Marlis Götz

tempestas

VISIO

Eine Welle aus Dunkelheit brach über den geöffneten Geist der Seherin und gab ihr die Sicht auf die verworrenen Geheimnisse der Zukunft frei.
Kurz spürte sie noch, wie ihre Gliedmaßen erschlafften, dann verschluckte sie der Schatten vollends und entführte ihr Bewusstsein in einen rätselhaften Traum, der über Wissen vermochte, das sowohl rettend als auch todbringend sein könnte.
Langsam öffnete die Magierin ihr geistiges Auge um für den Traum zugänglich zu sein. Erst nahm sie nur verschwommen einige Farbeindrücke wahr, dann zeichneten sich nach und nach klare Umrisse ab.
Sie hockte auf einem Ausläufer eines schroffen Gebirgszuges, vor ihr lag die Stadt Torn in ihrer vollen Pracht. Ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie es idyllisch und ruhig wahrnahm, wie sie es erhofft hatte.
Gerade wollte sie wieder aus ihrer Vision erwachen- es war, als ob sie die Oberfläche von Eiswasser durchbrechen würde- als ein flammendes Bild alles andere verdrängte und sie mit erschreckend starker Eindringlichkeit zwang zu bleiben.
Zerstörung.
Für Bruchteile einer Sekunde glaubte sie, die Stadt in Trümmern gesehen zu haben.
In einem Anflug von Panik schärfte sie ihren Blick für die Zukunft wieder und fand sich kurz vor der Stadt wieder. Angespannt suchte sie mit ihren flinken Augen die Umgebung ab.
Das Geräusch hastiger Schritte zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.
Sie wirbelte herum und bemerkte eine düstere Gestalt die sich mit gesenktem Kopf ihren Weg bahnte, der beinahe direkt in ihre Richtung zeigte.
Ein plötzlicher Sturm kam auf und ließ die schwarzen Stoffe, die das Wesen vor den Blick anderer schützten, wild im Wind flattern doch das schien es nicht zu stören, im Gegenteil – es war, als ob der Wind auf Geheiß des Unbekannten aufgekommen war.
Der verhüllte Mann (so schloss die Seherin aus seinen bestimmten, kraftvollen Bewegungen) war ihr nun so nahe gekommen, dass sie nur die Hand auszustrecken bräuchte, um ihn zu berühren, doch stattdessen stolperte sie einige Schritte zurück.
Vor Schmerz verkrampfte ihre linke Hand, mit der sie seine Aura aufgesucht hatte.
Dies war nicht die Aura eines normalen Wesens, noch nie hatte sie solche Macht erspürt.
Der Fremde blieb stehen, jedoch ohne den Blick vom Boden zu heben.
Unkontrolliert begann die Zukunftssichtige zu zittern, ihr Herz pochte so wild, dass sie das Gefühl hatte, die Schläge waren hörbar.
Sie ballte die Hände zu Fäusten und krallte dabei die Fingernägel tief ins Fleisch um die Angst zu unterdrücken, die ihren Körper schüttelte, dann reckte sie den Hals und versuchte, ihre Panik aus dem Blick und der Stimme mit Entschlossenheit zu verdrängen. 
„Wer bist du?“, flüsterte sie, denn ihre Stimme hatte sie nun doch im Stich gelassen.
Sie wusste, dass sie keine klare Antwort erhalten würde, denn ihre Visionen waren nur Schatten der wirklichen Zukunft. Doch auch Schatten hatten die Macht, ihren Geist auszulöschen, waren sie stark genug um ein Kräftemessen gegen sie zu bestehen.
Und ihr Gegenüber war mehr als das.
Noch immer hüllte sich der Unbekannte in Schweigen, was die Anspannung der Seherin nur noch steigerte.
Langsam drehte er den immer noch gesenkten Kopf in ihre Richtung, aber außer ein paar pechschwarzen Haarsträhnen, die aus der Öffnung des Stoffbündels fielen, konnte sie nichts erkennen.
Eine neue Windböe strich ihm das Haar aus dem Gesicht und für einige Sekunden waren seine Augen frei sichtbar, die ihr einen kurzen, ausdruckslosen Blick zuwarfen.
Ein eiskalter Schauder jagte über ihren Rücken und verstärkte das Beben ihrer Gliedmaßen.
In den Pupillen des Unbekannten schien ein Feuer von innen zu lodern, die ansonsten vermutlich braunen Pigmente leuchteten kurz in einem hellen Orangeton auf.
Das Stück Haut, das ebenfalls zu sehen war, war von schwarzen, kunstvoll geschwungenen Linien überzogen.
Als ob er die Seherin nicht bemerkt hätte, schritt der Fremde weiter entschlossen auf die Stadt zu. Er machte seine bleiche Hand frei von den Stoffen, die sie verhüllten und zeigte mit der offenen Handfläche auf den Himmel über der Stadt.
Der Sturm peitschte nun stärker denn je über das Land, Bäume wanden sich hin und her, ihre Wurzeln vermochten nicht mehr lange, der Kraft des Windes entgegen zu halten.
Die Luftmassen sammelten sich in einem Strudel über Torn, und vereinten sich zu einer tiefschwarzen Gewitterwolke, die sich innerhalb kürzester Zeit über die ganze Stadt gebreitet hatte und sie in Düsternis legte.
Der Sog ließ nach, als der Fremde mit einer fließenden Bewegung die Hand wendete und sie locker zum Himmel streckte, die Wolken schwebten reglos über der Stadt, als warteten sie auf den nächsten Befehl des Magiers.
Seine bleichen, leblos wirkenden Finger spreizten sich langsam und zaghaft auseinander und dabei legte der Magier so viel Kraft in sie, dass sie vor Anstrengung zu zittern begannen. In der schwarzen, erdrückend wirkenden Wolkenmasse begannen wilde Blitze zu zucken, als würde es sie jeden Moment vor Spannung in der kühlen, mit Bedrohung geschwängerten Luft zerreißen. 
Plötzlich wusste die Seherin, wen sie vor sich hatte. Es war, als wäre die Wahrheit die ganze Zeit vor ihr gelegen und doch war ihr Verstand nicht im Stande gewesen, sie zu sehen, vielleicht weil ihr Unterbewusstsein sich dagegen gewehrt hatte. Die Trauer und die Wut, die die Bilder der Vergangenheit wieder zu neuem Leben erweckten, ließen sie für wenige Momente vergessen, dass sie sich nur in einem Zukunftstraum befand.
„Schwarzfeder!“, wisperte sie schwermütig und Betrübnis überkam sie.
„Warum? “
Der Magier würdigte sie keines Blickes, seine Augen hafteten konzentriert an seinem Werk.
Die Seherin stolperte in einem tranceartigen Zustand nach vorne, es war vergessen wo sie war und was der Schatten der Zukunft mit ihr machen könnte.
Es zählte nur noch, ihn wieder zur Besinnung zu bringen, ihn zurückzuholen, jenen, den sie vor so langer Zeit so viel angetan hatte.   
Sie streckte die Arme nach vorne, um ihn so schnell es ihr möglich war erreichen zu können.
„Hör auf damit!“, rief sie ihm zu und packte ihn so fest an der Schulter, dass ihn die Wucht mit der ihre Hand auftraf, umwerfen hätte müssen.
Stattdessen umfassten plötzlich seine eiskalten Finger ihr Handgelenk und  schleuderten sie mit unvermuteter Kraft nach vorne.
Sie spürte, wie ihre Füße den Boden verließen, Augenblicke später traf sie Meter weiter hart am Boden auf, rollte noch einige weiter und blieb dann reglos mit dem Gesicht nach unten liegen. Vorsichtig hob sie ihren Kopf, in dem ein lautes Summen, wie das eines wütenden Wespenschwarms, brummte und sie kaum einen klaren Gedanken fassen ließ.
Staub, der nach dem Aufprall aufstob, wirbelte rings um sie herum und versperrte ihr den Blick auf ihren alten Bekannten.
Verzweifelt versuchte sie wieder aufzustehen. Ein brennender Schmerz  durchfuhr sie von ihrem linken Knie ausgehend, das offensichtlich gebrochen sein musste, und zwang sie zu Boden. Das übermächtige Gefühl grub sich tief in ihre Magengrube und löste dort eine Übelkeit aus, dass sie beinahe erbrochen hätte. Ein Schaudern glitt wie eine Welle durch ihren Körper, als die Seherin mit aller Kraft gegen den Schmerz ankämpfte.
Der staubige Nebel lichtete sich und gab ihr die Sicht auf den Magier wieder frei, der seinen Zauber nun beinahe zu Ende gewirkt hatte. 
Ein lang gezogenes Donnergrollen, das ihr bis ins Knochenmark kroch, rollte über das weite Gelände, wie das Brüllen eines Löwen Sekunden vor dem Absprung.
Jeden Moment war es so weit.
Die Seherin wirbelte ihren Kopf zur Stadt hin, ihr Blick lag gebannt auf der Gewitterwolke.
Für wenige Augenblicke kehrte eine unheimliche Stille ein. In ihrer Brust raste ihr Herz schneller denn je. Sie hielt den Atem an.
Plötzlich bahnte sich ein gewaltiger Blitz, halb so breit wie die Stadt selbst, seinen Weg zur Erde. Sein strahlendes Licht war so stark, dass es meilenweit alles in gleißende Helligkeit tauchte. Die Seherin warf den Kopf in die Arme, aus Angst, sie könnte erblinden, doch selbst mit geschlossenen Augen stach ihr das Licht in die Augen.
Unter ihr begann die Erde zu beben, als würde sie sich auftun und alles verschlucken, der Donner traf sie so fest der Magengegend, dass sie zusammenzuckte.
Das Beben wurde immer stärker und mit ihm verstärkte sich auch das tosende Donnergrollen.
Die Seherin wusste, was nun geschehen würde und wahrscheinlich würde es ihr Ende bedeuten. Die Druckwelle kam.
Ihr Körper wurde mit solcher Wucht an den Boden gepresst, dass ihre Knochen beinahe splitterten und es ihr die Luft nahm.
Mit aller Kraft, die ihr noch geblieben war, versuchte sie, aus der Vision aufzuwachen.
Eine Rippe knackste unheilvoll.
Plötzlich verschwand der Druck und eine Woge der Leichtigkeit verschlag sie. Kurze Bilder blitzten vor ihrem geistigen Auge auf, in so schneller Abfolge, dass es ihr unmöglich war, alle zu erfassen.  
Ein Mann, gebeugt über eine reglose Gestalt; zwei Gestalten, die einen Schwur besiegelten; ein schreiendes Kind; Torn in Trümmern; eine schwarze Feder im Wind.
Auf das letzte Bild folgte endlose Dunkelheit und sie spürte, wie sie ohnmächtig wurde.
                       
„Arai!“
Das Wort hallte schwach im Kopf der Seherin wider, doch sie konnte seine Bedeutung nicht entschlüsseln.
Ein erneutes Rufen, diesmal eindringlicher.
„Arai!“
Sie kannte diesen Namen, ebenso die Stimme. Die Seherin versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, doch es schien unmöglich. Es war, als wäre sie in einem Traum gefangen und konnte nicht erwachen.
Sie hörte, wie das Blut in ihrem Kopf rauschte.
„ARAI!“
Plötzlich wurde ihr die Bedeutung des Wortes klar. Jemand rief ihren Namen.
Angestrengt versuchte sie, die Barriere vom Traum zur Realität zu durchbrechen.
Behutsam öffnete Arai ihre Augen, nahm jedoch nur eine schummrige Farbmischung wahr.
In ihrem Kopf hämmerte es, sie amtete stark, wie jemand, der zu lange unter Wasser geblieben war. Die Seherin fühlte sich schwach, ausgelaugt, als wäre ihr alle Kraft entzogen.  
Ihre Umgebung nahm nun langsam Gestalt an und erst jetzt bemerkte sie, dass sie aufrecht saß.
Sie musterte den Raum, in dem sie sich befand. Die schlichten Lehmwände waren mit kunstvollen Mustern verziert, die das Zimmer  noch kleiner erscheinen ließen, als es ohnehin schon war. Der Platz auf dem sie lag, war ebenso ein schlichtes Gebilde aus einem sandigen Lehmgemisch, darauf zahlreiche Decken und Polster, die den harten Untergrund zu einer gemütlichen Liege machten. Ein großes Fenster reichte von der Decke bis zum Boden und ließ den Raum mit strahlendem Sonnenlicht leuchten. Vor dem hellen Hintergrund bildete sich die dunkle Silhouette eines stattlichen Wesens ab.
Es trat einige Schritte nach vorne und setzte sich auf den Sessel neben Arais Liege. Das Licht traf nun auch auf es auf und entblößte seine Gestalt.
Der Mann war größer und kräftiger als ein Mensch, seine Haut hatte einen rotbraunen Ton und war an jeder Stelle, die von seinem fließenden, purpurnen Gewand freigegeben wurde, mit schwarzen Linien verziert.
Er beugte seinen kahlen, ebenfalls mit schwarzen Linien geschmückten Kopf näher zu der Seherin. Zwei unterschwellige Hörner und seine spitzen Gesichtszüge nahmen ihn jegliche Ähnlichkeit mit einem Menschen.
„Meister“, hauchte die Seherin und versuchte eine Verbeugung im Sitzen, brach jedoch zusammen.
„Dein Traum war unruhig. Was hast du gesehen?“, fragte er bestimmt und ignorierte die Schwäche seiner Untergebenen.
Arai hielt kurz inne. Es war ihr verboten, alles genau so zu erzählen, wie sie es erlebt hatte- die Magie, die ihr zuteil war, hatte sie schon einmal hart für ein solches Vergehen gestraft.
„Die schwarze Feder der Vergangenheit wird unsere Zukunft besiegeln“, sprach sie bedacht.
„Was wird passieren? Wer ist es, Arai!“, herrschte der König über Torn sie an und sie konnte eine Spur Besorgnis aus seinem harschen Ton heraushören.
„Der Betrogene - er wird sich an dem Brecher des Eides rächen und an allen, die mit ihm zu tun haben.“
„Was genau hast du gesehen? Sprich, Seherin!“
Sie zögerte. Arai wagte es nicht, ihm in seine schwarzen Augen zu sehen.
„Ich habe das Ende unseres Volkes gesehen.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.02.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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