Joachim Güntzel

Andere Welt


- 1 -

Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Gerade, vor zwei Minuten, habe ich meine Frau umgebracht, die Frau, mit der ich zwölf Jahre verheiratet war, die ich vielleicht sogar einmal geliebt habe. Ich sitze hier vor ihrer Leiche, nachts um halb zwei in unserem Wohnzimmer, und sehe sie auf dem Boden liegen, mit diesem hässlichen Loch in ihrer Stirn und einem dickflüssigen, klebrigen Blutfleck um sie herum, dem Blutfleck, der immer größer und größer wird. So als könnte er gar nicht genug davon kriegen, alles um ihn herum zu durchdringen. So als wollte er sagen: Sieh her, ich verströme mich; die Wärme des Lebens verlässt diesen Körper und mit ihr aller Atem.

Die Wohnzimmeruhr tickt weiter, als sei nichts geschehen oder als habe sie derartiges schon zu oft gesehen, um sich in ihrem Lauf stören zu lassen. Uhren bleiben nicht stehen im Moment des Todes; sie haben eine andere Aufgabe zu erfüllen. Die Zeit muss weitergehen. Dem Mörder muss bewußt gemacht werden, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen läßt, seine Tat nicht ungeschehen gemacht werden kann. Tempus edax rerum, die Zeit zernagt die Dinge. Manchmal zernagt sie auch unseren Verstand. Der Teppich ist jedenfalls ruiniert, der Teppich, der ihr immer so wichtig war. Jetzt kann sie ihn wegschmeißen.

Vielleicht denken Sie, das sei nichts wirklich Außergewöhnliches; ein tragischer Zwischenfall eben, ein „Ehedrama“ wie es in den Nachrichten immer so lakonisch genannt wird, doch alles in allem leider etwas, an das man schon lange sich zu gewöhnen begonnen hat. Die Nachbarn werden sich erschüttert zeigen, man wird mit dem Kopf schütteln und die Neuigkeit in Windeseile herumerzählen. Doch seien wir ehrlich. Nach einiger Zeit wird man zur Tagesordnung übergehen. Grausame Dinge passieren überall, sie gehören zu unserem Leben. Weiß der Teufel (Sie bemerken die Ironie!), was mit unserer Welt los ist. Doch wenn Sie etwas Geduld aufbringen, werden Sie feststellen, dass meine Geschichte irgendwie ... anders ist, eigenartig. Eigentlich ist es das, was zuvor passierte, in den letzten drei Monaten. Haben Sie also nicht doch einige Minuten für mich? Möglicherweise können ja Sie mir sagen, was mit mir los ist, ob ich vielleicht verrückt bin. Ich hoffe nur, dass mir noch genügend Zeit bleibt. Die Nachbarn haben bestimmt den Schuss gehört und die Polizei alarmiert. Sie hören mir zu? Gut, ich will mich beeilen und Ihre Zeit nicht verschwenden.

Alles begann, wie gesagt, vor genau drei Monaten. Ich war gerade auf dem Heimweg von einer geschäftlichen Reise, einem dieser sogenannten Personalentwicklungs-Seminare, in denen wir uns pausenlos einreden, wie gut und sinnerfüllt unser Leben sein wird, wenn wir uns nur auf das Erreichen der nächsten Stufe der Karriereleiter konzentrieren. Dynamik heißt die Zauberdroge, ja kein Innehalten, kein Blick in den Spiegel des Augenblicks. Wer weiß, welche Fratze einen daraus anstarrt. Natürlich habe ich mich wieder unbeliebt gemacht, wie ich das schon häufiger bei derartigen Anlässen getan habe. Ich sollte mir abgewöhnen, meine ironischen Kommentare an allen passenden oder unpassenden Stellen zu verteilen. Doch da ich einst eine humanistische Bildung genießen durfte, bricht sich hin und wieder ein lateinisches Zitat seinen Weg vom Hirnlappen (rechter oder linker? Ich weiß es nicht) zur Zunge und von dort zum Ohr meines Gegenübers, wo es dann allerdings meist wirkungslos verweilt. Sapere aude, wage es, weise zu sein! Dazu gehört manchmal, so musste ich einsehen, zu schweigen. Sie merken, es war einer dieser Tage, an denen man sich irgendwo anders hin wünschte, in eine andere Stadt, in ein anderes Leben. Weil irgend etwas im eigenen Leben nicht stimmt. Meine Freunde sagen mir, das sei sie, die klassische Krise der Lebensmitte. Doch wird ein Problem dadurch gelöst, daß man ihm einen Namen gibt?

Der Lichtkegel meiner Autoscheinwerfer tastete die vor mir liegende Kurve ab. Ich schlug das Lenkrad sachte nach rechts ein und ging vom Gas, um auf dem nassen Herbstlaub nicht ins Schleudern zu geraten. Im Autoradio spielten sie gerade den Hit des vergangenen Sommers, und im Anschluss daran würde der Moderator – er hatte eine jener vertrauten und ewig jungen, gesichtslosen Stimmen, die einen ob man will oder nicht durchs Leben begleiten – die neuesten Unfall- und Staumeldungen unter das für diese kurze Zeitspanne vereinte Volk der Autofahrer bringen. Eigentlich bin ich nicht sehr schreckhaft, aber als ich die Stimme hörte, die mich offenbar aus dem hinteren Teil meines Wagens ansprach, zuckte ich doch gewaltig zusammen. Ich nehme grundsätzlich keine Anhalter mit. Die Frau musste sich bei meinem letzten Tankstopp irgendwie in mein Auto geschlichen haben und seitdem zusammengekauert auf dem Rücksitz gelegen haben. In der Dunkelheit kann man so etwas schon übersehen, man rechnet ja auch nicht damit, dass jemand so dreist ist und ... Oh nein, ich war nicht betrunken! Gewiss, ab und zu genehmige ich mir schon mal einen Tropfen, wer tut das nicht. Aber ich kann rechtzeitig Schluss machen und setze mich nie betrunken ans Steuer. Ich bin auch kein Aufreißer-Typ. Ich würde mich erinnern, wenn ich sie angesprochen und sie eingeladen hätte, mit mir mitzufahren. Ich gebe zu, es gab schon ein paar Frauen in meinem Leben, außer... sie wissen schon... außer meiner Frau. Aber deswegen hätte ich sie doch nicht umgebracht, deswegen nicht.

Der Blutfleck auf dem hellbeigen Teppich hat gleich meine Schuhe erreicht. Wie oft hat sie mir gesagt, ich solle nicht mit Straßenschuhen auf dem Teppich herumlaufen. Ich habe auf sie gehört. Immer habe ich auf sie gehört, außer heute. Heute bin ich mit Straßenschuhen hereingekommen, noch dazu mit nassen, weil es draußen regnet. Genau wie vor drei Monaten. Sie hatte nicht mal Zeit sich zu beschweren, so schnell ging alles. Und jetzt kauere ich unter dem Wohnzimmerfenster und sehe zu, wie die kleine Pfütze aus Regenwasser sich mit dem riesigen Blutfleck vermischt. Sicher wird bald die Polizei hier eindringen (ich habe unsere Wohnung gut verrammelt, aber die Jungs kennen sich aus mit so was, die werden einfach die Tür eintreten). Ja, jetzt höre ich von weitem eine Sirene. Vielleicht sollte ich meine Frau... also ihre Leiche... irgendwie hier rausschaffen, aber dafür ist es jetzt wahrscheinlich zu spät.

Ich muss mich konzentrieren. Wie ich schon sagte, da war plötzlich diese junge Frau in meinem Auto. Ich hätte gleich anhalten und sie auf die Strasse setzen sollen, aber ich bringe so etwas nicht so einfach fertig. Sie hat es geschafft, mich in ein Gespräch zu verwickeln, und ich fand sie auch... attraktiv. Wir haben uns also unterhalten, und sie hat mir erzählt, ihr Name wäre Melanie. Sie war 27 Jahre alt und aus – wie hieß der Ort doch gleich? Na egal, jedenfalls wollte sie endlich was von der Welt sehen, raus aus ihrem Nest, und all das. Was man eben in dem Alter will. Sie tat mir auch irgendwie leid. Was könnte ihr nicht alles passieren, nachts allein als Anhalterin auf der Autobahn. Ob sie keine Angst hätte, habe ich sie gefragt. Oh nein, sie wüsste, wie man sich gegen zudringliche Kerle zur Wehr setzt, und dann sagte sie etwas Seltsames. Ihr könne sowieso nichts passieren, denn sie wäre gar nicht... richtig hier. Genau so hat sie sich ausgedrückt: gar nicht richtig hier. Komisch, nicht wahr? Ich hätte da schon misstrauisch werden müssen, und ich war es ja auch. Aber andererseits machte es sie nur noch interessanter, anziehender für mich... verstehen Sie mich?

Nach einer Weile fuhren wir eine Raststätte an, um einen Kaffee zu trinken. Wir duzten uns inzwischen, und sie hatte unterwegs ein wenig auf dem Beifahrersitz geschlafen (mir wurde es irgendwann zu unbequem, immer den Kopf zu ihr umzudrehen, und deshalb sagte ich ihr, sie solle doch nach vorne kommen). Das gab mir auch die Gelegenheit, sie etwas genauer zu betrachten. Schließlich will man ja wissen, mit wem man auf diese Weise die Nacht verbringt. Sie hatte ein hübsches, ebenmäßig geschnittenes Gesicht, das von schwarzem, mittellangem und seitlich gescheiteltem Haar umrahmt war. Ihre kastanienbraunen Augen strahlten eine Wärme und einen magischen Glanz aus, der mich geradezu bannte. Sie war so weit ich das erkennen konnte, nur leicht geschminkt und trug als einzigen Schmuck ein silbernes Kettchen mit einem kleinen Anhänger – ich glaube, es war ein Vogel. Ihr leichtes, geblumtes Sommerkleid mit dem verspielten Rüschenbund war etwas nach oben gerutscht, und ich konnte ihre schlanken, von der Herbstsonne gebräunten Schenkel sehen. Mann, hatte ihr Freund ein Glück! Hatte sie überhaupt einen Freund? Darüber hatten wir noch gar nicht geredet, warum auch. Sicher würde sie einen haben, solche Mädchen haben immer einen Freund, wenn auch nicht immer den richtigen. Ich versuchte mich unentschlossen gegen den Gedanken zu wehren, ob ich vielleicht... na ja, ob ich für sie interessant sein könnte.

Entschuldigen Sie, wenn ich etwas abschweife, aber je öfter ich an die ganze Sache zurückdenke, um so unglaublicher kommt mir alles vor. Da waren zum Beispiel einige Details, über die ich mir schon die ganzen vergangenen drei Monate den Kopf zerbreche. Ihr Leberfleck am linken Oberschenkel etwa, überhaupt die Form ihrer Beine. Ich fand sie nicht nur einfach hinreißend, sondern hatte dauernd dieses leise Gefühl, dass ich sie... also daß sie mir bekannt vorkämen. Nein, nicht was sie denken, außerdem war sie bestimmt nicht diese Art von Mädchen. Nein, was ich meine, ist etwas anderes. Ich wusste genau, dass wir uns noch nie begegnet waren, und trotzdem glaubte ich mehr und mehr, dass da etwas war, an das ich mich erinnern müsste. Vielleicht hätte ich die Sache an diesem Punkt beenden sollen, noch wäre Zeit dazu gewesen. Sie hätte aussteigen können, und ich hätte ihr für den weiteren Trip alles Gute gewünscht. Dann wäre alles anders gekommen. Doch irgendetwas tief in meinem Inneren hatte bereits anders entschieden. Ich wollte sie näher kennen lernen und ich spürte, dass sich mehr daraus ergeben würde als nur eine flüchtige Begegnung.

Wir fuhren also die Raststätte an. Melanie war wieder aufgewacht und blickte schweigend nach draußen. Ich wollte sie bestimmt nicht anmachen, aber als ich in den zweiten Gang zurückschaltete, streifte ich mit meiner Hand leicht ihren Oberschenkel. Sie tat so, als ob sie es nicht bemerkt hätte, aber als wir ausstiegen und in Richtung Restaurant gingen, lächelte sie mir zu, und ich muß gestehen, daß mein Herz ziemlich pochte. Als wir drinnen am Tisch saßen und unseren Kaffee tranken, redeten wir nicht sehr viel. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, aber plötzlich lag ihre Hand in meiner, und wir küssten uns. Vielleicht hätte ich mich beherrschen sollen, mich nicht hinreißen lassen dürfen. Es wäre dann nicht so weit gekommen, meine Frau wäre noch am Leben und ich würde nicht hier auf dem Boden kauern, vor den Trümmern meiner Existenz. Es ist eigenartig. Jahre lang scheint nichts zu geschehen, die Zeit tropft gleichmäßig vor sich hin, und eigentlich ist alles in Ordnung. Doch unter der Oberfläche gärt etwas, macht sich breit und breiter und bahnt sich einen Weg nach außen. Und dann genügt ein Anstoß, der Blick eines anderen Menschen, eine zufällige Begegnung, und alles ändert sich schlagartig. Das ganze bisherige Leben erscheint einem als eine gigantische Anhäufung von Umleitungsschildern, als einziger langer Wartezustand. Warten auf diesen einen Augenblick der Berührung, des Versinkens.

Bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich philosophisch werde, ich sollte wohl einen Schluck trinken. Wo steht noch mal die Whiskey-Flasche – richtig, im Wohnzimmerschrank, an der Wand gegenüber. Ich muss also aufstehen... vorsichtig, damit ich nicht in den Blutsee trete und ausrutsche. Vorbei am Fenster...Die Jungs da draußen scheinen ganze Arbeit zu machen. Die Straßen sind dicht und hinter dem Absperrband drängeln sich die Schaulustigen. Ob sie auf der gegenüber liegenden Seite Scharfschützen postiert haben? In den Krimis ist das doch immer so. Das wäre eine tolle Show für die Nachbarn. Ein Schuss, zersplitterndes Fensterglas und kurz darauf zwei Leichen in Metallsärgen. Dann hätten Roses aus dem Mehrfamilienhaus gegenüber endlich wieder richtigen Gesprächsstoff und bräuchten sich nicht immer nur über spielende Kinder auf dem gepflegten Rasen aufzuregen. Wenigstens eine Zeit lang.

Ah, der Whiskey tut gut. Na schön, ich will Sie nicht langweilen. Wir haben es also getan in jener Nacht. Das Motel war billig und etwas heruntergekommen, aber das hat uns nicht im mindesten gestört. Wäre alles normal weitergegangen, dann hätte es das gewesen sein können. Telefonnummern austauschen, ciao, man sieht sich, es war toll mit dir, und so weiter. Aber es kam anders, ganz anders. Sie hat mir etwas erzählt in dieser Nacht. Etwas, das so unglaublich ist, daß ich zuerst dachte, sie wäre leicht durchgeknallt. Wo soll ich nur anfangen, damit Sie mich nicht für einen Spinner halten...


- 2 -

„Es war wunderschön mit dir“, flüsterte Melanie und sah mich mit einem eigenartig durchdringenden Blick an. Obwohl es mir irgendwie stereotyp vorkam, meinte ich es so, als ich antwortete: „Mit dir auch.“

Hätte ich ihre Reaktion erahnt, vielleicht hätte ich dann geschwiegen. Plötzlich schossen Tränen in ihre Augen, sie begann zu schluchzen und schmiegt sich ganz eng an mich.

„Warum muss es so sein?“ brach es schließlich aus ihr heraus. Mich beschlich das Gefühl, irgendetwas falsch gemacht zu haben.

„Was ist denn, Liebes? Habe ich dir wehgetan oder etwas Falsches gesagt? Wenn es so ist, tut es mir leid. Ich wollte nicht...“

„Nein, das ist es nicht“, unterbrach sie mich. Sie hatte sich wieder im Griff.

„Es ist nur so, dass ich...“; sie schnäuzte in das Papiertaschentuch, das ich ihr mittlerweile gegeben hatte.

„... dass ich manchmal verzweifeln könnte über... über die Ungerechtigkeit des Lebens... oder Gottes... Ich weiß nicht.“ Sie hatte ihren Kopf an meine Schulter gelehnt und atmete nun ganz leicht und regelmäßig.

„Was meinst du damit?“ Ich war neugierig geworden und wollte mehr wissen.

„Ich liebe dich“, sagte sie leise.

„Meinst du nicht, es ist etwas früh, das zu sagen?“

„Nein, du verstehst mich nicht.“ Sie atmete tief durch, hob den Kopf und schaute mir fest in die Augen.

„Ich meine, dass ich dich schon sehr lange liebe und dass wir beide zusammen gehören und zusammen gelebt haben, bis du...“ Ihre Stimme wurde ganz leise, aber trotzdem eindringlich. Dann fuhr sie fort:

„Bis du gestorben bist.“

Es klingt abgedroschen, aber ihr Satz traf mich wie ein Vorschlaghammer. Ich fragte mich, ob sie wohl Drogen genommen hatte, jedoch war mir an ihr kein sonderbares Verhalten aufgefallen. Andererseits – was hieß das schon.

„Also nun mal ganz langsam“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Schau, ich lebe und du lebst auch.“ Sie zog ihre Hand, die ich wie zum Beweis meiner Existenz an mich heran führen wollte, zurück.

„Natürlich lebst du“, sagte sie. „Aber hier, in dieser Welt. In meiner Welt bist du... tot.“

Es wurde immer verwirrender und ich musste einen recht verstörten Eindruck gemacht haben, denn sie lächelte mich nachsichtig an.

„Willst du die ganze Geschichte hören?“

„Ich bitte darum“, sagte ich nicht ohne einen leichten Anfall von Sarkasmus. Ich begann definitiv an ihrem Verstand zu zweifeln.

„Dass ich in deinem Auto saß, war kein Zufall.“

„Natürlich war es kein Zufall. Du hast dich...“

„Lass mich einfach erzählen, ja? Unterbrich mich bitte nicht.“ Sie saß jetzt aufrecht auf dem Bett und blickte mich an, schien jedoch durch mich hindurch zu sehen. Ich hatte mich ihr gegenüber auf einen Stuhl gesetzt, mit der Rückenlehne nach vorne und stützte das Kinn auf meine gekreuzten Arme.

„Okay, erzähl´. Ich höre dir zu.“

„In dein Auto kam ich durch einen... wie erkläre ich es dir nur... durch einen Riss in der Dimensionsmembran. Alle paar Jahre tun sich an verschiedenen Stellen dieser Erde solche Risse auf. Wenn man die Stellen kennt und weiß, wann es passiert, kann man durch ein bestimmtes Verfahren die Dimensionsmembran überschreiten und in eine Parallelwelt kommen. Dort leben dieselben Menschen noch mal und führen ein eigenes Leben, das dem unseren gleicht, bis auf einige Unterschiede. Zum Beispiel kann es sein, dass in deiner Welt das kleine Kind überfahren wird, während in einer Parallelwelt das Auto noch rechtzeitig bremsen kann. Dort überlebt das Kind, wird erwachsen und hat vielleicht irgendwann selbst Kinder.“

Sie atmete tief durch und schien zu überlegen, wie sie fortfahren sollte. Ich schwieg, um ihre Gedanken nicht zu stören und meine eigenen zu ordnen. Nach etwa einer Minute erzählte sie weiter.

„In einer dieser Parallelwelten haben wir beide uns ineinander verliebt. Wir waren so unbeschreiblich glücklich und alles war wunderbar, bis du...“ Sie sprach nicht weiter.

„Bis ich gestorben bin?“

„Ja.“ In ihren Augen waren Tränen.

„Was ist passiert?“

„Ein Unfall. Beim Reparieren eines Fensters im dritten Stock bist du ausgerutscht und abgestürzt. Du warst sofort tot.“

„Waren wir denn glücklich?“ Irgendwie berührte mich ihre Geschichte, auch wenn ich sie immer noch für die Ausgeburt einer offensichtlich überspannten Phantasie hielt.

„Ja, so sehr zwei Menschen nur miteinander glücklich sein können.“

„Waren wir verheiratet?“

„Noch nicht, aber wir lebten schon seit drei Jahren zusammen und wollten bald heiraten.“

Melanie wirkte jetzt ganz ruhig und entspannt. Ich nahm mir vor, sie nicht spüren zu lassen, dass ich ihr kein Wort glaubte.

„Aber wieso bin ich hier... also ich meine in meiner Welt... so viel älter als du? Zwischen uns liegen doch fünfzehn Jahre.“

„Eine Zeitverschiebung beim Dimensionsübergang.“

„Ach so. Klar.“

Natürlich war mir nichts von allem was sie sagte klar, und ich hätte sie spätestens jetzt für verrückt erklärt. Wenn da nicht dieses komische Gefühl gewesen wäre, dass ich sie irgendwie kennen müsste. Da war dieser Leberfleck an ihrem Oberschenkel, der sich in meinem Kopf eingenistet hatte.

Es wurde die längste Nacht meines Lebens. Wir redeten über dies und das, über unsere Liebe und unser gemeinsames Leben, über ihre und meine Kindheit, über Pläne, die wir gemeinsam gemacht hatten. Fast hätte ich begonnen, ihr die Geschichte abkaufen und das Unvorstellbare für Realität zu nehmen.

„Wie haben wir uns eigentlich kennen gelernt?“

„Oh mein Gott, das war richtig komisch!“ Sie lachte lauthals und ihre weißen Zähne schimmerten durch das spärlich erleuchtete Zimmer. Wäre ich nicht schon in sie verliebt gewesen, es wäre spätestens jetzt geschehen.

„Also hör zu. Ich wollte Schauspielerin werden, und um meine Vorbilder zu studieren, wollte ich möglichst viele Filme sehen. Also arbeitete ich fast jedes Wochenende in einem Kino als Kartenabreißerin.“

„Wo?“

„Das wechselte. Ich kannte fast alle Kinobesitzer im Umkreis von fünfzig Kilometern. Ich hatte die Auswahl.“

„Prima Situation, wenn man die Auswahl hat. Und in einem dieser Kinos haben wir uns das erste Mal getroffen?“

„Na ja, so ähnlich. Ehrlich gesagt, ich war von Anfang an scharf auf dich. Du kamst öfters allein ins Kino und sahst immer irgendwie traurig aus. Eines Tages hast du beim Verlassen des Kinos einen Zettel verloren. Es stand eine Telefonnummer darauf. Ein paar Tage später rief ich an, und irgendein Typ, ich weiß nicht mehr wie er hieß, war dran. Ich erklärte ihm meine Situation, dass ich total in dich verknallt war und so und dass ich dich unbedingt anrufen müsste. Also gab er mir deine Nummer. Warte... Eberhard, das war sein Name! Zwei Tage später hatten wir eine Verabredung, und was soll ich sagen, es hat gefunkt.“

„Ganz schön frech“, merkte ich an.

„Aber effektiv.“ Sie lächelte ihr süßestes Lächeln, wir küssten uns, und alles fühlte sich an, als hätte es nie anders sein dürfen.


- 3 -

Irgendwann spät in der Nacht waren wir eingeschlafen. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Melanie verschwunden. Einfach weg, so als wäre sie nie da gewesen. Ich weiß nicht, wie sie von der Raststätte fort gekommen ist, niemand hat etwas gesehen, keine Anhalterin, kein Taxi. Seither habe ich nichts mehr von ihr gehört, sie blieb verschwunden. Ein Phantom, das ging wie es kam – lautlos, schnell und unvorhergesehen. Einige Zeit war ich überzeugt, die rätselhafte Begegnung verarbeitet zu haben. Zunächst bemerkte ich kaum etwas von der schleichenden Veränderung, die in mir vorging. Den Alltag bewältigte ich so, wie ich es die ganzen Jahre zuvor getan hatte und ich war mir sicher, dass meine Frau nichts von meiner Affäre – dies war meine vorläufige Definition des Geschehenen – bemerkt hatte. Doch die Dinge ändern sich, und mit ihnen die Menschen. Melanie begann mehr und mehr, mein Denken und Fühlen zu beherrschen. Ich konnte nicht verstehen, warum sie einfach so verschwunden war, ohne ein Wort des Abschieds, ohne eine kleine Nachricht oder eine Telefonnummer. Nach dem, was sie mir über uns erzählt hatte, empfand ich es einfach als unfair. Wenn ich wirklich ihre große Liebe war, durfte dies dann alles gewesen sein? Ich fühlte mich betrogen. Die Geschichte mit der Dimensionsmembran hielt ich noch immer für Unfug, eine Erfindung, um unserer Begegnung einen besonders romantischen Hauch zu verleihen. Doch dieses Urteil war nicht von Dauer, denn ein Traum weckte mich aus meinem Schlaf.

Lassen Sie sich durch die Megaphon-Stimme da draußen nicht irritieren, hören Sie am besten gar nicht hin. Das sind sicher die Jungs vom SEK, BGS oder sonst einer Eliteeinheit. Die werden bestimmt gleich hereinstürmen, mit Blendgranaten, Tränengas und MGs. Aber ich werde ihnen zuvorkommen, ich habe noch eine Kugel in meinem Revolver, mehr werde ich nicht brauchen. Aber meine Geschichte muss ich vorher zu Ende bringen.

Der Traum, ja... Glauben Sie, dass ein Traum, ein einziger nur, die Macht hat, ein Leben zu verändern? Seien Sie versichert, es ist möglich. Mein Leben zumindest, das wurde durch einen Traum aus der Bahn geworfen. Ich erzählte Ihnen bereits, dass ich Melanie nicht wiedergesehen habe. Eine Zeit lang versuchte ich mir einzureden, es sei besser so. Ein schönes, aufregendes Abenteuer war die Begegnung mit ihr, mehr aber auch nicht. Vielleicht wäre es wirklich das einzig Vernünftige, wenn wir uns nie wieder begegnen würden. Aber tief in meinem Inneren wurde mir immer mehr bewusst, dass dies nicht stimmte, und von Tag zu Tag nagte diese Erkenntnis schmerzhafter in mir. Kein Tag verging, an dem ich nicht an sie dachte und keine Nacht, in der ich mich nicht nach ihr sehnte. Schließlich musste ich mir eingestehen: Ich liebte sie. Ich wollte sie, und ich wollte sie ganz. Doch wo nur sollte ich nach ihr suchen? Letztendlich fand ich sie, oder sie fand mich, doch anders als ich es erhofft hatte. Eines Nachts stand sie vor mir, spazierte einfach durch meinen Traum. Da war sie plötzlich: Das Mädchen mit dem Leberfleck an ihrem Oberschenkel; in ihrem kurzen Kleid, mit ihrem bezaubernden Lächeln und den strahlenden Augen riss sie den Kontrollstreifen an meiner Kinokarte ab. Mehr als zwanzig Jahre musste das her sein, das kleine Kino existiert schon lange nicht mehr, es wich einem Einkaufzentrum. Ich erinnerte mich sogar an den Namen des Kinos – Die Kurbel – und an den Film, in dem Jack Nicholson durchdreht und von der düsteren Vergangenheit eines winterverschneiten Hotels eingeholt wird. Sie hatte mir gefallen, doch kannte ich damals ihren Namen nicht. Ich ging noch einige Male in das Kino, und manchmal war sie auch da. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich wiedererkannte, doch ich habe mich nie getraut, sie anzusprechen. Konnte es wirklich sein, dass dieses Mädchen, Melanie, sich nach so vielen Jahren an mich erinnerte, und wie war es möglich, dass sie heute so viel jünger war als ich, während damals doch höchstens zwei Jahre zwischen uns lagen? Ich fand auf diese Frage keine Antwort, es sei denn... dass ihre Geschichte stimmte, dass alles ganz genau so war, wie sie es mir in jener Nacht erzählt hatte. Sollte – musste – ich es also glauben? Immer hatte ich nach Erkenntnis gestrebt, nach Wissen, und dieses Mädchen nötigte mich nun, das Erkennen um des Glaubens willen zu opfern... Credo ut intellegam, ich glaube, damit ich erkenne – war es das, worum es ging?

In den folgenden Wochen wurde ich ständiger Gast in Büchereien und der nahe gelegenen Universitätsbibliothek, suchte nach einer Erklärung, nach einem Zeichen, das mir zeigte, dass es wirklich so sein konnte wie Melanie gesagt hatte. Und als ich dieses Zeichen fand, wurde alles nur noch schlimmer. Die Philosophie hatte mir zeitlebens bei allem Hang zum Zweifel einen gewissen Halt, ja manchmal Trost gegeben. Der Physik war es nun bestimmt, mir den Boden, auf dem ich zu stehen glaubte, zu entziehen. Ihre einfache Antwort auf meine Frage lautete: Es war möglich. Über Dimensionsmembranen, Risse in ihnen und Übergänge zwischen den Dimensionen hatte sie zwar nichts zu sagen, doch Parallelwelten, so musste ich lernen, waren eine zwingende Folgerung der Logik. Melanie konnte natürlich trotzdem alles erfunden haben, auch sie konnte über all diese phantastisch anmutenden Theorien Bescheid gewusst, konnte aus diesem Stoff ihre haarsträubende Geschichte konstruiert haben. Doch warum nur hätte sie das tun sollen? Und selbst wenn es so gewesen wäre, blieb immer noch die Frage, wie sie nach gut zwanzig Jahren – in denen sie um höchstens fünf Jahre gealtert war – einfach eines Abends mitten auf der Autobahn in meinem Auto hatte erscheinen können.

Ist es nicht eigenartig, dass Menschen erst dann richtig zu leben scheinen, wenn sie ein Ziel haben? Melanie wurde mein Ziel, ihr widmete ich mein Leben. Es war keine bewusste Entscheidung; es war so, als hätte ein fremder Kapitän das Ruder eines Schiffes übernommen. Die Mannschaft leistete keinen Widerstand. Besessenheit? Nennen Sie es wie Sie wollen; ich jedenfalls wusste, was ich zu tun hatte. Ich musste den Übergang finden, den Riss in der Dimensionsmembran.

Natürlich lebte ich weiter, irgendwie. Meine Frau hat anfangs wohl nichts gemerkt, aber sie wurde mir immer unerträglicher. Ich ertrug ihre Stimme nicht mehr, ihren Geruch und all die kleinen Dinge des alltäglichen Lebens. Statt ihrer begann Melanie, sich immer mehr in meinem Gehirn fest zu fressen, sich auszubreiten wie ein Geschwür, von dem ich nicht zu sagen vermochte, ob es gutartig oder bösartig war. Oh ja, ich habe einen Therapeuten aufgesucht, ich bin ein moderner Mensch des zwanzigsten – verzeihen Sie, einundzwanzigsten – Jahrhunderts. Alles sehr interessant, sehr reflektiert und psychologisch sicher zutreffend analysiert. Suche nach der idealen Frau, die es nicht gibt, Verlustängste in der Kindheit, Angst vor dem Älterwerden, der Verantwortung und so weiter, und so weiter. Nur konnten all diese Erklärungen letztlich nichts daran ändern, dass mein Leben nur von mir gelebt werden konnte. Und mein Leben war Melanie.

Am Ende habe ich doch versagt, den Riss in der Membran nicht gefunden. Warum ich dann heute einen Mord begangen habe? Vielleicht weil ich dachte, mich dadurch aus dem Gefängnis, in dem ich mich befand, zu befreien und doch noch einen Weg zu Melanie zu finden. Bitte glauben Sie mir, zuerst wollte ich sie wirklich nicht umbringen. Sie hätte ja auch einen Unfall haben können. Aber sie hatte keinen Unfall – sie war immer sehr vorsichtig gewesen -, und mit jedem Tag entfernte sich Melanie mehr von mir. Wenn ich nicht schnell gehandelt hätte, dann wäre womöglich die Verbindung zwischen unseren beiden Welten ganz abgerissen, verstehen Sie? Ich hätte die Chance meines Lebens für alle Zeiten vertan, und Melanie würde in ihrer Welt weiterleben, älter werden und vielleicht Kinder bekommen, Kinder von einem anderen Mann, Kinder, die doch von mir sein sollten! Habe ich falsch gehandelt? Sagen Sie es mir, wenn Sie es wissen. Es kann jetzt nicht mehr lange dauern bis zum großen Knall. Der Typ da draußen versucht mir dauernd zu erklären, dass sie mir noch eine letzte Chance geben würden. Die wissen überhaupt nichts. Das hier, das ist meine letzte Chance, und ich werde sie nutzen, das könnt Ihr mir glauben!

Mehr ist nicht zu sagen, mein Ziel habe ich nicht erreicht. Die Einsatztruppe da draußen wird auch bald die Geduld verlieren, und dann wird eine Blendgranate durchs Fenster fliegen, die Tür wird eingetreten und man wird kurzen Prozess mit mir machen. Dieses Ende möchte ich Ihnen nicht zumuten. Ich danke Ihnen, dass Sie mir ihr Ohr geliehen haben. So wird wenigstens jemand wissen, was heute wirklich hier geschehen ist. Glauben Sie also nicht an den Unsinn, den Sie in den Zeitungen lesen werden. Die Zeitungsleute müssen etwas schreiben, auch wenn sie nichts wissen über Melanie und mich. Wie sollten sie auch, denn von mir werden sie es nicht erfahren. Ich muss jetzt zu Ende bringen, was ich begonnen habe, und Sie sollten sich abwenden und sich die Ohren zuhalten. Leben Sie wohl.


(c) Joachim Güntzel 2007

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.02.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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