen, dass Sie Ihre aufopferungsvolle Tätigkeit für mich völlig kostenlos ausführen wollen. Leider haben Sie mir keine konkrete Stundenzahl genannt, die Sie für das Ritual des "magischen aktiven Gedankens" und für alle dazugehörigen Vor- und Nachbereitungen für mich aufwenden müssen. Ich habe auch in einschlägigen Tariflisten vergebens gesucht, aber wahrscheinlich liegt es daran, dass man bei uns in Deutschland mal wieder deutlich hinter der Schweiz hinterher hinkt.

Ich gehe aber mal alles in allem von runden 10 Stunden aus, wobei ich natürlich auch einen Nachtschichtszuschlag berücksichtigen muss, da ja das Ritual erst um 23:30 Uhr beginnen kann.

Was nun den Stundensatz betrifft, so muss man ja wohl davon ausgehen, dass heute schon jeder gewöhnliche Hochschulprofessor, der von planetaren Kräften und astralen Einflüssen keine blasse Ahnung hat, und die Venus im 2.Haus womöglich für eine Puffmutter in einem zweitklassigen Etablissement hält; wenn also dieser Professor schon mindestens 100 Euro für die Stunde bekommt, dass man dann eine Expertin Ihres Formats nicht so billig abspeisen kann.

Und nun zum Material! Wir Ostdeutschen haben ja unsere Erfahrungen mit Materialmängeln; wenn uns z.B. die Russen einen Baustahl geliefert haben, bei dem überhaupt keine bestimmte chemische Zusammensetzung garantiert war. Verwenden Sie also bitte nur die teuersten Kerzen und den auserlesendsten Weihrauch, den sie irgendwo auftreiben können. Nicht dass die da oben am Schluss Ihrer stundenlangen Nachtsitzung den Kassendeckel zuschlagen und keinen müden Cent herausrücken!!! Wenn Sie deswegen nach Istambul reisen müssen, stellen Sie mir ruhig die Reisekosten in Rechnung. Aber vielleicht ist auch in Rom schon eine annehmbare Qualität zu bekommen. Sie werden sich ja damit auskennen.

Im Moment bin ich ja finanziell sehr minderbemittelt, wie Sie Dank Ihrer seherischen Fähigkeiten sicher längst herausgefunden haben , aber nach dem 3. September, wenn ich erst die ersten 70.000 Euro in Händen halte, werde ich Ihnen Ihre Dienste reichlich entgelten! Auf 10.000 können Sie mindestens rechnen; wir Ossis wissen auch, was sich gehört! Deshalb wollen wir jetzt auch nicht extra mit den lumpigen 19,90 Euro anfangen, die ja nicht der Rede wert sind. Sollten es dann sogar die 490.000 Euro werden, verspreche ich Ihnen noch eine Zusatzprämie von mindestens 3 %.

 

Bis dahin alles Gute.

Ihr ergebenster

Heinz Säring

 

PS. Übrigens hat meine Neue Zeit des Glücks - kaum dass ich mich mit Ihrem Schreiben befasst habe - offensichtlich schon ein bisschen angefangen: Soeben hat mein lieber Hund die vermisste Kneifzange aus dem Mülleimer zutage gefördert. Nun kann ich mir doch gleich meine Hosen anziehen, mir war ja tatsächlich schon ganz schön kalt geworden!

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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