Katja Günther

Beobachtungen


Interessiert stellte er die Nase in den Wind und nahm Witterung auf. Seinen Augen traute er schon lange nicht mehr. Sie waren im Lauf der Jahre immer schlechter geworden. Natürlich nahmen sie, ganz, wie es bei Beutegreifern üblich ist, noch jede Bewegung wahr, aber ein paar Mal war er schon der falschen Beute hinterher gegangen, weil er sich vorher nicht mit der Nase vergewissert hatte. Diese war immer noch so gut, wie früher. Vielleicht war sie sogar besser geworden, seit er nicht mehr so gut sah. Langsam und vorsichtig setzte er sich in Bewegung und ging der verheißungsvollen Spur nach. Da war sie. Nun veränderte sich seine Körperhaltung. Stolz reckte sich sein Kopf in die Höhe. Seine Rute erhob sich in die Luft und sein nicht mehr ganz so straffer Körper spannte sich. Fast auf den Zehenspitzen laufend, um noch größer zu wirken, näherte er sich ihr leichtfüßig. Seine Nackenhaare waren gesträubt, denn Vorsicht war geboten. Allzu oft hatte er bisher in seinem Leben die Erfahrung gemacht, dass manche von ihnen sehr ungnädig reagierten, wenn man sich ihnen zu forsch näherte und die Ungeduld der Jugend hatte er schon lange abgelegt. Nun standen sie sich gegenüber und er nahm verzückt ihren Duft auf, während auch sie, die bisher nur da gestanden hatte, sich dazu herabließ, an ihm zu schnüffeln. Er hob wieder den Kopf um seinen Hals über ihren Rücken zu legen und seine Nase kurz in ihrem Fell zu versenken. Sie verhielt sich abwartend, kam ihm mit keiner Geste entgegen, aber allein, dass sie ihn gewähren ließ, war für ihn Bestätigung genug. Plötzlich fühlte er sich wieder jung und beschwingt und das ließ ihn für einen kurzen Moment seine Zurückhaltung vergessen, denn als er sich auf die Hinterbeine erhob, und seine Vorderpfoten ihren Rücken berührten, drehte sie sich blitzschnell um und er spürte ihre Zähne, die an seinem Hals zusammenschlugen. Knurrend drehte er den Kopf weg, um ihrer Zurechtweisung zu entgehen. Damit gab sie sich zufrieden, denn sie wandte sich von ihm ab und widmete sich einer Duftspur auf ! dem Bode n. Er gab sich interessiert und senkte seine Nase neben ihre, um ebenfalls zu untersuchen, was sie entdeckt hatte. Doch sein Interesse hielt nicht lange. Sie war eindeutig interessanter für ihn und so stolzierte er hoch erhobenen Hauptes um sie herum, bemüht ihre Aufmerksamkeit zu erregen und sie mit seiner Zurückhaltung gnädig zu stimmen. Obwohl es für den Beobachter so wirkte, als würde sie ihn ignorieren, wusste er, dass sie jede seiner Bewegungen verfolgte und dass sie ihn nur halbherzig abgewiesen hatte, spornte ihn an. Also startete er einen zweiten Versuch. Leider hatte er sich geirrt, denn plötzlich fand er sich auf den Hinterbeinen ihr gegenüber wieder. Ein Knurren stahl sich aus ihrer Kehle und ihre Augen fixierten ihn. Er stand ihr in nichts nach und versuchte seinen Mut zu beweisen, indem er ebenfalls laut knurrte und ihrem Blick standhielt. So verbrachten sie mehrere Sekunden auf den Hinterbeinen in trotziger Umarmung, bis er einem uralten Instinkt folgte und den Kopf abwandt, ihr somit seine ungeschützte Kehle darbot und als sie sich langsam wieder beruhigte, von ihr löste. Die Positionen waren vorerst geklärt und so verbrachten sie die restliche Zeit damit, nebeneinander über die Wiese zu traben und sich gegenseitig auf interessante Duftspuren aufmerksam zu machen. Mit der Weißheit des Alters jedoch wusste der alte Rüde, seine Zeit würde kommen. Der erste Schritt war getan.
 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Katja Günther).
Der Beitrag wurde von Katja Günther auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.02.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • webmastericefee.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Katja Günther als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

13 Brains of Zombies von Doris E. M. Bulenda



Zombies …Man kann sie erstechen, erschießen, in Brand setzen, zerstückeln, überfahren und, und, und …Meistens vergehen sie still, mit einem letzten „Gehirne …“ auf den untoten Lippen.Trotzdem – sie sind nicht endgültig totzukriegen!Immer wieder raffen sie ihre Körperteile wieder zusammen und erblicken neu das Licht der – u.a. literarischen - Welt.Und wieder ist es passiert!In dieser Anthologie mit 13 ausgewählten Zombie-Geschichten.Doch Vorsicht! Die Zombies haben dazugelernt. Sie sind nicht mehr nur die Gehirne fressenden Dumpfbacken.Und nicht alles ist so, wie es scheint …

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Romantisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Katja Günther

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ein bisschen Liebe von Klaus-D. Heid (Romantisches)
Nacht am Meer von Rainer Tiemann (Leidenschaft)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen