Heidelind Matthews

Frieda und Meerfrau (Urlaubsreise 2. Teil)

 

 

Mit der Meerfrau in Urlaub zu fahren, kann nicht nur entspannend sein, sondern auch sehr anstrengend und schweißtreibend.
Die ersten Urlaubstage verbrachten wir am Strand von Kühlungsborn Ost und mir wurde der Wunsch nach einem Strandkorb erfüllt. Hurra! Endlich keinen feinen warmen Sand mehr zwischen den Federn und in den Augen. Dafür freien Blick aufs Wasser, das versteht sich ja von selbst.
 
Meine Meerfrau floh erst mal in ihren Krimi und ich beobachtete mit dem Fernglas die halbnackten Mannsbilder. Was für ein Anblick - alle total überfüttert und mit viel zu kleiner Badehose - brrrr. Da ging ich doch viel lieber mit der Meerfrau ins erfrischende Wasser. Oh Gott war das kalt. Meine Haut zog sich zusammen, die Federn standen auf Sturm und Quallen knabberten mich an - igitt. Aber einer musste ja auf die Meerfrau aufpassen, wenn sie ihre Bahnen schwomm.
 
Nach einigen Tagen ausgiebiger Ruhe bemerkte ich wie die Meerfrau immer zappeliger wurde. Am fünften Tag platzte sie dann heraus - Wir gehen auf Wanderschaft. Mir grauste und ich suchte ständig nach irgendwelchen Ausreden, was bei meiner Meerfrau völlig zwecklos ist. Sie muss sich einfach auspowern, sonst fühlt sie sich nicht wohl, wird ungnädig und meckert pausenlos. Es wundert mich eigentlich, dass sie während des Urlaubs nicht einmal joggen war, denn lange schlafen kann sie auch nicht. Einen Morgen hätte ich bald eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Ohne mir ein Wort zu sagen, hat sie gegen 05.30 Uhr mit Papier und Bleistift bewaffnet, das Zimmer verlassen, um den Sonnenaufgang zu beobachten und ihre Gedanken dazu aufzuschreiben. Ist das nicht Irre?
 
"Frieda. Du schweifst ab. Wolltest Du nicht über unsere Wanderung nach Heiligendamm berichten. Wen interessiert schon, was für Macken ich habe."
"Ist ja gut Meerfrau. Rege dich bloß nicht auf, es geht ja gleich los."
"Sofort Frieda!"
"Wo waren wir?"
"Frieda!"
"Zur Stelle!"
 
Gut. Weiter geht es im Text. Es war am fünften Tag. Nach einem ausgiebigen Frühstück schnallten wir den Rucksack über und machten uns auf den Weg in das 6 Kilometer entfernte Heiligendamm. Was die Meerfrau nicht bedacht hatte, war die Qualität des Weges an der Steilküste. An unseren Füßen befand sich nicht das idealste Schuhwerk. Die Anzugsordnung beim Start beinhaltete leichtes Schuhwerk und luftige Kleidung. Wir sind eben keine Wanderexperten, aber aus Schaden wird man klug.
 
Zuerst ging ja noch alles bestens, doch je weiter wir uns von Kühlungsborn entfernten, desto steiniger wurde es. Uns wurde sogar die Gelegenheit genommen, barfuss im Wasser zu laufen, denn auch hier hatte irgendjemand Steine gesät.
Nach einer Stunde hing mir bereits die Zunge aus dem Schnabel. Meine Krallen schmerzten und die verdammte Sonne brannte mir Löcher ins Federkleid. Wie ein Verdurstender in der Wüste, schleppte ich mich hinter der Meerfrau her und dachte, verdammtes Weib, wann machst du endlich eine Pause. Das hatte sie gehört. So legten wir eine einstündige Rast ein. Es gab zu essen, zu trinken, ein kühlendes Fußbad, ein kleines Nickerchen für mich und einige Leseseiten für die Meerfrau. Etwas gestärkt stiefelten wir dann mit unseren Sandalen weiter. Nach einer weiteren Stunde hatten wir unser Ziel erreicht "Die weiße Stadt am Meer".
 
Seit 1793 stehen die imposanten Gebäude schon hier. Großherzog Friedrich Franz I von Doberan gab damals den Startschuss zum Bau dieses Erholungsortes. Zu DDR-Zeiten durften hier die Reichen und Schönen FDGB-Urlaub erleben. Geld für Renovierungen fehlte aber trotzdem. Kurz vorm endgültigen Zerfall kam dann ein geniales Köpfchen und streute wieder neuen Glanz auf das Anwesen. So entstand eine schmucke Hotelanlage für die Schönen und Reichen der Welt. Zum Leidwesen der Besucher muss jedoch erwähnt werden, dass noch nicht alle Gebäude ein neues Kleid tragen. Momentan streitet man darüber, ob ein Abriss nicht billiger wäre.
 
Kurz nach unserem Eintreffen platzierten wir uns auf eine Bank und befreiten die geschundenen Füße. Eine halbe Stunde später schlenderten wir dann seelenruhig um die weißen Häuser, bestaunten die Architektur und kamen zu dem Ergebnis - diese Hotelanlage ist nichts für uns "arme Mädels".
Mit unseren Klamotten trauten wir uns in keine Restauration und die vielen Sicherheitsleute versprühten einen Hauch von "Hände hoch!" Geld muss eben bewacht werden. Also entzogen wir unseren Geist der Anlage und wagten einen Spaziergang auf die Seebrücke. Nach einer weiteren halben Stunde hatte Meerfrau die Nase voll vom Reichtum begaffen und wir machten uns auf den Heimweg.
Die Rückfahrt mit der "Molli" lehnte die Meerfrau dankend ab. Dafür wanderten wir jetzt oberhalb der Steilküste auf einem extra angelegten Wanderweg. Gefährlich kann ich nur sagen. Fast hätte mich ein Pferd getreten. Neben dem Wanderweg befand sich nämlich noch ein Reiterpfad.
Abgekämpft und mit Blasen an den Füßen erreichten wir gegen 16.30 Uhr unsere Pension. Hatten aber vorher noch der hiesigen Apotheke einen Besuch abgestattet und uns mit Blasenpflaster versorgt. Der heutige Tag war damit gelaufen. Abendessen gab es auf dem Zimmer und während ich bereits schnarchend durch meine Träume wandelte, schaute Meerfrau noch etwas in die Röhre.
 
Einen Tag verordnete die Meerfrau Ruhe, dann hielt sie es nicht mehr aus und startete in das 12 km entfernte Ostseebad Rerik. Dicke, nein fette Regenwolken hingen am Himmel, von der Sonne keine Spur und das Meer tobte vor Wut als wir uns auf den Weg machten. Doch die Meerfrau ließ sich davon überhaupt nicht schocken.
Zuerst besuchten wir ein kleines Restaurant, welches mit vielen anderen die Strandpromenade schmückte. Was wollte sie hier? Das Frühstück ruhte doch bereits warm umhüllt in unseren Mägen? Meine Augen wurden immer größer. Die Meerfrau will saufen. Ich denke wir wollten wandern? Die Meerfrau schielte zu mir rüber, schmunzelte und genoss einen lieblichen Rotwein. Ich durfte auch probieren und fühlte mich danach wie eine Feder im Wind....hicks....
 
Dann endlich torkelten wir los; zwar etwas weich in den Knien, aber mit guter Laune im Kopf.
Der Wind zerrte an der Kleidung, aber die Meerfrau stemmte sich mit aller Macht dagegen und ließ Meter für Meter Sandstrand hinter sich. Man konnte ihr direkt ansehen, wie sie es genoss. Ich hing natürlich wieder hinten an und musste mich als Waschlappen betiteln lassen. Obwohl wir heute das richtige Wanderschuhzeug trugen, mussten wir auf halber Strecke umkehren. Eine schwarze Wolkenwand zwang uns dazu, denn weder Meerfrau noch ich wollten nass werden. Auch wenn wir unser Ziel nicht erreicht haben, war es eine schöne Wanderung durch die abwechslungsreiche herbe Natur. Von den sechs Kilometern verbrachten wir drei am Strand und drei auf der Steilküste. Gegen 17.00 Uhr waren wir wieder in Kühlungsborn Ost, wo die Meerfrau augenblicklich verkündete – Übermorgen fahren wir mit dem Rad nach Rerik. Ich wäre fast in Ohnmacht gefallen. Hoffentlich säuft sie nicht wieder vorher.
 
Gesagt, getan. Nach dem Frühstück holten wir uns bei „Ossi“ ein Damenfahrrad mit vier Gängen zu einem Tagespreis von 9,00 Euro. Ossis Fahrräder und Ossis Restaurant sind zu finden Am Sportplatz Ost, gleich hinter dem Cafe Röntgen.....lacht....jetzt wisst ihr es aber ganz genau.
 
Ich war gespannt, ob die Meerfrau überhaupt auf das Rad kam, denn sie besitzt nur sehr wenig Fahrpraxis. Ein leichtes Zittern konnte ich nicht verhindern als sie mich samt Futtersack in den Lenkerkorb setzte. Vielleicht wäre es von Vorteil gewesen, wenn sie mir so einen Fahrradsturzhelm aufgesetzt hätte? Was soll’s ich werde es bestimmt überleben.
 
Es ging los. Zuerst quer durch Ost, die Strandallee hinunter dann auf der Schlossstrasse zum Ortsausgang Richtung Kröpelin. Mir wurde schlecht vom Kopfsteinpflaster. Am Ortsausgang hielt die Meerfrau an und schaute stumm in ihre Radwanderkarte. Ihr Blick wechselte ständig von rechts nach links und wieder zurück. Was das wohl werden wird? Dann traf sie ihre Entscheidung und bog nach links ab. Nach etwas 15 Minuten war der gewählte Weg zu ende.
Ha! Ich verkniff mir jedes weitere Wort. Wieder der Blick in die Karte. Diesmal steckte auch ich meinen Kopf hinein. Wir müssen zur Kirche plapperte die Meerfrau und lenkte das Fahrrad nach rechts, direkt auf die Kirche zu. Komischer Weg. Er wurde immer schmaler und schmaler und schmaler. Plötzlich stoppte die Meerfrau und fing laut an zu lachen. Was ist, fragte ich neugierig und schaute mich um. Das darf doch nicht wahr sein; wir standen mitten auf dem Hof des Pastors.
 
Wieder zurück und diesmal fand die Meerfrau endlich den richtigen Weg vorbei an der Kirche. Kurz hinter der Kirche sollten wir rechts abbiegen.. Doch wo war der Weg dazu? Wie kurz ist eigentlich kurz, meckerte die Meerfrau. Nach über 300 m kam endlich der Bastdorfer Landweg. Mit neuem Schwung radelten wir dem ersten Etappenziel der „Bastdorfer Signalberg“ (79 m – riesig) mit dem Leuchtturm „Bug“ entgegen. Die von uns per Rad eroberte Gegend erinnerte ganz stark an die heimatliche „Lewitz“ – Landluft pur. Keuchend versuchte die Meerfrau jeden Anstieg zu überwinden, aber das gelang ihr nicht. Oftmals musste das Rad geschoben werden. Mir war das egal. Ich saß im Lenkerkorb. Total außer Puste erreichte die rotgesichtige Meerfrau den Leuchtturm. Jetzt wurde erst mal eine Zigarette geraucht und der Durst gestillt. Für 2,00 Euro kletterten wir dann gemeinsam den Leuchtturm hinauf. Wir hatten großes Glück, denn bei strahlendem Sonnenschein und klarer Sicht durften wir einen herrlichen Ausblick genießen.
 
Eine halbe Stunden später verunsicherten wir wieder den Straßenverkehr. Über Hohen Niendorf, Mechelsdorf, Garvsmühlen Blengow und Gaarzer Hof rollten wir nach ca. zwei Stunden in Rerik ein.
Ein niedliches kleines verträumtes Städtchen, dessen Strandpromenade noch nach NEU roch. Viele Restaurants luden zum Essen ein. Für uns gab es Fisch, aber auch Fleisch oder vegetarische Kost standen auf dem Speiseplan.
Zur Erklärung möchte ich noch anmerken, das sich Rerik wie eine Landzunge zwischen Ostsee und Salzhaff zwängt. Unzählige Bänke laden zum Ausruhen ein und schicken den Blick auf einen kleinen schmucken Yachthafen. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich die Seebrücke und ein Aussichtsturm, der wie selbstverständlich von uns erobert wurde.
 
Was wir hier besonders empfehlen möchten ist eine zweistündige Schiffstour für ca. 9,00 Euro pro Person auf dem Salzhaff, vorbei an der Halbinsel Wustrow. Es ist sehr interessant und entspannend.
 
Po und Beine ausgeruht, machten wir uns nach zwei Stunden auf die Rücktour und flogen gegen 16.30 Uhr ohne Unfall und Panne in Kühlungsborn Ost ein.
 
Die restlichen Tage verbrachten Meerfrau und ich mit Stadtbummel, Sonnenbaden und Blasenpflege. Als wir am zwölften Tag wieder nach Hause fuhren, weinte nicht nur der Himmel.
 
Ich danke für die Aufmerksamkeit beim Lesen und hoffe,  Ihr hattet ein wenig Spaß.
 
Frieda und Merrfrau.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.02.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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